Analog

Von Eri­ka Plu­har.
„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XIII
Erika Pluhar © Christina Häusler

Eri­ka Plu­har. Foto: Chris­ti­na Häus­ler

Die Kin­der­stim­men neben­an am Spiel­platz sind ana­log. Sie brül­len. Sie schrei­en sich an oder ein­an­der etwas zu. Der Fuß­ball, den ich auf­schla­gen höre, ist nach wie vor ein Fuß­ball. Die Füße, die ihn tre­ten, sind Kin­der­fü­ße und eben­falls ana­log. Das beru­higt.

Sie spie­len trotz der Hit­ze. Die­ser Hit­ze schon im frü­hen Juni. Das gehört zu den Ver­än­de­run­gen. Mich schlaucht sie. Ermat­tet mich. Der Wind, der durch die Bäu­me vor mei­nem Fens­ter fährt, ist eben­falls heiß. Die­se Bäu­me, über die ich stän­dig und immer wie­der schrei­be. Die ich anbe­te. Ja, sie sind mir Gewähr von Leben und Schön­heit, so lan­ge man sie gewäh­ren lässt. Sie schen­ken mir Ana­lo­gie. Ana­lo­gie zu mei­nem eige­nen Sein. So lan­ge die­ses währt.

Es wur­de bereits zu lan­ge gelebt.
Ich beschrän­ke mich auf den Augen­blick.
Mei­ne Augen bli­cken in Bäu­me und Laub, das ist schon etwas.
Davor, am Fens­ter­kreuz, lehnt ein Bild, das mei­ne Mut­ter gemalt hat.
Es sind Blu­men. Küh­ne und wil­de Blu­men.
Sie mal­te gern Bäu­me, und sie mal­te gern Blu­men. Auf ihre Art.
Das seit­li­che Fens­ter ist geöff­net, man kann Vogel­stim­men hören.
Auch das fer­ne Brum­men eines Flug­zeugs, hoch oben.
Und jetzt Kir­chen­glo­cken.
War­um eigent­lich Kir­chen­glo­cken, erst mor­gen ist Sonn­tag.
Ich bin allein in mei­nem gro­ßen Haus.
Für eini­ge Tage allein in mei­nem gro­ßen Haus.
Ich habe den hel­len Bild­schirm vor mir, und dar­un­ter mei­ne alten Hän­de, die sich über die Tas­ten des Com­pu­ters bewe­gen.
Der April ging zur Nei­ge.
Ich habe das Her­vor­bre­chen des Früh­lings erlebt. Noch ein­mal erfah­ren, wie Erlo­sche­nes, ja Totes, plötz­lich wie­der Leben gebar.
Mei­ne Para­bel, ich weiß.
Nur bin ich nicht Teil der Natur, bin ein Men­schen­we­sen. Das heißt: gna­den­los ver­gäng­lich. Eines Tages bin ich Ver­gan­gen­heit und nichts sonst. Und auch das wird ver­ge­hen.
Aber so lan­ge es geht, wer­de ich mit mei­nen Wor­ten umge­hen, das weiß ich.
Mit Wor­ten, die ich lie­be.
Wind. Vogel. Laub natür­lich, immer wie­der Laub.
Fer­ne. Wei­te. Gewölk.
Meer-Wor­te, wie: Ufer. Strand. Wel­le. Woge, auch Gischt.
Gras. Ein­fach: Gras.
Die Wor­te mei­ne Zuflucht, seit ich Kind war.
Hori­zont. Abend­him­mel. Mond. Was für ein Wort: Mond.

Die­se Zei­len in mei­nen alten Lap­top hin­ein zu klop­fen, bedeu­tet nicht, daß ich einen Com­pu­ter begrei­fe. Daß ich die­se Welt noch begrei­fe. Die­se für mich aus den Fugen gera­te­ne Welt. Ich wer­de wohl mein Leben ana­log zu Ende leben, dar­auf bestehe ich. Obwohl die Umwelt nach einem greift, ob man will oder nicht, sie herrscht.

Es rührt mich, einen Film zu sehen, wo Men­schen noch nach einem Tele­fon­hö­rer grei­fen. Ein­an­der einen Brief schrei­ben. Hand­schrift­lich natür­lich. Wie sie ohne Mühe bei einer net­ten Boden-Ste­war­dess ihre Bord­kar­te erhal­ten, über das Flug­feld schlen­dern und dort das Flug­zeug bestei­gen. Auf schma­len Stra­ßen mit offe­nen Kabri­os direkt am Meer dahin­fah­ren, und ihnen kaum Autos ent­ge­gen­kom­men. All das.

Die Men­schen waren zu allen Zei­ten und auch damals eine ungu­te Spe­zi­es, geben wir’s zu. Aber sie leb­ten schö­ner. Ohne das jedoch zu wis­sen und hoch­zu­ach­ten. Sie hofier­ten bereit­wil­lig dem Fort­schritt. Der Tech­nik.

Also ich behar­re. Behar­re auf mei­nen schlecht schlie­ßen­den, alten Fens­ter­flü­geln, davor den bereits etwas brü­chi­gen Holz­lä­den. Dadurch wird bei mir nie­mals schlech­te, ver­brauch­te Luft die Räu­me erfül­len, ich benö­ti­ge kei­ne Air-Con­di­ti­on, die surrt und bläst und mei­nen Nacken steif macht. Zum Bei­spiel.

Es gibt vie­le sol­cher Bei­spie­le, mit denen ich gegen For­de­run­gen neu­zeit­li­chen Kom­forts trot­zig mei­ne Lebens­qua­li­tät bewah­re. Das hat nichts mit frü­her war alles bes­ser, mit unbe­lehr­ba­rer Rück­schau zu tun, son­dern mit Lebens­schön­heit. Wie ich sie ver­ste­he und zu Recht ein­for­de­re.

Ich lie­be die­se Stil­le. Was für ein so sel­ten gewor­de­nes Geschenk, so zu woh­nen, ein Haus zu bewoh­nen, ohne das nahe oder fer­ne­re, jedoch unver­meid­ba­re Rau­schen einer Auto­bahn stän­dig hören zu müs­sen.

Bei Auto­rei­sen jetzt. Du siehst ein hüb­sches Gehöft auf einem Hügel, siehst es unter­wegs, aber du weißt, daß dort oben unab­läs­sig Getö­se herrscht, denn der Wagen, aus dem du hin­auf­schaust, befin­det sich, selbst dröh­nend, auf einer Auto­bahn.

Die Gas­se, in der ich lebe und bis zum Ende mei­ner gezähl­ten Tage leben möch­te, kann nachts oft­mals immer noch so still sein, daß die Stil­le zu sin­gen beginnt. Daß ich es höre, wenn sich im Herbst ein Blatt vom Baum löst und lei­se knis­ternd zu Boden fällt.

Ich wan­de­re mög­lichst jeden Tag, gehe wie­der und wie­der die sel­ben Pfa­de. Jedoch genau dies lässt mich erfah­ren und bestau­nen, wie Ver­trau­tes sich unent­wegt ver­än­dert. Die Natur zeigt es mir.

Man hat­te ein üppig wach­sen­des Wald­stück gero­det, an dem ich regel­mä­ßig vor­bei­zu­ge­hen pfleg­te. Eines Tages plötz­lich, ich unvor­be­rei­tet dahin­wan­dernd, der Anblick von Baum­stümp­fen und auf­ge­wühl­tem, ver­letz­tem Erd­reich. Fast brach es mir das Herz. Statt des Laub­da­ches der gna­den­lo­se Him­mel. Gebrüllt habe ich. Unflä­tig geschimpft. Und das immer wie­der, wenn mein Weg mich dar­an vor­bei führ­te.

Die all­ge­mei­ne Nackt­heit des Win­ters dann, der folg­te, ließ mich blick­lo­ser dahin­ge­hen, ich schau­te weni­ger um mich, war in mein Nach­den­ken ver­tieft, und konn­te das geschän­de­te Brach­land nahe­zu über­se­hen.

Der Früh­ling geriet über­eilt warm und som­mer­lich, sanf­te Regen­fäl­le lie­ßen jeg­li­ches üppig grü­nen und auf­blü­hen. Ich war län­ger nicht auf dem Pfad ent­lang der Rodung unter­wegs gewe­sen. Ges­tern aber doch. Und da trau­te ich mei­nen Augen nicht. Was für eine Ver­än­de­rung, wel­ches Wun­der bot sich mir. Ein Hoch­wu­chern von Holun­der­bü­schen, klei­ne Bäu­men, hüft­ho­hem Gras, wil­den Blu­men und Hecken. Ein Bio­top schöns­ter Eigen­art war an Stel­le des frü­he­ren Wald­stücks zu erbli­cken.

Da staun­te ich. So uner­schüt­ter­lich wirkt Natur fort, wenn man sie in Ruhe lässt, so geht sie auf Kata­stro­phen ein und über­lebt sie. Und ich habe wei­ter gedacht. Habe an mich selbst gedacht. Genau­so ist es wohl, wenn etwas den Men­schen sei­ne Kata­stro­phen über­le­ben lässt. Da ist die Natur Para­bel. Nicht dein Ver­stand schenkt dir ein Über­le­ben, ein Wei­ter­le­ben. Es ist das natur­haf­te Leben selbst.

Die wei­ßen Näch­te des Post­bo­ten. So hieß der Film, den ich gese­hen habe. Nur bruch­stück­wei­se, ich muss­te ihn immer wie­der ver­las­sen, muss­te weg davon und ein ande­res Fern­seh­pro­gramm wäh­len. Die Melan­cho­lie die­ser Land­schaft, die­ses ster­ben­den Dor­fes im nörd­li­chen Ruß­land, die ver­hal­te­ne Trost­lo­sig­keit allen Lebens dort griff mich an. Ja, im wahrs­ten Sinn. Es war wie ein Angriff, so als schös­se man mich nie­der. Es waren kei­ne Schau­spie­ler, die sich in die­sem Film dar­bo­ten. Men­schen, die dort leben, wur­den belauscht. Da saßen zwei Män­ner am Tisch in einer Hüt­te und tran­ken Tee. Bun­te hohe Tas­sen auf dem Plas­tik­tisch­tuch, das eine idyl­li­sche Sze­ne­rie aus Blu­men und süd­li­chem Blau bot. Und der eine sag­te – sie spra­chen rus­sisch mit deut­schen Unter­ti­teln – daß ihm die See­le stür­be. Daß nie die­ses Leben kam, von dem er erwar­tet hät­te, es wür­de doch eines Tages auf ihn zukom­men. Und dann das Wort: Schwer­mut. Sie wür­de ihn lang­sam umbrin­gen.

Dann: auf dem nack­ten Bauch des Post­bo­ten, der zu Bett lag, saß eine sil­ber­graue Kat­ze. Der Mann schien gera­de zu erwa­chen und sah sie an. Wie die zwei sich ansa­hen. Der unver­wand­te Blick des Tie­res, in dem alles Wis­sen lag. Und die­se ewi­ge Trau­rig­keit in sei­nen Augen. Das waren Sze­nen, die mei­ne eige­ne Schwer­mut und Trau­rig­keit frei­leg­ten und auf mich los­lie­ßen. Wie Schüs­se aus dem Hin­ter­halt.

So fühlt sich mein Mor­gen an.
Jeder Mor­gen nach dem Erwa­chen.
Tag für Tag muß ich mich dar­aus erhe­ben.
Bis zum letz­ten Tag.

War­um trotz­dem immer wie­der die­ses Da-sein-wol­len?
Wo mir doch die Welt als so ver­stört erscheint?
Ich der Mei­nung bin, die Mensch­heit, also der Mensch, stün­de an einem Schei­de­weg? Neue Tech­no­lo­gien, neue Krie­ge, die tota­le digi­ta­le Ent­frem­dung, öko­lo­gi­sche und öko­no­mi­sche Ver­wüs­tun­gen, Völ­ker­wan­de­run­gen – trotz­dem das Dasein auf Erden wie­der men­schen-mög­lich und men­schen­wür­dig wer­den zu las­sen – wür­de es dem Men­schen gelin­gen?
Oder eben nicht?
Trotz die­ses oder eben nicht‘ möch­te ich die­se Welt noch nicht hin­ter mir las­sen. Möch­te ich mir der Spe­zi­es Mensch bewußt blei­ben, wei­ter­hin Men­schen-Beob­ach­te­rin sein dür­fen.
Da mein Alter mich weit­ge­hend aus der Umklam­me­rung von Lie­bes­hun­ger und Ehr­geiz frei machen konn­te, kann ich das Leben jetzt viel­leicht bes­ser lie­ben.
Ist es viel­leicht das?
Ja, mein Seuf­zen am Mor­gen, die­se Lee­re, die zur Höl­le wer­den kann, mein Mich-Erhe­ben, um die Tage noch zu meis­tern, das Auf­stöh­nen, wenn die alten Kno­chen schmer­zen, ja, gut und schön, alles beschwer­lich, alles ohne Glanz und Zau­ber, aber auch ohne Lüge und Vor­wand. Klar alles, die End­lich­keit vor Augen, das Schö­ne im Gegen­wär­ti­gen sicht­bar, nichts mehr ist behan­gen von fal­schen Sehn­süch­ten und unlau­te­ren Wün­schen.
Viel­leicht des­halb möch­te ich die Erde noch nicht ver­las­sen, das Zeit­li­che noch nicht seg­nen.

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Eri­ka Plu­har, * 1939, wur­de nach Abschluss des „Max-Rein­hardt-Semi­nars“ an das Wie­ner Burg­thea­ter enga­giert und war dort vier Jahr­zehn­te lang tätig. Mach­te sich auch durch Film und Fern­se­hen im gesam­ten deutsch­spra­chi­gen Raum einen Namen. Begann 40-jäh­rig musi­ka­lisch zu arbei­ten, und wur­de Inter­pre­tin ihrer eige­nen Lie­der, gleich­zei­tig ent­stan­den regel­mä­ßig Bücher. 60-jäh­rig zog sie sich aus der Schau­spie­le­rei zurück, arbei­te­te für den Film (Buch, Regie, Pro­duk­ti­on), pro­du­zier­te Ton­trä­ger, gab und gibt Kon­zer­te und hält Vor­trä­ge und Lesun­gen. Die meis­ten Bücher von ihr erschie­nen im Resi­denz-Ver­lag und bei Suhr­kamp-Insel in meh­re­ren Auf­la­gen wie u.a. Die öffent­li­che Frau und Gegen­über.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 14. Mai 2021

Zuletzt geän­dert: 14. Mai 2021