Schneestöbern

Von Josef Has­lin­ger. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 115
Josef Haslinger © Regina Hügli

Josef Has­lin­ger. Foto: Regi­na Hüg­li

Wenn es nach Schnee riecht, obwohl er noch nicht da ist. Man spürt ihn kom­men. Und wenn dann wirk­lich ers­te klei­ne Wat­te­bau­schen vom Him­mel fal­len, die laut­los auf der aus­ge­streck­ten Hand lan­den, um kurz ihre kunst­vol­len Kör­per zur Schau zu stel­len und sich dann in Was­ser auf­zu­lö­sen. Als Kind bin ich auf der Fens­ter­bank geses­sen und habe auf die vor­über­zie­hen­den schwar­zen Wol­ken geschaut. Sobald die ers­ten Flo­cken her­ab­tau­mel­ten, lief ich aus dem Haus, um sie zu begrü­ßen. Oft war ich noch in Socken oder bar­fuß.

Ich stell­te mich auf eine Stein­plat­te in der Mit­te unse­res Hofes, leg­te den Kopf in den Nacken und schau­te mit zwin­kern­den Lidern in das Geschwa­der von unzäh­li­gen wei­ßen Pünkt­chen, die aus dem Dun­kel des Him­mels her­austanz­ten und die, sowohl im Vor­bei­flug als auch bei den feder­leich­ten Lan­dun­gen auf mei­nem bald von klei­nen Bächen über­zo­ge­nen Gesicht unend­lich schön waren. Bis ich gezwun­gen war, den letz­ten Spalt der Augen zu schlie­ßen und mei­nen Kopf demü­tig nach vor­ne zu nei­gen. Auf die­se Wei­se habe ich mir die Zehen gefro­ren.

Mei­ne Mut­ter sag­te: Es hat ja damals so viel Schnee gege­ben. Und weil du mir auch immer nach­ge­lau­fen bist. Und wenn ich nur schnell Ofen­holz geholt habe, kaum hab ich mich umge­dreht, bist du schon hin­ter mir im Schnee gestan­den.

Sech­zig Jah­re spä­ter sprach mich beim Begräb­nis mei­ner Mut­ter eine alte Frau mit schwar­zem Kopf­tuch an. Sie merk­te, dass ich sie nicht erkann­te und nann­te ihren Namen.

Die gefro­re­nen Zehen konn­ten mit end­los wäh­ren­den Wech­sel­bä­dern wie­der ins Leben zurück­ge­holt wer­den. Als ich bei einem der vie­len Arzt­be­su­che mit unzu­läng­li­chen Wor­ten dar­über zu kla­gen begann, dass mei­ne Zehen nun­mehr so schreck­lich juck­ten, sag­te der Arzt freu­dig erregt zu mei­ner Mut­ter: Er spricht an. Da freu­te sich auch mei­ne Mut­ter, und ich bekam noch mehr Wech­sel­bä­der. Und dann auch Pelz­schu­he mit Reiß­ver­schluss, für drau­ßen.

Das war dann wohl noch in mei­ner Pelz­schuh­zeit. Wir waren etwa ein Dut­zend Kin­der, die jeden Mor­gen den Berg hin­auf und dann hin­un­ter ins Nach­bar­dorf zur Schu­le gin­gen. An der Dorf­kreu­zung waren die Mit­schü­le­rin­nen und Mit­schü­ler aus allen vier Him­mels­rich­tun­gen zu erwar­ten. Wenn Schnee lag, kamen man­che auch auf ihren Schi­ern. Der ers­te Teil der Stre­cke war dann zwar müh­sa­mer, dafür war die Fahrt ins Nach­bar­dorf hin­un­ter umso schö­ner.

Bei Schnee­fall war ich am liebs­ten allein unter­wegs. Wie die Wäl­der und Wie­sen, die Häu­ser und Gär­ten hin­ter dem wei­ßen Flir­ren ver­schwan­den und die sicht­ba­re Welt immer klei­ner wur­de, bis ich mit mei­nen Schrit­ten und mei­nem Atem allein war. Alle ande­ren Geräu­sche schie­nen jetzt von außer­halb zu kom­men. Der Schnee­fall beglei­te­te mich, als wäre er ein Schutz­schirm, der die Bli­cke und die Schnee­bäl­le der ande­ren von mir fern­hielt. Manch­mal ist die Welt dabei so klein und so unun­ter­scheid­bar weiß gewor­den, dass ich die Ori­en­tie­rung ver­lor und war­ten muss­te, bis ich von denen, die ich die gan­ze Zeit reden gehört hat­te, ein­ge­holt wur­de.

Ein­mal wur­de es, als der Unter­richt schon zu Ende ging, plötz­lich ganz dun­kel. Die Leh­re­rin muss­te die Lich­ter auf­dre­hen. Der Wind bog die Bäu­me nie­der, dann pras­sel­te schlag­ar­tig ein wil­der Eis­re­gen gegen die Fens­ter­schei­ben, der bald in einen Schnee­sturm über­ging. Die meis­ten Schü­ler aus den umlie­gen­den Dör­fern blie­ben in der Schu­le, um das Ende des Unwet­ters abzu­war­ten. Ich mach­te mich auf den Heim­weg. Auf der Stra­ße ver­such­te ich mit der Hand die Augen abzu­schir­men und gegen die auf mich wie Sand ein­pras­seln­den Kör­ner anzu­kämp­fen, wur­de aber schnell umge­bla­sen. Kaum war ich, mit dem Rücken zum Wind, wie­der auf den Bei­nen, wur­de ich erneut zu Boden geschleu­dert. Ich kroch zum Stra­ßen­rand.

Eine ein paar Jah­re älte­re Mit­schü­le­rin aus unse­rem Dorf stieß auf mich, wie ich dort saß, zusam­men­ge­kau­ert, den Kopf zwi­schen den Knien. Sie nahm mich auf die Arme und trug mich, mit mei­nem Gesicht an ihrem Hals, den Berg hin­auf und auf der ande­ren Sei­te bis in unser Dorf hin­un­ter, gegen den tosen­den Schnee­sturm, der kein Ende neh­men woll­te.

Sech­zig Jah­re spä­ter sprach mich beim Begräb­nis mei­ner Mut­ter eine alte Frau mit schwar­zem Kopf­tuch an. Sie merk­te, dass ich sie nicht erkann­te und nann­te ihren Namen. Ich erzähl­te ihr, dass ich oft dar­an den­ken müs­se, wie sie sich damals im Schnee­sturm für mich auf­ge­op­fert habe. Sie erin­ner­te sich an den Schnee­sturm, aber sie erin­ner­te sich nicht dar­an, dass sie mich heim­ge­tra­gen hat.

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Josef Has­lin­ger, geb. 1955 in Zwettl, Nie­der­ös­ter­reich. Zu sei­nen bekann­tes­ten Büchern zäh­len unter ande­rem die Roma­ne Opern­ball (1995) und Das Vater­spiel (2000). Von 1976 bis 1992 war er Mit­her­aus­ge­ber der Lite­ra­tur­zeit­schrift Wes­pen­nest. 1992 war er Grün­dungs­mit­glied der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on SOS Mit­mensch. Zwi­schen 1996 und 2021 lehr­te Has­lin­ger am Deut­schen Lite­ra­tur­in­sti­tut Leip­zig. Zuletzt (2020) erschien bei S. Fischer Mein Fall.

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Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift VOLLTEXT für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 19. Mai 2023

Zuletzt geän­dert: 20. Mai 2023