Kopf und Kopie

Von Lisa Spalt. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 95
Lisa Spalt © Otto Saxinger

Lisa Spalt. Foto: Otto Saxin­ger

Letz­ten Geburts­tag schenk­te man mir
eine Opun­tia con­so­lea,
um wider mich mit Sta­cheln
zu sti­cheln,
ich behielt die Pflan­ze
wohl über ein Jahr,
in dem – natur­ge­mäß, wie mir schien, –
in der Welt
alles schief­ging.
Doch schalt
mich die­sen Mor­gen des­we­gen –
aus­ge­rech­net –
ein Vöge­lein:
Es ist Mor­gen, wach auf,
geh und schä­le den Kak­tus!
Ja, ists denn ein Traum?
Ich schäl­te den Kak­tus
mit dem Stan­ley­mes­ser,
und fraß ihn auf. Schmeckt
nach Gur­ke, bin erstaunt.

Gepress­te Kokos­fa­ser ist am prak­tischs­ten. Ich sag das jetzt mal so, um zu erklä­ren, wie ich per­sön­lich dazu ste­he. Kokos ist in gepress­ter Form platz­spa­rend und leicht im Trans­port. Leicht ist nicht geeicht, aber ihr könnt abschät­zen, was ich mei­ne. Die Bra­che ist hell erleuch­tet. Ent­schei­dung von oben. Ich leg hier nur mei­ne Eier. An Erläs­sen zur Ein­rich­tung bin ich nicht betei­ligt.

Haben uns wie jeden Abend auf den aus­ran­gier­ten Sofas und Bier­kis­ten unterm zit­tern­den Licht­ke­gel ein­ge­fun­den. Ein ers­tes Heu­len dringt aus der Schwär­ze, deren Dich­te unse­re Ent­fer­nung zur Laut­quel­le beschreibt. Die alar­mier­ten Ermü­de­ten, die wir geben, sind sich sicher, dass es sich bei dem Signal um das von Kojo­ten han­delt. Wir ken­nen sie aus zahl­rei­chen Vide­os. Daher wis­sen wir auch, dass das glei­ßen­de Licht die Räu­ber nicht lan­ge abschre­cken wird. Sie wer­den über­ein­kom­men, ihn für einen zwei­ten Mond zu hal­ten. Dann wer­den sich die Lau­te, wenn unse­re Herz­tö­ne uns rich­tig bera­ten, nähern – gegen den abneh­men­den Wider­stand der Ängs­te, die wir als Aus­lö­ser im elek­tri­schen Geflim­mer der Kojo­ten­syn­ap­sen ver­mu­ten. In der undurch­sich­ti­gen Nacht rei­chen sich die­se Wesen die Pfo­ten, um durch das Ein­spei­cheln und Zer­bei­ßen unse­rer Kör­per ihre Ver­ar­bei­tung ein­zu­lei­ten. Unse­re Sze­ne wird von der haa­ri­gen Gesell­schaft zur Ban­de erklärt. End­lich wird eins der Tie­re das Strom­ka­bel zer­bei­ßen. Spit­zen von Draht strie­geln durch Fell. Die Kojo­ten däm­mern in unse­re Vor­stel­lung her­ein oder her­aus. Sie ver­voll­stän­di­gen sich ins strah­len­de Ei der Ober­flä­che. Schließ­lich kon­kre­ti­sie­ren sich die Schwän­ze, als schlüpf­ten sie aus dem Jen­seits.

Klar ist die Kokos­fa­ser von drü­ben. Aber sie wird ver­schifft und nicht ein­ge­flo­gen. Mit­hin reißt sie, wie Offi­cer Oval­head stur behaup­tet, am Her­kunfts­ort auch kei­ne Löcher in die Atmo­sphä­re, die sich mit Ozon fül­len könn­ten. Er lebt in der Welt der Vor­stel­lung, wei­gert sich, irgend­et­was zu rea­li­sie­ren. Doch stammt die von uns benutz­te Faser von rei­fen Früch­ten. Sie kann nicht zu Garn ver­spon­nen wer­den. Die Gewin­nung spinn­ba­rer Fasern ist ande­rer­seits in den letz­ten Jahr­zehn­ten auf­grund der ätzen­den Atmo­sphä­re, die nicht nur den Pflan­zen zusetzt, schwie­rig gewor­den. Das von der unrei­fen Nuss gelös­te Meso­karp müss­te, um ver­ar­beit­ba­re Fasern zu lie­fern, Mona­te lang im natür­li­chen Brack­was­ser von Lagu­nen düm­peln. Wo soll­ten wir heu­te noch Brack­was­ser her­neh­men? Ergo Faser­stück­chen in Form von Pel­lets. Streu, der Stoff wird halb­wegs gerecht ver­teilt. Zumin­dest sind wir hier, hin­ter Glas, sicher, und die garan­tier­te Auf­tritts­mög­lich­keit, für die wir eini­ger­ma­ßen regel­mä­ßig Kost, Logis und Dunst aus der Sprüh­vor­rich­tung erhal­ten, ist es wert, das tro­pi­sche Ter­ro­ir nicht all­zu sehr zu ver­mis­sen.

Das The­ma unse­res heu­ti­gen Abends ist, kurz zusam­men­ge­fasst, was mit uns geschieht, wenn sich das Publi­kum auf der Büh­ne ein­fin­det, anstatt drau­ßen im Par­kett. Was folgt, wenn die­se Wil­den, über die wir von der Büh­ne aus gern hin­weg­se­hen, hier­her wech­seln, wo wir Schlau­raf­fer uns wie jeden Abend ein­ge­fun­den haben, um die, wel­che wie Trie­be im Dun­keln leben, zu kul­ti­vie­ren. Wie stel­len wir uns das Jen­seits vor, aus dem sie her­bei­strö­men? An den Über­wa­chungs­schir­men der Regie fragt man sich, ob das Tier grund­sätz­lich von jenen ver­tre­ten wird, die sich drau­ßen zusam­men­rot­ten. Ob die da drau­ßen viel­leicht erst im Moment unmensch­lich wer­den, in dem sie die rote Linie zur Bra­che über­tre­ten. Wel­cher Pro­zent­satz ihres Kör­pers muss sich hier ein­fin­den, damit im Sin­ne der Defi­ni­ti­on etwas pas­siert? Und ist das Tier das Unbe­kann­te schlecht­hin, das den Büh­nen­rand zur Vor­stel­lung durch­bricht, oder ist das Ani­ma­li­sche ganz grob alles außer uns, also die Stell­ver­tre­tung unse­rer Her­kunft? Wei­ter: Wird unse­re Vor­stel­lung durch die Über­tre­tung der Gren­ze durch die Kojo­ten gelöscht oder – ganz umge­kehrt – erst rea­li­siert? Und, am wich­tigs­ten: Ist die Bedro­hung, die von den Kojo­ten aus­ge­strahlt wird, echt, oder han­delt es sich bei ihr nur um eine Pro­jek­ti­on, die zum Zweck unse­rer Bil­dung geschaf­fen wird?

Drei­mal heult die Sire­ne der Bau­rui­ne. Die Leu­te im Pelz strö­men in den Bereich der Voy­eu­re, der Voy­eu­rin­nen. Wir begin­nen unmerk­lich, durch kol­lek­ti­ves Erschüt­tern die elek­tri­sche Ladung der Atmo­sphä­re zu ver­än­dern. Für vie­le, die da drau­ßen im Dun­keln tap­pen, sieht es so aus, als wür­den tro­cke­ne Äst­chen frie­ren und durch schnel­le Vibra­tio­nen der Mus­keln Wär­me erzeu­gen. In Wirk­lich­keit infi­zie­ren wir jedoch die Luft mit unse­rer Bewe­gung, um die Bot­schaft des Abends zu über­tra­gen. Wir nen­nen den Vor­gang Zweig­mi­me­se. „Helft, Strö­me, wenn ihr gött­li­che Macht habt! Durch Ver­wand­lung ver­derbt die Gestalt, mit der ich zu sehr gefiel!“ … Da befällt schwe­re Taub­heit die Glie­der. Wei­che Brüs­te wer­den umschlos­sen von Rin­de, das Haar wird zu Laub, die Arme zu Ästen. Füße wer­den von Wur­zeln gehal­ten, ein Wip­fel ver­birgt das Gesicht. Nur ein Quänt­chen Glanz noch zeich­net unse­re Figur. Mein Kopf ist so stolz auf sei­ne Fähig­keit, sich zur Nei­gung zu zwin­gen, also liebt er mich pene­trant, obwohl ich ihm zu steif bin. Er ver­leiht mir damit, wie er sagt, ein Rest­chen Gla­mour. Lie­ber hält er nun an den Stamm die Rech­te, fühlt mit der Pfo­te unter der Rin­de die beben­de Brust, umfängt die Zwei­ge wie sein eige­nes Fleisch, küsst das Holz wie sei­nen ganz per­sön­li­chen Ast. Über­ra­schung! Der weicht mit letz­ter Kraft vor ihm zurück. „Du Arsch, ich bin Holz in dei­nen Armen, kapierst du denn nichts?“ Klat­schen. Bra­vo. Wir füh­len uns ver­stan­den. Berüh­ren las­sen wol­len wir uns von die­sem nicht.

Oval­head fabu­liert in sei­nem Mono­log über Natur, doziert, spricht von Eiern, denen er sich nicht hin­ge­ben kann. Sind in der Mas­se nicht gesund. Aber sie rüh­ren ihn. Könn­te ich, Ob-es-ein­ge­löst wird, die Pro­duk­te nicht im Kühl­schrank auf­be­wah­ren, damit sie nicht faul wer­den, wenn sie der Voll­jäh­rig­keit ent­ge­gen­ge­hen? Offi­cer Oval­head fragt sich außer­dem, war­um ich sie immer noch monat­lich legen muss. Kann ich mei­ne Zeit nicht bes­ser struk­tu­rie­ren? War­um fan­ge ich die monat­li­che Blu­tung mit Tam­pons auf und las­se nicht ein­fach alles effi­zi­ent beim Toi­let­ten­gang raus? Mein Kopf macht Anstal­ten, mich zu drü­cken, schreckt dann aber zurück, weil man nie weiß, ob aus der gequetsch­ten Schre­cke das Blut raus­schießt wie Ket­chup aus der Weich­plas­tik­fla­sche. Und wenn ich, Ob-es-ein­ge­löst-wird, wenn ich die Ein­la­ge wechs­le, die Hän­de nicht wasche? Wie von Oval­head bestellt, plat­zie­re ich mich, um ihn mit Süße zu beru­hi­gen, als flau­mi­ges Vanil­le­ge­bil­de auf die Palet­te vor ihm. Und gleich auch schiebt er mir die Gabel in mei­nen Mund, saugt mich mit dem Geräusch des Laub­blä­sers ein. Mei­ne labb­ri­gen Lip­pen sind dabei, so weit es mög­lich ist, wie zum Kuss gespitzt.

Offi­cer Oval­head steu­ert mich mit Zuckun­gen. Das funk­tio­niert ähn­lich wie die elek­tri­fi­zier­ten Arm­bän­der im Aus­lie­fe­rungs­zen­trum von Elei­son Unli­mi­t­ed, von denen die Mit­ar­bei­ten­den durch die Lager­hal­len diri­giert wer­den. Sich selbst schirmt er durch sei­ne Iso­lie­rung gegen Fremd­zu­griff ab. Nur im gepan­zer­ten und lee­ren Raum ver­mag er zu ver­neh­men, wel­che Daten hin­ter sei­nem Poker­inter­face errech­net wer­den. Wenn eine Kugel wie er jeman­den tref­fen wür­de, wür­den die Signa­le, die er inter­na­tio­nal auf­fängt, wie Muni­ti­on an der Rip­pe ver­fälscht. Die Büh­ne ist und bleibt daher sein Leben.

Oh hap­py day, let me drink your ear­ly grey … In einer Auf­wal­lung von Lie­be töne ich. Offi­cer Oval­heads Hoo­die ist jetzt dran. Pro­du­zie­re einen Sud von Uhud­ler­trau­ben, Kur­ku­ma und Wal­nuss­blät­tern, koche den Stoff drin. Wäh­rend das Mate­ri­al auf der Anten­ne trock­net, samm­le ich Müll­sä­cke, schmel­ze sie in der Mör­tel­kel­le und tau­che die Vor­der­pfo­ten des Spiel­zeug­ko­jo­ten, den ich unter Bau­pla­nen gefun­den habe, in die Mas­se, um die Geschich­te mit einem neu­en Mus­ter zu ord­nen. Fer­tig. Oval­head krem­pelt die Ärmel auf und plä­diert für Ewig­keit. Ich den­ke bei der Bewe­gung an das unauf­hör­li­che Tren­nen und Zusam­men­set­zen von Mole­kü­len, Gedan­ken, Bezie­hun­gen. Mein zuneh­mend kah­ler wer­den­der Kopf aber lehnt sich an das gel­be Ver­scha­lungs­holz hin­ter ihm, als wäre er flüs­si­ger Beton. Er wür­de Nach­wuchs selbst­re­dend an der Stra­ßen­ecke aus­set­zen, weil er sich dem Geist ver­schrie­ben hat, der ewig und rein sein muss. Ob-es-ein­ge­löst-wird, sagt er zu mir, und ich, begeis­te­rungs­fä­hig, wild, ver­lie­be mich. Auf das Herz folgt logi­scher­wei­se der Hin­tern. Ich schlen­de­re über die Bra­che, plat­zie­re mich deko­ra­tiv neben der Abgren­zung, lege, mich eksta­tisch win­dend, die momen­tan ver­füg­ba­ren Eier. Dann schwin­ge ich mei­nen Po in der gespann­ten Hose zu Offi­cer Oval­head, sprei­ze mich, und mein Kopf glotzt ganz offi­zi­ell ins Kris­tall­glas. Der Bauch ver­grö­ßert mei­ne Klap­pe. Ja, mein Kopf ist einer der Typen, die den­ken, dass sie rück­wir­kend im pro­le­ta­ri­schen Milieu gebo­ren wor­den sein wer­den, wenn sie mit einer Bier­fla­sche auf die Büh­ne gehen. Oval­head ver­däch­tigt mich, dass ich zu den Kojo­ten über­lau­fen woll­te, dass nur sein gefähr­li­cher Blick mich davon abhal­ten konn­te. Offi­cer, sage ich, ich folg­te dem Wort dei­nes Geset­zes, das mir vom Jen­seits, vom Abso­lu­ten kün­det. Brüllt mein Kopf, dass er zu Köp­fen sprach. Wie kom­me ich dazu, ihm zu lau­schen? Das Ide­al soll­te nach ihm kom­men. Um mich geht’s nicht. Wer soll­te um sei­nen Nach­wuchs her­um­schar­wen­zeln, wenn Ob-es-ein­ge­löst-wird anfängt, sich für den Kopf zu hal­ten? Er, der zustän­di­ge Offi­cer, wird jetzt sicher­lich nicht anfan­gen, über unge­kraul­ten Eiern zu brü­ten. Kojo­ten, Kojo­ten! Es gibt ein fal­sches Leben des Rich­ti­gen.

Mein Kopf rech­net sich, bei­sei­te spre­chend, aus, dass wir ihn auf der Bra­che Higg’s Dra­sil mit der Gefahr, die er beschwört, iden­ti­fi­zie­ren könn­ten. Ein Müt­chen küh­len, ein Rüt­chen füh­len. Man bezahlt den Ein­tritt fürs Thea­ter, weil man hofft, dass man dafür Angst kriegt. Offi­cer Oval­head ist sich sicher, dass er etwas Respekt, der unse­re Angst bewei­sen wür­de, ver­dient. Er nennt mich eine Ter­ro­ris­tin. Ich habe, wie er behaup­tet, wider mei­ne Natur die Schei­be zuguns­ten einer Kugel über­tre­ten. Offi­cer Oval­head steckt sich nach dem Mus­ter eines Typen, des­sen Name von Gene­ra­ti­on zu Gene­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben wird, eine Flup­pe in mei­nen Mund. Er ist ein Ber­li­ner und traut sich alles zu. Mich dage­gen hat man schon mehr­fach aus der Geschich­te getilgt, und alle Jah­re wer­de ich unter dem Mot­to „Wie war noch ein­mal ihr Name?“ wie­der­ent­deckt. Oval­head trennt das Glas vom Dreck der Welt, und sein Mund leert es bis zur Nei­ge.

Es däm­mert. Erst ein­mal ver­dau­en, dass die Welt nicht schwarz-weiß ist und sich das Schein­wer­fer­licht in jenem der Son­ne auf­löst. Die Leu­te tröp­feln auf der Bra­che ein. Hüb­sche Frau, kannst du mir NFTs erklä­ren? Ich kann! Sie müs­sen ein Mann sein, rich­tig? Dann sagen Sie: Hmmm, ich bin nicht damit zufrie­den, den ein­fachs­ten Lebens­weg der Mensch­heits­ge­schich­te zu haben. Ich glau­be, ich wür­de auch ger­ne etwas besit­zen, das es nicht gibt. Dann neh­men Sie von einer ande­ren Per­son, die viel­leicht nicht unbe­dingt Mann sein muss, aber wahr­schein­lich Tau­sen­de von Dol­lars wert ist, und die sagt, du besitzt die­ses Ding, und die ande­re sagt: Bist du sicher, und sie sagt: Ja, ja, hier ist ein klei­ner Zet­tel, auf dem steht, dass es dir gehört. Copy­right: @couplagoofs, Play­list: Mor­gan explains things (Tik­Tok). Über­tra­gung ins Deut­sche von mir. Der­zeit kei­ne Kojo­ten in Sicht.

Unse­re Bra­che, die den Namen Higgs’ Dra­sil trägt, ruht auf dem Kör­per von Ador­no (por­tu­gie­sisch für Ver­zie­rung), den wir täg­lich ado­rie­ren. Nach Oval­head exis­tiert hier nur, wer das Orna­ment sein Gegen­über nennt. Auf Higgs’ Dra­sil, die mit dem ewi­gen Roh­bau der Fabrik ordent­lich Druck auf den Schmuck aus­übt, leben mit­hin neben mei­nem Kopf und mir ein ech­tes Tier namens Ver­rin­gern sowie ein Adler, der agiert, als hät­te er kein Gewicht. Ich ken­ne sei­nen Namen nicht. Ja, und dann ist da auch noch das Eich­hörn­chen Rata­touille (fran­zö­sisch; von Rata, ein­fa­ches Essen, und touiller, rüh­ren). Es ist mein Lieb­ling. Die klei­ne Rat­te über­bringt Nach­rich­ten zwi­schen Adler und Ador­no. Dazwi­schen ver­brei­tet sie unge­niert Gos­sip.

End­lich Auf­tritt des Hom­me plas­tique. Er wid­met sich zu mei­ner Begeis­te­rung dem Upcy­cling des Logos, trägt einen Man­tel aus alten Plas­tik­sa­ckerln, wan­delt auf der sand­gel­ben Bra­che, raschelt vor­bei an mei­nem aus­ran­gier­ten Wohn­wa­gen. Ich ant­wor­te ihm, fah­re mit dem Fin­ger durch Ras­peln von Ross­kas­ta­ni­en, die auf dem Zei­tungs­pa­pier, das die Arma­tur bedeckt, trock­nen, neh­me den ble­cher­nen Kin­der­löf­fel mit dem gebo­ge­nen Stiel, win­ke dem Gefähr­ten, der über den Schirm flat­tert. Der Löf­fel ruft: „Was du gibst, ist dein, was du behältst, hast du ver­lo­ren“. Da fur­zen mir sie­ben Har­ley David­sons durch die Sze­ne. Der Löf­fel bewegt die Lip­pen, ohne dass ein Ton zu hören wäre. Scheiß Stumm­schal­tung! Na bit­te, pfeif drauf! In der Hand funkt das Metall, die Hit­ze macht den Staub­pla­ne­ten zur blen­den­den Sei­fen­bla­se. Ihr Mor­sen jauchzt wider jene, die vom Über­win­den kün­den und das Tra­gen von Voll­bär­ten gesetz­lich vor­schrei­ben. Ein Zei­chen! ein Zei­chen? Ich schöp­fe Kas­ta­ni­en-Ras­peln in den Topf mit kochen­dem Was­ser. Die Stof­fe eini­gen sich. Nur wenig spä­ter ist das Wasch­mit­tel fer­tig.

Oval­head phan­ta­siert wie­der von sei­nem gro­ßen Werk, das er mei­nem Mund abpres­sen muss. Sie ist so weit, sagt er, sie ist so weit. Er wird jetzt wirk­lich die Klap­pe auf­rei­ßen. Ja, er hat den Aus­wuchs schon vor Augen. Die Tra­ge­ta­sche auf der Schwel­le zu sei­ner Vor­stel­lung ist ihm bekannt. Er lag einst selbst dar­in, und der Pflo­cki im Inne­ren gleicht ihm wie sei­ne Kopie. Mensch, die­ser Umstand wirft Oval­head jetzt irgend­wie nach hin­ten, in sei­ne vor ihm plär­ren­de Kind­heit, und gleich­zei­tig nach vorn, in die Zukunft des Nach­wuch­ses, der ihn ver­tritt. Offi­cer Oval­head! Er ist zeit­los, das erkennt er jetzt. Und der klei­ne Holz­kopf wird auch end­lich das Ter­ra­ri­um umstür­zen. Irgend­was aller­dings fehlt. Ah, klar, Ob-es-ein­ge­löst-wird ist nicht da! Ich hab mich aus der Fami­li­en­fo­to­gra­fie ent­fernt. Ich, Mut­ter des Gedan­kens, muss aber doch die Eier able­gen. Lege sie ab! Nun, ich tat. Kei­ne Ahnung, was mein Kopf mit sei­ner Kopie anfan­gen wird, nach­dem er mit ihr allei­ne blieb. Er kann nicht wie ich mit dem Bauch den­ken, wie er zuge­ben muss. Und ver­hun­gern las­sen kann er den Pflo­cki auch nicht. Es könn­te näm­lich durch­aus sein, dass er, sobald sei­ne Ver­gan­gen­heit und Zukunft – also der Pflo­cki – aus sei­nem Blick­feld getilgt sind, gar nie exis­tiert haben wird. Wenn Offi­cer Oval­head also in die­sem Moment das Köpf­chen auf­hebt, geschieht das gegen alle Ver­nunft, ande­rer­seits aber eben auch nicht. Ob das geleb­te Dia­lek­tik ist? Besorgt fragt sich der Geist, ob er sei­ne Aus­ge­burt am bes­ten als das Höhe­re, das Tie­fe­re, das Schwe­re oder das Ein­fa­che archi­vie­ren soll. Nun, Leu­te in Pel­zen haben kei­ne Ahnung von Kunst. Ruf den Eklek­ti­ker, höhnt es aus den gro­ben Klöt­zen.

Mensch, heu­te tut mir Offi­cer Oval­head, der in Soja­sauce gerös­te­te Ker­ne aus dem Kür­bis vom Mit­tag­essen kaut, so weh. Gegen alle Behaup­tun­gen in sei­nen Vor­wör­tern schafft er es nicht, die­se Tat­sa­che zu igno­rie­ren. Dabei spannt er sei­nen Geist an wie irre. Huch, mein Kopf erschrickt. Das auf der Stech­uhr am Ein­gang der Bau­stel­le ange­zeig­te Datum ist das von ges­tern, ist das von dem Tag, an dem der Pflo­cki in sein Leben getre­ten ist. Oh, sein Pflo­cki kam zu ihm, so rein, wie nicht von die­ser Welt. Sofort fühl­te mein Kür­bis die Ver­wandt­schaft mit dem Kind, durch das die Ster­ne durch­schie­nen wie durchs Glas des Ter­ra­ri­ums. Mein Kopf war so was von erpicht dar­auf, der Kopie den Rest zu geben, um ihm die Voll­endung zum Geist zu gewäh­ren. Er näher­te sich dem Pflo­cki, um sei­nen Ast in des­sen Leib­chen zu boh­ren. Sie­he, das Rei­ne kann nur mit dem Rei­nen Umgang haben, und die Gele­gen­heit zum Pfäh­len des Geis­tes bie­tet sich sel­ten. Jetzt aber brüllt Offi­cer Oval­head vor Schmer­zen. Er hat die­sen Pflo­cki, der er einst gewe­sen ist, anschei­nend gedan­ken­ge­schwän­gert. Er war noch so jung, als ihm die­ses Mal­heur pas­sier­te. Und jetzt will er aus dem Sack, aber der Zaun­pfahl ist zu groß. Oval­head heult. Ich glaub, ich ver­lier den Ver­stand. Der Pflo­cki fin­det kei­nen Aus­weg aus den krei­sen­den Gedan­ken. In wel­cher ver­ros­te­ten alten Fisch­do­se, Leu­te, habt ihr Ock­hams Mes­ser ver­steckt? Wer trennt mich in Ver­nunft und Instinkt? Hephais­tos, altes Prin­zip, schlag mir, Ob-es-ein­ge­löst-wird, mit dem Ham­mer den Kopf ein, damit ich end­lich die­sen Pflo­cki los­werd!

Die Requi­si­te mei­nes Por­träts, das Oval­head heu­te abstaubt, stellt mich als kaput­te, aber auch eini­ger­ma­ßen kost­ba­re Pup­pe dar. Als rosa­far­be­nen Hohl­raum aus der Epo­che des Sur­rea­lis­mus. Mein Gesicht wirkt ein biss­chen abwe­send, das ja, weil ich für den Offi­cer ganz sim­pel ein Loch bin. Schließ­lich fres­se ich in regel­mä­ßi­gen Abstän­den mei­ne Kopien. Ich lege mei­ne Haut ab wie ein Ei, kaue an ihrem Gesicht, ihrem Mund, in lan­gen, mah­len­den Küs­sen. Mein Image fres­se ich, und ich bin daher ein Nichts, denn ein Nichts schluckt alles, weil es auf alles außer sich selbst neu­gie­rig ist. Oh, schwar­zes Loch Ob-es-ein­ge­löst-wird, bist ein alter Boka­s­hi, dem man alle zwei bis drei Tage Flüs­sig­keit und cir­ca alle drei Wochen Fest­stof­fe abzapft, um den Rasen zu dün­gen. Dei­ne bor­ki­ge Haut ist bio­lo­gisch abstoß­bar. Du nimmst sie als Nah­rungs­er­gän­zung zu dir. Offi­cer Oval­head sitzt auf sei­ner Kis­te, sei­ne Kopie auf dem Arm, wäh­rend ich mich ver­grö­ße­re, indem ich mich der Beloh­nung des nächst­grö­ße­ren Hap­pens ent­ge­gen­wöl­be. Ich wer­den ihn als mei­nen Vor­läu­fer ver­schlin­gen. Soweit zur Unzwei­deu­tig­keit mei­ner Iden­ti­tät.

Es folgt: Mono­log Offi­cer Oval­head. Im Natur­his­to­ri­schen Muse­um ist ein Meteo­rit aus­ge­stellt, in wel­chen das Uni­ver­sum 1751 die Pro­phe­zei­ung unse­rer Stadt ver­pack­te. Natur aus­stel­len wie ein Rezept. Das All klatsch­te die Bot­schaft mit einem wüten­den Schlen­ke­rer wie Asche auf unse­re Häup­ter. Vor weni­gen Tagen aber erst wur­de die Wid­mann­stät­ten-Struk­tur des Steins mit metha­nol­hal­ti­ger Sal­pe­ter­säu­re sicht­bar gemacht. Klar, das damals damit vor­aus­ge­sag­te Weich­bild zer­bomb­ter Stra­ßen­zü­ge ist inzwi­schen zu einem Gegen­stand ver­gilb­ter Foto­gra­fien gewor­den. Da muss Oval­head noch ein paar dür­re Peri­oden aus­brei­ten. Er doziert, dass er nun mal in regel­mä­ßi­gen Abstän­den Blut ver­lie­ren muss. Er sagt, der Adel muss von Zeit zu Zeit ins Feld. Sonst flacht das Wachs­tum ab. Blut und Boden gehö­ren daher für Oval­head zusam­men wie Stamm und Baum. Es ist Tra­di­ti­on, die sei­nen Fort­be­stand sicher. Und da kommt er auf die Kata­stro­phe zurück. Der Meteo­ri­ten­fall von 1751 war even­tu­ell der ers­te, den die Mensch­heit live beob­ach­te­te, zumin­dest ist er aber der ers­te, über den schrift­li­che Berich­te exis­tie­ren. Von jenem Tag im 18. Jahr­hun­dert an muss­te man also die Her­kunft der Stei­ne aus dem All, da sie Teil der Geschich­te gewor­den waren, auf jeden Fall zur Kennt­nis neh­men. Oval­head stellt sich vor, dass ab 1751 zahl­rei­che Men­schen die Kugel, um die her­um wir uns heu­te noch scha­ren, als einen Magne­ten visua­li­sier­ten, der auch Kome­ten aus allen Rich­tun­gen des Uni­ver­sums an sich reißt. Ande­re ima­gi­nier­ten sich even­tu­ell als Sta­cheln, die je nach­dem, wie die von ihnen geschütz­te Kas­ta­nie gedreht wird, aus deren Hül­le sticht. Es sind lei­der kei­ne Stu­di­en über der­lei inne­re Bil­der vor­han­den. Doch haben sie sicher­lich, so es sie gab und gibt, gro­ßen Ein­fluss auf das mensch­li­che Ver­hal­ten. Die Feu­er­bäl­le der Meteo­re, die unse­re Büh­nen­tech­ni­ker insze­nie­ren, hal­ten vor­läu­fig immer­hin die Kojo­ten fern.

Eigent­lich waren wir vor Kur­zem noch Feu­er und Flam­me, zu den Tie­ren durch­zu­drin­gen, um ihnen das Licht näher zu brin­gen. Nun sehen wir, dass sie Leucht­au­gen haben, die ihrer­seits über unse­re Kör­per strei­fen. Sie sind über elek­tri­sche Lei­tun­gen mit den Pfo­ten ver­bun­den, die an die Schei­be klop­fen, sobald wir uns rüh­ren. Es scheint, die Kojo­ten da drau­ßen hal­ten uns für Figu­ren aus einem Video­spiel. Sie neh­men jeden­falls an, dass wir gefühl­los sind, weil wir Zwei­gen ähneln, oder hal­ten uns ein­fach für seicht. Sie neh­men die Sor­gen, die wir ihnen vor­tra­gen, nicht ernst. Das könn­te gefähr­lich wer­den.

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Lisa Spalt, geb. 1970 in Hohen­ems, lebt in Linz und Wien. Stu­di­um der Deut­schen Phi­lo­lo­gie und Roma­nis­tik an der Uni­ver­si­tät Wien. Arbei­ten zum Han­deln in Spra­che, Bil­dern und Objek­ten. Ein­zi­ge stän­di­ge Mit­ar­bei­te­rin des Insti­tuts für poe­ti­sche All­tags­ver­bes­se­rung (IPA), Betreue­rin der Wand­lungs­form „Mani­s­oft des Psitt­a­cis­mus“ und Edi­to­rin der „Edi­ti­on klei­ne Bröt­chen“. Zahl­rei­che Gemein­schafts­ar­bei­ten, u.a. mit dem bil­den­den Künst­ler Otto Saxin­ger (zuletzt Video­in­stal­la­ti­on „You­to­pia / Plan B“, 2022), dem Kom­po­nis­ten Cle­mens Gaden­stät­ter (der­zeit Arbeit am Hör­spiel „Break Eden. Gesän­ge für Sire­nen“) und der Band „Die Ex-Gewichts­he­be­rin“ („Auf der Wel­le von Frau Stöhr. Fik­ti­ves Hör­spiel“, 2022). Letz­te Publi­ka­ti­on: Das Insti­tut (Czern­in, 2019). Grü­ne Hydra von Calem­bour erscheint Ende Febru­ar 2023 (Czern­in Ver­lag, Wien).

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Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 9. Dezem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 9. Dez. 2022