Das Kinderspiel

Von Ire­ne Diwi­ak. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 60
Irene Diwiak © Leonhard Hilzensauer

Ire­ne Diwi­ak. Foto: Leon­hard Hil­zen­sauer

Heiß ist es im Klas­sen­zim­mer, obwohl die Son­ne bereits unter­geht hin­ter der Sky­line des benach­bar­ten Indus­trie­parks. Sie taucht die über­gro­ßen Papier­buch­sta­ben, den Bun­des­prä­si­den­ten und das Kru­zi­fix an der sonst so kah­len Wand in male­ri­sches Oran­ge-Rosa. Auf den viel zu klei­nen Volks­schul­stüh­len haben sie­ben schwit­zen­de Erwach­se­ne Platz genom­men, zwei Eltern­paa­re und drei Müt­ter. Im Gang drau­ßen haben sie noch gescherzt, gelacht und iro­nisch mit den Schul­tern gezuckt: Nein, wir wis­sen auch nicht, was da genau pas­siert ist. Nein, unser Kind hat uns jeden­falls nichts von irgend­ei­nem Vor­fall erzählt. Ja, wir hät­ten auch Bes­se­res zu tun!

Die Eltern ken­nen ein­an­der flüch­tig. Sie haben Sei­te an Sei­te selbst­ge­ba­cke­nen Kuchen ver­kauft und Kin­der­punsch aus­ge­schenkt bei Schul­fes­ten. Sie haben in den Wohn­zim­mern der jeweils ande­ren geses­sen, an Kaf­fee­tas­sen genippt und übrig­ge­blie­be­ne Tor­ten­stü­cke geges­sen, wäh­rend die Kin­der im Hin­ter­zim­mer noch zehn Minu­ten, bit­te, nur zehn Minu­ten noch!, die brand­neu­en Spiel­zeu­ge des Geburts­tags­kin­des zer­leg­ten. Ihre Kin­der gehen schon das vier­te Jahr gemein­sam in eine Volks­schul­klas­se, und ein wenig weh­mü­tig den­ken die Eltern dar­an, dass sie in ein paar Mona­ten schon getrenn­te Wege gehen sol­len, in unter­schied­li­che Gym­na­si­en oder, Gott behü­te, Neue Mit­tel­schu­len. Wenn die Eltern ein­an­der zufäl­lig im Super­markt begeg­nen, lächeln sie freund­lich und wech­seln ein paar Wor­te.

Jetzt sit­zen sie still, die unan­ge­nehm spitz­wink­li­gen Knie unter den tie­fen Tisch­plat­ten zusam­men­ge­pfercht. Sie haben auf­ge­hört zu scher­zen und sind wie­der kin­der­klein gewor­den, Jesus und der Bun­des­prä­si­dent bli­cken voll Miss­trau­en auf sie her­ab. Herr und Frau Wota­wa tip­pen zwar noch geschäf­tig auf ihren Smart­phones her­um, die gesenk­ten Köp­fe aber wir­ken demü­tig. Frau Ramsl hat am Fens­ter Platz genom­men und strei­chelt die Hand­ta­sche auf dem Schoß wie eine Kat­ze, mit gerühr­ter Mine betrach­tet sie den Son­nen­un­ter­gang. Frau Her­zer strickt, wäh­rend Herr Her­zer ein­zu­ni­cken droht, er ist bereits im Ruhe­stand, sie höchs­tens fünf­zig. Ihre Jüngs­te geht in die­se Klas­se, ein rich­ti­ges „Nach­zü­gerl“, sie haben bereits Enkel­kin­der von den Älte­ren. In der ers­ten Rei­he Mit­te hockt sehr stre­ber­haft auf­recht und auf­merk­sam die Eltern­spre­che­rin Frau Kon­rad und ganz hin­ten im Eck Frau Jago­vič. In Frau Jago­vičs Wohn­zim­mer hat noch nie jemand geses­sen mit übrig geblie­be­nen Geburts­tags­tor­ten­stü­cken, auch an kei­nem Schul­ver­kaufs­stand hat sie sich jemals betei­ligt. Jetzt sitzt sie leicht vor­ne über gebeugt und starrt sie die Tisch­plat­te an, wobei das schwar­ze Haar ihr sträh­nig übers Gesicht fällt wie ein Schlei­er.

Dann tritt die Leh­re­rin ein. Die Leh­re­rin ist eine gut­mü­ti­ge Per­son mitt­le­ren Alters, was die Eltern bis­her als Glücks­fall betrach­tet haben: Der ers­te päd­ago­gi­sche Idea­lis­mus ist bei ihr schon lan­ge ver­klun­gen, aller­dings ist sie zu jung, um in unmit­tel­ba­rer Erwar­tung ihrer bal­di­gen Pen­sio­nie­rung voll­stän­dig zu resi­gnie­ren. Sie hat den Ruf, in unwich­ti­gen Belan­gen manch­mal ein wenig klein­lich zu sein, aber die Kin­der kön­nen sie alle recht gut lei­den.
Die Eltern unter­drü­cken gemein­schaft­lich den Impuls, auf­zu­ste­hen und im Chor „Guten Mor­gen“ zu lei­ern. Die Leh­re­rin grüßt mit freund­li­chem, aber erns­tem Gesicht. Dann fal­tet sie die Hän­de vor ihrem Bauch und räus­pert sich, um gleich in medi­as res zu gehen.

Es habe einen unan­ge­neh­men Vor­fall gege­ben, erzählt sie, und die­ser Vor­fall betref­fe Paul Wota­wa (die Wota­was bli­cken schuld­be­wusst von ihren Smart­phones auf, an denen sie sich fest­kral­len wie an Hal­te­grif­fen in der Stra­ßen­bahn), Cla­ris­sa Ramsl (Frau Ramsl zuckt zusam­men, aus irgend­ei­nem Traum erwacht), Vik­to­ria Her­zer (Frau Her­zer stößt Herrn Her­zer besorgt den Ell­bo­gen in die Sei­te, er ächzt), Ben­ja­min Kon­rad (Frau Kon­rad nickt mit scham­vol­lem und gleich­zei­tig ein wenig kamp­fes­lus­ti­gem Blick) und Kevin Jago­vič (Frau Jago­vič rührt sich nicht). Die Leh­re­rin stockt, dann lässt sie sich auf dem Stuhl hin­ter ihrem Leh­rer­pult nie­der. Sie ist die ein­zi­ge Per­son im gan­zen Raum, die ergo­no­misch kor­rekt wie eine Erwach­se­ne sit­zen darf, auf einer Linie mit Jesus und dem Bun­des­prä­si­den­ten. Die­se Posi­ti­on gibt ihr die end­gül­ti­ge Sicher­heit, die es braucht, um schwie­ri­ge The­men anzu­spre­chen.

Der Holo­caust, sagt die Leh­re­rin lang­sam und gedehnt, indem sie sich zurück­lehnt, der Holo­caust sei ohne Fra­ge ein schwie­ri­ges The­ma. Aber man müs­se beden­ken, dass die meis­ten Kin­der die­ser Klas­se schon sehr bald ein Gym­na­si­um besu­chen wür­den.

Das Wort „Gym­na­si­um“ spricht sie aus, als wäre es etwas Hei­li­ges. Frau Kon­rad nickt mit vor Betrof­fen­heit ganz weit hin­un­ter­ge­zo­ge­nen Mund­win­keln, wäh­rend die Wota­was erleich­tert ihre Köp­fe über die Smart­phone­bild­schir­me sen­ken, denn was mit dem „Holo­caust“ zu tun hat, kann nichts mit ihnen oder ihrem Paul zu tun haben.

Die Leh­re­rin räus­pert sich erneut, dann beginnt sie wie­der zu spre­chen: Sie habe in der gro­ßen Pau­se ein Spiel beob­ach­tet. Es sei ein Spiel zwi­schen Paul, Cla­ris­sa, Vik­to­ria, Ben­ja­min und Kevin gewe­sen. Im ers­ten Moment habe sie es für ein harm­lo­ses Räu­ber-und-Gen­darm-Äqui­va­lent gehal­ten, denn man­che der Kin­der sei­en Jäger, ande­re Gejag­te gewe­sen, so haben sie ein­an­der durch den Pau­sen­hof getrie­ben. Dann aller­dings sei sie ein wenig näher­ge­tre­ten und habe gehört, wie die Jäger nach „Juden­schwei­nen“ such­ten, wäh­rend die Gejag­ten sich vor den „Nazis“ ver­steck­ten.
Frau Kon­rad in der ers­ten Rei­he japst vor Schreck, irgend­je­mand stöhnt, Frau Jago­vič taucht für einen Augen­blick vor dem Haar­vor­hang auf, nur um gleich wie­der dar­in zu ver­schwin­den. Natür­lich habe sie da sofort ein­ge­grif­fen und das Spiel unter­bro­chen, sagt die Leh­re­rin schnell und in beschwich­ti­gen­dem Ton­fall. Sie habe die betrof­fe­nen Kin­der zur Sei­te genom­men und ihnen ruhig, aber bestimmt erklärt, dass die Ver­gan­gen­heit kein Spiel­platz und die Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus nichts, aber wirk­lich gar nichts sei­en, wor­über man spa­ße. Die Kin­der haben mit gro­ßen Augen genickt und alle­samt sehr ein­sich­tig gewirkt.

Na also, murrt Herr Wota­wa.

Nur lei­der habe sich der trau­ri­ge Vor­fall wie­der­holt, fährt die Leh­re­rin etwas stren­ger fort. Einen Tag dar­auf sei näm­lich das ganz glei­che Spiel zu beob­ach­ten gewe­sen. Natür­lich habe sie rasch reagiert und wie­der haben die Kin­der genickt, aber dies­mal mit nicht ganz so gro­ßen Augen und fast mecha­nisch. Und am dar­auf­fol­gen­den Tag habe die Leh­re­rin zu Beginn der gro­ßen Pau­se schon so drin­gend auf die Toi­let­te gemusst, dass sie ein paar Minu­ten spä­ter als sonst am Schul­hof erschie­nen sei. Da habe sie gese­hen, was mit denen pas­sie­re, die erwischt wor­den sei­en.

Frau Ramsl ist blass um die Nase gewor­den und blickt drein, als wür­de sie im Kino einen Thril­ler ver­fol­gen.
…Was denn?, haucht sie mit auf­ge­regt hei­se­rer Stim­me.

Nun, die Leh­re­rin räus­pert sich wie­der und steht auf, nun wird es ihr doch noch unbe­hag­lich auf ihrem Stuhl, sie wan­dert hin­ter dem Leh­rer­pult hin und her.

Die, nun ja, „Nazis“, haben die, nun ja, „Juden“, in, nun ja, „Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger“ gesperrt, mur­melt sie, ohne die Eltern anzu­se­hen.

Was heißt das?, quietscht Frau Ramsl.

Die Gefan­ge­nen sei­en in einen Lehr­mit­tel­schrank gesteckt wor­den, zum Bei­spiel, ant­wor­tet die Leh­re­rin.

Haben wir doch auch gemacht, raunt Herr Wota­wa sei­ner Frau zu, wäh­rend er auf sei­nem Mobil­te­le­fon online ein Akti­en­pa­ket kauft und wie­der ver­kauft, wir haben’s natür­lich anders genannt, aber Mit­schü­ler in den Lehr­mit­tel­schrank ste­cken, das schon…

Frau Ramsl jedoch drückt sich eine Hand aufs Herz und bekommt fast kei­ne Luft mehr bei der Vor­stel­lung ihrer klei­nen, blon­den Cla­ris­sa in einem düs­te­ren Lehr­mit­tel­schrank.

Was heißt hier: Zum Bei­spiel, was denn noch, was denn noch alles?, zetert sie, und Frau Kon­rad springt auf, um ihrer Rol­le als Eltern­spre­che­rin gerecht zu wer­den. Aller­dings weiß sie dann nicht recht, wor­über sie spre­chen soll und zupft schließ­lich nur unbe­hag­lich an ihrer Blu­se her­um.

Die alten, grau­en Her­zers schüt­teln ihre alt­ba­cke­nen Köp­fe.

Die Leh­re­rin atmet tief durch.

Sie habe den Schü­lern und Schü­le­rin­nen immer wie­der erklärt, dass die­ses The­ma kein Spaß sei, ver­si­chert sie, dann aber wird sie nach­denk­lich.

Aller­dings habe sie auch nicht das Gefühl, dass die Kin­der es für einen Spaß hiel­ten, sagt sie nach einer kur­zen Sprech­pau­se. Im Gegen­teil, sie hät­ten es sogar sehr ernst genom­men. Jeden Tag wie­der­hol­ten sie ihr Spiel, aber nicht aus Spaß, son­dern … zwang­haft.

Die Leh­re­rin ist am Fens­ter ste­hen­ge­blie­ben und blickt in die Däm­me­rung hin­aus, wäh­rend sie mit der rech­ten Hand die Per­len ihrer Hals­ket­te durch die Fin­ger lau­fen lässt. Sie hat es noch nie so aus­for­mu­liert, nicht ein­mal in Gedan­ken, aber nun scheint ihr die krank­haf­te Beses­sen­heit, die die­sem Spiel zu Grun­de liegt, unüber­seh­bar.

Schreck­lich, mur­melt Frau Kon­rad.

Mei­ne arme Cla­ris­sa!, heult Frau Ramsl.

Da kommt plötz­lich Leben in Frau Wota­wa, die bis­her still und ele­gant an der Sei­te ihres Gat­ten geses­sen und mit dem Han­dy abwech­selnd Memos von ihrem Chef und Fra­gen von ihrer Baby­sit­te­rin beant­wor­te­te. Es hät­te eigent­lich ihr frei­er Abend wer­den sol­len und spä­tes­tens, seit sie den zer­knüll­ten Zet­tel mit der ziem­lich nach­drück­li­chen Ein­la­dung zum außer­or­dent­li­chen Eltern­abend aus Pauls Schul­ta­sche gefischt hat, bro­delt in ihr ein unüber­wind­ba­rer Frust. Dass die­ser Frust bei irgend­ei­nem nich­ti­gen Anlass aus ihr hin­aus­spru­deln wür­de, hat Frau Wota­wa geahnt, nur hät­te sie dar­auf wet­ten kön­nen, dass es ihren Mann tref­fen wür­de. Herr Wota­wa hält sich für den Ehe­mann des Jah­res, nur weil er hier neben ihr sitzt, und die Umstän­de schei­nen ihm Recht zu geben, denn außer ihm ist von allen Vätern nur Herr Her­zer gekom­men, und der zählt nicht, der ist Pen­sio­nist. Ihre Pflicht ist sei­ne gute Tat, denn Frau Wota­wa weiß, wie schnell ihrem Mann eine Aus­re­de ein­ge­fal­len wäre, wenn sie ihm vor­ge­schla­gen hät­te, er soll­te doch allein zum Eltern­abend gehen. Er hät­te so etwas gesagt wie: Ach, Schatz, du weißt doch, du kannst die­se Din­ge viel bes­ser!, ein als Kom­pli­ment getarn­ter Befehl, denn mit „die­se Din­ge“ meint er die allei­ni­ge Ver­ant­wor­tung für das gemein­sa­me Kind. Aber als Bei­werk sitzt er gern dane­ben, ein­zig und allein für die Bewun­de­rung der ande­ren Müt­ter. Was für ein Pech für Frau Ramsl, dass Frau Wota­was Frust zufäl­lig gera­de in die­sem Moment über­kocht.

Frau Wota­was Augen fun­keln böse, wäh­rend sie zu Frau Ramsl hin­über­zischt: Ihre arme Cla­ris­sa? Wer sagt denn, dass Ihre Cla­ris­sa kei­ner von den Nazis gewe­sen ist?

Herr Wota­wa, von der plötz­li­chen Hit­zig­keit sei­ner Frau völ­lig über­rum­pelt, prus­tet los.

Und Frau Ramsl geht nun end­gül­tig in Trä­nen auf. Sie weint, weil sie sich die mög­li­chen Lei­den ihrer klei­nen Cla­ris­sa vor­stellt und mehr noch wegen der Ehren­be­lei­di­gung und am aller­meis­ten aus Neid. Nei­disch ist sie auf Frau Wota­wa mit ihrem gut­aus­se­hen­den Ehe­mann, der sie nicht nur auf den Eltern­abend beglei­tet, son­dern jede infan­ti­le Gars­tig­keit auch noch mit einem Lachen hono­riert. Wäre Frau Ramsl so gemein zu einer ande­ren, wür­de ihr eige­ner Mann sie zurecht­wei­sen, und er wür­de sie auch zurecht­wei­sen, wenn sie nicht gemein wäre. Nie macht sie etwas rich­tig in sei­nen Augen, und sie kann sich gar nicht dar­an erin­nern, von ihm jemals eine emo­tio­na­le Unter­stüt­zung bekom­men zu haben, die ver­gleich­bar ist mit dem bel­len­den Lachen Herrn Wota­was. Wenn nicht Cla­ris­sa wäre und ihr klei­nes Brü­der­chen, aber sie sind und dar­um muss Frau Ramsl blei­ben und des­halb ist es ja in Wahr­heit ganz gut, dass ihr Mann sich für nichts inter­es­siert und sie nur sel­ten irgend­wo­hin beglei­tet. Trotz­dem kriegt sie sich jetzt nicht mehr ein, vor lau­ter Schluch­zen droht sie zu hyper­ven­ti­lie­ren, und end­lich hat Frau Kon­rad etwas zu tun. Sie eilt zu Frau Ramsl hin­über und legt den Arm um sie, aber nicht müt­ter­lich, eher staats­män­nisch.

Jetzt sehen Sie, was Sie ange­rich­tet haben!, faucht sie in Rich­tung Frau Wota­wa, aber die­se hat sich ganz erleich­tert und befrie­digt schon wie­der ihrem Smart­phone zuge­wandt.

Indes­sen ist die Leh­re­rin ner­vös gewor­den, sie blickt hil­fe­su­chend um sich und ent­deckt ihren Erwach­se­nen­stuhl, auf den setzt sie sich wie­der.

Es sol­le hier doch auch gar nicht um Anschul­di­gun­gen gehen, has­pelt sie wäh­rend­des­sen, son­dern ein­zig und allein um Lösungs­an­sät­ze!

Herr Her­zer lächelt schief, durch Frau Wota­was unge­wohn­te Auf­müp­fig­keit ist er aus sei­ner schläf­ri­gen Lethar­gie erwacht. Wenn er nur drei­ßig Jah­re jün­ger wäre, denkt er, oder viel­leicht wären auch zwan­zig genug. Abge­se­hen vom attrak­ti­ven Anblick der Frau Wota­wa hält er die­sen gan­zen Eltern­abend näm­lich für eine gro­ße Zeit­ver­schwen­dung. Und hat die­se Frau Leh­re­rin nicht so ein gewis­ses Renom­mee, die kleins­ten Din­ge auf­zu­bau­schen? Er glaubt sich dar­an erin­nern zu kön­nen, dass Vicky ein­mal Straf­auf­ga­ben bekom­men hät­te wegen einer ver­bo­ge­nen Füll­fe­der, einer stump­fen Blei­stift­spit­ze oder einer ähn­li­chen Lap­pa­lie. Und dann fällt ihm ein, dass es gar kei­ne Straf­auf­ga­ben gewe­sen sein kön­nen, weil die heut­zu­ta­ge nicht mehr erlaubt sind. Irgend­et­was ande­res hat Vicky bekom­men, aber Stra­fe war es kei­ne, denn die jun­gen Leu­te heut­zu­ta­ge dür­fen ja über­haupt nicht mehr bestraft wer­den, und dann wun­dert man sich, dass sie in den Pau­sen eige­ne Spie­le erfin­den, um Zucht und Ord­nung her­zu­stel­len. Nicht, dass er das gut fin­den wür­de, aber wun­dern darf man sich wirk­lich nicht.

Sehr gut, sagt Herr Her­zer sar­kas­tisch und zieht die Lip­pen noch schie­fer, und wie stel­len Sie sich einen Lösungs­vor­satz vor, so ganz ohne Anschul­di­gun­gen?

Ach!, ruft Frau Her­zer und klatscht die Hän­de vorm Gesicht zusam­men, als hät­te ihr Mann gera­de dazu ange­setzt, einen schwei­ni­schen Witz zu erzäh­len, aber einen ziem­lich guten. Dann erhält Herr Her­zer jedoch Zuspruch von ganz über­ra­schen­der Sei­te: Aus­ge­rech­net Frau Kon­rad springt ihm bei, sie lässt die schluch­zen­de Ramsl links lie­gen und steht plötz­lich direkt hin­ter den Her­zers.

Das will ich aber auch wis­sen!, ver­kün­det sie mit fes­ter Stim­me, ganz die Rechts­an­wäl­tin, die sie außer­halb die­ses Klas­sen­zim­mers ist. Frau Kon­rad kann stolz auf sich sein: Sie zieht ihren Ben­ja­min allein groß und neben­her hat sie stu­diert und auch noch das Anwalts­examen gemacht. Sie betont häu­fig, wie stolz sie auf sich sein kann und ist über­zeugt davon, dass die­ser Umstand sie zur Femi­nis­tin macht. Aller­dings ver­ach­tet sie die meis­ten ande­ren Frau­en, Frau Ramsl zum Bei­spiel für ihre Glu­cken­haf­tig­keit, Frau Wota­wa für das über­trie­be­ne und Frau Her­zer für das nicht vor­han­de­ne Make-up im Gesicht, und im Beson­de­ren ver­ach­tet sie momen­tan die Leh­re­rin. Hin­ter dem gut­mü­ti­gen Gesicht glaubt Frau Kon­rad eine vor päd­ago­gi­scher Kor­rekt­heit erstarr­te Wursch­tig­keit zu wit­tern, schlim­mer noch, eine an Täter-Opfer-Umkehr gren­zen­de Tole­ranz und auch sonst alles, was die schlech­te Welt von heu­te schlecht macht.

Frau Her­zer hüs­telt ein wenig, Kon­flik­te schla­gen ihr immer auf die Atem­we­ge.

Es ist, weil wir die Kin­der viel zu früh mit so etwas belas­ten, mur­melt sie, nicht wahr, wir erzäh­len ihnen Din­ge, die sie noch nicht ver­ste­hen kön­nen. Was sol­len die Zehn­jäh­ri­gen denn auch mit dem Holo­caust anfan­gen, und genau­so ist es mit dem Sexu­al­un­ter­richt…

Sie blickt scheu auf ihren Schoß hin­un­ter, wo das Strick­zeug liegt, der Anfang eines Pull­overs für Vicky, den die­se nie­mals anzie­hen wird. Der ist uncool, Mama, wird sie sagen, oder ihn ein­fach in die hin­ters­te Ecke des Klei­der­schranks stop­fen und dort ver­ges­sen. Frau Her­zer ver­steht ihr Kind nicht mehr. Bei den Älte­ren ist es anders gewe­sen, natür­lich hat es auch da manch­mal Pro­ble­me gege­ben, aber Frau Her­zer hat immer das Gefühl gehabt, zumin­dest in der­sel­ben Welt wie sie zu leben. Vicky lebt nicht in der­sel­ben Welt. Sie sagt Wör­ter, die Frau Her­zer nicht ver­steht, hängt sich Bil­der von Stars an die Wän­de, von denen Frau Her­zer noch nie etwas gehört hat und manch­mal blickt sie ein­fach starr vor sich hin, dann kann Frau Her­zer noch nicht ein­mal ahnen, wor­an sie gera­de denkt. Sogar ihre Peri­ode hat Vicky schon bekom­men, obwohl sie doch erst zehn Jah­re alt ist. Es ist das Inter­net, denkt Frau Her­zer, das Inter­net und die Han­dys und der Sexu­al­un­ter­richt und der Holo­caust. Alles zu früh, alles nur dazu erfun­den, um ihr ihr klei­nes Mäd­chen zu ent­rei­ßen. Sie nimmt die Strick­na­deln wie­der zur Hand und denkt an die Zeit zurück, als Vicky noch ein Baby gewe­sen ist, das beru­higt sie immer.

Frau Kon­rad scheint sie gar nicht gehört zu haben, oder sie igno­riert sie absicht­lich, aber Frau Her­zer ist das gewohnt.
Um etwas unter­neh­men zu kön­nen, müs­sen wir doch wis­sen, wer die Täter sind!, rekla­miert Frau Kon­rad mit schar­fer Stim­me, es kann doch nicht ange­hen, dass hier Nazis und Juden in einen Topf gewor­fen wer­den …

Aber bit­te, bit­te! ruft Herr Wota­wa ent­nervt dazwi­schen, bevor die Leh­re­rin noch das Wort ergrei­fen kann: Hier geht es doch gar nicht um ech­te Nazis und Juden, ver­dammt noch ein­mal, das ist doch nur ein blö­des Spiel unter Kin­dern!
Frau Kon­rad keucht auf­ge­bracht: So fängt es eben an, so fängt es eben an, im Klei­nen!

Wir haben’s damals eben Cow­boy-und-India­ner genannt, echauf­fiert sich Herr Wota­wa, war das viel­leicht poli­tisch kor­rekt?, und Frau Kon­rad kreischt kamp­fes­lus­tig: What­a­bou­tism, das ist ein ganz gemei­ner What­a­bou­tism!

Herr Wota­wa schafft es übri­gens, sich ganz rou­ti­niert und fast ohne ech­te Emo­ti­on in Rage zu reden, nicht ein­mal sein Smart­phone muss er dafür zur Sei­te legen. Er hat als jun­ger Mann an der Bör­se gear­bei­tet und ist nun Abtei­lungs­lei­ter in einer Invest­ment­fir­ma, die erfolg­reich genug ist, um brül­len­de Män­ner in Anzü­gen noch zu schät­zen zu wis­sen.

Ach was, schreit er Frau Kon­rad an und fühlt sich dabei fast schon gelang­weilt, spä­tes­tens jetzt muss doch sogar so eine Links-Grü­ne wie Sie zuge­ben, dass man die Ver­gan­gen­heit end­lich getrost ruhen las­sen kann, weil die wirk­lich Bösen, die sit­zen ja drü­ben in Russ­land…

Die Leh­re­rin häm­mert rich­ter­lich mit der Faust auf das Leh­rer­pult und mahnt zur Ruhe.

Frau Jago­vič schweigt.

Hin­ter­her, am Gang drau­ßen, sind alle wie­der per Du und lächeln ein­an­der ver­le­gen an, als wären sie gera­de zufäl­lig auf­ein­an­der­ge­sto­ßen und nun ver­pflich­tet, Höf­lich­kei­ten aus­zu­tau­schen. Nur Frau Jago­vič fehlt in der Run­de, sie ist sofort, nach­dem der Eltern­abend offi­zi­ell been­det wor­den ist, auf­ge­sprun­gen und mit gesenk­tem Kopf aus dem Klas­sen­zim­mer gerannt.

Die Leh­re­rin ist ste­hend nun wie­der auf Augen­hö­he mit den Eltern, sie scheint sich ein wenig zu genie­ren dafür und lächelt beson­ders hart­nä­ckig. Sie ist tat­säch­lich stand­haft geblie­ben, hat kei­ne Täter- oder Opfer­na­men ver­ra­ten und immer wie­der dar­auf hin­ge­wie­sen, dass man gemein­sa­me Lösungs­an­sät­ze fin­den müs­se, gemein­sa­me.

Auch wenn heu­te kei­ne Lösungs­an­sät­ze gefun­den wor­den sei­en, erklärt die Leh­re­rin nun, wäh­rend sie sich ihren leich­ten Som­mer­man­tel um die Schul­tern legt, sei es doch gut und wich­tig gewe­sen, über den Vor­fall gespro­chen zu haben.

Die Eltern nicken kol­lek­tiv.

Schon komisch, mur­melt Frau Ramsl, deren Trä­nen längst getrock­net sind, schon irgend­wie komisch, die­se Frau Jago­vič.

Sie kommt vom Bal­kan, wirft Frau Wota­wa ein, als wür­de das etwas erklä­ren.

Die ist psy­chisch nicht ganz in Ord­nung, behaup­tet Herr Wota­wa, das sieht man auf den ers­ten Blick.

Und Kevin ist ja auch kein Name, son­dern eine Dia­gno­se, sagt Frau Kon­rad und unter­drückt ein Kichern.

Kevin Jago­vič, lacht Herr Her­zer, was für eine Dia­gno­se!

Kein Wun­der, dass es mit so einem Pro­ble­me gibt, seufzt Frau Her­zer.

Alle stim­men ihr zu.

Die Leh­re­rin schweigt.

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Ire­ne Diwi­ak, gebo­ren 1991 in Graz, auf­ge­wach­sen in Deutsch­lands­berg, Stu­di­um der Juda­is­tik, Sla­wis­tik und Kom­pa­ra­tis­tik in Wien. Neben­her viel Thea­ter, auf und hin­ter der Büh­ne. Lite­ra­tur­prei­se, u.a. der Jugend­li­te­ra­tur­werk­statt Graz (2005, 2008), FM4-Wort­laut (2013), Theo­dor-Kör­ner-För­der­preis (2015), Jury­preis der Nibe­lun­gen-Fest­spie­le Worms (2015), För­der­preis der Stadt Graz (2018), Sti­pen­dia­tin am Lite­ra­ri­schen Col­lo­qui­um Ber­lin (2019), Lite­ra­tur­sti­pen­di­um der Stadt Graz (2020), Jubi­lä­ums­sti­pen­di­um der Lite­r­ar­Me­cha­na (2021), Sti­pen­di­um für Dra­ma­tik der Stadt Wien (2022). Die Islän­de­rin wur­de 2016 in Worms urauf­ge­führt, Lieb­wies erschien 2017 bei Deu­ti­cke (Taschen­buch­aus­ga­be 2019 bei Dio­ge­nes) und stand auf der Short­list für den Debüt­preis des Öster­rei­chi­schen Buch­prei­ses. Ihr zwei­ter Roman Mal­vi­ta erschien im Sep­tem­ber 2020 bei Zsol­nay. Vor­aus­sicht­lich 2023 wird ihr drit­ter Roman bei C.Bertelsmann erschei­nen.

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„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 8. April 2022

Zuletzt geän­dert: 11. Apr. 2022