London Bridge is Down

Von Lin­da Stift. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur – Teil 97
Linda Stift © Christine Andorfer

Lin­da Stift. Foto: Chris­ti­ne Andor­fer

Das Hier und Heu­te ein­zu­fan­gen, was für eine Sisy­phos­ar­beit! Kaum hat man ein Eck­chen vom Heu­te erwischt, ist es schon wie­der weg, zer­brö­selt es einem zwi­schen den Fin­gern, kommt schon wie­der das nächs­te. Das Hier ist zwar ein biss­chen bestän­di­ger, ändert sich aber auch gern. Da ist es doch viel ein­fa­cher, Geschich­ten zu erzäh­len, die nicht so rasch altern, die gar nicht wahr sind oder mög­lichst weit weg im Mor­gen spie­len, damit es kei­ne Zeit­ge­nos­sin mehr auf Rele­vanz über­prü­fen kann.

Hier und heu­te sit­ze ich im Zug in die alte Hei­mat und sehe mir die Begräb­nis­ze­re­mo­nien der Queen, die seit in der Früh über­tra­gen wer­den, auf dem Han­dy an. Die Queen hat mir nie viel bedeu­tet, sie war vor mei­ner Geburt schon da, 53 Jah­re mei­nes Lebens war sie Köni­gin von Groß­bri­tan­ni­en und dem mir undurch­schau­ba­ren Com­mon­wealth­ge­bil­de, und jetzt gibt es plötz­lich einen nicht mehr jun­gen König, der bis­her eher als wun­der­li­cher Prinz durch die Pres­se gegeis­tert ist. Ganz Lon­don hat sich in den Tagen zuvor in einer 16 Kilo­me­ter lan­gen Schlan­ge ange­stellt, um der Queen die letz­te Reve­renz zu erwei­sen, David Beck­ham stand zwölf Stun­den lang an, um sich vor ihrem Sarg (ca. 250 Kilo­gramm schwer, er ist mit Blei aus­ge­klei­det) zu ver­beu­gen. Eine Glanz­leis­tung der Bri­ten, die ohne­hin Welt­meis­ter im Queu­ing sind. Zwei Mil­lio­nen Men­schen, ver­gleich­bar mit der Ein­woh­ner­zahl Wiens, haben sich ange­stellt, man­che sogar zwei­mal! Wenn man sich vor­stellt, alle zwei Mil­lio­nen Wie­ner müss­ten sich irgend­wo anstel­len, wird einem mul­mig zumu­te. Die bri­ti­sche Regie­rung gab Rat­schlä­ge, wie Power­banks und genü­gend Pro­vi­ant mit­zu­neh­men, die­se Tipps hät­ten die Bri­ten wohl nicht gebraucht. Mit Decken im Schot­ten­ka­ro um die Schul­tern und Flach­män­nern oder Ther­mos­kan­nen in der Hand, ver­mut­lich gefüllt mit eng­li­schem Tee mit Zucker und Milch, der in sei­ner Stär­ke nur noch vom iri­schen über­trof­fen wird, beweg­ten sie sich lang­sam vor­wärts, man­che mit lus­ti­gen Hüten oder ein­ge­wi­ckelt in die bri­ti­sche Flag­ge. König Charles und Prinz Wil­liam besuch­ten die Schlan­ge und unter­hiel­ten sich mit den War­ten­den, von denen nur etwa 1000 medi­zi­nisch behan­delt wer­den muss­ten, 136 davon im Spi­tal.

Ich koche mir jetzt auch einen star­ken schwar­zen Tee. Ich bin in der Man­sar­de eines umge­bau­ten Wein­press­hau­ses auf der Wein­stra­ße, an der slo­we­ni­schen Gren­ze, in der Nähe unse­res alten Wein­gar­ten­hau­ses, das schon lan­ge einem der gro­ßen Win­zer die­ser Gegend gehört. „Nur über mei­ne Lei­che kriegst du mein Haus“, sag­te mei­ne Urgroß­mutter in ver­gan­ge­nen Zei­ten zu dem Urgroß­va­ter der Win­zer­nach­kom­men, der es ihr immer und immer wie­der abkau­fen woll­te, und so ist es dann auch gewe­sen. Sie woll­te es nicht her­ge­ben, aber nach ihrem Tod war nichts mehr zu machen. Zehn, fünf­zehn Jah­re noch konn­te es einer ihrer Enkel, mein Onkel, hal­ten, dann ging es nicht mehr, zu vie­le Schul­den hat­ten sich ange­häuft, zu vie­le „Freun­de“ hat­ten den Wein kis­ten­wei­se aus dem Wein­kel­ler getra­gen, die Gast­freund­schaft mei­ner Tan­te und mei­nes Onkels war über­stra­pa­ziert wor­den. Damals hat­te man noch nicht ahnen kön­nen, dass der stei­ri­sche Wein spä­ter so reüs­sie­ren wür­de, dass ein Wein­hang, der in den Süden schau­te, sich zu einer Gold­gru­be ent­wi­ckeln könn­te. Damals bedeu­te­te ein ein­zel­ner stei­ler Wein­hang sehr viel Arbeit und wenig Ertrag, außer­dem konn­te man den Wein nicht so gut ver­kau­fen wie jetzt. Er war nicht beson­ders exqui­sit, wur­de nor­ma­ler­wei­se in Dop­pel- oder Ein­li­te­r­fla­schen und sel­ten in den ele­gan­ten Sie­ben­zehn­tel­bou­teil­len ver­kauft, vor allem aber kann­te ihn außer­halb der Süd­stei­er­mark kei­ner, es war nicht schick, sich in die­ser Gegend auf­zu­hal­ten, geschwei­ge denn, hier Urlaub zu machen. Das änder­te sich mit der Zeit, irgend­ein Genie hat das Schlag­wort von der „Stei­ri­schen Tos­ka­na“ erfun­den. Mehr hat man nicht gebraucht. Jetzt schlän­geln sich vom Früh­jahr bis spät in den Herbst die Dop­pel­de­cker­bus­ko­lon­nen über die schma­len Wege. Das mehr als hun­dert Jah­re alte Win­zer­haus mit dem dazu­ge­hö­ri­gen Press­haus und diver­sen Neben­ge­bäu­den ist heu­te eine wert­vol­le Immo­bi­lie und kei­ne belas­ten­de Hypo­thek.

Hier hat es ca. 16 Grad, der ein­zi­ge Heiz­kör­per wird drei­mal am Tag heiß, für weni­ge Stun­den, mehr als 19 Grad kom­men aber nicht zustan­de, und es geht dann schnell wie­der run­ter auf 16 Grad. Tags­über sit­ze ich drau­ßen auf der Ter­ras­se, wenn die Son­ne raus­kommt, wird es rich­tig warm. Ges­tern hat Putin die Teil­mo­bi­li­sie­rung Russ­lands ver­kün­det, die nächs­te Eska­la­ti­ons­stu­fe nach der Ver­laut­ba­rung, dass soge­nann­te Refe­ren­den in den Gebie­ten von Luhansk, Donezk u.a. statt­fin­den wer­den, schon in der Woche dar­auf. Dann han­delt es sich um rus­si­sches Staats­ge­biet, dann wer­den womög­lich die ukrai­ni­schen Ver­tei­di­gungs­kämp­fe als Angrif­fe auf rus­si­sches Staats­ge­biet gewer­tet. Die Queen und Charles sind aus den Schlag­zei­len ver­schwun­den, am Ran­de hört man von den Pro­tes­ten in Tehe­ran, bei denen schon zehn Men­schen getö­tet wur­den. Nach­dem eine jun­ge Frau von der ira­ni­schen Sit­ten­po­li­zei fest­ge­nom­men wor­den war wegen ihres nicht kor­rekt sit­zen­den Kopf­tu­ches und sie kur­ze Zeit spä­ter gestor­ben ist, for­mier­ten sich eini­ge Kund­ge­bun­gen.

Im Wein­gar­ten­haus heiz­te man mit dem Küchen­herd, in der gro­ßen Stu­be gab es ver­mut­lich noch einen Kachel­ofen, aber so genau weiß ich das nicht mehr. Es ist zu lan­ge her. Ich mache einen Spa­zier­gang über die Wein­stra­ße zu unse­rem ehe­ma­li­gen Win­zer­haus. Es ist ziem­lich viel umge­baut wor­den, eine abwei­sen­de Mau­er wur­de um einen Groß­teil des Grund­stücks her­um errich­tet. Als ich mich dem Ein­gangs­tor nähe­re, mit dem vagen Vor­satz, even­tu­ell anzu­läu­ten, bellt mich ein gro­ßer zot­te­li­ger Hund an, ich glau­be, es ist ein Bern­har­di­ner. Ich sage ihm, dass hier frü­her ein Teil mei­ner Fami­lie gewohnt hat, dass ich hier kei­ne Unbe­kann­te bin, dass mein Name hier etwas bedeu­tet, sogar, dass es ein Foto mei­ner Urgroß­mutter von hier gibt – sie sitzt auf der Haus­bank, neben ihr zwei Bern­har­di­ner. Ihm ist es egal, er bellt wei­ter, ich läu­te nicht. Ich umrun­de das Anwe­sen, den alten Zieh­brun­nen, der durch ein Holz­häus­chen geschützt ist, haben sie nicht mit in ihr Grund­stück auf­ge­nom­men, er steht außer­halb und wird offen­sicht­lich nicht mehr genutzt, um die ver­wit­ter­ten Holz­bret­ter rankt sich irgend­ein Gesträuch. Die Bret­ter­tür ist mit einem Vor­hän­ge­schloss gesi­chert. Scha­de, ich hät­te ger­ne ein­fach nur hin­ein­ge­schaut, bis auf den Grund. Es hat mich frü­her immer fas­zi­niert, dass man einen lee­ren Kübel hin­un­ter­ge­las­sen und ihn dann voll mit Was­ser wie­der hin­auf­ge­zo­gen hat, bes­ser gesagt, an der gro­ßen knir­schen­den Rad­kur­bel gedreht hat, bis der schwan­ken­de Kübel mit dem her­aus­schwap­pen­den Was­ser wie­der zu sehen war. Mein Onkel muss­te sich weit über den Brun­nen­rand beu­gen, um den Kübel zu erwi­schen.
Nur von unten, vom obe­ren Anfang des Wein­han­ges aus, sieht man ein wenig in den Gar­ten hin­ein und auf das Haus. Ich ste­he unter einer Platt­form, die sie in den luft­lee­ren Raum gebaut haben, das machen jetzt vie­le Win­zer in die­ser Gegend. Sitzt man auf die­ser, oft glä­ser­nen Ebe­ne, glaubt man sich direkt zwi­schen den Reben und bestellt noch eine Fla­sche, weil es so unbe­greif­lich schön ist, gera­de jetzt im Herbst mit sei­nen star­ken Oran­ge- und Braun­tö­nen und dem jun­gen mil­chi­gen Wein, dem Sturm, der jeden Tag stär­ker wird. Der Alko­hol hilft, die unbe­greif­li­che Schön­heit aus­zu­hal­ten. Und auch den Nebel, auch er ist unbe­greif­lich schön, aber auch gefähr­lich, er kann einem ins Gemüt krie­chen und da blei­ben, wenn man nicht auf­passt. Auch hel­fen die Kas­ta­ni­en, bei denen man wie jedes Jahr rät­selt, sind es noch ita­lie­ni­sche oder schon ein­hei­mi­sche? Stets wird nach­ge­fragt, sind es jetzt end­lich die ein­hei­mi­schen? Und fast immer sind es die ita­lie­ni­schen.

Als Kind bin ich die­sen Wein­hang auf und ab gelau­fen, ein­mal auch wei­ter weg, und da stand dann ein jugo­sla­wi­scher Zöll­ner vor mir, mit einem Schä­fer­hund an der kur­zen Lei­ne und scheuch­te mich mit einer wischen­den Hand­be­we­gung zurück. Wir spra­chen bei­de kein Wort, aber ich ver­stand sofort. Ich wuss­te ja, dass da irgend­wo die Gren­ze war. Und er wuss­te offen­bar, dass ich kein jugo­sla­wi­sches Kind war. Viel­leicht hat­te er mich schon öfter beob­ach­tet, auf der ande­ren Sei­te. Viel­leicht kann­te er alle Kin­der aus die­ser Gegend, die sich hin und wie­der über die grü­ne Gren­ze ver­irr­ten, auf bei­den Sei­ten. Viel­leicht bin ich auch absicht­lich zu weit gegan­gen, habe absicht­lich aus­ge­reizt, wie weit ich kom­men wür­de, viel­leicht woll­te ich wis­sen, wie es drü­ben aus­sah. Das kann ich nicht mehr sagen, aber mein erwach­se­nes Ich wür­de es mei­nem kind­li­chen Ich zutrau­en (oder wün­schen?). Es sah natür­lich ziem­lich ähn­lich aus, es han­del­te sich ja um die­sel­be Land­schaft. Auf den ers­ten Blick hät­te man kei­nen Unter­schied erkannt, auf den zwei­ten, dass es ein biss­chen wil­der wirk­te, mehr ver­wach­sen, weni­ger fri­siert. Aber damals war „unse­re“ Sei­te auch noch viel wil­der als heu­te, wo alles zurecht­ge­stutzt und ein­ge­zäunt ist und manch­mal selt­sam zuge­schnit­te­ne Pflan­zen in den Gär­ten ste­hen. Wo die Flu­re berei­nigt sind, wie man sagt. Heu­te gehe ich nicht zu weit, sogar weni­ger weit als mög­lich wäre, weil ich nicht mehr ganz genau weiß, wo denn die­se Gren­ze nun tat­säch­lich ver­läuft.

Zwei Mona­te spä­ter

Mein Hier und Heu­te hat sich ver­än­dert, ich bin an einem ande­ren Rand der Stei­er­mark, im Kopf die­ses Gebil­des (das mich immer an ein unför­mi­ges Tier erin­nert), der an Salz­burg grenzt, im Aus­seer­land, direkt in Alt­aus­see. Seit zwei Tagen hat es sich ein­ge­reg­net, es ist neb­lig und kalt, der Herbst wird hier über­mor­gen – da ist Schnee ange­sagt – in den Win­ter über­ge­hen. Man hört es rie­seln, rin­nen und plät­schern. Über den See zie­hen die Nebel­schwa­den, und wie­der muss ich auf­pas­sen, dass sie mir nicht ins Gemüt glei­ten. Am ers­ten Tag war es noch son­nig, da spie­gel­ten sich die Ber­ge auf der glat­ten Was­ser­ober­flä­che. Die meis­ten Betrie­be sind zuge­sperrt und wer­den im Dezem­ber wie­der öff­nen – für die Weih­nachts- und Ski­sai­son. Seit ein paar Tagen streunt ein gro­ßer hel­ler Hund mit kur­zen Locken durch die See­ufer und den Pro­me­na­den­weg. Er geht her­um und bellt, ich habe noch nie­man­den gese­hen, der zu ihm gehö­ren wür­de. Jetzt bellt er gera­de wie­der. Angeb­lich bel­len her­ren­lo­se Hun­de gar nicht, viel­leicht hat er Schmer­zen oder Hun­ger? Ich bin nicht geübt im Umgang mit Hun­den, weiß nicht, was man in so einem Fall macht. Ich könn­te auf das Gemein­de­amt gehen und es mel­den, aber viel­leicht darf er ja hier allein her­um­wan­dern und bel­len, viel­leicht hat er das Recht dazu. Es wider­strebt mir, ihn zu mel­den, sei­ne Frei­heit anzu­zwei­feln. Ich gön­ne sie ihm, und falls er kein Recht dazu hat, wird sich ohne­hin frü­her oder spä­ter ein Ein­hei­mi­scher dar­um küm­mern. Merk­wür­dig ist es den­noch, hier im Ort ist alles so akku­rat gepflegt und zusam­men­ge­räumt, der See ist auch im Regen spie­gel­glatt, da wirkt ein ein­sa­mer Hund umso unpas­sen­der. Selbst die Wald­rän­der rund um den See sehen in ihrer pit­to­res­ken Rau­heit ordent­lich aus. Die moos- und baum­über­wach­se­nen Find­lin­ge schei­nen kunst­voll ange­ord­net, auf einem ist sogar ein schma­ler Jau­sen­tisch mit einer Bank instal­liert. Vor eini­gen Jah­ren wur­de hier eine James-Bond-Sze­ne gedreht. Ob James Bond mit einer schö­nen Frau in der letz­ten Sze­ne an die­sem Tisch saß? Wahr­schein­lich nicht, zu wenig spek­ta­ku­lär, zu sta­tisch.

Vom eng­li­schen König hört man nichts mehr, es lau­fen wohl die Vor­be­rei­tun­gen zur Krö­nung, die im nächs­ten Mai statt­fin­den wird. Mir leuch­tet jetzt ein, war­um die Krö­nungs­ze­re­mo­nie mehr als ein hal­bes Jahr spä­ter sein wird, wäre sie bald nach dem Begräb­nis der Queen ange­setzt gewe­sen, hät­te man gleich das gan­ze roya­le Pul­ver ver­schos­sen, so kann man den Bom­bast wie­der aus­gie­big aufs Neue zele­brie­ren. Viel­leicht wird es wie­der Queu­ing-Rekor­de geben. Die Kurz­zeit-Pre­mier­mi­nis­te­rin Liz Truss wie­der­um hat es geschafft, von der alten Queen kurz vor ihrem Tod ange­lobt zu wer­den und beim neu­en König gleich ihren Rück­tritt ein­zu­rei­chen. Unter zwei Mon­ar­chen als Regie­rungs­chef zu die­nen hat zuletzt vor ihr nur Win­s­ton Chur­chill zustan­de gebracht.

Der Krieg gegen die Ukrai­ne geht indes­sen uner­bitt­lich wei­ter, Putin lässt die Ener­gie-Infra­struk­tur bom­bar­die­ren, zehn Mil­lio­nen Ukrai­ner sind zu Win­ter­be­ginn ohne Strom. Ein kom­plet­ter Black­out in Kiew droht. Immer wie­der wer­den neue Fol­ter­kel­ler ent­deckt, in der Ukrai­ner miss­han­delt und umge­bracht wur­den. Vor ein paar Tagen schlu­gen zwei Rake­ten im pol­ni­schen Grenz­ge­biet ein und töte­ten zwei Men­schen. Kurz herrsch­te Angst, auf Sei­ten der Ukrai­ne wohl auch Hoff­nung, dass dies der Anlass­fall für die Ein­schal­tung der Nato sein könn­te. Offi­zi­ell einig­te man sich dar­auf, dass es Irr­läu­fer waren, also kein absicht­li­cher Angriff Russ­lands auf Polen. Seit Tagen beteu­ert Russ­land nun wie­der, kei­ne Atom­waf­fen ein­set­zen zu wol­len, was in die­ser Vehe­menz äußerst bedroh­lich klingt. Es ist unbe­greif­lich, dass es im 21. Jahr­hun­dert einem Land gelin­gen soll, ein ande­res aus­zu­lö­schen. Im Iran gehen die Pro­tes­te unver­min­dert wei­ter, 300 Demons­tran­ten wur­den bereits getö­tet, fünf zum Tod ver­ur­teilt. Frau­en, die ohne Kopf­tuch oder auch nur mit locker gebun­de­nem Schal auf die Stra­ße gehen, wer­den von den ira­ni­schen Sit­ten­wäch­tern wei­ter­hin geschla­gen und ver­haf­tet.

Hier in Alt­aus­see gibt es Auf­re­gung um eine alte Vil­la mit weit­läu­fi­gem Grund, die der Inves­tor Androsch in eine Hotel­an­la­ge umbau­en las­sen will. Die Vil­la war ari­siert wor­den und dien­te einem Gau­lei­ter als Som­mer­re­si­denz. Nach dem Krieg kam die Vil­la wie­der in den Besitz der Fami­lie. Vor Jah­ren erwarb dann eine Androsch-GmbH das Anwe­sen. Der Bür­ger­meis­ter ist für die tou­ris­ti­sche Nut­zung, eine Bür­ger­initia­ti­ve mit den orts­an­säs­si­gen Künst­lern Bar­ba­ra Frischmuth und Klaus Maria Bran­dau­er dage­gen. Mei­ne Mei­nung zählt hier zwar nicht, und es fragt mich auch kei­ner, aber ich bin auch dage­gen, wenn man durch den Ort geht, scheint es genug Hotels und Häu­ser mit Frem­den­zim­mern zu geben. Das behaup­te ich als Nicht­zu­stän­di­ge und Nicht­an­säs­si­ge, aber viel­leicht ist es falsch. Viel­leicht braucht es doch noch mehr Unter­brin­gungs­mög­lich­kei­ten. Dem Inves­tor Androsch jeden­falls „geht das alles auf die Ner­ven“, eine his­to­ri­sche Sub­stanz sei gar nicht mehr vor­han­den, die Vil­la „abge­san­delt“. Er droht damit, sie an Immo­bi­li­en­haie zu ver­kau­fen, die­se wür­den dann Cha­lets hin­bau­en. (Zita­te aus der Zei­tung „Der Stan­dard“ vom 16. Novem­ber.) Er will also selbst etwas Häss­li­ches hin­bau­en, und wenn man ihn das nicht in Ruhe tun lässt, ver­kauft er es an jeman­den, der etwas noch Häss­li­che­res hin­stellt. Das klingt kin­disch und patri­ar­chal. Wer sagt außer­dem, dass Cha­lets häss­li­cher sind als Hotel­an­la­gen? Sol­che Din­ge wur­den auf der UN-Kli­ma­kon­fe­renz in Sharm el-Sheik bis­her nicht geklärt, wie auch so vie­les ande­re nicht.
Was zwar nicht hier aber fast heu­te (über­mor­gen) beginnt: die Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft der Män­ner in Katar. Ein lei­der depri­mie­ren­des Ereig­nis, denn noch nie wur­de uns im Fuß­ball so völ­lig unge­niert und men­schen­ver­ach­tend die Macht des Gel­des vor­ge­führt, mit all den Toten, auf deren Rücken die­se wun­der­schö­nen Wüs­ten­sta­di­en gebaut wur­den … und nicht ein­mal das ame­ri­ka­ni­sche Bud­wei­ser wird ver­kauft, wie gera­de bekannt wur­de, obwohl es doch ver­spro­chen wor­den war. Es wird kein Bier rund um die Sta­di­en geben. Nur die VIPS in ihren Loun­ges dür­fen sich mit teu­ren Alko­ho­li­ka legal besau­fen. Ob das Ver­spre­chen, LGBTQ+-Personen unbe­hel­ligt zu las­sen, auch gekippt wird? Bes­ser, man lässt es nicht dar­auf ankom­men.
Dies­mal wird es kein Pani­ni­al­bum geben, das ich gemein­sam mit mei­nem Sohn voll­kle­be. Auf dem Sofa sit­zend, die Spie­le ver­fol­gend, die Dop­pel­ten und Drei­fa­chen aus­sor­tie­rend, wobei ich von ihm abge­prüft wer­de, was ihm einen wahn­sin­ni­gen Spaß macht, er lobt mich, wenn ich rich­tig ant­wor­te, und schüt­telt resi­gnie­rend den Kopf, wenn falsch (was öfter vor­kommt). Prü­fungs­stoff sind die teil­neh­men­den Län­der, die Team­ka­der der gro­ßen Fuß­ball­na­tio­nen, die Trai­ner, die aktu­el­len und frü­he­ren Ver­ei­ne der Spie­ler (der mir bekann­ten wohl­ge­merkt, mein Sohn weiß näm­lich, wel­che Spie­ler ich ken­ne und wel­che nicht, nur sel­ten kann ich ihn über­ra­schen), ihre Posi­ti­on oder auch pri­va­te Skan­da­le wie Füh­rer­schein­ent­zug oder zu vie­le Par­tys gefei­ert. Der Stoff ist schier unend­lich. Der Hund bellt wie­der.

Die­se Geschich­te wird es nicht geben.

 

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Lin­da Stift, gebo­ren 1969 in Wagna/Steiermark; Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik in Wien. Autorin und Redak­teu­rin, lebt in Wien. Zahl­rei­che Ver­öf­fent­li­chun­gen in Antho­lo­gien und Lite­ra­tur­zeit­schrif­ten. Bücher: King­peng, Roman (Deu­ti­cke 2005), Stier­hun­ger, Roman (Deu­ti­cke 2007), Alle Wege, Antho­lo­gie, Hrsg. (Son­der­zahl 2010), Kein ein­zi­ger Tag, Roman (Deu­ti­cke 2011), Unter den Stei­nen, Erzäh­lung (Han­ser Box 2015, E‑Book). Seit 2018 Redak­teu­rin des „Spec­trum“ der Tages­zei­tung Die Pres­se.

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Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 23. Dezem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 30. Dez. 2022