Die verloren gegangene Adele

Von Ingrid Puga­nigg. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 89
Ingrid Puganigg © Hans-Joachim Metzger

Ingrid Puga­nigg. Foto: Hans-Joa­chim Metz­ger

Im Som­mer ver­brennt mein Herz, wenn ich mei­ne Armut unter dem Man­tel ver­ste­cke.
Wem soll ich sagen, wie sehr ich mich nach dem nor­ma­len Leben seh­ne.
In einem Gar­ten sit­zen. Einen vol­len Eis­be­cher aus­löf­feln. Musik hören, tan­zen.
Ich habe ein schö­nes Lachen. Die Leu­te wür­den mir wie­der Kom­pli­men­te machen und mich dann fra­gen, wo warst du so lan­ge.

Ich will in einen tie­fen Schlaf fal­len, auf­wa­chen und alles ist gut. Aber was? Heu­te ist wie vor­ges­tern und mor­gen wird nicht anders sein wie irgend ein beschis­se­ner Tag im nächs­ten Monat. Mich friert es immer. Egal, ob die Son­ne scheint oder ob es reg­net.
Ich decke mich mit allem zu, was ich fin­de. Rechts von mir rauscht der Wald. Links von mir schla­gen die Räder der vor­bei­fah­ren­den Autos auf der A7 im Rhyth­mus auf den Asphalt.
Der Nebel legt sich auf mein Gesicht als kleb­ri­ger Film, und wie immer wer­de ich davon eine Bin­de­haut­ent­zün­dung bekom­men und aus­se­hen wie Chu­cky, die Mör­der-Pup­pe.
Der Neu­mond streut kein Licht. In einer Nacht wie die­ser pin­kel­te hier ein­mal ein Mann auf mich. Aus Angst ver­dro­schen zu wer­den, rühr­te ich mich nicht. Aber der Mann hät­te mich ohne­hin nicht bemerkt. Hier ent­sor­gen Leu­te alles: Lei­chen, Hun­de, Matrat­zen, Koch­töp­fe, Kin­der­wä­gen, Fern­se­her, Kühl­schrän­ke. Gan­ze Tra­gö­di­en sind hier ver­streut oder ver­gra­ben. Ein­mal bin ich über ein Fahr­rad gestol­pert, das unter einem Gestrüpp lag, und habe mir dabei den Knö­chel ver­staucht. Da hör­te ich die Engel sin­gen. Weit und breit kein Arzt, kei­ne Mull­bin­de, kein Schmerz­mit­tel. Nur die pech­schwar­zen Bäu­me am Rand des Fel­des, die aus­sa­hen wie rie­si­ge Krie­ger aus einem Com­pu­ter­spiel. Gäbe es hier Scha­fe und Zie­gen, könn­te ich mich an ihnen wär­men. Ihre Milch trin­ken. Lebe ja schon lang von der Hand in den Mund. Fast wie im Schla­raf­fen­land. Nur dass die Spei­sen dort süss sind, immer die Son­ne scheint und der Bra­ten einem direkt auf den Kopf fällt.

Vor Jah­ren hat mein dama­li­ger Freund zu mir gesagt, packe dei­ne Kof­fer. Du taugst nichts. Weder im Bett noch sonst wo. Kannst nicht kochen. Kaust von früh bis spät Kau­gum­mi. Räumst nie die Woh­nung auf. Tele­fo­nierst stun­den­lang mit irgend­wel­chen Bekann­ten. Kannst kei­nen Deckel auf ein Mar­me­la­de­glas schrau­ben. Schnei­dest Brot von zwei Sei­ten an. Schläfst dau­ernd vor dei­nen Fern­seh­se­ri­en ein.

Ich war erstaunt über sein zorn­ro­tes Gesicht. Woll­te mich gegen sei­ne Unver­schämt­hei­ten weh­ren. Aber da hat­te er schon die Tür vor mei­ner Nase zuge­knallt. Minu­ten­lang stand ich bewe­gungs­los da. Dann dach­te ich, der kommt gleich mit der Axt. Ich rann­te die Trep­pe hin­un­ter. Zu Leu­ten, die ich kann­te. Aber die waren von mei­nem Freund schon vor­ge­warnt wor­den.

Mei­ne Bei­ne ver­sag­ten. Ich tau­mel­te vor Angst und Aus­weg­lo­sig­keit. So fühlt sich Frei­heit an, dach­te ich, ganz anders wie in den herz­zer­rei­ßen­den Lie­dern.
Hier nennt man mich die Frau hin­ter der Auto­bahn­rast­stät­te. Hier wür­de nie jemand woh­nen wol­len. Wer die Auto­bahn­rast­stät­te besucht, trinkt, isst. Geht aufs Klo. Danach wie­der zurück auf die Auto­bahn.

Jemand muss mich hier abge­la­den haben. Als ich zu mir kam, war ich taub. Ich woll­te schrei­en, brach­te aber nur ein Blö­ken her­vor. Vor­sich­tig beweg­te ich Fin­ger und Zehen. Sie fühl­ten sich an als wären mir dazwi­schen Schwimm­häu­te gewach­sen. Alles war unwirk­lich und anstren­gend und mir wur­de klar, fort­an wür­de ich gegen Alles und Jeden zu kämp­fen haben. Die Not wird mei­nen Mund aus­trock­nen und ich wer­de mir genau­so oft den Tod wie das Wei­ter­le­ben wün­schen.

Ich seh­ne mich nach mei­ner Fami­lie. Den Eltern, Geschwis­tern und Kin­dern, die immer da waren. Nach unse­ren lus­ti­gen Geschich­ten. Wir wuss­ten nie, war­um wir bei jedem Fami­li­en­tref­fen so unge­hemmt lachen muss­ten. Es waren ja immer die­sel­ben Geschich­ten.

Ich habe kein Geld, um nach Hau­se zu fah­ren. Manch­mal schenkt mir jemand vor der Auto­bahn­rast­stät­te einen Fün­fer. Davon kann ich in der Rast­stät­te duschen.

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Ingrid Puga­nigg, geb. 1947 in Sto­cken­boi, Kärn­ten, auf­ge­wach­sen in Kärn­ten und Vor­arl­berg, Autorin und Dar­stel­le­rin mit Lebens­mit­tel­punk­ten in Vor­arl­berg und in der Nähe von Han­no­ver. 1985 mit dem Preis für die bes­te Dar­stel­le­rin für die Haupt­rol­le in der Ver­fil­mung ihres Romans Fas­nacht unter dem Titel Mar­tha Dubron­ski beim Film­fes­ti­val in San­re­mo aus­ge­zeich­net, 1986 mit dem Preis des Lan­des Kärn­ten beim Inge­borg-Bach­mann-Wett­be­werb in Kla­gen­furt. Bücher, u.a.: Fas­nacht 1981 List, 1984 Ull­stein; Lai­la 1988, Hoch­zeit 1992, Suhr­kamp; Zwei Frau­en war­ten auf eine Gele­gen­heit, gemein­sam mit Moni­ka Hel­fer 2014, Deu­ti­cke.

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Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 28. Okto­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 28. Okt. 2022