Der Henker und sein Dichter

Ralf Roth­mann rap­por­tiert aus dem Hotel der Schlaf­lo­sen. Von Felix Phil­ipp Ingold
Isaak Babel © Georgii Petrusov

Isaak Babel: „Ich war erschöpft und schlepp­te mich unterm Toten­kranz dahin, vom Schick­sal die ein­fachs­te aller Gaben erfle­hend – die Fähig­keit, einen Men­schen zu töten.“ Foto: Geor­gii Petru­sov

Die Lite­ra­tur beginnt mit dem Ende, das allein das Ver­ste­hen ermög­licht. Um spre­chen zu kön­nen, müs­sen wir den Tod erbli­cken, ihn hin­ter uns sehen.

— Mau­rice Blan­chot

In die Geschich­te ist der unschein­ba­re Mann nicht ein­ge­gan­gen, er hat sie in kei­ner Wei­se geprägt, ist bloß mit­ge­lau­fen, hat sich ihr per­fekt ange­passt, hat nie öffent­li­ches Auf­se­hen erregt, weder posi­tiv noch nega­tiv, hat ihr ehr­lich zuge­dient, sich gemüt­lich und beflis­sen in ihr ein­ge­rich­tet, um schließ­lich unbe­schol­ten als Rent­ner sein Ende und einen wür­di­gen Platz auf dem Fried­hof zu fin­den. Auf eine (aller­dings pos­tu­me) „Bes­ten­lis­te“ hat es der dis­kre­te Rus­se den­noch geschafft: 2010 wur­de er als der welt­weit effi­zi­en­tes­te Hen­ker aller Zei­ten („Most Pro­li­fic Exe­cu­tio­ner“) ins Guin­ness-Buch der Rekor­de auf­ge­nom­men – ins­ge­samt 20.000 Men­schen soll er als „Kom­mis­sar für beson­de­re Auf­ga­ben“ unter Sta­lins Regime eigen­hän­dig umge­bracht haben. Nie wur­de er dafür offi­zi­ell zur Rechen­schaft gezo­gen. Noch heu­te wer­den auf sei­ner Grab­stät­te in Mos­kau Blu­men nie­der­ge­legt und Ker­zen ange­zün­det.

Bei dem sol­cher­art „Aus­ge­zeich­ne­ten“ han­delt es sich um Was­si­lij Blochin, Jahr­gang 1895, Sohn eines Klein­bau­ern, von Beruf Mau­rer, im Ers­ten Welt­krieg Sol­dat, dann Unter­of­fi­zier; ab 1921 wäh­rend Jahr­zehn­ten Mit­ar­bei­ter der sowje­ti­schen Geheim­diens­te Tsche­ka, OGPU, NKWD und KGB; seit 1924 als Kom­man­dant, spä­ter als Kom­mis­sar zustän­dig für die Hin­rich­tung „poli­ti­scher“ Gefan­ge­ner, die von „Revo­lu­ti­ons­ge­rich­ten“ als angeb­li­che Agen­ten, Spio­ne, Ver­rä­ter, Deser­teu­re, Volks­fein­de ver­ur­teilt wor­den waren. Zur Zeit des Gro­ßen Ter­rors wur­den unter Bloch­ins Auf­sicht und mit sei­ner per­sön­li­chen Betei­li­gung Hun­dert­tau­sen­de exe­ku­tiert, mehr­heit­lich Kom­mu­nis­ten, die meis­ten anhand von kon­stru­ier­ten Ankla­gen oder erzwun­ge­nen Geständ­nis­sen. Zu den Opfern gehör­ten nebst ein­fa­chen Par­tei­ge­nos­sen zuneh­mend auch Füh­rungs­ka­der, durch die Sta­lin sei­ne Macht­fül­le ein­ge­schränkt oder bedroht sah – dar­un­ter nicht zuletzt Leu­te, die ihrer­seits aktiv am Staats­ter­ror betei­ligt waren, bevor sie selbst zu Opfern wur­den.

Was bei Roth­mann völ­lig aus­ge­blen­det bleibt, ist Babels eige­ne Nähe zum sta­li­nis­ti­schen Gewalt­re­gime.

Vor den mas­sen­haf­ten, mit stau­nens­wer­ter Akri­bie doku­men­tier­ten „Säu­be­run­gen“ blie­ben selbst die ver­meint­lich all­mäch­ti­gen Spit­zen­funk­tio­nä­re der Geheim­diens­te nicht ver­schont: Als Kom­man­dant der zen­tra­len geheim­dienst­li­chen Haft­an­stalt in Mos­kau hat Blochin nicht nur Tau­sen­de von enga­gier­ten Kom­mu­nis­ten und erge­be­nen Zuar­bei­tern Sta­lins per­sön­lich zu Tode gebracht, son­dern auch füh­ren­de Gene­rä­le der Roten Armee, hoch­ran­gi­ge Par­tei- und Regie­rungs­mit­glie­der sowie sei­ne obers­ten Vor­ge­setz­ten Jago­da und Jeshow, die den Gro­ßen Ter­ror in Sta­lins Auf­trag orga­ni­siert hat­ten. Unter­stützt wur­de Blochin von einem Erschie­ßungs­kom­man­do (Spez­grup­pa), mit dem zusam­men er pha­sen­wei­se meh­re­re Hun­dert Ver­ur­teil­te pro Nacht durch Nacken­schuss liqui­dier­te. Bei den Erschie­ßun­gen trug er eine eigens ange­fer­tig­te Uni­form mit Stul­pen, Stie­feln und Kap­pe, alles aus imprä­gnier­tem Zie­gen­le­der, um das reich­lich ver­spritz­te Blut abflie­ßen zu las­sen.

Dass Blochin auch man­che sei­ner Dienst­kol­le­gen und per­sön­li­chen Freun­de auf die­se Wei­se umbrin­gen muss­te, scheint ihn nicht belas­tet zu haben – sei­ne Stär­ke war der Gleich­mut, war die Tat­sa­che, dass er alles und alle ohne Skru­pel für „gleich“ hal­ten konn­te: Ob er einen Mar­schall, einen Par­tei­se­kre­tär, einen Volks­kom­mis­sar oder einen Lite­ra­ten hin­rich­ten muss­te, war ihm egal – er hät­te auch den Genos­sen Sta­lin hin­ge­rich­tet, falls er dazu von einem noch mäch­ti­ge­ren Dienst­chef auf­ge­for­dert wor­den wäre. Auch sei­nen umfang­mä­ßig größ­ten Ein­satz, die Liqui­die­rung von 6287 pol­ni­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen im Früh­jahr 1940, führ­te Blochin zu gro­ßen Tei­len im Allein­gang durch, dies unter Ver­wen­dung von deut­schen (also „feind­li­chen“) Prä­zi­si­ons­pis­to­len des Typs Walt­her, die sich bei Dau­er­feu­er weni­ger schnell erhitz­ten als ver­gleich­ba­re sowje­ti­sche Waf­fen.

Blochin war vor­sich­tig genug, kei­ner­lei Papie­re, weder offi­zi­el­le noch pri­va­te, zu hin­ter­las­sen, die aktu­ell oder auch bloß nach­träg­lich sei­ne vier­und­drei­ßig­jäh­ri­ge Exe­ku­ti­ons­kar­rie­re hät­ten kom­pro­mit­tie­ren kön­nen. Als ein­zi­ge Doku­men­te sind von ihm Tau­sen­de von Unter­schrif­ten erhal­ten geblie­ben, mit denen er sei­ne Hin­rich­tun­gen kom­men­tar­los bestä­tig­te, dazu ein Dut­zend Orden und Ehren­zei­chen für beson­de­re Ver­diens­te. Unklar bleibt, ob er im Febru­ar 1955, als unter Sta­lins Nach­fol­gern das „Tau­wet­ter“ und damit das Ende des Ter­rors ein­setz­te, eines natür­li­chen Todes oder durch eige­ne Hand starb; er wur­de sech­zig Jah­re alt.

II

Die viel bere­de­te „Bana­li­tät des Bösen“ fin­det in Was­si­lij Blochin ihre exem­pla­ri­sche Ver­kör­pe­rung; doch anders als der Schreib­tisch­tä­ter Adolf Eich­mann und ande­re NS-Kom­man­dan­ten, die wohl per­sön­lich nie jeman­den umge­bracht haben und des­halb als „bana­le“ Böse­wich­te gel­ten, war Blochin – abseits der Pla­nungs­bü­ros und Folter­keller – aus­schließ­lich als Auf­trags­mör­der tätig, als wil­li­ger Voll­stre­cker, als sach­kun­di­ger und ver­läss­li­cher Hen­kers­knecht, und in die­ser exzen­tri­schen Rol­le bie­tet er die idea­le Vor­ga­be für eine lite­ra­ri­sche Aus­ar­bei­tung, ide­al schon des­halb, weil über ihn per­sön­lich (außer Opfer­zah­len und Dienst­rän­gen) fak­tisch kaum etwas bekannt ist, mit­hin also man­ches, fast alles zu ima­gi­nie­ren bleibt.

Mit der Titel­er­zäh­lung sei­ner jüngs­ten Pro­sa­samm­lung, Hotel der Schlaf­lo­sen (sie­he Vor­ab­druck in VOLLTEXT 3/2020), unter­nimmt nun Ralf Roth­mann den ris­kan­ten Ver­such, den his­to­risch beglau­big­ten Mas­sen­mör­der als fik­ti­ve Erzähl­fi­gur – und dies in der Funk­ti­on des Ich­er­zäh­lers! – vor­zu­füh­ren. Ein eben­so attrak­ti­ves wie anspruchs­vol­les Unter­fan­gen, da bei der Rekon­struk­ti­on der his­to­ri­schen „Wahr­heit“ ein Mini­mum an Fak­ten ein Maxi­mum an Ein­bil­dungs­kraft erfor­dert, bei gleich­zei­ti­ger Wah­rung von doku­men­ta­ri­scher wie von psy­cho­lo­gi­scher, zeit­ge­schicht­li­cher und nar­ra­ti­ver Glaub­wür­dig­keit.

Mehr als 5.000 lite­ra­ri­sche Titel unlieb­sa­mer Autoren kamen auf den offi­zi­el­len Index ver­bo­te­ner Bücher, Mil­lio­nen von Ein­zel­ex­em­pla­ren wur­den phy­sisch ver­nich­tet – es war der größ­te Biblio­zid aller Zei­ten.

Roth­mann ver­sucht sei­nem sin­gu­lä­ren, äußerst schwer fass­ba­ren Prot­ago­nis­ten näher­zu­kom­men, indem er ihn auf ganz unter­schied­li­che Wei­se mit zwei sei­ner zufäl­li­gen Opfer kon­fron­tiert, einem trotz­kis­ti­schen Abweich­ler ohne Rang und Namen und dem weit­hin bekann­ten Schrift­stel­ler Isaak Babel. Mit bei­den macht sich Blochin, im unge­trüb­ten Bewusst­sein sei­ner Macht über Leben und Tod, einen mör­de­ri­schen Jux, und in bei­den Fäl­len tut er es mit unauf­wän­di­gem Zynis­mus, her­ab­las­send und ziel­füh­rend. Den unbe­darf­ten Genos­sen vom Dorf emp­fängt er zur Abwechs­lung nicht in sei­ner pro­fes­sio­nel­len Schlach­ter­mon­tur, son­dern in gewöhn­li­cher Wär­ter­tracht; er ver­wi­ckelt ihn in ein absur­des „fami­liä­res“ Gespräch, behaup­tet, sein Schwa­ger zu sein, und lässt damit eine fast schon enthu­si­as­ti­sche Über­le­bens­hoff­nung in ihm auf­kei­men, um ihn dann doch mit vor­ge­hal­te­ner Pis­to­le in den Hin­rich­tungs­kel­ler bezie­hungs­wei­se „hin­aus“ in die Frei­heit zu füh­ren.

Isaak Babel, damals sechs­und­vier­zig Jah­re alt, wird nach lan­ger Haft­zeit und schwers­ter Fol­ter am 27. Janu­ar 1940 als „blu­ti­ge Zitro­ne“ zur Liqui­die­rung in den Kel­ler gebracht. Auch mit ihm treibt Blochin sein dia­bo­li­sches Spiel, lässt ihn