Fragebogen: Sandra Kegel

Lite­ra­tur­kri­tik heu­te

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Deu­ten, rüh­men, war­nen, unter­hal­ten. Es geht dar­um, Tex­te auf Augen­hö­he mit dem Autor zu lesen. Sie mög­lichst von allen Sei­ten zu betrach­ten, sie unter die Glas­plat­te zu legen, zu ent­schlüs­seln, damit zu spie­len, zu bewer­ten. Und das alles in eine mög­lichst schlüs­si­ge, les­ba­re, anre­gen­de Spra­che zu brin­gen – das ist die Auf­ga­be.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Der Andruck. Denn wie vie­le schrei­be auch ich erst, wenn die Druck­ma­schi­nen schon lau­fen. Mit der Zeit, die einem bleibt, bis etwa halb fünf, und dem Platz, den man hat, maxi­mal einer Sei­te, zu jon­glie­ren. Und wie viel fällt dabei unter den Tisch, die Zei­len, die nicht mehr hin­ein­pas­sen, das tut manch­mal weh. Ihre Fra­ge zielt wahr­schein­lich auf den gegen­wär­ti­gen Zustand der Lite­ra­tur­kri­tik, die mit dem Buch­markt in Bedräng­nis gekom­men ist, Stich­wor­te Inter­net, Struk­tur­wan­del, Bedeu­tungs­ver­lust etc. Aber ist das wirk­lich so? Heu­te zum Bei­spiel, es ist Don­ners­tag, schla­ge ich die Zei­tun­gen auf, und über­all sehe ich Rezen­sio­nen. Ich kom­me gar nicht dazu, das alles zu lesen. Und seit Wochen schickt mir der ORF täg­lich eine Pres­se­rund­schau zum bevor­ste­hen­den Wett­be­werb in Kla­gen­furt.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ke­rIn?
Sie spie­len eine Rol­le, wenn sie sich anwen­den las­sen. Wenn ich dem Ger­ma­nis­ten Moritz Baß­ler zuhö­re, der in einer klei­nen Frank­fur­ter Buch­hand­lung die Ver­fah­ren des rea­lis­ti­schen Romans von 1850 bis 1950 unter­sucht, oder lese, dass ein Theo­re­ti­ker wie Ter­ry Eagle­ton von after theo­ry spricht.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Ich schät­ze die, die deu­ten, rüh­men, war­nen, unter­hal­ten. Das klappt mal bes­ser, mal schlech­ter.

Wie vie­le Bücher muss ein/e Kri­ti­ke­rIn gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen?
Es sind immer mehr, als man gele­sen hat. Und es kommt sowie­so nicht auf das Wie­viel an, son­dern auf das Wie.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Was für eine Fra­ge: Min­des­tens alle, man­che aber nur sehr kurz. Und im Urlaub alle ande­ren.

Wel­che AutorIn­nen haben Sie mit 15 geschätzt?
Schon wie­der schät­zen, Sie mögen das Wort. Mit 15 habe ich Autoren nicht geschätzt, ich habe sie ver­schlun­gen, Camus, Vir­gi­nia Woolf, Ait­ma­tow, Dou­glas Adams, mich an ihre Fer­sen gehef­tet, mit ihnen gerun­gen, Pos­ter an die Wand geklebt, mit Lenz im Gepäck durch die Voge­sen mar­schiert, aller­dings im Som­mer.

Wel­che AutorIn­nen schät­zen Sie heu­te?
Schon wie­der schät­zen? Soll ich viel­leicht Frank Schät­zing sagen? Als Lite­ra­tur­re­dak­teu­rin ist es mei­ne Auf­ga­be, Kunst­wer­ke zu betrach­ten, nicht Autoren. Das ist Lite­ra­tur, kein Zoo.

Was lesen Sie, wenn es nicht mit dem Beruf zu tun hat?
Wir alle lesen stän­dig und alles Mög­li­che, nicht nur Fra­ge­bö­gen, auch neue Fahr­plä­ne, alte Kurs­bü­cher. Oder Schil­der, die ich redi­gie­ren möch­te, oder Stra­ßen­na­men, die mich an etwas erin­nern. Das Schö­ne ist: Alles lässt sich ver­wen­den.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rIn je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Selt­sam, die­se Fra­ge zum Abschuss Ihres Deka­logs. „Urteil“, „grund­le­gend“, „revi­die­ren“ – ich bin kei­ne Lite­ra­tur-Rich­te­rin, son­dern Kri­ti­ke­rin. Da kommt man mit dem Straf­recht nicht weit.

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San­dra Kegel, gebo­ren 1970 in Frank­furt am Main, ist seit 1999 Redak­teu­rin im Feuil­le­ton der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung. Sie ist Mit­glied der Jurys für den Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se und den Höl­der­lin-Preis.

Quel­le: VOLLTEXT 2/2015

Online seit: 17. Janu­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 18. Jan. 2016