Fragebogen: Anne-Catherine Simon

Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te.
„Man kann auch zu vie­le Bücher lesen.“
Anne-Catherine Simon © Clemens Fabry

Anne-Cathe­ri­ne Simon: „Man kann auch zuvie­le Bücher lesen.“ – Foto: Cle­mens Fabry

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Ers­tens: bei einem brei­te­ren Publi­kum das Gespür für die Berei­che­rung des Lebens durch Bücher und die Mög­lich­kei­ten von Spra­che zu för­dern. Zwei­tens: ein wenig den Rezep­ti­ons­ra­di­us von wert­vol­ler Lite­ra­tur zu erwei­tern, die auf dem Buch­markt kei­ne Chan­ce auf Auf­merk­sam­keit hat.

Was sind die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen für die Kri­tik heu­te?
Eine wich­ti­ge Her­aus­for­de­rung: Öffent­lich Platz zu schaf­fen für Qua­li­tät, die nicht mit einem „bri­san­ten The­ma“, mit Tabu­brü­chen, mit ent­we­der der „gold­rich­ti­gen“ oder einer „skan­da­lö­sen“ Welt­sicht auf­war­ten kann – oder mit einer mäch­ti­gen Mar­ke­ting­ma­schi­ne­rie im Hin­ter­grund.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit?
Ver­mut­lich ja, aber ver­in­ner­licht – ich den­ke sie bei einer Beur­tei­lung eines Wer­kes nicht mehr mit.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Wen ich am meis­ten schät­ze, kann ich nicht sagen; ich schät­ze unter ande­rem sehr Insa Wil­ke und Danie­la Stri­gl – für ihre Über­legt­heit und ihr Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein, ihr lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­ches Fun­da­ment und das Feh­len des typi­schen Kri­ti­ker­las­ters: den eige­nen Auf­tritt oder die eige­nen For­mu­lie­run­gen wich­ti­ger zu neh­men als das bespro­che­ne Werk. Lite­ra­tur­kri­ti­ker älte­ren Datums: etwa Geor­ge Stei­ner, Wal­ter Ben­ja­min, Harold Bloom. Und, eine Grö­ße für sich: Gott­hold Ephra­im Les­sing.

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen?
Ich glau­be nicht, dass Kri­ti­ker­kom­pe­tenz in Zah­len gele­se­ner Bücher gemes­sen wer­den kann. Wenn, dann ver­hält es sich eher umge­kehrt pro­por­tio­nal – man kann zu vie­le Bücher lesen. Ich fürch­te immer wie­der, dass das bei mir der Fall ist (und nicht nur bei mir).

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Ich schät­ze, an die 70.

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Es gibt vie­le neue­re und neue, die ich sehr lie­be, aber die Autoren, die ich mir immer und immer wie­der her­neh­me, sind die­sel­ben wie damals, als ich 15 war: Kaf­ka, Tho­mas Mann, Kleist, Dos­to­jew­ski, Tschechow …

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Bücher, die mir hel­fen, in eine neue Sprach- und damit über­haupt Welt vor­zu­drin­gen. Der­zeit: Rus­si­sches auf Rus­sisch. Und: Kin­der­bü­cher.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rin je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Revi­die­ren müs­sen? Immer wie­der. Ob grund­le­gend? Ich kann mich an kei­nen kon­kre­ten Fall erin­nern, hal­te es aber für wahr­schein­lich. Gera­de wenn einem ein Text ganz unmit­tel­bar beson­ders „sym­pa­thisch“ oder „unsym­pa­thisch“ ist, soll­te man sich als Kri­ti­ker miss­trau­en. Und sich zur Sub­jek­ti­vi­tät des eige­nen Urteils beken­nen

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Anne-Cathe­ri­ne Simon, gebo­ren 1975, ist Redak­teu­rin im Feuil­le­ton der Tages­zei­tung Die Pres­se.

Quel­le: VOLLTEXT 2/2019 – 28. Juni 2019

Online seit: 15. Sep­tem­ber 2019

Online seit: 15. Sep­tem­ber 2019

Zuletzt geän­dert: 1. Jan. 2020