Material für eine Serie von Sandpapiercollagen

Von Erwin Ein­zin­ger. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 57
Erwin Einzinger © Heinz Hehenberger

Erwin Ein­zin­ger. Foto: Heinz Hehen­ber­ger

1 – Am Beginn betritt ein Mann mit Infan­te­riestie­feln den War­te­raum, packt kurz danach ein Gur­ken­sand­wich aus und unter­hält sich kau­end mit der bis­her stil­len Pati­en­tin in der Ecke über Fett­ab­sau­gung, All­tags­stress und Weis­heits­zäh­ne. Auf­fal­lend sein stark ver­schmutz­ter Hemd­kra­gen, der sicher auch dem Arzt zu den­ken geben wird.
2 – Fünf- bis sechs­mal kann der Tag sich kom­plett ändern und auf die­se Wei­se varia­ble Anschluß­stel­len schaf­fen. Olaf grinst nur, wenn der­lei Ver­schro­be­nes bespro­chen wird.
3 – Schim­mern­de Ver­wand­lungs­ket­ten. Roß­knö­del am Lär­chen­hang hin­ter der Luxus­pen­si­on. Abends öff­net der Ver­lags­ver­tre­ter end­lich sei­nen Stahl­kof­fer, des­sen Ver­schluß mit einem Zah­len­code gesi­chert ist.
4 – Im Stu­dio der Dra­ma­tur­g­in­nen im Zen­trum der Stadt Tours steht ein mit Res­ten alter Spann­tep­pi­che ange­füll­ter Kin­der­wa­gen, der der Hun­de­da­me von Frau Cha­ren­sol als Ruhe­bett­chen dient.
5 – Mit depres­siv gestimm­tem Zwi­schen­durch­ge­stam­mel kön­nen die Gebrauchs­gra­fi­ker Ralph und Ing­var wie erwar­tet wenig anfan­gen. Anders sieht die Sache aus, wenn es um Fotos jener nack­ten Mäd­chen aus dem Volk der Tua­reg zu gehen scheint, die bis­her unbe­ach­tet in der Klar­sicht­hül­le einer Map­pe für das Jubi­lä­ums­heft der eth­no­gra­phi­schen Gesell­schaft lagen.
6 – Ein Domi­no­stein auf dem Park­platz vor der Müh­le. Stör­fel­der, gedan­ken­fer­ne Tun­nel. Die Aus­hilfs­kraft erzählt von einer Korn­händ­ler­fa­mi­lie, die das maro­de Was­ser­schloß gepach­tet hat, mit der ver­spro­che­nen Sanie­rung aller­dings bereits vor Jah­ren in Ver­zug gera­ten ist.
7 – Das Nage­tier muß in der Nacht ver­en­det sein, man tippt auf Herz­still­stand. Jona­than trug es in Doro­the­as Bade­hau­be in den Gar­ten, wo er es in aller Eile gleich danach ver­gra­ben woll­te, hät­te ihn nicht aus dem Fens­ter die bigot­te Nach­ba­rin, Frau Fäs­e­cke, dabei beob­ach­tet.
8 – Zum The­ma Pro­mis­kui­tät in den Büros der Dach­ge­sell­schaft woll­te sich Bea­te erst nach einem wei­te­ren Getränk und nur sehr zögernd äußern.
9 – „Was ist los mit Ihnen, stren­ger Mann? Bringt das Zer­schnip­sel­te Sie der­art aus der Fas­sung?“ Ähn­lich kecke Wor­te fand am Frei­tag Han­ne­lo­re, als es dar­um ging, ob etwa staat­li­che Kon­trol­le da und dort längst auch pri­va­te Zonen über­wu­chert haben mag.
10 – Daß Tour­ma­na­ger Rus­sell Schlag­baum sich tat­säch­lich noch dar­an erin­nern wird, wie es dem armen Ron­nie Lane im bit­ter­kal­ten März auf sei­ner Farm The Fish­pool nahe Shrews­bu­ry ergan­gen ist, darf stark bezwei­felt wer­den. Geblie­ben ist der Song, in dem es heißt The skin­ny girl made it clear that she came here only for the beer.
11 – Maul­tier­kot auf dem Pri­vat­park­platz. „Auch du wirst spä­tes­tens am Don­ners­tag die Kabel­rol­le brau­chen, Rein­hild. Ohne Strom steht man in die­ser Gegend schnell im Regen.“ Rein­hild nickt und schweigt.
12 – Erneut hat sich Madame Borof­ka im Gefühls­be­reich kom­plett ver­schätzt. Ihr ver­meint­lich treu­er Car­lo wäre ihret­we­gen nie und nim­mer bar­fuß über Glas­scher­ben gelau­fen. Daß er die klei­nen Gangs­ter in der Tief­ga­ra­ge ins­ge­heim bewun­dert hat, spielt mitt­ler­wei­le kei­ne Rol­le mehr.
13 – Lau­war­mer Zwie­bel­ein­topf für die teu­ren Zucht­hüh­ner aus Mada­gas­kar. Ein Weber­knecht im Näh­kas­ten. Und auf der Couch ein Auto­ma­ten­fo­to jener Brüs­te, die Genos­se Ran­dolf mit dem Wort Erkennt­nis­hun­ger zu ver­bin­den wuß­te.
14 – Medi­ka­men­ten­eng­paß-Sto­ries aus der Haupt­stadt. Dau­men­na­gel­gro­ße Schnee­flo­cken am Eis­lauf­platz. Im Rad­sport­zen­trum wird zu spä­ter Stun­de süßer Man­del­ku­chen aus­ge­teilt. Beim The­ma Kriech­tie­re im frü­hen Meso­zoi­kum ist der Pri­vat­ge­lehr­te aus Sla­von­ski Brod erneut in sei­nem Ele­ment.
15 – End­los lang ver­mag die Labo­ran­tin um den Ver­lust des bunt bestick­ten Schals aus Ana­to­li­en her­um­zu­la­bern, wäh­rend die Mün­gers­dor­fer Trup­pe mit dem Abtrans­port der Zelt­stan­gen beschäf­tigt ist. Exakt zwei Wochen spä­ter taucht der Bofrost-Mann ganz pünkt­lich wie­der auf, freund­lich und ent­spannt, obwohl er stets in Eile ist.
16 – Mit Elek­tro­pop hat­te der ger­ten­schlan­ke Lei­ter des aus Min­ne­so­ta stam­men­den Orches­ters kla­rer­wei­se nichts am Hut. Was ihn jedoch beschäf­tigt hat: Der Zufall, daß der nach Süd­wes­ten hin erwei­ter­te Sol­da­ten­fried­hof mitt­ler­wei­le an den Was­ser­gra­ben grenzt.
17 – Es ist bekannt, daß schon ein Fun­ken von Ver­we­gen­heit genügt, und eine gan­ze Sze­nen­fol­ge nimmt auf ein­mal Tem­po auf und Far­be an. San Leo­nar­do wie­der­um nahm armen Sün­dern einst die Ket­ten ab: Ein Beicht­bild­chen aus dem Aos­ta­tal erzählt dazu eine berüh­ren­de Geschich­te. Eine ande­re kreist eher um den Eulen­flaum im Dach­stuhl der Drei­fal­tig­keits­ka­pel­le.
18 – Ob das Mär­chen von der frei­en Lie­be auch den Jung­ma­tro­sen aus Machatschka­la im Kopf her­um­ge­geis­tert war, als sie am frü­hen Nach­mit­tag an Land gin­gen?
19 – Zwei Ord­nungs­hü­te­rin­nen, umwölkt von einer bes­tens aus­ta­rier­ten Kom­po­nen­te aus sehr zar­tem Rosen­was­ser­duft, ver­ga­ßen plötz­lich ihren Mon­tags­grant und hiel­ten sich auf die­se Wei­se alle Optio­nen offen. Die jün­ge­re der bei­den schnalz­te mehr­mals mit der Zun­ge.
20 – Ech­tes Kar­pa­ten­wet­ter. Nur einen Stein­wurf weit ent­fernt von den Rui­nen des Amphi­thea­ters ließ Yolan­da sich von Raban boos­tern. Er war ver­mut­lich leicht illu­mi­niert, wie man im Wald­vier­tel zu sagen pflegt.
21 – Der hava­rier­te Damp­fer mit den Sau­er­kraut­con­tai­nern stand bereits seit Tagen in der Bucht. Dok­tor Quad­fastl jedoch woll­te zual­ler­erst ein­mal nur wis­sen: Wer bit­te küm­mert sich um die Erleuch­te­ten?
22 – Ori­gi­nal­ton Agnies­za: „Ganz schön dreist, wie unser neu­er Koad­ju­tor aus Jele­nia Góra unlängst voll Ver­ach­tung auf den Tanz­bo­den gespuckt hat.“
23 – Erin­ne­run­gen an das kel­ti­sche Neu­jahrs­fest. Und im Pub gin­gen zwei mäch­tig Ange­schi­cker­te mit alt­be­kann­ten Weis­hei­ten hau­sie­ren, in denen es zum Bei­spiel dar­um ging, daß man nach New­cast­le natür­lich kei­ne Koh­le lie­fern müs­se. Und eine Frau mit wil­der Turm­fri­sur gab anschlie­ßend bekannt: Hap­pi­ness comes easy if it‚s bright and bree­zy …
24 – Im Semi­nar zum Auf­bau grö­ße­rer Reser­ven im Bereich der Selbst­kon­trol­le krieg­te Ramo­na einen Lach­an­fall. Auch die Geheim­nis­se des Inter­vall­fas­tens dürf­ten sich ihr bis­her nicht erschlos­sen haben.
25 – „Fick dich, rus­si­sches Kano­nen­boot!“ war die empör­te Ant­wort der Bewoh­ner jener klei­nen Schwarz­meer­in­sel, die alle kurz danach erschos­sen wur­den.
26 – In Pan­tof­feln und im Schlaf­rock durchs Gelän­de strei­fen: Für Lajos kein Pro­blem. Sei­ne Her­zens­da­me frei­lich hat er nie zum Pfer­de­ren­nen mit­ge­nom­men oder wenigs­tens zu einem teu­ren Abend­essen aus­ge­führt. Aber am Diens­tag kurz nach fünf lag er erneut auf ihr, den Kopf zwi­schen den Bei­nen.
27 – Die Heil­mas­seu­se gibt nun zusätz­lich noch alle vier­zehn Tage im Gemein­de­zen­trum Rat­schlä­ge betref­fend aus­ge­wo­ge­ne Ernäh­rung. Auch diver­se Wohl­fühl-Falt­bro­schü­ren wer­den ange­bo­ten.
28 – Selbst char­man­te Lie­bes­paa­re hin­ter­las­sen Spu­ren. Mag­da und Hele­ne sind jedoch nicht dazu da, sich auch um der­lei Din­ge noch zu küm­mern. (Die letz­te Hono­lu­lu-Par­ty war genau­ge­nom­men ohne­hin ein ech­ter Rein­fall.)
29 – Im Likör­stüb­chen wird ganz dezent gefei­ert. Und nur zwei Stra­ßen wei­ter: Vier süße neue Kat­zen­ba­bies im Gesin­de­haus, des­sen hüb­sches Stroh­dach Rado­van im Juni wäh­rend eines Wut­an­falls tat­säch­lich abge­fa­ckelt hät­te, wären die bei­den Sport­ler aus dem Klub in Tuz­la ihm nicht in den Arm gefal­len.
30 – Leer­stands­kon­fe­renz im Insti­tut für Raum­pla­nung. Die Gast­stu­den­tin hat es eilig, des­halb stellt sie nur drei kur­ze Fra­gen, ver­schwin­det anschlie­ßend in aller Eile aufs WC und ruft danach ein Taxi, des­sen Fah­rer offen­bar ein ech­tes Red­haus ist. Vor der Ampel an der Bau­stel­le im Innen­stadt­be­reich erzählt er von dem Burg­schau­spie­ler, der von sei­ner Urlaubs­fahrt zurück­ge­kom­men sei in eine aus­ge­raub­te Woh­nung.
31 – Ein Bün­del Hüh­ner­fe­dern bau­melt an der Tür der Unter­kunft der Hir­ten in dem schmu­cken Dorf am Ran­de der Rhod­o­pen. Es gibt Fla­den­brot und fri­sche Zie­gen­but­ter. Auf dem drei­bei­ni­gen Melk­sche­mel aus Ahorn­holz steht eine Scha­le mit Rin­glot­ten.
32 – Tier­fil­mer Vaclav strahlt, als er das wacke­li­ge Foh­len der Giraf­fe end­lich trin­ken sieht. Er klopft mit sei­nem Dau­men­na­gel mehr­mals auf den Blech­ka­nis­ter, winkt danach in Rich­tung Kame­ra und hört im Kopf womög­lich Engels­chö­re, wäh­rend Lud­mil­la rasch das nächs­te Aspi­rin zer­stampft.
33 – Dan­ke für die freund­li­che Beglei­tung durch den Tag. Ein letz­ter Höhe­punkt: die legen­dä­re Typhus­op­fer-Gale­rie im Abend­licht. (Kei­ne acht­zig Kilo­me­ter wei­ter nörd­lich bolz­te angeb­lich zur sel­ben Zeit ein jun­ger Eber durchs Gehölz.)
34 – Völ­lig über­trie­ben war natür­lich auch die Angst, bereits das Tisch­ge­bet könn­te womög­lich län­ger dau­ern als die eigent­li­che Mahl­zeit. Doch der Grund­satz, erst ein­mal die Ruhe zu bewah­ren, hat schon des öfte­ren vor Schnell­schüs­sen und Pein­lich­keit bewahrt.
35 – Straff gespannt wie ein gigan­tisch gro­ßes Tram­po­lin: der Him­mel über Tata­bá­nya. Im gut besuch­ten Strand­ca­fé gestand eine gelang­weil­te Nata­lya: „Seit kur­zer Zeit tra­ge ich immer häu­fi­ger gestoh­le­ne Klei­der. Schuld dar­an ist Ist­vans Bru­der, der jede zwei­te Woche durch die Märk­te Bra­tis­la­vas zieht.“ (Die Gar­ten­ar­chi­tek­tin frag­te hin­ter­her nicht ohne Grund: „War­um sind alle hier so durch­ge­knallt?“)
36 – Jetzt auch im halb­wegs gut sor­tier­ten Ein­zel­han­del jeder­zeit erhält­lich: Füll­hör­ner für Heu­bo­den und Vor­rats­kam­mer.
37 – Am Mitt­woch­abend um halb acht: Ganz­kör­per­tat­too­freun­de vor dem noch son­nen­war­men Dom im Zen­trum von St. Pöl­ten. Musi­ca Sacra-Fly­er vor dem Würstl­stand. Und nie­mand weiß, was mor­gen kommt.

* * *

Erwin Ein­zin­ger, geb. 1953 in Kirch­dorf, Stu­di­um der Anglis­tik und Ger­ma­nis­tik, lebt als frei­er Schrift­stel­ler und Über­set­zer in Michel­dorf, OÖ. 15 Bücher im Resi­denz Ver­lag und im Ver­lag Jung und Jung, Salz­burg. Zuletzt Bar­fuß ins Kino. Gedich­te, 2013. Ein kir­gi­si­scher Wes­tern. Roman, 2015. Das Wild­schwein. Ara­bes­ken, 2018. Dazu mehr als zehn Bän­de Gedich­te und Roma­ne U.S.amerikanischer Autoren über­setzt (u. a. Robert Cre­e­ley, Wil­liam Car­pen­ter, John Ash­be­ry, James Schuy­ler). Zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen, u. a. Rau­ri­ser Lite­ra­tur­preis, manu­skrip­te-Preis, Mond­seer Lyrik­preis und H. C. Art­mann-Preis.

 

„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 18. März 2022

Zuletzt geän­dert: 19. März 2022