Bühnenerfahrung

Von Karin Pesch­ka. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“
Karin Peschka © Raphael Gabauer

Karin Pesch­ka. Foto: Rapha­el Gabau­er

Frau X wird auf die Büh­ne geho­ben. Im ers­ten Moment kennt sie sich nicht aus. Wo sie ist und war­um. Aber, letzt­lich hebt man sie auf die Büh­ne. Hun­der­te Hän­de. Ist kurz zuvor hin­ten gestan­den, am Rand der Men­ge, ein wenig abseits. Frau X legt kei­nen Wert auf Gedrän­ge, nie. Im Gedrän­ge, fin­det sie, sieht man nichts. Oder nur Tei­le des Gan­zen. Einen Musi­ker­kopf. Eine in die Luft geschwun­ge­ne Gitar­re. Bei ande­ren Anläs­sen ande­res: Schei­tel, Nasen, ver­husch­te Bewe­gung. Die gro­ßen Bild­schir­me links und rechts der Büh­nen, die­se auf­ge­wür­fel­ten Moni­to­re, sind nicht bes­ser.
Frau X ach­tet immer auf Abstand, seit jeher. Bei Kon­zer­ten, poli­ti­schen Kund­ge­bun­gen, in der Bäcke­rei, in Buch­hand­lun­gen, im Schwimm­bad, auf Demons­tra­tio­nen, die sie besucht, um teil­zu­neh­men. Um sich durch die Teil­nah­me vom Gefühl der Hilf­lo­sig­keit zu distan­zie­ren. Was gelingt, wenn rund um sie Raum ist. Wenn die Men­schen freund­lich blei­ben und ande­re Men­schen dazu brin­gen, aus Fens­tern zu win­ken. Freu­de und Wut, gemein­sam for­mu­liert: Frau X ist durch­aus imstan­de, Pro­test­ge­sän­ge anzu­stim­men. Sie kann auf zwei Fin­gern pfei­fen und tut es manch­mal im Hoch­ge­fühl.
Frau X ist eine tem­po­rä­re Mit­läu­fe­rin, die sich, sobald der Zug zum Ste­hen kommt, sobald Reden geschwun­gen wer­den (wie Gitar­ren auf Kon­zert­büh­nen), einen siche­ren Platz sucht, eine Haus­mau­er, einen Haus­ein­gang, einen Trep­pen­ab­satz, ein Stra­ßen­eck, wo sie unter dem blau­en Schild, das den Stra­ßen­na­men ver­rät, mit Son­nen­bril­le und schma­len Lip­pen lauscht. Die raue Struk­tur der Mau­er im Rücken, mit Glück von der Son­ne ange­wärmt.
Die schma­len Lip­pen sind ihr ange­bo­ren, haben nichts Sinn­li­ches, nichts Schie­fes, blei­ben ohne Far­be, weil: Wofür? Die Mög­lich­keit, eines Tages von hun­der­ten Hän­den vom hin­te­ren Rand einer Men­ge über die­se getra­gen zu wer­den und auf die Büh­ne gestellt, hat sie nicht bedacht.
Sie trägt ihre Son­nen­bril­le, die beim Distanz­hal­ten hilft. Sie trägt Skin­ny-Jeans und Turn­schu­he, also Snea­k­er, und ein T‑Shirt. Ihre leich­te, knie­lan­ge Jacke fiel, wie ihre Tasche, in eine der frem­den Hän­de.
Frau X steht am Büh­nen­rand und blin­zelt durch die getön­ten Bril­len­glä­ser ins Schein­wer­fer­licht. Bis ein Mann ihr auf die Schuh­spit­zen tippt. Er ist groß und bul­lig, sei­ne Glat­ze domi­nant, er sieht aus dem Büh­nen­gra­ben zu ihr hin­auf und deu­tet. Auf etwas, das hin­ter Frau X sein muss. Bewegt auch die Lip­pen, aber der Lärm ist enorm. Man hat ihm hier einen Tram­pel vor die Glat­ze gestellt. Der wie ange­wur­zelt ste­hen bleibt und den Ablauf stört durch Nicht­wis­sen der Gepflo­gen­heit. Das liest Frau X im Mie­nen­spiel des Bul­li­gen. Nein. Das glaubt sie, aus des­sen Mie­nen­spiel zu lesen. Es ist nicht deut­lich.
Sie macht einen Schritt zurück. Die Men­ge, die sie getra­gen hat auf ihren Hän­den, die sie schwe­ben ließ und dazu jubel­te. (Frau X nimmt an, wegen der gemein­sam voll­brach­ten Akti­on, jeman­den von ganz hin­ten nach ganz vor­ne zu ver­set­zen, zu ver­stel­len eigent­lich.) Die­se Men­ge ver­stummt, das lau­te Reden und Mur­meln und die ver­ein­zel­ten Pfif­fe, es wird still. Wirkt in Frau X nach, das Schwe­ben, der Klang­tep­pich dar­un­ter und dar­über im Wider­hall. Die Berüh­run­gen am gan­zen Kör­per. Hän­de am Hin­ter­kopf, am Gesäß, an den Schul­tern, auf der Rück­sei­te der Ober- und Unter­schen­kel. Zwi­schen den Bei­nen? Hat­ten sich Fin­ger nach vor­ne ver­irrt, zu den Brüs­ten? Sie könn­te es nicht sagen.
Ein Sport-BH hält alles an sei­nem Platz, sie mag die Enge, das gute Gefühl, ver­packt zu sein. Solan­ge, bis sie daheim die Tür hin­ter sich schließt und ihr im sel­ben Moment die Luft weg­bleibt, eine Selt­sam­keit. In ihrer Woh­nung muss sie umge­hend aus dem BH schlüp­fen, noch bevor sie den Schlüs­sel an sei­nen Haken gehängt hat. An die­se Marot­te denkt sie und wun­dert sich, wor­in sie begrün­det ist, ob ihr buch­stäb­lich die Luft weg­blie­be, behiel­te sie den BH in der Woh­nung an, oder ob sich hier blo­ße Gewohn­heit mit Ein­bil­dung ver­knüp­fe und dem oft vor Freun­din­nen wie­der­hol­ten Bekennt­nis, dass das ers­te, was sie sich vom Leib rei­ße nach einem Arbeits­tag, der BH wäre. Noch vor dem Schlüs­sel­auf­hän­gen, wisst ihr? Noch bevor ich mir die Schu­he aus­zie­he.
Eine ver­bind­li­che Anek­do­te? Ver­bind­lich im Sin­ne von: sorgt immer für Zustim­mung und Einig­keit?
Dass sie sich über ihr pri­va­tes Ver­hal­ten wun­dert, fin­det sie unpas­send, denn sie steht auf einer Büh­ne und soll­te sich eher dar­über wun­dern. Ein Ersatz­wun­dern, denkt sie sich. Und dass man dar­aus auf eine Nei­gung zur Abwe­sen­heit schlie­ßen kön­ne.
Die völ­li­ge Stil­le lässt sie auf­hor­chen, lässt Frau X die Ohren öff­nen, lässt sie zurück­kom­men aus der Woh­nung in die Gegen­wart, die eine Büh­ne ist und ein unver­hoff­tes Auf­tre­ten.
Frau X schiebt die rech­te Hand in den T‑Shirt-Aus­schnitt, auf Höhe des Schlüs­sel­beins. Fühlt nach dem Sport-BH-Trä­ger, er sitzt, wo er sit­zen soll. Fühlt vor allem aber die eige­ne war­me Haut. Und fin­det das beru­hi­gend. Liegt des Nachts so im Bett, eine Hand auf dem Bauch oder dem Ober­schen­kel, unter den Pyja­ma­ho­sen­bund gescho­ben. Auf die­se Wei­se spürt sie sich und kann ein­schla­fen.
Frau X auf der Büh­ne. Beschat­tet ihre Augen. Wie auf ein ver­ein­bar­tes Zei­chen hin setzt sich etwas in Bewe­gung. Wer­den Schein­wer­fer umge­steu­ert, ver­brei­tern das Licht, ver­än­dern die Far­be von Blend­weiß in Warm­gelb.
Durch den Weg­fall der Blen­dung soll­ten nun gro­ße Tei­le des Publi­kums zu sehen sein, schätzt Frau X und nimmt die Son­nen­bril­le ab, um die Schät­zung zu veri­fi­zie­ren. Setzt die Bril­le wie­der auf, als ihr ein­fällt, die Tasche ist weg, mit ihr das Etui mit der nor­ma­len Bril­le. Da sie stark kurz­sich­tig ist und die Glä­ser der Son­nen­bril­le optisch sind, wür­de sie ohne die­se nichts sehen. Nicht den bul­li­gen Mann, der sich abge­wandt hat und die Men­ge beob­ach­tet, als einer von meh­re­ren Män­nern, in gleich­mä­ßi­gen Abstän­den ste­hend, alle­samt so groß und kräf­tig gebaut wie die­ser ers­te. Nicht die hüft­ho­he Absper­rung, an die sich – vier bis fünf Meter von der Büh­ne ent­fernt – die vor­ders­te Rei­he der Men­schen drängt. Nicht deren Gesich­ter, neu­tral im Aus­druck, aber bereit zum Kip­pen in Freu­de, in Hohn, in Ach­tung, in Ent­täu­schung, in Lan­ge­wei­le, in Unge­duld, in Ver­eh­rung, in Begeis­te­rung.
Hat genug Men­gen beob­ach­tet, Frau X, um die­se Bereit­schaft zu bemer­ken, durch das getön­te Glas, mit zusam­men­ge­press­ten, schma­len Lip­pen, ohne ihre Tasche und ohne die knie­lan­ge Jacke, deren Zweck ist, den Kör­per zu umhül­len. Ihre Hüf­ten sind brei­ter als ihre Schul­tern, wes­we­gen sie einst von einer Stil- und Farb­be­ra­te­rin ange­wie­sen wur­de, weit schwin­gen­de Klei­der eng anlie­gen­den vor­zu­zie­hen und Röcke zu ver­mei­den. Die Stil- und Farb­be­ra­tung war ihr als Gra­tis-Ser­vice in der Bou­tique einer Klein­stadt ange­bo­ten wor­den, in der sie auf Besuch gewe­sen war. Sie hat­te im Schau­fens­ter ein Kleid gese­hen, das ihr gefiel. Grün und blau und kör­per­nah geschnit­ten. Kräf­ti­ge, schö­ne Far­ben. Die Stil- und Farb­be­ra­te­rin riet jedoch zu zar­tem Pas­tell, alles ande­re mache sie blass. Hielt Tücher an ihr Gesicht, hat­te einen Kof­fer vol­ler Tücher dabei, eine unend­li­che Aus­wahl an Mus­tern, groß und klein und quer und schraf­fiert und Vögel und Blu­men und Anker in Gold.
In Gold, sagt Frau X und sagt es laut. Hebt ein Mur­meln an, ein Fra­ge­zei­chen über der Men­ge. Stel­len sich ein­an­der Unbe­kann­te die Fra­ge: Was hat sie gesagt, haben Sie es ver­stan­den? Erhe­ben sich jun­ge Frau­en aus dem Meer der Köp­fe, wer­den von jun­gen Män­nern auf die Schul­tern genom­men, denn nun gin­ge es los, nun wer­de es span­nend. Mur­ren dahin­ter wel­che, deren ein­ge­schränk­tes Sicht­feld zusätz­lich ein­ge­schränkt wird, man steht (end­lich) wie­der dicht an dicht. Wach­sen aber mehr und mehr jun­ge Frau­en aus dem Meer der Köp­fe, man­che hal­ten Dosen­bier in der Hand.
Frau X staunt über die Qua­li­tät ihrer Bril­le, die Opti­ke­rin hat recht, sie sind noch gut. Sie hal­ten ein wei­te­res Jahr oder zwei, ihre Augen sind nicht schlech­ter gewor­den. Ein ande­rer Opti­ker hät­te Ihnen neue Bril­len ein­ge­re­det, sag­te die Opti­ke­rin, wäh­rend sie eine ihrer Ansicht nach zu locke­re Schrau­be an einem Bügel fest­zog. Danach rei­nig­te sie die Glä­ser pro­fes­sio­nell.
Strei­fen­frei.
Sagt Frau X und wie­der sagt sie es laut. Nach Gold senk­te sich ein Mikro­phon vor ihre Nase, es bau­melt hin und her. Das Strei­fen­frei geht durch Mark und Bein, da der Ton erst ein­ge­stellt wer­den muss. Spon­ta­ne Ver­stel­l­ak­tio­nen wie die­se, die Frau X auf eine Büh­ne ver­stell­setz­te, bie­ten kei­ne Zeit für Ton­pro­ben. Das Quiet­schen und Knar­zen, bei dem sich das Publi­kum biegt und stöhnt: Die unan­ge­neh­men Geräu­sche sind gera­de­zu der Beweis für die Spon­ta­nei­tät der Akti­on.
Wo ist sie hin­ein­ge­ra­ten? Frau X über­legt ange­strengt. Wie hat der Tag begon­nen, der hier, auf die­ser Büh­ne, nicht endet, aber inne­hält.
Frau X neigt zum poe­ti­schen Den­ken, zum Träu­men mit geschlos­se­nem Mund. Neigt dazu, das gedach­te Gemal­te in sich zu behal­ten, aus Höf­lich­keit. Es gab Anläs­se, Lern­pro­zes­se. Ver­wir­run­gen, weil immer, nein, das ist gelo­gen, nicht immer. Weil oft die Zuver­läs­sig­keit der Über­set­zung fehlt. Tau­meln ihr Bil­der durch den Sprach­kopf oder das Sprach­herz oder den Sprach­bauch. Und wird sie dann gefragt nach Kon­kre­tem. Einer Mei­nung. Einem Stand­punkt. Einer Hal­tung. Herr­je. Weiß Frau X immer, was sie aus­drü­cken will. Denkt über alles lan­ge nach, ist mit sich selbst im rei­nen, im kla­ren Ver­ständ­nis, und wenn nur dar­über, nicht sicher zu sein. Etwas nicht fas­sen zu kön­nen.
Kommt eine Fra­ge, auf die sie mit gro­ßer Gewiss­heit eine Ant­wort hat. Dann ist es eben nicht eine Ant­wort, son­dern ein Strom an Ant­wor­ten im Wör­ter­bauch oder ‑kopf oder ‑hals oder ‑herz. Dann gelingt es Frau X sel­ten und wenn, mit gro­ßer Anstren­gung und Kon­zen­tra­ti­on, die­sen Strom zu bän­di­gen und tat­säch­lich eine Ant­wort zu geben. Eine. Nicht zwan­zig. Um sich dann zurück­zu­leh­nen, die Bei­ne über­ein­an­der­ge­schla­gen, die Hän­de breit auf den Arm­leh­nen eines beque­men Möbels, dane­ben ein Tisch­chen mit einem Glas Was­ser. Gegen­über im Rund die ande­ren Dis­ku­tan­tin­nen und Dis­ku­tan­ten, die Mode­ra­to­rin, die bei­fäl­lig nickt, das klug Poin­tier­te wir­ken lässt, den Faden auf­greift, wäh­rend der Wör­ter­strom in Frau X schwankt und steigt und fällt mit dem Puls­schlag.
Jemand schreit. Mach end­lich! Schreit es. Frau X ist nicht in einer der Dis­kus­si­ons­run­den gelan­det, die sie sich in Online-Media­the­ken ansieht. In die sie sich hin­ein­träumt mit einer erträum­ten und daher jeder­zeit abruf­ba­ren Elo­quenz, die ihr logisch erscheint (im Traum), wo ihr doch beim Gehen durch die Stadt all die Ant­wor­ten auf all die Fra­gen ein­fach pas­sie­ren. Sich for­men und gut sind. Dar­auf war­ten, aus­ge­spro­chen zu wer­den. Die beim War­ten und Gehen durch das stän­di­ge Hin­zu­fü­gen neu­er Wort­Satz­Bil­der in Unord­nung gera­ten. Und sich zu einem Knäu­el ver­fil­zen. Einem Wort­ge­wöll.
Einem Filz.
Sagt Frau X. Filz. Sagt es auf der Büh­ne, in das Mikro­phon vor ihrer Nase, das mitt­ler­wei­le von der Ton­tech­nik ein­ge­stellt wur­de. Kommt zum war­men Schein­wer­fer­licht die war­me Klang­far­be ihrer Stim­me, in die­ser war­men Spät­som­mer­abend­nacht. Alles zusam­men hat etwas Beru­hi­gen­des. Hält die Unru­he auf, die schon da ist, aber noch schwach. Filz ist nicht das rich­ti­ge Wort, um eine Unru­he klein zu hal­ten. Schon steigt Zustim­mung. Gold und Strei­fen­frei sind harm­los im Ver­gleich zu Filz. Bei Filz füh­len sich eini­ge ange­spro­chen, rufen laut: Stimmt! Ein Filz ist alles!
Das meint Frau X nicht. Sie meint gar nichts. Sie ist aus dem Haus gegan­gen, um sich zu bewe­gen. Um die inne­re Bewe­gung durch die äuße­re zu besänf­ti­gen. Um sich die­se Sanft­heit zunut­ze zu machen. Sie ging, die Luft mild, die Schat­ten lang, der Asphalt duf­tig. Sie geriet in ein Trei­ben und ließ sich mit­t­rei­ben. Kam an einem Rand zu ste­hen und lausch­te, ohne zu lau­schen. Wur­de erst von einem Such­schein­wer­fer erfasst, dann von frem­den Hän­den. Ver­steif­te sich unter der Berüh­rung.
Frau X ist zu höf­lich, um sich zu weh­ren.
Ist zu höf­lich, um der Farb- und Stil-Bera­te­rin zu wider­spre­chen.
Um die Opti­ke­rin dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Bril­len­bü­gel nun der­art fest sit­ze, dass sie Kopf­schmer­zen bekä­me.
Um dem Bul­li­gen auf die Fin­ger zu tre­ten als Reak­ti­on.
Aber ist reflek­tiert genug, um ihre Höf­lich­keit als das zu erken­nen, was sie ist: ein Abstand­hal­ter.
Jemand in Büh­nen­nä­he ver­sucht, einen Sprech­chor zu initi­ie­ren. Filz, Filz, Filz, ruft er und klatscht drei Mal fest in die Hän­de. Filz-Filz-Filz-pat-pat-pat. Er wie­der­holt und wie­der­holt es. Filz-Filz-Filz-pat-pat-pat. Bis die ers­ten ein­stim­men. Mit­fil­zen. Mit­klat­schen.
Der mage­re Sprech­chor ver­siegt. Frau X hat die Hand geho­ben. Hält sie zögernd einen Moment in der Luft. Rückt sich die Son­nen­bril­le zurecht. (Aus kei­nem ande­ren Grund hat­te sie die Hand geho­ben.) Beugt sich vor, sieht in die Men­ge. Ver­sucht, die Gesich­ter zu lesen; dass es ihr schwer fällt, kann nicht an der Schär­fe der Glä­ser lie­gen. Mög­lich, Mas­ken­haf­tes ist zurück­ge­blie­ben als Resul­tat der Zeit. Sieht jun­ge Frau­en auf den Schul­tern jun­ger Män­ner, von denen eini­ge vor Anstren­gung schwan­ken, die Wan­gen hoch­rot. Frau X beob­ach­tet, wie sie in die Knie gehen und ihre Frau­en abstei­gen las­sen. Ande­re hal­ten durch. Beson­ders ein Paar, in schrä­ger Linie von der Büh­ne nur weni­ge Kopf­rei­hen ent­fernt. Sie sehen ein­an­der an, die Frau auf den Schul­tern des Man­nes und Frau X.
Sech­zig Sekun­den oder län­ger.
Soviel Frei­heit, denkt Frau X, soviel Chuz­pe, sich ohne Rück­sicht auf ande­re bes­se­re Sicht zu ver­schaf­fen. Wie benei­dens­wert arro­gant. Weil sie. Hät­te nie.
Aber wenn sie sich auf die­se eine jun­ge Frau kon­zen­trier­te. Sich vor­stel­len wür­de, mit ihr im Gespräch zu sein. Rede und Gegen­re­de, Fra­ge und Ant­wort. (Frau X gibt immer Ant­wort.) Dabei, denkt sie in Rich­tung der Frem­den, dabei deren Mimik stu­die­ren. Die Ver­en­gung der Augen für die Dau­er einer Mil­li­se­kun­de, das kaum wahr­nehm­ba­re Zucken der Mund­win­kel. Eine Ges­te, Fin­ger vor den Lip­pen, das Nei­gen des Kop­fes, das über­be­ton­te Aus­at­men zum Geduld­fas­sen mit der Sprach-Umständ­li­chen. All das hilft. Signa­le, die den Wör­ter­strom lei­ten und zügeln und die Schleu­sen kon­trol­lie­ren.
Signa­le, sagt Frau X laut.
Und über­legt, nach wie vor im Blick­kon­takt mit der jun­gen Frau, wor­über sie mit ihr spre­chen könn­te. Über das, was hin­ter ihnen liegt, über anhal­ten­de Ver­wir­rung und wirt­schaft­li­che Fol­gen und Gewin­ner und Ver­lie­rer. Über den Femi­zid? Wir könn­ten, denkt Frau X, über Poli­tik dis­ku­tie­ren, Gren­zen als rea­les oder mora­li­sches Kon­strukt erken­nen und dekon­stru­ie­ren. Wir könn­ten uns warm reden (aus der Star­re reden), über­le­gen, ob Kri­sen einen Lern­ef­fekt nach sich zie­hen, den Zynis­mus aus die­ser Aus­sa­ge fil­tern, und uns fra­gen, ob es einen All­tag gibt. Wie sich der Natio­na­le­go­is­mus hin­ter welt­weit gehyp­ten Hash-Tag-Paro­len ver­ber­gen kann wie ein Kind, das Ver­ste­cken spielt, indem es sich die Augen zuhält, oder wie Erwach­se­ne, die vor­ge­ben, die­ses Kind aus genau die­sem Grund zu über­se­hen. Ob das Wort sys­tem­re­le­vant mehr ist als eine Hül­se, als ein Framing, als ein Vor­wand, als ein.
Der Mann geht in die Knie, die jun­ge Frau ver­schwin­det. Der Blick­kon­takt bricht ab.
Ein Signal?
Hier. Sagt der Bul­li­ge im Büh­nen­gra­ben. Klopft auf die Bret­ter, damit Frau X ihn bemerkt. Am Büh­nen­rand: ihre Tasche, dane­ben die knie­lan­ge Jacke.
Abgang. Sagt der Mann. Schnipst mit den Fin­gern, das Licht geht aus, ein Such­schein­wer­fer fährt über der Men­ge hin und her, im Zick­zack, vor und zurück, es wird gekreischt und geju­belt und gelacht.
Im Schat­ten der nun dunk­len Büh­ne schlüpft Frau X in ihre Jacke, nimmt aus der Tasche das Etui, aus die­ser die nor­ma­le Bril­le, ver­staut die Son­nen­bril­le, schließt die Tasche und geht vor­sich­tig ab, mit dem Gefühl, viel gesagt zu haben, aber wie­der nur sich selbst.
Auf dem Heim­weg zirpt es, ist Frau X froh, sich die Pein­lich­keit erspart zu haben, auf zwei Fin­gern zu pfei­fen, da es sel­ten auf Anhieb gelingt. Je näher sie ihrer Woh­nung kommt, des­to enger scheint ihr die Brust zu wer­den.

(Gezeich­net: Frau X)

* * *

Karin Pesch­ka, gebo­ren 1967, auf­ge­wach­sen in Ober­ös­ter­reich. Lebt und arbei­tet in Wien. Bis­her bei Otto Mül­ler, Salz­burg, erschie­ne­ne Bücher: Wat­schen­mann (Roman, 2014), Fan­ni­Pold (Roman, 2016), Auto­ly­se Wien (Erzäh­lun­gen, 2017), Putzt euch, tanzt, lacht (Roman, 2020) Web­sei­te: http://peschka.at

* * *

„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 20. August 2021

Zuletzt geän­dert: 20. Aug. 2021