In meinem Haus

Von Gün­ter Eich­ber­ger. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 91

DER MANN

Bevor ich die Tür mei­nes Hau­ses auf­schlie­ßen kann, öff­net mir eine Frau, die mich unver­wandt anschaut – und sie ist auch nicht mit mir ver­wandt. Ich könn­te sie nun fra­gen, was sie in mei­nem Hau­se zu suchen habe: ihr Taschen­tuch, ihre Unschuld? Aber ich sage nichts und drü­cke mich an ihr vor­bei, um zu mei­nem Lehn­stuhl zu kom­men. Ich set­ze mich hin­ein und har­re schwei­gend ihrer mög­li­chen Erklä­run­gen. Sie aber scheint nichts der­glei­chen vor­zu­ha­ben. Ich habe Gele­gen­heit, sie näher zu betrach­ten. Sie erin­nert mich an nie­man­den, aber so geht es mir meis­tens mit Men­schen, auch mit mir, wenn ich mich unver­hofft in einer Aus­la­gen­schei­be oder Regen­pfüt­ze sehe.

Günter Eichberger © Anna Ertl

Gün­ter Eich­ber­ger.
Foto Anna Ertl

Das ist eine uner­freu­li­che Aus­gangs­po­si­ti­on, den­ke ich. Nur sie kann mir aus die­ser Ver­le­gen­heit hel­fen. Aber sie macht sich stumm an der Abwasch zu schaf­fen. Ich seuf­ze. Sie reagiert nicht. Viel­leicht ist sie schüch­tern. Viel­leicht ist sie auch gar nicht da. Ich soll­te sie fra­gen, ob sie eine Ein­bil­dung sei. Wenn sie nicht ant­wor­tet, hat sie sich selbst ver­ra­ten. Und ich kann zu mei­nen Gewohn­hei­ten zurück­keh­ren. Mir eine Pfei­fe anste­cken, mir eine Pfau­en­fe­der ins Haar ste­cken. Ich weiß nicht, was ich für gewöhn­lich tue. Durch den Schreck ist mir die gan­ze Selbst­ver­ständ­lich­keit mei­ner Lebens­füh­rung genom­men. Und ich spü­re eine tie­fe Abnei­gung zu die­ser Frau oder Ein­bil­dung in mir ent­ste­hen. Ich beob­ach­te die­se Emp­fin­dung genau, um mei­nem Wesen auf die Schli­che zu kom­men. Jetzt dreht sich die Frau um, als woll­te sie mei­ner Abnei­gung Nah­rung geben. Wenn sie jetzt auch noch zu spre­chen beginnt – aber sie ent­hält sich lis­ti­ger­wei­se sprach­li­cher Aus­drucks­mög­lich­kei­ten.

Ich über­le­ge, wie mein Tag bis jetzt ver­lau­fen sein könn­te, aber er scheint mir ent­fal­len. Hät­te ich eine bestimm­te Erin­ne­rung an ihn, könn­te ich ganz unver­fäng­lich ein Gespräch anknüp­fen, denn die­ses Schwei­gen bringt uns nicht wei­ter, fol­ge­re ich scharf­sin­nig. Ich muss mir Klar­heit über ihre Anwe­sen­heit ver­schaf­fen, über ihr Wesen, denn dann ergibt sich alles ande­re von allein. Ich ent­fal­te mein Taschen­tuch und schnäu­ze mich umständ­lich, viel­leicht um Zeit zu gewin­nen.

Sie steht regungs­los da. Es könn­te sein, dass sie über etwas nach­denkt. Bei­spiels­wei­se über mich. Ver­mut­lich bin ich ihr eben­so wenig bekannt wie sie mir. Oder ich bin ihr so ver­traut, dass sie mir nichts zu sagen hat. Viel­leicht soll­te ich wie­der gehen. Nur wohin? Ich bin doch gera­de erst nach Hau­se gekom­men.

Für einen Moment bin ich offen­bar ein­ge­nickt. Ich schla­ge die Augen auf und habe ihr Gesicht ganz groß vor mei­nem. Spä­tes­tens jetzt soll­te sie mir eine Fra­ge stel­len. Dann lie­ße sich eine Art Bezie­hung her­stel­len. Ich selbst wer­de die Initia­ti­ve nicht ergrei­fen. Ich bin zu leer dafür. Ich bin wirk­lich ganz und gar leer. Mir fällt kein bes­se­res Wort für mei­nen Zustand ein. Wie lan­ge wer­de ich mich einer Hand­lung ent­hal­ten kön­nen?

Ihr Gesicht weicht jetzt zurück. Als wür­de ihr Kopf auf einer Stan­ge ste­cken. Und jemand ande­rer ihn bewe­gen. Aller­dings hat sie nichts Pup­pen­haf­tes, das muss ich ihr zugu­te­hal­ten. Ich krat­ze mich am Kopf. Der Schlüs­sel zu die­sem Gesche­hen kann nur ich sel­ber sein. Ich soll­te bis auf wei­te­res von ihr abse­hen. Viel­leicht löst sie sich dann auf. Sie wird mich in Musik auf­lö­sen, fällt mir ein. Aber das gehört nicht hier­her. Sie gehört nicht hier­her. Das könn­te ich ihr sagen. Aber das wäre ein Ver­stoß gegen das Gebot der Gast­freund­schaft. Nun, ein­ge­la­den habe ich sie nicht. Ich glau­be nicht, dass ich mir ger­ne Gäs­te ein­la­de. Mein Haus hat nichts Ein­la­den­des. Es scheint ganz auf mich zuge­schnit­ten. Als wäre es nach mei­nem Bild erbaut. Aber das geht jetzt zu weit. Das geht ent­schie­den zu weit.

Sie könn­te eine Ein­schleich­die­bin sein. Dar­um gibt sie sich die­sen Anschein der Unschuld. Viel­leicht habe ich Wert­ge­gen­stän­de, von denen ich selbst nichts weiß. Und sie hat sie gefun­den. Um ihre ver­bre­che­ri­schen Absich­ten zu ver­schlei­ern, bleibt sie noch ein paar Tage und erle­digt Haus­halts­ar­bei­ten. Eines Nachts wird sie ihr Diebs­gut hin­aus­schaf­fen. Zusam­men mit mei­ner Lei­che.

DIE FRAU

Ich höre jeman­den an der Tür krat­zen. Ein Tier viel­leicht. Ich schaue nach, und da ist ein frem­der Mann. Ohne Gruß drückt er sich an mir vor­bei. Was will er hier? Er wird mir doch nicht Gewalt antun wol­len? Ich möch­te etwas sagen, mög­lichst bestimmt, er sol­le augen­blick­lich mein Haus ver­las­sen. Aber vor Schreck brin­ge ich kein Wort her­aus. Als wäre mei­ne Zun­ge gelähmt. Auch er bleibt stumm, setzt sich in mei­nen Lehn­stuhl. So, als wäre er hier zu Hau­se. Ich aber habe ihn noch nie in mei­nem Leben gese­hen. Ich ken­ne Män­ner nur von Wand­ge­mäl­den. Ich habe nur mei­ne Mut­ter gekannt, einen Vater habe ich nicht gehabt, weil ich eine Jung­fern­zeu­gung war. Zumin­dest hat mir mei­ne Mut­ter das an Eides statt erklärt. Wir brau­chen kei­ne Män­ner, ihr ers­ter Glau­bens­satz, den sie mir mit einem Trich­ter in den Kopf gefüllt hat.

Der Mann hat geseufzt. Er macht eigent­lich kei­nen gefähr­li­chen Ein­druck. Viel­leicht ist er eine ver­klei­de­te Frau. Bei mei­ner gerin­gen Lebens­er­fah­rung und abge­schlos­se­nen Lebens­form will ich das nicht vor­schnell ent­schei­den. Sei­ne Stim­me könn­te mir Auf­schluss geben. Män­ner sol­len so tie­fe Stim­men haben, dass sie damit Brun­nen boh­ren kön­nen. Ein Satz mei­ner Mut­ter, über den ich lan­ge nach­ge­dacht habe. Als Kind nahm ich ihn wört­lich, heu­te den­ke ich, er sei bild­lich gemeint. Der Mann, wenn er denn einer ist, macht den Mund nicht auf. Viel­leicht schämt er sich sei­ner Zäh­ne. Män­ner sol­len Hau­er wie Wild­schwei­ne haben. Ich habe klei­ne Mau­se­zäh­ne, die für mei­ne Zwe­cke aus­rei­chend sind.

Er scheint ein­ge­schla­fen zu sein. Eine Unver­schämt­heit, in frem­den Häu­sern ohne ein Wort der Erklä­rung ein­zu­schla­fen. Viel­leicht ist er ver­wun­schen, viel­leicht ist er in einen hun­dert­jäh­ri­gen Schlaf gefal­len. Ich wür­de ihn ger­ne hin­aus­tra­gen und vor eine ande­re Tür legen. Doch dazu rei­chen mei­ne Kräf­te nicht. Auch wür­de er wohl auf­wa­chen und sich weh­ren. Mir sei­ne Fang­zäh­ne in Brust und Hals schla­gen. Und wenn er ein ver­schol­le­ner Bru­der von mir wäre? Nach lan­gen Irr­fahr­ten in sein Mut­ter­haus zurück­ge­kehrt? Viel­leicht hat er die Absicht, mit sei­ner Schwes­ter eine neue Fami­lie zu grün­den. Als Mann ist ihm das zuzu­trau­en. Ich wer­de ihm im Fall des Fal­les ernst­haft davon abra­ten.

Ich nähe­re mich ihm, um sei­ne Züge zu stu­die­ren und nach Ähn­lich­kei­ten mit mir zu suchen. Sein Bart ver­hin­dert ein zwei­fels­frei­es Urteil. Er schlägt die Augen auf. Ich wei­che zurück. Am bes­ten igno­rie­re ich ihn und erle­di­ge den Abwasch. Ein­mal muss er sich ja erklä­ren. Dann wird ein Wort zum ande­ren füh­ren. Und zur Sicher­heit habe ich ja einen gan­zen Satz geschlif­fe­ner Mes­ser.

DER MANN

Ich ver­su­che mich an die Frau­en mei­nes Lebens zu erin­nern. Es sind so vie­le gewe­sen, dass ich unter all den Frau­en kein ein­zi­ges Gesicht behal­ten habe. Sie stan­den in mei­nen Diens­ten. Das mach­te die Bezie­hun­gen so unbe­schwert. Viel­leicht soll­te ich sie, die Frem­de in mei­nem Haus, auch anstel­len. Sie könn­te den Haus­halt füh­ren, ich glau­be, sie hat schon damit ange­fan­gen. Aber viel­leicht wird sie mich um den Fin­ger wickeln wol­len, viel­leicht kennt sie gehei­me Wickel­tech­ni­ken, so dass zuletzt ich ihr Haus­knecht wäre. Das darf natür­lich nicht sein. Sie muss gehen, bevor sie auf Gewohn­heits­rech­te pochen kann. Sie scheint mir ver­schla­gen zu sein, ihre unschul­di­ge Mie­ne beweist es. Von ihr geht eine Gefahr aus, ich spü­re das. Viel­leicht kann sie sich in ein Unge­heu­er ver­wan­deln. Viel­leicht hat sie einer mei­ner Fein­de zu mir geschickt, um mich von mei­nen ein­träg­li­chen Beschäf­ti­gun­gen abzu­len­ken. Ich könn­te zwar nicht sagen, wor­in die bestehen soll­ten, aber ich habe mei­ne Ahnun­gen.

Jetzt hat sie mir einen Blick zuge­wor­fen, den ich als Auf­for­de­rung zu einem nähe­ren Ken­nen­ler­nen deu­ten möch­te. Die­se Mischung aus kind­li­cher Neu­gier und gewerbs­mä­ßi­gem Män­ner­ver­zehr. Ich ken­ne die­sen Blick. Ich reagie­re ganz abwei­send dar­auf, damit sie sich kei­ne Hoff­nun­gen macht. Aber das wird ihre Anstren­gun­gen nur ver­viel­fa­chen, wie die Erfah­rung mich gelehrt hat. Viel­leicht schaue ich durch sie hin­durch. Dann wird sie mei­ne Auf­merk­sam­keit erre­gen wol­len. Ver­mut­lich wird sie bei­läu­fig Klei­dungs­stü­cke able­gen. Dar­auf fal­len Män­ner für gewöhn­lich her­ein. Nur ich nicht. Ich weiß ja, was hin­ter ihrer Schür­ze ver­bor­gen ist. Damit kann man mich nicht mehr bezwin­gen. Ich wer­de ein wenig dösen, um mei­ne Über­le­gen­heit anzu­deu­ten. Und viel­leicht über­rump­le ich sie dann mit einer Atta­cke und sper­re sie in den Kel­ler. Das hat sich bewährt. Sie wird dann die Kno­chen im Kel­ler ent­de­cken. Sie wird sich fra­gen, zu wel­chem Tier sie gehö­ren, bis sie die Schä­del bemer­ken wird.

DIE FRAU

Ich schaue ganz in Gedan­ken an ihm vor­bei. Wäre doch gelacht, wenn ihm nicht ein Wort aus­kommt. Wer zuerst spricht, hat ver­lo­ren, das ist mir bewusst. Viel­leicht fällt er dann in sich zusam­men. Weil er ein Zau­ber­wort aus­ge­spro­chen hat, das ihn zum Ver­schwin­den bringt. Aber wel­ches Wort könn­te das sein? Und auch wenn ich es wüss­te, es wür­de nichts nut­zen, ich kann es ihm ja nicht souf­flie­ren. Viel­leicht soll­te ich ganz ange­strengt an ein Wort den­ken, ein belie­bi­ges Wort, viel­leicht errei­che ich sei­ne Wel­len­län­ge, und er muss das Wort sagen. Das Wort, das ihn fällt.

Und wenn er stumm sein soll­te? Oder kei­ne Spra­chen spricht, weil er unter Tie­ren auf­ge­wach­sen ist? Dann bin ich ver­lo­ren. Ich muss ihm zuvor­kom­men. Ich soll­te ihm einen Gift­trank hin­stel­len. Was aber ver­däch­tig wir­ken könn­te. Ihm das Gift ins Ohr träu­feln, wenn er schläft, wäre siche­rer. Lei­der habe ich kein Gift im Haus, ich müss­te erst im Wald nach einem Pilz suchen. Hier wach­sen nur gif­ti­ge Pil­ze, hat mei­ne Mut­ter behaup­tet. Aber ihr wur­de alles im Mund zu Gift. Vor ihrer Spu­cke muss­te man auf der Hut sein.

Wenn ich nur wüss­te, was er vor­hat. Er kann ja auch in guter Absicht gekom­men sein. Aber ob die­se Absich­ten auch für mich gut sein wer­den, ist frag­lich. Ich wer­de mich bes­ser vor­se­hen. An Schlaf wird nicht zu den­ken sein. Ich habe ohne­hin schon genug geschla­fen, das müss­te für ein Leben rei­chen.

Mei­ne Mut­ter ist eines Tages in den Wald gegan­gen und nicht mehr zurück­ge­kom­men. Wann könn­te das gewe­sen sein? Ges­tern oder vor lan­ger Zeit? Wer mag ihr begeg­net sein? Doch nicht er? Oder sonst ein Mann?

DER MANN

Hät­te ich ein Gespräch mit ihr begon­nen, wäre mir schon der Gesprächs­stoff aus­ge­gan­gen. Einen gro­ßen Vor­rat habe ich nicht. Sie scheint ja auch kei­ne Plau­der­ta­sche zu sein. So gese­hen pas­sen wir gut zuein­an­der. Trotz mei­ner aus­ge­präg­ten Abnei­gung gegen sie, die viel­leicht mit mei­nen bis­he­ri­gen Erfah­run­gen zu tun haben könn­te. Mag ja sein, dass sie ganz anders ist. Dass sie noch zu mei­ner gro­ßen Lie­be wird, trotz ihres uner­wünsch­ten Ein­drin­gens. Aber wahr­schein­li­cher ist, dass ich sie mir vom Hals schaf­fen wer­de. Werk­zeug dafür habe ich im Haus. Am bes­ten fet­te ich schon ein­mal mei­ne Flin­te ein, am bes­ten vor ihr. Das wird ihr Ein­druck machen. Oder ich mache Lie­ge­stüt­ze, um mei­ne männ­li­che Kraft anzu­deu­ten. Viel­leicht über­wäl­ti­ge ich sie gleich, bevor es zu einer Bezie­hung kommt, die dann die Gewalt­be­reit­schaft her­ab­setzt.

Ich hat­te vor, einen ruhi­gen Abend zu ver­brin­gen, und nun habe ich sie als stum­me Bedro­hung stän­dig vor mir und muss die­se Über­le­gun­gen anstel­len. Statt mich in mein Bett zurück­zu­zie­hen und mich der Selbst­be­frie­di­gung zu wid­men. Oder gleich hier in mei­nem Lehn­stuhl zu Wer­ke gehen. Das ver­bie­tet der Anstand. Obwohl ich ja nicht die fei­nen Unter­schie­de prak­ti­zie­re, ich bin mehr ein gro­ber Klotz, der über Eti­ket­te spot­tet, ein Kraft­kerl, der sei­ner Ver­dau­ung frei­en Lauf lässt. So zumin­dest mein Selbst­bild, das da an der Wand hängt. Ich könn­te sie durch einen def­ti­gen Darm­wind erschre­cken. Das könn­te das Eis bre­chen. Aber will ich das?

Ich ver­schan­ze mich hin­ter mei­ner Unzu­gäng­lich­keit. Mit Galan­te­rien wer­de ich mich nicht auf­hal­ten. Das wür­de auch fal­sche Erwar­tun­gen wecken. Wenn, dann wür­de ich einen kal­ten Ver­hör­s­ton anschla­gen. Woher die Frau­ens­per­son kommt, ob sie amts­be­kannt ist, wohin sie zu gehen gedenkt. War­um glau­be ich, dass ich kei­ne Ant­wort zu erwar­ten hät­te? Ihr Mund ist nicht für Wor­te gemacht, will mir schei­nen. Sie hält ihn fest ver­schlos­sen. Viel­leicht fürch­tet sie, ihr könn­te etwas hin­e­inflie­gen. Das hat schon man­chen von lan­gen Reden abge­hal­ten, ihn ganz der Spra­che ent­frem­det.

DIE FRAU

Ich könn­te Musik auf­le­gen. Etwas ganz Sanf­tes, das sich ihm aufs Gemüt legt. Aber wenn ihm die Musik miss­fällt, könn­te ihn das erst recht zur Rase­rei trei­ben. Man kennt sich ja nicht aus mit Frem­den. Nicht ein­mal vor­ge­stellt hat er sich mir. Ich mich ihm aber auch nicht. Jemand Drit­ter soll­te uns bekannt machen. Aber ich glau­be nicht, dass so schnell noch jemand mich heim­sucht. Und vor allem müss­te er uns ja bei­de ken­nen. Mei­ne Mut­ter hat zwar so getan, als wür­de sie alle Welt ken­nen, aber das dürf­te rei­ne Anga­be gewe­sen sein, um ihre Macht­stel­lung im Haus­halt zu unter­mau­ern. Viel­leicht ist er ja weit­ge­reist und mit vie­len Län­dern und Sit­ten ver­traut. Viel­leicht kommt er von weit her, hat sei­ne Mut­ter­spra­che ver­ges­sen und auch das Ziel sei­ner Irr­fahrt. Er wirkt aller­dings nicht abge­kämpft. Und als See­fah­rer hät­te er wohl sei­ne Mann­schaft mit. Ich weiß das aus Geschich­ten. Lau­ter schwan­ken­de Gestal­ten, die auf Land kaum gehen kön­nen. Sie wür­den ihre sit­ten­wid­ri­gen Gesän­ge grö­len und mei­ne Vor­rä­te plün­dern wol­len, bevor sie sich einer nach dem ande­ren über mich her­ma­chen wür­den, wovon ich nur eine unkla­re Vor­stel­lung habe, die aber ist schreck­lich genug. Da spricht wohl mei­ne Mut­ter aus mir. Ich müss­te mei­ne Mut­ter und ihre Stim­me aus mir ver­trei­ben, damit ich ein eige­nes Leben füh­ren könn­te. So bin ich immer in einer Ver­tei­di­gungs­stel­lung, obwohl bis vor kur­zem gar nichts zu ver­tei­di­gen war. Ich soll­te, ich soll­te vor ihn hin­tre­ten und ihn auf­for­dern zu gehen. Oder mir trif­ti­ge Grün­de für sein Ver­wei­len zu nen­nen. Es könn­te ja sein, dass er sich nur ver­irrt hat. Und ganz ver­wirrt ist von die­ser Ver­ir­rung. Und sich erst erfan­gen muss. Ich könn­te ihm mei­ne Land­kar­te zei­gen. Ich weiß aller­dings nicht, wie ver­läss­lich sie ist. Mei­ne Mut­ter hat sie selbst gezeich­net. Sie zeigt einen Wald und die­ses Haus. Mehr müs­se man von der Welt nicht ken­nen, sag­te mei­ne Mut­ter. Jeder sol­le auf sei­nem Fleck blei­ben, wo einen die Geburt hin­ge­pflanzt hat, da sol­le man wach­sen. Eine ver­mut­lich anfecht­ba­re Anschau­ung. Denn die­ses ein­sied­le­ri­sche Leben wird auf Dau­er nicht allen genü­gen. Ich mei­ne, selbst ich habe mei­ne Sehn­süch­te, die sich auf die Fer­ne bezie­hen. Auch wenn ich davor zurück­schre­cke, die­sen Wald zu durch­wan­dern.

DER MANN

Ich könn­te das Feld räu­men. Aber wer weiß, was sie dann in mei­nem Haus anstellt. Viel­leicht erken­ne ich es nicht mehr bei mei­ner Wie­der­kehr. Bis jetzt scheint sie kei­ne Ände­run­gen vor­ge­nom­men zu haben. Viel­leicht ist sie erst vor kur­zem ein­ge­langt. Ich wun­de­re mich über die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der sie sich bei mir bewegt. Als wäre sie hier zu Hau­se, als wäre sie hier gebo­ren wor­den.

Und wenn ich fehl am Platz bin? Wenn es ein Haus gibt, das genau mei­nem gleicht? Aber war­um steht es dann genau dort, wo mein Haus steht? Das ist doch die unwahr­schein­lichs­te Mög­lich­keit von allen. Was nicht grund­sätz­lich gegen sie spricht. Ich soll­te in allen Räu­men nach­se­hen, viel­leicht fin­de ich ja doch einen Unter­schied.

Ich blei­be lie­ber sit­zen und über­bli­cke die Lage. Ich könn­te ja ver­su­chen, mich in sie zu ver­set­zen. Ihr Gesichts­aus­druck gibt mir kei­nen Auf­schluss. Ich könn­te ja etwas in sie hin­ein­le­sen. Aber damit wür­de ich mich von ihr ent­fer­nen. Sie steht jetzt ganz ruhig und beach­tet mich nicht. Oder ist ganz dar­auf kon­zen­triert, mich nicht zu beach­ten. Sie ver­mei­det, mir den Rücken zuzu­keh­ren. Also ist sie sehr wohl auf der Hut vor mir. Viel­leicht mache ich eine über­ra­schen­de Bewe­gung. Wenn sie zusam­men­zuckt, ist klar, dass sie sich vor mir fürch­tet. Viel­leicht ent­ringt sich ihr ein Laut. Viel­leicht ver­liert sie die Ner­ven und läuft vor mir davon.

Ich könn­te mir die Zei­tung holen und zum Schein dar­in lesen. Ich mache ein Loch hin­ein, durch das ich sie beob­ach­ten kann. Das scheint mir ein guter Plan. Und neben­bei kann ich erfah­ren, was auf der Welt pas­siert. Obwohl die­se Nach­rich­ten alles ande­re als glaub­wür­dig sind. Jeder Arti­kel ist eine Erfin­dung, die einen von den Tat­sa­chen ablen­ken will. Ich muss das gar nicht erst über­prü­fen. Ich lese das nur zu mei­ner Zer­streu­ung. Irgend­wo scheint es Krieg zu geben. Der Name des Lan­des sagt mir nichts. Ver­mut­lich gibt es die­ses Land gar nicht. Über­all in der Frem­de dro­hen Gefah­ren, damit man die Hei­mat nicht ver­lässt. Das lie­ße sich mit ihr bespre­chen. Unter ande­ren Umstän­den, wenn sie nicht ein unge­be­te­ner Gast wäre. Wenn sie bei­spiels­wei­se mei­ne Frau wäre. Was sie nie­mals sein wird. So eine miss­traui­sche, ver­schla­ge­ne Per­son wird mir nie­mals nahe­kom­men. Kör­per­lich scheint sie durch­aus anzie­hend, was ja für alle Frau­en gilt. Sie sind alle nach dem­sel­ben Modell geschaf­fen. Unter­schied­lich sind nur die Män­ner. Die haben einen ande­ren Schöp­fer, jeder sei­nen eige­nen. Ich fra­ge mich, ob ich mich sel­ber erschaf­fen habe. Das sind die Fra­gen, mit denen ich mei­ne Tage ver­brin­ge.

Sie ver­lässt den Raum. Ob ich ihr nach­ge­hen soll?

* * *

* * *

Gün­ter Eich­ber­ger, gebo­ren 1959 in Oberzeiring/ Stmk. Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik und Anglis­tik, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Graz. Seit sei­nem Debüt Der Wol­ken­pfle­ger (Resi­denz Ver­lag, 1988) ver­öf­fent­lich­te er Thea­ter­stü­cke, Hör­spie­le und eine Rei­he von Pro­sa­bän­den. Letz­te Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen: Hirn ohne Gren­zen, Rit­ter Ver­lag, 2017; Stu­fen zur Voll­kom­men­heit, Rit­ter Ver­lag, 2019; Bosch oder Der Ein­zi­ge und sei­ne Ein­zel­zel­le, Rit­ter Ver­lag, 2021. Letz­tes Stück: Sie­den­de Gehir­ne, Thea­ter im Kel­ler, 2019. 2020 Lite­ra­tur­preis des Lan­des Stei­er­mark.

* * *

Hier und Heu­te. 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 11. Novem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 12. Nov. 2022