Fragebogen: Katja Gasser

Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te
Katja Gasser @ Österreichische Gesellschaft für Literatur

Kat­ja Gas­ser: „Ich bil­de mir ein, von Ilse Aichin­ger alles über Lite­ra­tur gelernt zu haben, was man über Lite­ra­tur wis­sen soll­te.“
Foto: Öster­rei­chi­sche Gesell­schaft für Lite­ra­tur

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Die Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik war und ist: zu unter­schei­den. Und um unter­schei­den zu kön­nen, muss man einen Ver­gleichs­raum haben. Die­ser Ver­gleichs­raum: er ent­steht allein durch Lesen.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Zu unter­schei­den. Nicht zuletzt zwi­schen den PR- und Ver­kaufs­stra­te­gien von Ver­la­gen und dem, was Lite­ra­tur ist und kann. Zwi­schen den media­len Bedürf­nis­sen und der Qua­li­tät von Büchern. Zwi­schen Autoren und deren Arbei­ten. Zwi­schen dem Zustand des Tex­tes und dem Zustand der Welt. Zwi­schen der eige­nen Gestimmt­heit und der Gestimmt­heit des Tex­tes usw. Wer nicht dif­fe­ren­zie­ren kann, sitzt in einer dunk­len, geschlos­se­nen Fal­le, die er für ‚die Welt‘, ‚die Wahr­heit‘ zu hal­ten geneigt ist.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit?
Durch­aus, wenn ich mich als Lese­rin als eine Spiel­art eines Palim­psests betrach­te. Zu Beginn mei­nes Ger­ma­nis­tik-Stu­di­ums hat mir Ter­ry Eagle­ton mit sei­ner Ein­füh­rung in die Lite­ra­tur­theo­rie den Blick frei gemacht für Denk­räu­me, die mir heu­te noch von Nut­zen sind. Ohne Fer­di­nand de Sauss­u­re, ohne Roland Bar­thes, ohne Michel Fou­cault, ohne Mau­rice Blan­chot, ohne Deleu­ze und Guat­ta­ri, ohne Gérard Genet­te usw. wäre mein Blick auf die Lite­ra­tur heu­te ein ande­rer.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
All jene, die ernst­haft ihre Arbeit machen und den Gegen­stand, der ihnen zur Aus­ein­an­der­set­zung anver­traut wird, mit Respekt behan­deln. Kri­ti­ke­rIn­nen, die sich weder im Zynis­mus noch in der Iro­nie gemüt­lich ein­rich­ten. Mei­ne Hoch­ach­tung vor jenen, die sich um ihrer selbst wil­len, ihrer eige­nen Kar­rie­re wil­len in den Vor­der­grund schrei­ben und dafür nicht sel­ten den Text opfern, hält sich sehr in Gren­zen. Red­lich­keit und Lie­be zu dem, wor­um es geht – das ist es, was ich am meis­ten an mei­nen Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen schät­ze. Die, die gemeint sind, wis­sen, dass sie gemeint sind.

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen?
Es kommt nicht auf die Quan­ti­tät an, viel­mehr auf die Qua­li­tät des­sen, was man liest. Im Grun­de reicht es, das Gesamt­werk von Ilse Aichin­ger immer wie­der aufs Neue zu lesen und von die­sem aus­ge­hend über die Qua­li­tät ande­rer Tex­te nach­zu­den­ken. Ich bil­de mir ein, von Ilse Aichin­ger alles über Lite­ra­tur gelernt zu haben, was man über Lite­ra­tur wis­sen soll­te.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Ich weiß es nicht. Wird wohl so etwas um die 200 sein.

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Ich habe, sehr spät, mit Erich Hackl, Ágo­ta Kris­tóf, Ivan Can­kar, Flor­jan Lipuš und Peter Hand­ke in die „Erwach­se­nen­li­te­ra­tur“ gefun­den. Hes­se z.B. war nie so ganz meins. Dar­an hat sich eigent­lich nichts Wesent­li­ches geän­dert.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Die Mathe­ma­tik-Bücher mei­ner Toch­ter. Mein dies­be­züg­li­ches Ver­ständ­nis ist heu­te noch schreck­lich beschei­den.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rin je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Nein, grund­le­gend nicht. Ich las­se mich heu­te viel­leicht von ober­fläch­li­cher nar­ra­ti­ver Kom­ple­xi­tät weni­ger leicht ver­füh­ren und blen­den als zu Beginn mei­ner literaturkritischen/literaturvermittelnden Arbeit.

* * *

Kat­ja Gas­ser, gebo­ren 1975 in Kla­gen­furt, dis­ser­tier­te über Ilse Aichin­ger und Gün­ter Eich. Seit 2008 lei­tet sie das Lite­ra­tur­res­sort des ORF-Fern­se­hens.

Quel­le: VOLLTEXT 1/2019 – 24. März 2019

Online seit: 26. August 2019

Online seit: 26. August 2019

Zuletzt geän­dert: 11. Dez. 2019