Fragebogen: Christoph Schröder

Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Zunächst ein­mal eine Schnei­se schla­gen durch die jewei­li­gen Neu­erschei­nun­gen, also: eine Vor­auswahl tref­fen. Und dann auf unter­halt­sa­me und fun­dier­te Art und Wei­se über Lite­ra­tur infor­mie­ren. Im bes­ten Fall einen Hall­raum erzeu­gen und das Gespräch über Lite­ra­tur am Leben erhal­ten.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Auf­merk­sam­keit ist mitt­ler­wei­le ein hohes öko­no­mi­sches Gut. Das Pro­blem ist also: Auf­merk­sam­keit bekom­men. Platz bekom­men. Und als Kri­ti­ker auch die Frei­räu­me haben, über Lite­ra­tur nach­zu­den­ken. Selbst­ver­ständ­lich ist auch die Kri­se der Print­me­di­en ein Pro­blem. Es gibt kei­ne Kri­se der Lite­ra­tur­kri­tik, nur eine Zei­tungs­kri­se.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ker?
Ich ver­su­che, mich ver­ständ­lich zu machen. Lite­ra­tur­kri­tik und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft sind zwei unter­schied­li­che Fel­der. Trotz­dem möch­te ich nicht aus­schlie­ßen, dass bestimm­te Theo­rien mein Den­ken beein­flus­sen. Luh­mann zum Bei­spiel.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Eini­ge. Aber ich sage kei­ne Namen. Doch, einen: Ina Hart­wig, heu­te Kul­tur­de­zer­nen­tin der Stadt Frank­furt. Ohne sie wäre ich nie zum Kri­ti­ken­schrei­ben gekom­men. Und da bin ich nicht der ein­zi­ge.

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen? Wie vie­le haben Sie gele­sen?
Man kann nie genug gele­sen haben. Nie. Mein Lebens­le­sepen­sum kann ich wirk­lich nicht abschät­zen. Aber ich bin noch immer lese­süch­tig, selbst nach einem run­den hal­ben Jahr Buch­preis­lek­tü­re.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Ich weiß, dass es heu­er zu vie­le waren.

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Ich war nie ein beson­ders kano­ni­scher Leser, son­dern habe gele­sen, was mir Spaß gemacht oder mich beson­ders getrof­fen hat: Georg Tra­kl, Gott­fried Benn oder Sir Arthur Conan Doyle. Wel­che Autoren ich heu­te schät­ze? Das ist unge­heu­er schwer zu beant­wor­ten. Es gibt Schrift­stel­ler, die mich mein gan­zes Lese­le­ben beglei­tet haben. Benn gehört dazu, aber auch der Ame­ri­ka­ner Cor­mac McCar­thy. Von ande­ren Puber­täts­ido­len wie Hand­ke oder Bern­hard habe ich mich mitt­ler­wei­le wie­der ver­ab­schie­det.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Die Schieds­rich­ter-Zei­tung des DFB, den Dachs­hund (das Publi­ka­ti­ons­or­gan des Deut­schen Teckel­klubs) und, wenn ich im Urlaub viel Zeit habe, Tho­mas Mann.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ker je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Ich muss tat­säch­lich geste­hen, mich bei einem bestimm­ten Autor, den ich in jun­gen Jah­ren grau­en­haft fand, geirrt zu haben. Das ist aber viel­leicht auch eine Alters­fra­ge. Trotz­dem wür­de ich kei­nen der Tex­te, die ich geschrie­ben habe, grund­sätz­lich zurück­neh­men. Nur viel­leicht etwas abschwä­chen. Ein Ver­riss ent­steht ja ent­we­der aus Wut oder aus ent­täusch­ter Lie­be.

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Chris­toph Schrö­der, Jahr­gang 1973, lebt als frei­er Autor und Kri­ti­ker in Frank­furt am Main. Er arbei­tet u. a. für die Süd­deut­sche Zei­tung, die Zeit, den Tages­spie­gel und den Deutsch­land­funk. Er ist Mit­glied der Jury für den Deut­schen Buch­preis 2016. Zuletzt erschien Ich pfei­fe. Aus dem Leben eines Ama­teur­schieds­rich­ters (Tro­pen, 2015).

Quel­le: VOLLTEXT 3/2016

Online seit: 25. Novem­ber 2016

Online seit: 25. Novem­ber 2016

Zuletzt geän­dert: 26. Nov. 2016