Code Poetry

Eine Begriffs­klä­rung von Cor­ne­lia Trav­nicek mit einem Bei­spiel von Cle­mens Setz.

Lite­ra­tur und Infor­ma­tik, wie passt denn das zusam­men?“, ist eine der Stan­dard­fra­gen, die mir als beruf­lich im tech­ni­schen Bereich täti­gen Autorin in Inter­views oder den oft auf Lesun­gen fol­gen­den Publi­kums­ge­sprä­chen gestellt wer­den. Die Ant­wort dar­auf kann viel­leicht Code Poet­ry geben.*

Das Wort „Code“ in „Code Poet­ry“ hat nichts mit Ver­schlüs­se­lung zu tun, obwohl ver­schlüs­sel­te Gedich­te auch ihren ganz eige­nen Reiz haben, son­dern meint in die­sem Fall Pro­gram­mier­spra­chen – bekann­te­re wie Java, PHP und C eben­so wie unbe­kann­te­re wie Cof­fee­Script und Apa­che Kaf­ka. Ja, Kaf­ka. Im Gegen­satz zum oft immer noch vor­herr­schen­den Vor­ur­teil, dass Pro­gram­mie­rer und Pro­gram­mie­re­rin­nen nicht lesen, und Schrift­stel­ler und Schrift­stel­le­rin­nen bezie­hungs­wei­se all­ge­mein lite­ra­tur­in­ter­es­sier­te Men­schen ihren Com­pu­ter wei­ter­hin nur als Schreib­ma­schi­ne nut­zen, gibt es schon lan­ge eine Grup­pe von Men­schen, in denen sich bei­de Inter­es­sen über­schnei­den – und im Grun­de ist es schon allei­ne gänz­lich falsch hier von zwei ver­schie­de­nen Inter­es­sen zu spre­chen, denn es geht doch bei bei­dem nur um eines: Spra­che. Um Genuss dar­aus zu zie­hen unge­wöhn­li­che, humor­vol­le oder künst­le­ri­sche Din­ge mit einer Pro­gram­mier­spra­che anzu­stel­len, muss man außer­dem kein Lite­rat sein, und um gera­de von den Regeln und der zwin­gen­den Logik von Com­pu­ter­spra­che fas­zi­niert zu sein, wie­der­um kei­ne Pro­gram­mie­re­rin. Was aber ist Code Poet­ry?

Logik und Lite­ra­tur

Code Poet­ry ist ent­we­der der Ver­such, sich in einer Pro­gram­mier­spra­che poe­tisch aus­zu­drü­cken, den Com­pu­ter &&|| ihm ver­ständ­li­che Anwei­sun­gen als sprach­lich-künst­le­ri­sches Medi­um zu ver­wen­den, oder die eige­ne Poe­sie mit Ver­satz­stü­cken und Regeln von Maschi­nen­spra­che zu berei­chern, zu struk­tu­rie­ren. Code Poet­ry kann als Gedicht am Ende ein aus­führ­ba­res Pro­gramm sein oder ein vom Men­schen gele­se­ner bzw. vor­ge­tra­ge­ner lyri­scher Text. Code Poet­ry ver­sucht die Ver­schmel­zung von Logik und Lite­ra­tur, Metrik und Mathe­ma­tik, mit im bes­ten Fall tech­ni­scher und sprach­li­cher Ele­ganz.

Ver­su­che der Ver­schmel­zung – Zwei Bei­spie­le

Im Jahr 2001 haben die Schwe­den Kal­le Has­sel­ström und Jon Åslund SPL erfun­den, das als eine der am schwers­ten zu erler­nen­den Pro­gram­mier­spra­chen der Welt gilt. SPL steht für Shake­speare Pro­gramming Lan­guage und die Struk­tur der in die­ser Spra­che ver­fass­ten Pro­gram­me ent­spricht dem Auf­bau von Shake­spears Dra­men. SPL ist eine soge­nann­te eso­te­ri­sche Pro­gram­mier­spra­che, gehört also zu jenen, die weni­ger dem prak­ti­schen Ein­satz die­nen, son­dern mehr dazu unkon­ven­tio­nel­le Ideen umzu­set­zen, einen Pro­of of Con­cept.

Im Okto­ber 2014 erschien in San Fran­cis­co bei der No Starch Press ein Buch mit dem Titel If Heming­way wro­te Java­Script, das mit dem Gedan­ken expe­ri­men­tiert, wie Pro­gramm­code, geschrie­ben von Jane Aus­ten oder David Fos­ter Wal­lace, aus­se­hen wür­de. Autor Angus Croll hat für die­sen Band fik­ti­ven Code von fünf­und­zwan­zig Schrift­stel­lern und Schrift­stel­le­rin­nen von Welt­rang – und Tupac Shakur – erfun­den, der in ihrem jewei­li­gen Schreib­stil gehal­ten ist. Crolls lite­ra­ri­sche Über­le­gun­gen wer­den jeweils den von ihm ent­wor­fe­nen Pro­gram­men gegen­über­ge­stellt. Sowohl „stran­ge“ als auch „beau­tiful“ wur­de die Publi­ka­ti­on in Rezen­sio­nen genannt, die es schafft, sowohl Lite­ra­tur als auch Java­Script-Lehr­buch für fort­ge­schrit­te­ne Anwen­der und ‑innen zu sein.
Man­che möch­ten die Code Poet­ry nun viel­leicht als nicht ernst­zu­neh­mend abtun, als Spiel­wie­se für Geeks und gera­de mal für einen nerdi­gen Lacher gut, aber die­ses Grenz­land ist noch vol­ler unent­deck­ter Arten, die unse­re Fan­ta­sie beflü­geln und unser Ver­ständ­nis von Poe­sie erwei­tern wer­den – wei­ße Fle­cken auf der Land­kar­te, wir kom­men!

* Nein, ich habe nicht Infor­ma­tik stu­diert, um eine Code Poe­tin zu wer­den. Aller­dings hat­te die Lite­ra­tur doch sehr viel mit mei­ner frü­he­ren Schul- und der fol­gen­den Stu­di­en­wahl zu tun: So war eine Zeit lang Sus­an Cal­vin, Robo­ter­psy­cho­lo­gin, ein für mich durch­aus rea­lis­ti­sches weib­li­ches Vor­bild, obwohl sie nur im Isaac Asi­movs Sci­ence-Fic­tion-Uni­ver­sum exis­tiert.

 

Cle­mens Setz

The Gent­le Things I Say to My LOGO Turt­le­gra­phics Turt­le

for­ward 50 right 10 back 5 clean
pen­up for­ward 50 right 19
hide­turt­le cle­ar­screen pen­up home
show­turt­le for­ward 51
set­pen­co­lor blue pen­down
clean home for­ward 5 right 45
for­ward 5 right 90 for­ward 5
right 45 for­ward 5 right 90
for­ward 8 right 10 pen­up home; baby

(Logo ist eine funk­tio­na­le Pro­gram­mier­spra­che. Turt­le-Gra­fik ist eine Anwen­dung, bei der man einen Stift – der in die­sem Fall von einer Schild­krö­te „getra­gen“ wird – über den Bild­schirm schickt, der den Anwei­sun­gen folgt und die­se auf­zeich­net. Setz‘ Pro­gramm stellt ein klei­nes Häus­chen dar.)

 

* * *

Cor­ne­lia Trav­nicek, gebo­ren 1987, lebt in Nie­der­ös­ter­reich. Sie stu­dier­te Sino­lo­gie und Infor­ma­tik und arbei­tet als Rese­ar­cher in einem Zen­trum für Vir­tu­al Rea­li­ty und Visua­li­sie­rung. Zuletzt publi­zier­te sie den Roman Chucks (DVA, 2012). Im Juli erscheint ihr ers­ter Gedicht­band min­des­tens einer der wei­ßen wale (Ver­lag Ber­ger), im Sep­tem­ber ihr neu­er Roman Jun­ge Hun­de (DVA).

Angus Croll: If Heming­way wro­te Java­Script.
No Starch Press, San Fran­cis­co 2014.

Die­ser Bei­trag ist ursprüng­lich in der Aus­ga­be 2/2015 erschie­nen.

Online seit: 23. Juni 2015

Zuletzt geän­dert: 25. Okt. 2015