Hier und heute – aber heute heute auch dort

Von Juli­an Schutt­ing. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 76
Julian Schutting © Christoph Luger

Juli­an Schutt­ing. Foto: Chris­toph Luger

Bin doch nicht hier und nicht heu­te
im Kampf um Tro­ja gefal­len, vom einem Hek­tor
zuge­dach­ten Pfeil ins Herz getrof­fen, als wäre
ich der gewe­sen, bin viel­mehr in älte­ren Tagen,
gleich­falls weder hier noch heu­te, an der Sei­te
des Gro­ßen Kur­fürs­ten vom Pferd geschos­sen,
ohn­mäch­tig lie­gen­ge­blie­ben, bin als den Hel­den-
tod Gestor­be­ner sowohl hier als auch heu­te
von Feld­mar­schall von Hin­den­burg gefei­ert wor­den.
hier bin ich, damals war mein letz­tes Heu­te,
von Achil­les, ihm von Athe­nes Hand geführ­tem Pfeil
in den Kopf getrof­fen, hin­ge­sun­ken, ins Schat­ten-
reich abbe­ru­fen wor­den, wo jedem Neu­an­kömm­ling
die Koor­di­na­ten erlö­schen, die zu Fest­stel­lun­gen
wie HIER und HEUTE den Krie­ger gelei­ten.
hier war es, daß ich: HIER und HEUTE? mich
fra­gend, alt erwacht bin, über Nacht geal­tert
(und dabei geblie­ben, und wärs kein Traum gewe­sen).
hier und heu­te, das läßt sich alle Tage sagen,
sofern man gebo­ren wor­den und nicht tot ist.
hier, aller Vor­aus­sicht hier, wer­de ich, nicht andern-
orts, nicht ges­tern, wie befürch­tet, eher mor­gen
als erst heu­te, nicht mehr ein- oder auf­at­men.
werd mich aber (wann?) am Jüngs­ten Tag
(wo?) auf dem Fried­hof, aus dem Fami­li­en­grab
mit allen Auf­er­stan­de­nen erhe­ben.
die Fest­stel­lung HIER und HEUTE setzt Zeit-
und Raum­ge­fühl vor­aus, bei Men­schen aus­ge­präg­ter
als bei Säu­ge­tie­ren. bei Säug­lin­gen so wenig
vor­han­den wie bei den Fischen, wohl aber bei den
Pflan­zen, die ihre Bewe­gun­gen der Son­ne anpas­sen.
Als ich hier und heu­te am Nil spa­zie­re, wird mir
auf der Göt­ter Geheiß der klei­ne Moses zu Füßen
in einem Bam­bus­körb­chen ange­spült, von mir
gebor­gen und groß­ge­zo­gen zu wer­den.
ges­tern, heu­te und mor­gen, die­se Tri­as hat uns
die Logik ein­ge­ge­ben, vor der Zeit der ers­ten
Mond­ka­len­der. und wer HIER sagt,
denkt unbe­wußt ein DORT mit,
ein Irgend­wo, ein Nir­gend­wo.

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Juli­an Schutt­ing, geb. 1937 in Amstet­ten, nach der Aus­bil­dung zum Foto­gra­fen Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik und Geschich­te, anschlie­ßend Lehr­tä­tig­keit. Lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Wien. Seit 1973 ca. 60 Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen und zahl­rei­che Lite­ra­tur­prei­se, 2022 H. C. Art­mann-Preis; schreibt Lyrik, Pro­sa und dra­ma­ti­sche Tex­te. Zuletzt erschie­nen: Unter Pal­men (Jung und Jung, 2018), Win­ter­rei­se (Otto Mül­ler Ver­lag, 2021), Das Los der Irdi­schen (Lite­ra­ture­di­ti­on Nie­der­ös­ter­reich, 2022).

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„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 29. Juli 2022

Zuletzt geän­dert: 29. Juli 2022