Atemlos ausgeklinkt

Von Jut­ta Trei­ber. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“
Jutta Treiber © Hans Peter Treiber

Jut­ta Trei­ber. Foto: Hans Peter Trei­ber

Mein Sohn will sich das Leben neh­men, der Gedan­ke schießt in mei­nen Kopf, hakt sich fest, bohrt sich tief in mein Hirn, dunk­le Novem­ber-Coro­na-Nacht, ich sit­ze auf der Ter­ras­se, Rauch­krin­gel über dem Rot­wein­glas, das Leben ist schon seit lan­gem nur mehr mit viel Rot­wein zu ertra­gen, wobei Coro­na in die­sem Jahr mein gerings­tes Pro­blem war und ist, seit Sep­tem­ber spü­re ich die Wol­ken der Depres­si­on, die über ihn, mei­nen Sohn Ari­an, her­ein­zie­hen, anfangs noch luf­tig und licht­grau, spä­ter dich­ter und dun­kel­grau, jetzt schwarz und schwer, ich habe ihm ange­bo­ten, in mei­nem Haus zu woh­nen, so wie im Früh­ling und im Som­mer, als das Leben zuerst blei­schwer war und dann, plötz­lich, wie durch ein Wun­der, aber es war ein Wun­der der Tech­nik, schwe­re­los wur­de, feder­leich­te Som­mer­aben­de und Lachen beim Wer­be­fern­se­hen, ich habe ihn gebe­ten, mich anzu­ru­fen und mir Bescheid zu geben, ob er mein Ange­bot anneh­men wol­le, denn es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, und es ist schon gar nicht gut, dass der depres­si­ve Mensch allein sei, aber er hat nicht ange­ru­fen, und am nächs­ten Tag konn­te er sich nicht erin­nern, dass ich ihn dar­um gebe­ten hat­te, er konn­te sich an gar nichts erin­nern, außer viel­leicht an sei­ne eige­ne Trau­er und sei­ne Schuld­ge­füh­le, alles ver­schlos­sen hin­ter einem ver­sie­gel­ten Mund, scharf­kan­ti­ge Bil­der von Ari­an und Selbst­ver­let­zung krie­chen in mei­nen Kopf, war­um gehe ich nicht ein­fach hin­un­ter in sein Haus und schaue nach dem Rech­ten, aber da ist sie wie­der, die­se immer­wäh­ren­de Grenz­li­nie, auf der ich mich bewe­ge, die­se schma­le Schwe­be­bal­ken­li­nie, Zir­kus­seil­li­nie, von der man so leicht abstür­zen kann, die Linie zwi­schen Schutz, Ari­an nennt es Kon­trol­le, und Frei­las­sen, ich kann doch einen über 50-jäh­ri­gen Mann nicht bemut­tern als wäre er ein klei­nes Kind, das hat er mir schon viel zu oft vor­ge­wor­fen im Lauf sei­nes Lebens, aber darf ich ihn frei­las­sen, wenn ich spü­re, dass das in sei­nen Frei­tod füh­ren könn­te, wobei … frei …, ich bete zu irgend­ei­nem unde­fi­nier­ten Gott, er möge Ari­an die­se Nacht über­ste­hen las­sen, und mor­gen wür­de ich ihn unter irgend­ei­nem Vor­wand in mein Haus locken und nicht mehr gehen las­sen, mor­gen, den­ke ich, hof­fent­lich ist es dann nicht zu spät, noch ein Glas Rot­wein, noch zwei Ziga­ret­ten, ich bin ein Idi­ot, war­um tue ich nichts, ich stie­re ins Rot­wein­glas, es ist leer, ich fül­le es nach, zum wie­viel­ten Mal, mein Ober­kör­per schwankt, in so einem Zustand kann ich nicht in Ari­ans Haus gehen, viel­leicht bil­de ich mir alles nur ein, viel­leicht schläft er und ich wür­de ihn nur unnö­tig beun­ru­hi­gen, oder ich wür­de aus­flip­pen und mit ihm strei­ten, ich habe in den letz­ten Mona­ten zu viel Kraft ver­braucht, mein Akku ist leer, ich soll­te ihn anders auf­fül­len als mit Rot­wein, Rot­wein im Kör­per ist ein leicht ent­flamm­ba­rer Brenn­stoff. (…)

Dabei hat das Jahr 2020 geschäft­lich sehr gut begon­nen, im Jän­ner und Feber hat­ten wir mehr Besu­cher als im sel­ben Zeit­raum des Vor­jah­res und waren vol­ler Hoff­nung auf ein erfolg­rei­ches Kino­jahr, was mir aller­dings Sor­gen berei­te­te war, dass Ari­an extrem ange­spannt und ange­strengt wirk­te, er saß an der Kino­kas­sa mit stän­dig gerun­zel­ter Stirn, sprach mit zu hoher Stress­stim­me, jede Klei­nig­keit brach­te ihn aus der Fas­sung, auto­ma­ti­sier­te Hand­grif­fe, die er frü­her wie im Schlaf erle­digt hat­te, fie­len ihm so schwer, als wür­de er sie jedes Mal neu erfin­den.

Und dann steht mit einem Mal alles still, ein Virus, aus Chi­na, weit weg zunächst, dann immer näher­kom­mend, schließ­lich auch bei uns, schließ­lich über­all, Virus, Shut­down, Lock­down, Pan­de­mie, Wör­ter, die wir nie zuvor gebraucht haben, wer­den Teil der All­tags­spra­che, das Kino muss schlie­ßen, geplan­te Lesun­gen wer­den abge­sagt, Toch­ter und Schwie­ger­sohn arbei­ten im Home­of­fice, die Enkel­kin­der sind im Distance-Lear­ning und über­haupt auf distance, Kon­tak­te zu den Enkel­kin­dern sind ver­bo­ten, vor allem, um die Groß­el­tern zu schüt­zen, nie­mand fragt mich, ob ich geschützt wer­den will, ich bin über 70, ich habe die bes­te aller Wel­ten erlebt, ich kann gehen, wenn es sein muss. (…)

Ich ver­fol­ge die Coro­na-News im TV, solan­ge bis mir Hören und Sehen ver­geht, wer­de zunächst immer skep­ti­scher den Fall­zah­len gegen­über, beson­ders den Todes­fall­zah­len, Mel­dun­gen wie: „94-Jäh­ri­ger mit Vor­er­kran­kun­gen plötz­lich und uner­war­tet mit Coro­na ver­stor­ben“ las­sen mir die ver­blie­be­nen grau­en Haa­re zu Ber­ge ste­hen, wenn ich an die Gewin­ner die­ser Kri­se, Inter­net­rie­sen, Phar­ma­kon­zer­ne, Plas­tik­in­dus­trie den­ke, wird mir spei­übel, eine Zeit­lang glau­be ich Sprü­che wie: Wo aber Gefahr wächst, wächst das Ret­ten­de auch – und so, kau­fe Klo­pa­pier, nicht so viel wie die ande­ren, aber doch mehr als sonst, wenn die Lage beschis­sen ist, kau­fen die Men­schen Klo­pa­pier, immer­hin bes­ser als Waf­fen, ich räu­me wochen­lang mein Haus auf, ent­sor­ge Ton­nen von Alt­pa­pier in der Alt­pa­pier­ton­ne, schrei­be Hun­der­te von E‑Mails, hal­te Video-Lesun­gen, gebe Video-Inter­views, schnei­de die Rosen, pfle­ge den Gar­ten, put­ze ein biss­chen in Ari­ans Haus her­um, er hat im Klo nicht ein­mal die Was­ser­spü­lung betä­tigt, ich backe Brot, mache Bär­lauch­pes­to, mein Mann und mein Sohn hel­fen mir dabei, Ari­an ist nicht fähig, den Bär­lauch fein zu hacken, ich mache wit­zi­ge Fotos zu ver­ball­horn­ten Film­ti­teln, die sich gleich­zei­tig auch auf den Shut­down bezie­hen, für den Kino­schau­kas­ten und fürs Face­book, damit nicht immer nur die tro­cke­ne Mel­dung „Wegen Coro­na geschlos­sen“ dort auf­scheint, was wenig attrak­tiv ist und schließ­lich zu einem völ­li­gen Des­in­ter­es­se füh­ren wür­de, die Pos­tings wer­den von den Kino­fans hun­dert­fach gelik­ed, man­che schrei­ben wit­zi­ge Kom­men­ta­re dazu, wie: Wel­cher Ver­leih? Wie lan­ge ist die Spiel­zeit? Kann ich Kar­ten bestel­len?, Ari­an schaut auf allen die­sen Fotos ange­spannt und ange­strengt aus, obwohl er sich die größ­te Mühe gibt zu lächeln, ich hat­te so sehr gehofft, dass er sich in den Wochen des Shut­downs ent­span­nen und erho­len wür­de, aber nichts der­glei­chen geschieht, er scheint mir mit jedem Tag noch ange­streng­ter zu sein, als stün­de er unter Dau­er­stress, ich kann es mir nicht erklä­ren, oder eher will ich es mir nicht erklä­ren, denn tief in mei­nem Inne­ren schwelt der Ver­dacht, dass mit sei­nem Kopf wie­der etwas nicht in Ord­nung ist, dass wir wie­der auf die Via Dolo­ro­sa zuge­hen, die sehr lang und sehr stei­nig ist.

Mit­te April habe ich den Gene­ral­putz been­det, das Kino­face­book ist am Lau­fen, Ari­an schaut immer ange­streng­ter aus, mei­ne Näch­te sind von Schlaf­lo­sig­keit und Ängs­ten geprägt, die ich mit mei­nem Mann zu tei­len ver­su­che, ein Ver­such, der kläg­lich schei­tert, sein ein­zi­ger Kom­men­tar ist, Ari­an sei des­halb so nie­der­ge­schla­gen und lust­los, weil ich ihm alles vor­schrei­be und weil ich sowie­so und über­haupt viel zu domi­nant sei, ich hat­te gehofft, dass mein Mann und ich uns in der Zeit des Still­stands wie­der annä­hern wür­den, aber die Ent­frem­dung wird immer grö­ßer, ich beschlie­ße, ihm nichts Wich­ti­ges mehr zu sagen, eines Tages hört Ari­an auf, mir E‑Mails zu schrei­ben, bis­her hat er mir trotz aller Ange­spannt­heit fast täg­lich ein mehr oder weni­ger wit­zi­ges Mail geschickt, da begin­nen sämt­li­che Alarm­si­re­nen in mei­nem Kopf zu schril­len, die Erin­ne­rung an frü­he­re Kopf­ope­ra­tio­nen öff­nen sich, alle zugleich, Ari­an als Baby, nach der ers­ten Ope­ra­ti­on mit einem völ­lig ver­schrum­pel­ten Kopf, Ari­an als Erwach­se­ner, nach der ach­ten Kopf­ope­ra­ti­on in einer schwe­ren post­ope­ra­ti­ven Depres­si­on, mona­te­lan­ges dump­fes Schwei­gen und in mir ein Aggres­si­ons­pe­gel, der nicht einen Mil­li­me­ter hät­te höher stei­gen dür­fen, sonst wäre es zu einer fata­len Explo­si­on gekom­men. (…)

Als er auf­steht, wankt er, und als er dann am Ter­ras­sen­tisch sitzt, droht er plötz­lich vom Ses­sel zu fal­len, ich darf ihn nicht mehr allein las­sen, es ist viel zu gefähr­lich gewor­den, mor­gen muss ich auf der Neu­ro­chir­ur­gi­schen Sta­ti­on im AKH anru­fen und einen Ter­min für ihn aus­ma­chen, ich habe es in der ver­gan­ge­nen Woche schon zig­mal pro­biert, hing aber nur stun­den­lang in der War­te­schlei­fe, nie­mand hob ab, nicht ein­mal zu den ange­ge­be­nen Anmel­de­zei­ten, ich rich­te mei­nem alten Kind ein Bett im Gäs­te­zim­mer her, Ari­an geht früh schla­fen, ich schla­fe nicht, sehe Bil­der von blu­ti­gen Köp­fen, den­ke an den Kopf mei­nes Soh­nes, den acht­mal auf­ge­säg­ten und wie­der zusam­men­ge­flick­ten Kopf, an die­se heim­tü­cki­sche unheil­ba­re Krank­heit, zu viel Gehirn­flüs­sig­keit, die künst­lich abge­lei­tet wer­den muss, und wenn das Ven­til nicht funk­tio­niert und der Über­druck steigt, kann Ari­an nicht ein­mal die ein­fachs­ten Din­ge tun, dann ver­liert er völ­lig die Ori­en­tie­rung, fin­det kaum vom Nach­bar­dorf nach Hau­se, weiß nicht mehr, wie man von einem Rad absteigt, und irgend­wann kann er nicht mehr gehen, nicht ste­hen, nicht sit­zen, nicht essen, nicht trin­ken, nur schla­fen.

Am Mor­gen ist sein Zustand unver­än­dert, wir früh­stü­cken, er will mir Kaf­fee ein­schen­ken, trifft die Tas­se nicht, der Kaf­fee ver­si­ckert im Tisch­tuch, ich rufe im AKH an, bin völ­lig über­rascht, als sich nicht das Ton­band, son­dern eine leib­haf­ti­ge Men­schen­stim­me mel­det. ( …) Die Dia­gno­se ist ein­deu­tig, das Ven­til im Kopf ist kaputt, es habe sowie­so sehr lan­ge gehal­ten, meint der Arzt, mein Sohn habe Glück gehabt, 18 Jah­re, das sei eine lan­ge Zeit, nor­ma­ler­wei­se hal­te es bes­ten­falls 15 Jah­re, beim Ein­gang zur Bet­ten­sta­ti­on wird ein Coro­na­test gemacht, ich muss mich von Ari­an ver­ab­schie­den, ich wer­de ihn auch nach der Ope­ra­ti­on nicht besu­chen dür­fen, kei­nes­falls aber wer­de ich nach Hau­se fah­ren, ich wer­de in der Wie­ner Woh­nung blei­ben, auch wenn ich Ari­an nicht besu­chen darf, falls irgend­et­was pas­siert, bin ich zur Stel­le, die Woh­nung in Geh­di­stanz zum AKH, ein kal­ter Wind bläst, die Stra­ßen men­schen­leer und dre­ckig, Geschäf­te, Restau­rants und Cafés geschlos­sen, mei­ne bes­te Freun­din liegt seit fast 20 Jah­ren auf dem Her­nal­ser Fried­hof, als sie starb, war sie kaum älter als mein Sohn jetzt ist, ich woll­te, ich könn­te sie anru­fen. (…)

Ari­ans Zustand hat sich in den letz­ten zwei Tagen mas­siv ver­schlech­tert, (…) ich muss es ihm sagen, ihn aufs Schlimms­te vor­be­rei­ten, ich habe den Spi­tals­kof­fer gepackt, Ari­an nickt … Wir haben bei­de unse­re Rüs­tun­gen aus Stahl ange­zo­gen … nur mein Mann besitzt kei­ne … ich habe ihn schon lan­ge nicht mehr so ver­zwei­felt gese­hen, und dann, am nächs­ten Tag, das tech­ni­sche Wun­der, das Kopf­ven­til wird umge­stellt, mit­tels eines Magne­ten, von außen, ohne neu­er­li­che Ope­ra­ti­on, ohne dass Ari­an noch ein­mal der Schä­del auf­ge­sägt wird, Kopf­druck weg, Kopf­schmer­zen weg, Müdig­keit weg, alle neu­ro­lo­gi­schen Funk­tio­nen sind mit einem „Dreh“ wie­der da, von die­sem Augen­blick an ist Ari­an wie ver­wan­delt, ein Wun­der, das wir auch am nächs­ten Tag, als wir eine stun­den­lan­ge Wan­de­rung durch die Stadt machen, kaum fas­sen kön­nen.

Nach ein paar guten Tagen zu Hau­se bekommt er eine schwe­re Darm­grip­pe, die ihn wie­der für drei Wochen aufs Kran­ken­bett wirft und sie­ben Kilo Gewicht kos­tet, wäh­rend die­ser gan­zen Zeit (vor und nach Ari­ans Wie­der­ge­burt) haben wir in wochen­lan­ger Arbeit den durch einen Was­ser­scha­den völ­lig mor­schen Fuß­bo­den des Kino­saals reno­viert, 100 Kino­ses­sel wer­den abge­schraubt und zwi­schen den ste­hen­ge­blie­be­nen Rei­hen ver­staut, der Tep­pich­bo­den wird abge­löst, der mor­sche Holz­un­ter­grund bis zur Beton­grund­plat­te abge­tra­gen, der Schutt ent­sorgt, ein neu­er Holz­un­ter­grund auf­ge­baut, ein neu­er Tep­pich­bo­den dar­über­ge­legt, die Ses­sel wer­den wie­der ange­schraubt, das klingt nach einem Spa­zier­gang, ist aber eine lang­wie­ri­ge, müh­sa­me und sehr stau­bi­ge tour de force, die pur­pur­ro­ten Ses­sel von einer dicken Staub­schicht bedeckt, rost­grau, ich habe die Bau­ar­bei­ten koor­di­niert und beauf­sich­tigt, Ari­an hat teil­nahms­los am Ran­de zuge­schaut, wenn er über­haupt dazu fähig war, und als alles fer­tig war, habe ich drei­hun­dert Kino­ses­sel geputzt und alles ande­re auch, und sah danach sel­ber rost­grau aus, nach mona­te­lan­gen zähen Ver­hand­lun­gen hat sich schließ­lich die Ver­si­che­rung gnä­dig bereit erklärt, den Groß­teil des Scha­dens zu bezah­len.

Irgend­wie schaf­fen wir es, Anfang Juli das Kino wie­der zu eröff­nen, es war schwie­rig, das ers­te Pro­gramm zu erstel­len, nach die­ser lan­gen Abs­ti­nenz, aus den Face­book­pos­tings habe ich ein Büch­lein gestal­tet und dru­cken las­sen, ein Bil­der­buch von mir ist in einer mehr­spra­chi­gen Aus­ga­be erschie­nen und in Deutsch­land aus­ge­zeich­net wor­den, bei­de Bücher stel­len wir bei der Eröff­nungs­fei­er vor, die Kino­be­su­cher ver­si­chern uns immer wie­der, wie froh sie über die Wie­der­eröff­nung sind, es ist ein son­ni­ger Tag, leb­haft und bunt, vor dem Kino spielt eine Tromm­ler­grup­pe, Men­schen­men­gen wogen auf der Stra­ße, Ari­an ist gesund, der Lock­down ist vor­bei, alles wird gut, Nach­mit­ta­ge am Pool, kino­freie Som­mer­aben­de auf der Ter­ras­se, wir haben die Anzahl der Spiel­ta­ge redu­ziert, Ari­an muss eine bes­se­re Work-Life-Balan­ce bekom­men, jah­re­lang hat er sie­ben Tage die Woche gear­bei­tet, ohne Pau­se, ohne Ruhe­tag, kaum ein Urlaub, aber jetzt eine ange­neh­me Reduk­ti­on und ein Pro­gramm wie ein Art­house-Kino, wahr­schein­lich das bes­te, das wir jemals hat­ten, mit den wenigs­ten Besu­chern, die wir in einem Juli oder August jemals hat­ten, den­noch schwebt eine Leich­tig­keit über die­sem Som­mer, die­sem Som­mer mit Ari­an, sein Lachen malt Son­nen­krin­gel ins Wohn­zim­mer, sei­ne Kom­men­ta­re machen das Wer­be­fern­se­hen zum Kaba­rett, mei­ne Toch­ter, die Enkel­kin­der, Freun­de kom­men uns besu­chen, man kann sich end­lich frei bewe­gen, es fin­den auch wie­der Lesun­gen statt, mein Mann und Ari­an beglei­ten mich, ein biss­chen Nor­ma­li­tät, und wenigs­tens jetzt ein biss­chen Erho­lung, wenn sie uns in der Zeit des Shut­downs schon nicht ver­gönnt war. (…)

Und jetzt sit­ze ich da, in die­ser dunk­len Novem­ber­nacht, Ari­an will sich das Leben neh­men, ein Gedan­ke, so scharf und spitz wie ein fein­ge­schlif­fe­nes Küchen­mes­ser mit Dia­mant­klin­ge, habe ich Ari­an zu viel zuge­mu­tet, hät­te er nach der Ope­ra­ti­on eine län­ge­re Aus­zeit gebraucht, ist ihm die Arbeit im Kino ganz ein­fach zu viel, ist er aus­ge­brannt, war er in sei­nem Leben immer über­for­dert, habe ich ihn über­for­dert? (…)

Nach der dunk­len Novem­ber­nacht gelingt es mir, Ari­an mit einem guten Abend­essen in mein Haus zu locken, wir essen schwei­gend, räu­men schwei­gend den Tisch ab, dann sit­zen wir auf der Ter­ras­se, Ari­ans Mund noch immer ver­sie­gelt, ich rede auf ihn ein, ich kom­me mir vor wie ein Gra­nit­boh­rer, sto­ße auf undurch­dring­li­ches Gestein, Ari­an schweigt, schweigt beharr­lich, als kön­ne er nie wie­der auch nur einen ein­zi­gen Satz spre­chen, ich spü­re, wie eine unbän­di­ge Wut in mir auf­steigt, ich darf die Beherr­schung nicht ver­lie­ren, ich gebe auf, da öff­nen sich sei­ne Lip­pen, zag­haft, mühe­voll, und stoß­wei­se und in win­zi­gen Häpp­chen gibt Ari­an preis, was ihn in den letz­ten Tagen beschäf­tigt hat und bedrückt, Ideen, die sei­nen Kopf völ­lig kolo­nia­li­siert haben und jeden ver­nünf­ti­gen Gedan­ken unmög­lich machen, ich erfah­re, nach Stun­den, dass er ver­sucht hat, sich mit einem Schal den Hals zuzu­schnü­ren, hat er tat­säch­lich gedacht, er könn­te sich selbst erdros­seln, ich erfah­re, dass er sich in einer die­ser schon sehr kal­ten Novem­ber­näch­te auf den nack­ten Beton­bo­den sei­nes Bal­kons gelegt hat, in der Hoff­nung, er wür­de ein­schla­fen und erfrie­ren, ich bin erschüt­tert, mein Sohn hat tat­säch­lich dar­an gedacht, sich das Leben zu neh­men, mein Gefühl hat mich nicht getäuscht, Gott sei Dank hat Ari­an es so stüm­per­haft gemacht, dass die Ver­su­che nicht geglückt sind, aber grell­ro­te Alarm­zei­chen sind sie alle­mal, genau­so sieht das auch der Arzt (…), als wir gehen, sagt er: „Wenn ich nicht wüss­te, dass er bei Ihnen gut auf­ge­ho­ben ist, wür­de ich Ihren Sohn sta­tio­när auf­neh­men, man darf ihn in die­sem Zustand kei­nes­falls allein las­sen.“ (…)

Der Feber und der März schei­nen mich für die Stra­pa­zen des letz­ten Jah­res ent­schä­di­gen zu wol­len, eine fran­zö­si­sche Über­set­zung eines mei­ner Bücher wird gemacht, der WDR sen­det eine sze­ni­sche Lesung eines mei­ner Tex­te, ich bekom­me einen neu­en Bil­der­buch­auf­trag, mein Mann und ich gestal­ten ein klei­nes Tanz­pro­jekt, eine Arbeit, die uns wie­der näher­bringt, der ORF macht einen Bericht dar­über, Inter­views, Pod­casts und Hör­bü­cher gehen online, und das größ­te Geschenk: Ari­an lächelt, Ari­an lacht, seit Mona­ten zum ers­ten Mal.

Ich atme auf, ich atme durch.

Ari­an ent­rüm­pelt sein Haus, zum ers­ten Mal seit er dort wohnt, macht er es sich zu eigen, gestal­tet es nach sei­nen Wün­schen, mein Mann und Ari­an machen täg­lich einen lan­gen Spa­zier­gang und kom­men ein­an­der so nah wie noch nie zuvor.

Ruhe ist ein­ge­kehrt. End­lich.
Von mir aus kann der Lock­down noch lan­ge dau­ern, für mich hat er eben erst begon­nen.

Wie es wei­ter­ge­hen wird?
Manch­mal den­ke ich, dass ich zu einem nor­ma­len Leben wie in Vor-Coro­na­zei­ten nicht mehr fähig bin, dass ich die­se Hek­tik nicht mehr aus­hal­te, dass ich nicht stän­dig ein­ge­spannt sein will in den Kreis­lauf tau­sen­der Pflich­ten, dass ich nicht mehr im Kino wer­de arbei­ten kön­nen, ich habe alles ver­lernt und ver­ges­sen, der Mega­stress des letz­ten Jah­res hat 90 Pro­zent mei­ner Kopf­da­tei­en gelöscht, alles ist ver­lo­ren, jeden Hand­griff wer­de ich wie­der müh­sam neu ler­nen müs­sen, ich kann den Com­pu­ter nicht mehr hand­ha­ben, kann kei­nen Film mehr laden, ich kann wahr­schein­lich nicht ein­mal mehr die Pop­corn­ma­schi­ne bedie­nen, ich habe mich im letz­ten Jahr, mit Aus­nah­me der vier Mona­te, in denen wir das Kino geöff­net hat­ten, nicht mehr mit neu­en Fil­men beschäf­tigt, auch habe ich das Gefühl, dass Ari­an sehr gut ohne Kino leben kann, dass er end­lich ein wenig Frei­heit erlebt, ich weiß nicht, ob er sich noch jemals vor die­sen Kino­kar­ren span­nen wird, iro­ni­scher­wei­se jetzt, wo alles repa­riert, reno­viert und auf den neu­es­ten tech­ni­schen Stand gebracht ist, jetzt, wo wir viel­leicht zum ers­ten Mal seit Jah­ren ein­wand­frei funk­tio­nie­ren­de Pro­jek­to­ren haben, aber durch die­se lan­ge Zeit des Still­stands, so dank­bar ich wegen Ari­an dafür bin, er und auch ich haben die­sen Still­stand drin­gend gebraucht, ist die Ener­gie ver­pufft, das Feu­er brennt nicht mehr, ich weiß nicht, ob wir das noch auf uns neh­men wol­len, dass wir immer auf die Uhr schau­en müs­sen, von jedem Fami­li­en­fest weg­ren­nen müs­sen, zu jeder ande­ren Kul­tur­ver­an­stal­tung nur allein gehen kön­nen oder uns müh­sam freimachen/freikaufen müs­sen, den Stress von nicht funk­tio­nie­ren­den Com­pu­tern, Maschi­nen, Hei­zun­gen etc. haben wol­len, den Stress von fast lee­ren Kino­sä­len, man steht den gan­zen Tag her­um, ist am Abend hun­de­mü­de, hat das Leben ver­säumt, für nichts, schon nach dem ers­ten Lock­down gin­gen die Besu­cher­zah­len um zwei Drit­tel oder fast drei Vier­tel zurück, und was wird jetzt sein, nach die­sem rie­sig lan­gen Lock­down, wo allen schon alles wurscht gewor­den ist, wo man die gan­ze Ener­gie ver­lo­ren hat und den Glau­ben, dass alles wie­der gut wird, jetzt, wo man sich fragt: Wie lan­ge wird die Kri­se noch dau­ern? Wer­den sich die Leu­te ins Kino trau­en? Und wer­den sie das Kino über­haupt noch brau­chen, nach­dem sie ein Jahr lang sehr viel Zeit vor dem Fern­se­her ver­bracht haben, fast jeder die Diens­te eines Strea­ming­diens­tes in Anspruch nimmt und das Leben ins­ge­samt mehr digi­tal als real gewor­den ist?

Die Big Play­er sind die gro­ßen Gewin­ner die­ser Kri­se.
Sie sind die Gewin­ner in der Kri­se, sie wer­den die Gewin­ner nach der Kri­se sein.
Die klei­nen gehen unter in dem Spiel.
Die Kul­tur ist sowie­so nicht „sys­tem­re­le­vant“.
Sys­tem­re­le­vant sind Essen, Trin­ken, Hygie­ne, ärzt­li­che Ver­sor­gung, Post und Bank, Tabak, Zei­tun­gen, Fern­se­hen und Strea­ming­diens­te, Fri­seu­re und Hun­de­sa­lons.
Wir könn­ten also das sys­tem-irrele­van­te Kino zusper­ren, die letz­te stän­di­ge Kul­tur­ein­rich­tung in unse­rem Dorf, das sich „Stadt“ nennt.
Dann wird es vor­bei sein – mit guten Fil­men, Begeg­nun­gen mit Men­schen, mit gemein­sa­mem Lachen und Wei­nen im Kino­saal, mit Lesun­gen, Dis­kus­sio­nen, Kon­zer­ten, Thea­ter, Kaba­rett … Dann muss man Kul­tur tat­säch­lich müh­sam mit dem Auto er-fah­ren oder ganz dar­auf ver­zich­ten.
Und was geschieht mit Ari­an, wenn er sei­nen bis­he­ri­gen Lebens­sinn ver­liert?
Und was geschieht mit unse­ren frisch reno­vier­ten Rui­nen?

Die zweit­größ­te Kino­ket­te in den USA wird nicht mehr auf­sper­ren.

Der Gesund­heits­mi­nis­ter ist zurück­ge­tre­ten.

* * *

* * *

Jut­ta Trei­ber, geb. 1949, Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik und Anglis­tik an der Uni­ver­si­tät Wien, unter­rich­te­te 15 Jah­re lang am Gym­na­si­um Ober­pul­len­dorf und arbei­tet seit 1976 im Kino Ober­pul­len­dorf mit. Seit 1988 frei­be­ruf­li­che Autorin, schreibt für Men­schen jeden Alters, ihr Werk umfasst mehr als 50 Bücher (Roma­ne, Kin­der­bü­cher etc.), Über­set­zun­gen in 25 Spra­chen, mehr als 3000 Lesun­gen in 22 Län­dern Euro­pas (und Asi­ens), Prei­se (u.a.): Leser­stim­men­preis der Biblio­the­ken, Kul­tur­preis des Lan­des Bur­gen­land, Öster­rei­chi­scher Kunst­preis. Wer­ke für Erwach­se­ne: Solan­ge die Zika­den schla­fen (2021), Halt den Mund, sag­te Mut­ter und dann starb sie (2018), Lie­bes­trom­meln (2012), Fle­ckerl­tep­pich (2010), Die Zeit und Han­nah (2007)

* * *

Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 9. Sep­tem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 10. Sep. 2022