Szenen einer Revolution

Von Ili­ja Tro­ja­now. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 101
Ilija Trojanow © José Oliver

Ili­ja Tro­ja­now. Foto: José Oli­ver

Blas­mu­sik unterm Bal­kon, rote Käp­pis wei­ße Jacken, zuge­knöpft bis oben hin, Schat­ten schief im Gleich­schritt, sechs in einer Rei­he in sechs Rei­hen, vorn der Staf­fel­stab, stoß­wärts die Stan­dar­te, Schat­ten wie Tor­nis­ter am Rücken, Stech auf Schritt, eins zwei, eins zwei drei vier. Die Musik hält inne, bleibt ste­hen, pau­siert. Sechs wei­ße Rei­hen, rot­ge­punk­tet, und tol­len­de Kin­der, ein Jun­ge erwach­sen mit Müt­ze und Stolz, Mäd­chen mit Hum­meln im Hin­tern spie­len Him­mel und Höl­le, ande­re lau­fen mit ande­ren vor­bei, aus der Stil­le setzt sich Ord­nung in Bewe­gung, schau was für eine Schau, sechs Tuben, auf der Stra­ße, auf recht­eckig behaue­nen Stei­nen, sechs mal sechs Stie­fel fügen sich zum Bild, eins und zwei und, tra­gen es hin­weg, eins zwei drei vier, die Blä­ser lau­ter als der Jubel, hin­ter den Stö­ßen Kadet­ten, bei Kräf­ten, gym­nas­tik­uni­for­miert. Eine Nach­ba­rin tritt hin­aus auf den Bal­kon neben­an, ein Netz über strup­pi­gem Haar, graue Sträh­nen und Weck­glä­ser auf­ge­sta­pelt um sie her­um. Ein Pau­ken­schlag, ein Magen­schlag, Augen blitz und her­um, die Far­ben ver­wischt, Paa­re ohne Stie­fel, fünf Instru­men­te und eine Stol­per­tu­ba, die Hosen zer­ris­sen, die Käp­pis im Gra­ben, drei vier eins, zwei dazwi­schen, der Staf­fel­stab ein Gum­mi­knüp­pel, alles zer­läuft, ein zwei­ter Pau­ken­schlag, alles hechelt und hetzt, die Arme blut­ver­schmiert bricht ein jun­ger Mann unterm Bal­kon zusam­men, ein Angriff, gegen …?

sie ist hin­ge­fal­len, wie ande­re um sie her­um, her­bei­ge­strömt aus allen Rich­tun­gen, mit auf­ge­scheu­er­ten Lip­pen. In einer Sei­ten­gas­se „Brot“, in einer Neben­stra­ße „Krieg“, auf die­ser Allee „nie­der, nie­der mit …“. Jemand deu­tet in die Höhe, oben Geweh­re, unten Schrei­köp­fe und fuch­teln­de Arme, die Maschi­nen­ge­weh­re hus­ten tro­cken wie Ster­bens­kran­ke, die Men­schen bie­ten den Dächern die Stirn, vom Him­mel auf die Erde, vom Dach aufs Pflas­ter, Schüs­se, fal­len sich die Engel, Schüs­se, tot. Vor ihr ein Hotel, hell leuch­tend, durch die zer­bro­che­nen Fens­ter flat­tern Samt­por­tie­re. Der Mann, der ihr Ein­lass gewährt, trägt Voll­bart und eine Pfört­ner­uni­form. Von der Decke hän­gen Kron­leuch­ter an heral­di­schen Fäden, Zwil­ling Dril­ling Git­ter. Sie schwin­gen wie Kir­chen­glo­cken, klir­ren mit Zäh­nen aus Kris­tall. Ein Blitz, schwarz, ein Blitz, schwarz auf schwarz, Kugeln zer­fet­zen den Bezug der Fau­teuils. Sie kriecht hin­ter die The­ke der Rezep­ti­on, dort hocken eini­ge Ver­ängs­tig­te, in ihren Augen kein Rat, hin­ter ihrem Rücken eine blu­mi­ge Tape­te. Ein Ser­vier­wa­gen mit Creme­tor­ten rollt über den Mar­mor, bedäch­tig, als wer­de er gescho­ben von einem Kell­ner mit einem ent­spann­ten Ange­bot auf den Lip­pen. Eine der Tor­ten fällt zu Boden, ein Tel­ler zer­birst, ein Känn­chen pur­zelt gegen eine Säu­le und Milch ergießt sich über den Boden, rinnt einem toten Offi­zier in den offe­nen Mund. Ein Rekrut rammt sein Bajo­nett in die Maha­go­ni-Täfe­lung. Die Klin­ge spie­gelt den Kron­leuch­ter, bevor er zu Boden kracht und sie in Ohn­macht.

sie wird umarmt von Frem­den, als wer­de zum aller­ers­ten Mal gefei­ert, „unse­re Hel­den“ schreit jemand und wie­der eine Umar­mung. Gesich­ter, die zu lan­ge gleich­mü­tig getra­gen wur­den, abge­nutz­te, aus­ge­mer­gel­te Gesich­ter, die ins Leben bers­ten, weil es end­lich taut. Die Men­schen tan­zen, zum Rhyth­mus ihrer Eupho­rie, end­lich hat Hoff­nung kei­nen bit­te­ren Nach­ge­schmack. Auf jedem Pflas­ter­stein, vor jedem Gebäu­de und an jeder Ecke unter­hal­ten sich die Leut’. Ban­ner ver­kün­den den Gene­ral­streik. Ein Wort, das nach Plan und Pla­nung anmu­tet. Es treibt sie hin­aus auf einen Platz, wie ein See vol­ler Baden­der, die sich gegen­sei­tig erzäh­len, was sie heu­te nicht arbei­ten wer­den. Sie tei­len ein­an­der mit, was sie nicht pro­du­zie­ren wer­den, was uner­le­digt blei­ben wird. Und weil es so vie­le sind und weil sie sich gegen­sei­tig mit ihren Beschrei­bun­gen ansta­cheln, köchelt es gewal­tig auf die­sem Platz. Ein Dru­cker­meis­ter hat sich einen Buch­sta­ben auf die Hand gemalt, ein schö­nes gro­ßes A. „Bezahlt wer­den wir nach Buch­sta­ben.“ „Klingt gerecht?“ „Mit­nich­ten.“ „Wie­so denn nicht?“ „Was ist mit den Zei­chen?“ „Wel­che Zei­chen?“ „Die Zei­chen zwi­schen den Halb­sät­zen und am Ende der Sät­ze.“ „Ach, du meinst die Fra­ge­zei­chen?“ „Ja, die mei­ne ich, aber auch die Bin­de­stri­che und die Bei­stri­che …“ „Und die Aus­ru­fe­zei­chen, nicht? Wie jetzt! Wie hier!“ „Genau, du hast es kapiert, ein Aus­ru­fe­zei­chen macht genau so viel Arbeit wie ein K oder ein M, aber nichts krie­gen wir dafür.“ Die Metall­ar­bei­ter, erwart­bar viel­zäh­lig, nicken ver­ständ­nis­voll. Was sie heu­te nicht gie­ßen und schwei­ßen, das kann sich im Gro­ben jede und jeder vor­stel­len, die Details inter­es­sie­ren eh nie­mand, sie schwei­gen lie­ber, über­las­sen das Reden den Chauf­feu­ren in ihren pols­ter­ar­ti­gen Uni­for­men, die allen ande­ren ver­si­chern, beim Gene­ral­streik arbei­te­ten sie mehr als im Dienst, denn da ste­hen sie über­wie­gend her­um, meist an der kal­ten Luft und war­ten, rau­chen eine Ziga­ret­te nach der ande­ren, „wir ver­rau­chen die Zeit, Genos­sen, mehr ist nicht zu sagen“. „In Trans­port machen wir auch“, sagen die Eisen­bah­ner, „weni­ger eli­tär als ihr, weni­ger ete­pe­te­te!“ „Ach was, Durch­fall kriegt doch ein jeder.“ „Ja, schon, aber nicht jeder kriegt was Ver­dor­be­nes zum Essen.“ Sie grin­sen ein­an­der zu und wun­dern sich, dass auch Bank­an­ge­stell­te unter ihnen sind, die sich die Hand­schu­he rei­ben, weil sie kei­ne Schei­ne zäh­len müs­sen, kei­ne Wech­sel aus­stel­len. Als wären die­se Tüten­kle­ber des Kapi­tals nicht exo­tisch genug auf dem Platz der vie­len Zei­chen, mischen sich auch eini­ge Para­dies­vö­gel des kai­ser­li­chen Bal­letts unter die Ver­wei­ge­rer. „Was denn kai­ser­lich, es hat sich aus­ge­kai­sert!“ „Könnt ihr nicht mal hüp­fen und sprin­gen fürs Volk?“ „Kön­nen wir, sogar einen Spa­gat machen für das Pro­le­ta­ri­at kön­nen wir, und eine Hebe­fi­gur“, wor­auf eine jun­ge Frau ihre Arme zu einer zitt­ri­gen Sie­ges­säu­le spreizt und die Ver­käu­fe­rin­nen und Schaff­ner, die Nähe­rin­nen und Hafen­ar­bei­ter eif­rig applau­die­ren. „Das ist sehr behän­de“, sagt ein Mann, offen­hö­rig ein geüb­ter Red­ner, „das ist höchst ele­gant, aber wisst ihr, was wir – unse­re klei­ne Grup­pe hier – gera­de nicht tun? Wir sit­zen nicht im Gericht, wir ver­han­deln kei­nen Fall für unse­re Man­dan­ten und die da, die haben wir mit­ge­schleppt, wisst ihr, wer die sind? Das sind die Geschwo­re­nen, und die hören sich kei­ne Bewei­se an und die bil­den sich kein Urteil, weil wir uns alle mit­ein­an­der wei­gern, einen ande­ren Fall zu ver­han­deln als den Fall … der Mon­ar­chie!“ Gebrüll aller­or­ten, als die Aus­sa­ge des schrul­li­gen Anwalts wei­ter­ge­tra­gen wird, von Mund zu Ohr, die Arbeit ruht, das Blut in den Adern der Stadt fließt anders­rum. Mit einem Mal Unru­he unter den Ver­sam­mel­ten. Män­ner zu Ross am äußers­ten Ende des Plat­zes, unüber­seh­bar vie­le, Kaval­le­rie – die Kosa­ken –, Gewalt im Trab. Oder doch nicht? Die Rei­ter lächeln den Demons­trie­ren­den zu, die Men­ge jubelt, wann hat sich je ein Kosak im Sat­tel ver­beugt vor einem Gene­ral­streik. Als die Poli­zei anrückt, zieht der Kom­man­deur der Berit­te­nen dro­hend sei­nen Säbel, die ande­ren machen es ihm nach, die Gefahr ist gebannt, der Gene­ral­streik dehnt sich aus, Stun­de um Stun­de, bis zu einem Wort­wech­sel zwei­er Unbe­kann­ter: „Was hast du in der Hand, Genos­se?“ „Schmir­gel­pa­pier.“ „Wozu denn das?“ „Um unse­re Wör­ter zu schlei­fen. Je rau­er, des­to bes­ser.

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Ili­ja Tro­ja­now ist Schrift­stel­ler, Publi­zist und Initia­tor des Uto­pi­schen Raums. Ver­fas­ser von Roma­nen (Der Wel­ten­samm­ler; Eis­Tau; Macht und Wider­stand; Dop­pel­te Spur) sowie poli­ti­schen Essays (Kampf­ab­sa­ge, mit Ran­jit Hosko­té; Angriff auf die Frei­heit, mit Juli Zeh; Der über­flüs­si­ge Mensch; Hil­fe? Hil­fe! mit Tho­mas Gebau­er). Fil­me: Vor­wärts und nie ver­ges­sen; Oasen der Frei­heit.

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Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 20. Janu­ar 2023

Zuletzt geän­dert: 26. Juli 2023