Schreiben in der Erregungsröhre

Sol­len Künst­ler zu Wort­füh­rern von Debat­ten wer­den? – Von Julia Scho­ch
Julia Schoch © Ullrich Burkhardt CC BY-SA 4.0

Julia Scho­ch: Wir sind kei­ne Dis­kurs­ge­fä­ße. Foto: Ull­rich Burk­hardt (CC BY-SA 4.0)

Es gab Zei­ten, da wur­de den Schrei­ben­den, ja Künst­le­rIn­nen ganz all­ge­mein ein­ge­flüs­tert, sie wür­den gebraucht, zum Bei­spiel zur Erneue­rung des Den­kens oder gar für den „Auf­bau einer neu­en Gesell­schaft“. Heu­te gibt es natür­lich weder das Bedürf­nis nach der heil­sa­men Beleh­rung durch die Kunst noch „die Gesell­schaft“, die ein sol­ches Bedürf­nis for­mu­lie­ren könn­te oder woll­te und die eigent­lich ohne­hin nur noch in Anfüh­rungs­zei­chen gedacht wer­den kann.

„Es ist eine Nei­gung von Intel­lek­tu­el­len, sich gern in die Mit­te des Lebens­stroms gestellt zu füh­len. Sinn­ge­fühl ist die stärks­te Dro­ge“, schreibt Peter Slo­ter­di­jk.

Wenn dem so ist, und das glau­be ich, ver­steht man, war­um so vie­le Künst­ler das Gleis wech­seln und zu Wort­füh­rern von Debat­ten oder Unter­zeich­nern von Peti­tio­nen wer­den. An den Sinn der schöp­fe­ri­schen Kraft, der Kunst ganz all­ge­mein zu glau­ben, ist der­zeit – mal wie­der, möch­te man fast sagen – nicht leicht. Ange­sichts der äuße­ren poli­ti­schen Umstän­de, dem Druck der Debat­ten, der Erre­gungs­zu­stän­de auf allen Kanä­len und der bei­na­he schon zur Gewohn­heit gewor­de­nen Aus­sichts­lo­sig­keit müs­sen Kunst­schaf­fen­de heut­zu­ta­ge vor allem blind sein. Eine Art von absicht­li­cher Blind­heit. Ja, die kräf­te­zeh­rends­te Auf­ga­be, mit der wir uns her­um­schla­gen müs­sen, besteht im Aus­blen­den des bedrü­cken­den Infor­ma­ti­ons­t­s­una­mis und dem Ein­blen­den oder eher: der Auto­sug­ges­ti­on der eige­nen Bedeut­sam­keit.

1977 tra­ten Frank­reichs Intel­lek­tu­el­le, von Sart­re und de Beau­voir bis zu Ara­gon und Bar­thes, für die Lega­li­sie­rung der Pädo­phi­lie ein.

Dabei half mir in den ver­gan­ge­nen Mona­ten unter ande­rem eine Lis­te, die ich ange­legt habe. In unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den und eher zufäl­lig habe ich AutorIn­nen und ihre Reak­tio­nen auf die poli­ti­schen Zustän­de ihrer jewei­li­gen Zeit notiert.

Ich habe das getan, weil ich mich in mei­ner eige­nen Rat­lo­sig­keit nicht ganz so allein füh­len woll­te.

Die­ses Abglei­chen ist ein natür­li­cher Drang. Man möch­te sehen, wie ande­re es geschafft haben, dem Druck bestimm­ter äuße­rer Umstän­de stand­zu­hal­ten. Viel­leicht will man sich sagen kön­nen: Das jetzt alles ist nur eine Pha­se … Selbst wenn wir wis­sen, dass