Engmaschig und doch voller Lücken

Von Eli­sa­beth Klar.
„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XVII
Elisabeth Klar © Werner Robitza

Eli­sa­beth Klar. Foto: Wer­ner Robitza

Das Flat­tern der Tau­ben im Licht­hof ist laut, hart, erschreckt mich manch­mal, wenn ich am Schreib­tisch sit­ze und arbei­te, oder aus der Dusche stei­ge. Dann beu­ge ich mich aus dem Bade­zim­mer­fens­ter und sehe auf Zehen­spit­zen gera­de noch so gut auf den Bal­kon unter mei­ner Woh­nung, um das Nest zu erken­nen, viel­leicht auch Doris, mei­ne Nach­ba­rin, die in der ande­ren Ecke die­ses Bal­kons sitzt und zeich­net, oder in dem Vogel­buch liest, dazwi­schen das Tau­ben­pär­chen beob­ach­tet.

Zuerst hat sich das Männ­chen durch die Lücke im Tau­ben­netz gedrückt, dann geru­fen und gegurrt, und schließ­lich hat er auch ein Weib­chen dazu über­re­den kön­nen, ihm in den Hof zu fol­gen.
Von dem Schlupf­loch weiß ich auch nur von Doris, sie hat mit dem Zei­ge­fin­ger auf einen Ort ober­halb mei­nes Fens­ters gezeigt, als ich sie gefragt habe, wie die Tie­re über­haupt in den Hof haben gelan­gen kön­nen.

„Dort“, hat sie gesagt, und wie­der mit dem Zei­ge­fin­ger dort­hin gezeigt, wohin ich nicht sehen kann, „dort ist das Tau­ben­netz nicht rich­tig befes­tigt, da drü­cken sie sich durch. Sie müs­sen sich rich­tig zwi­schen Dach und Netz zwän­gen und sich da durch­schie­ben“, Doris lehn­te sich an das Bal­kon­ge­län­der und zurück, als wür­de auch sie sich durch einen schma­len Gang drü­cken, mach­te ein paar Schrit­te zur Sei­te, „dann tief hin­un­ter­beu­gen“, sie beug­te sich auch, nach unten und nach vor, mach­te einen Schritt und streck­te sich wie­der, „das Loch ist gera­de groß genug, dass eine Tau­be durch­passt.“

Und seit­dem sind sie hier, und gur­ren und flat­tern, der Flaum gerät immer wie­der in die Woh­nun­gen, immer wie­der auch eine der Tau­ben, weil die Fens­ter Rich­tung Licht­hof oft offen sind. Die Tau­ben fin­den aus den Woh­nun­gen aber nicht so leicht wie­der her­aus, flie­gen auf­ge­regt von einer Ecke des Zim­mers zur ande­ren, las­sen sich nur schwer mit Staub­we­del oder Besen ver­ja­gen.

Scharf ist die­ses Schla­gen und ja, hart, ich will mich nicht dar­an gewöh­nen. Es hat auch von ande­ren Haus­par­tei­en schon Beschwer­den gege­ben, Mails an die Haus­ver­wal­tung. Auch von Doris, obwohl sie dann wie­der auf dem Bal­kon sitzt und in ihrem Vogel­buch liest, mir erzählt, dass die­ser Licht­hof wohl der feuch­te Traum jeder Tau­be sei, weil so eng und steil, wie Fels­klip­pen. Sie rollt die Eier aus dem Nest auf ihrem Bal­kon, sobald die Eltern fort sind, sobald sich bei­de Vögel durch ihr Schlupf­loch hin­aus­ge­drückt haben, drau­ßen in der Stadt Fut­ter suchen, denn Doris weiß, die Eltern erken­nen nichts, was nicht in ihrem Nest liegt, als ihr eige­nes Ei an.

Wir ste­hen jetzt oft und reden, ich auf Zehen­spit­zen, so weit aus dem Bade­zim­mer­fens­ter gebeugt, wie es eben geht, sie den Kopf in den Nacken gelegt, wen­det mir dabei ihre Keh­le zu.

Und was wür­de Eri­ka zu all dem sagen, fra­ge ich mich dann? Dazu, dass ich jetzt auch mit jeman­dem ande­ren rede außer mit ihr und mei­ner Fami­lie, dass ich wegen der Tau­ben Doris beim Vor­na­men ken­ne, und mich weit aus dem Fens­ter beu­ge für sie aus­ge­rech­net in einer Zeit, in der ich nicht ein­mal ihre Woh­nung betre­ten soll­te, noch sie mei­ne. Wir dür­fen uns nicht zu nahe kom­men, und der gute Abstand sind zumin­dest zwei Meter.

Was wür­de Eri­ka dazu sagen, dass die Vögel es dann doch schaf­fen, ein paar Eier aus­zu­brü­ten, trotz aller Bemü­hun­gen von Doris, genau das zu ver­hin­dern? Weil Tau­ben näm­lich meist meh­re­re Nes­ter gleich­zei­tig bebrü­ten, und eines davon für Doris unzu­gäng­lich ist, in einem Fens­ter­sims?

Eri­ka wür­de sagen, und sagt, als ich sie schließ­lich fra­ge: „Platz, der vor­han­den ist, wird ein­ge­nom­men. Dar­an ist nichts zu idea­li­sie­ren.“

Nein, das hier ist eben kei­ne Melo­die. Das ist kei­ne Har­mo­nie nach vor­ge­ge­be­nen Gesetz­mä­ßig­kei­ten, anhand derer ich den nächs­ten Ton schon vor­her­sa­gen kann, son­dern ein har­ter Flü­gel­schlag, der mich immer noch jedes Mal auf­schre­cken lässt, und gibt es Lebens­raum, so gibt es eine bestimm­te, sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­keit, abhän­gig vom spe­zi­fi­schen Ver­hal­ten einer Tier­art und vom indi­vi­du­el­len Ver­hal­ten ein­zel­ner Exem­pla­re, dass er ange­eig­net wird.

Eri­ka ist weit fort, weiß ich, schon seit Mona­ten, sitzt wie­der tief unter dem Eis in der Ant­ark­tis, hört dort den Rob­ben und den Walen zu in ihrer For­schungs­sta­ti­on, die jedes Jahr vom Eis wei­ter zusam­men­ge­drückt wird.

Sie ist weit fort, und doch scheint sie mir näher gerückt, oder die ande­ren in die Fer­ne, Mama und mein Bru­der, wie Eri­ka sind sie für mich nur Gesich­ter auf dem Com­pu­ter­bild­schirm, alles ande­re wür­de die sta­tis­ti­sche Kur­ve nega­tiv beein­flus­sen, vor der wir uns alle so fürch­ten müs­sen, und ist damit ver­ant­wor­tungs­los.

Sonst bleibt Doris, die den Kopf für mich in den Nacken legt.

Die Tage ver­ge­hen, ich beob­ach­te die sta­tis­ti­sche Kur­ve, die sich lang­sam ver­flacht, und immer­hin die­se Kur­ve ist vor­her­seh­bar, bestimmt die Wahr­schein­lich­keit von Tria­ge und wie ret­tungs­wür­dig mein indi­vi­du­el­ler Men­schen­kör­per im Rah­men die­ser Tria­ge wird. Ich träu­me, in einer Men­schen­men­ge zu ste­hen, alle zu dicht an mir, alle wol­len sich an mir rei­ben, alle war­ten dar­auf, aus­sor­tiert zu wer­den. „Wun­derst du dich noch, dass ich mich wie­der über­flüs­sig füh­le?“, schrei­be ich Eri­ka.

„Nein“, schreibt sie zurück. „Nicht wirk­lich. Wir sit­zen hier iso­liert von all dem in unse­rer Sar­di­nen­büch­se, unbe­rührt. Es stürmt sei Tagen, man kann drau­ßen kei­nen Schritt machen ohne Hand an der Sicher­heits­lei­ne, weil man kei­nen hal­ben Meter weit sieht, nichts hört in dem Sturm. Ein Schritt weg von der Sicher­heits­lei­ne, und ich wäre fort, ver­schluckt vom Sturm, ich könn­te genau­so gut kilo­me­ter­weit weg von der Sta­ti­on sein, es wür­de kei­nen Unter­schied mehr machen, ich fän­de in dem einen oder ande­ren Fall nicht mehr zurück. Ich ken­ne das schon, vom letz­ten Mal. Trotz­dem. Tut mir leid, hat wenig mit dir zu tun, aber ich …“

Sie schickt Vide­os vom ant­ark­ti­schen Sturm, aber es ist kaum etwas dar­auf zu erken­nen.

Die Jung­vö­gel wer­den flüg­ge. Ich ste­he auf Zehen­spit­zen aus dem Fens­ter gelehnt und beob­ach­te sie bei ihren ers­ten Flü­gen im Hof, sie wer­den bald siche­rer dar­in.

„Die Eltern ver­su­chen ihnen bei­zu­brin­gen, sich durch die Lücke im Netz zu drü­cken“, sagt Doris und zeigt wie­der auf die Stel­le ober­halb mei­nes Fens­ters, die ich immer noch nicht sehen kann. „Sie zei­gen es ihnen vor, drü­cken sich durch das Loch, rufen nach den Jun­gen, locken sie an. Aber bis jetzt klappt es nicht.“

Doris hat wie­der ein Mail an die Haus­ver­wal­tung geschrie­ben, weiß ich, hat noch ein­mal dar­um gebe­ten, dass das Tau­ben­netz end­lich repa­riert wird. Der Licht­hof riecht nach Vogel­mist. Der Flaum gelangt in alle Zim­mer, wird dort von jedem Lüft­chen auf­ge­stört, wir­belt her­um, segelt zu Boden. Manch­mal klebt Tau­ben­schei­ße dar­an. Jetzt ver­ir­ren sich außer­dem auch die Jung­vö­gel in die Woh­nun­gen, ich wed­le sie mit dem Staub­we­del hin­aus, habe dabei so gro­ße Angst, sie zu zer­drü­cken. Ich träu­me davon, dass Tau­ben über­all auf mir her­um­krie­chen. Ich träu­me wie­der davon, auf die Stra­ße zu gehen und bis zum Hals im Was­ser zu ste­hen. Noch bleibt es bei Träu­men, aber ich weiß, wie leicht das Abrut­schen pas­sie­ren kann. Bis wie­der Was­ser mei­ne Wän­de hin­ab­rinnt, Wel­len an mei­ne Fens­ter schla­gen. Ich sage nichts zu Doris und schrei­be alles Eri­ka.

Eri­ka schreibt zurück, dass ich mich erin­nern soll – dass ich in der lin­ken Hand bereits alles hal­te, was zu ret­ten ist.

Ich umgrei­fe mei­ne lin­ke Hand dann, die noch immer geschlos­sen ist, jetzt nicht ein­mal mehr Hil­fe dabei braucht, immer geschlos­sen zu blei­ben. Die wei­ter hält, was geret­tet wer­den kann, was geret­tet wer­den muss. Ich wei­ne ein biss­chen, aber bes­ser, die Trä­nen rin­nen mir das Gesicht hin­un­ter als das Was­ser die Wän­de hin­ab.

Die Jung­vö­gel wach­sen und wol­len oder kön­nen nicht ler­nen, dem Hof zu ent­flie­hen. Die Eltern wen­den sich von ihnen ab, brin­gen ihnen kein Fut­ter mehr.

Doris deu­tet mit ihrem Zei­ge­fin­ger hin­auf, „Eini­ge von den Klei­nen haben ver­sucht, durch das Netz zu gelan­gen, sind dort hän­gen geblie­ben, sind ver­en­det. Die ste­cken immer noch im Netz, zumin­dest die Jung­tier­lei­chen könn­te die Haus­ver­wal­tung doch ent­fer­nen.“

Die Eltern fan­gen wie­der an zu brü­ten.

Eri­ka schreibt, „Es stürmt noch immer. Ich klam­me­re mich an die Sicher­heits­lei­ne, wenn ich zur Außen­sta­ti­on gehe, aber ich den­ke manch­mal – es wäre so leicht, los­zu­las­sen. Ich müss­te nur ein­mal mei­ne Hand öff­nen und …“

„Ich soll­te dir das nicht sagen“, schreibt sie dann. „Es ist nur so eng hier.“

„Wir leben der­zeit alle in Sar­di­nen­büch­sen“, schrei­be ich zurück. „Nicht mal die Vögel ent­kom­men unse­rem Hof.“

Eri­ka zieht sich Schich­ten von Gewand an, bevor sie ins Eis hin­aus­geht, eine nach der ande­ren. Ich zie­he mir vor dem Gang zum Super­markt die Mas­ke über, wei­che auf dem Weg ande­ren groß­räu­mig aus, wasche bei der Rück­kehr in die Woh­nung genau zwei Geburts­tags­lie­der lang die Hän­de, wasche genau zwei Geburts­tags­lie­der lang die Mas­ke, hän­ge sie zum Trock­nen auf. Träu­me in der Nacht wie­der davon, dass Frem­de mich anfas­sen, ich schreie sie an, dass sie mich in Ruhe las­sen sol­len, aber das inter­es­siert die nicht.

Eines Tages liegt der Tau­be­rich tot auf Doris‘ Bal­kon. Sie sitzt schon dort und zeich­net ihn, als ich mich aus dem Fens­ter stre­cke, hin­un­ter bli­cke.

Der Vogel liegt im Nest, den Kopf schlaff zur Sei­te auf dem Boden abge­legt.
„Das Weib­chen liegt unten“, sagt Doris, als sie mich bemerkt, und zeich­net wei­ter.

„Was ist pas­siert?“, fra­ge ich.

„Die Haus­ver­wal­tung muss sie ver­gif­tet haben“, sagt Doris, blickt zum Tau­be­rich, aber nicht zu mir, beugt sich dann wie­der zum Zei­chen­blatt.

Dann haben sie also doch mal was gemacht.

Ich klam­me­re mich an das Fens­ter­brett, ver­su­che nicht an den Traum mit der Aus­sor­tie­rung zu den­ken. Manch­mal wünsch­te ich, ich könn­te das alles bes­ser von­ein­an­der tren­nen, die Tau­ben von der Tria­ge vom stei­gen­den Mee­res­spie­gel, aber alles ist für mich so fest und unauf­lös­lich mit­ein­an­der ver­bun­den. Ein eng­ma­schi­ges Netz. Hat es Lücken?

„Die Sache ist, an das Ver­gif­ten hab ich nie gedacht“, sagt Doris jetzt, mit noch einem prü­fen­den Blick auf den Vogel. „Ich habe ver­langt, dass sie das Netz repa­rie­ren, das Nest ver­set­zen, aber sie zu ver­gif­ten ist mir nicht mal in den Sinn gekom­men.“

Glaub jetzt bloß nicht, dass dich das unschul­dig macht, wür­de Eri­ka dazu sagen – oder den­ke das nur ich an ihrer Stel­le?

Eben dass du nicht weit genug gedacht hast, ist dei­ne Schuld.

Doris legt das Zei­chen­blatt zurück in ihren Schoß, run­zelt die Stirn.

„Jeden­falls weiß ich jetzt nicht, was ich mit der Lei­che machen soll.“

Wir beschlie­ßen, sie gemein­sam zu ver­gra­ben, heim­lich und wider alle Haus­re­geln im eigent­li­chen und tat­säch­lich betret­ba­ren Innen­hof, unter dem Nuss­baum, der dort steht. Des Nachts, als wür­den wir tat­säch­lich ein Mord­op­fer ver­schar­ren, bei­de mit Mas­ken. Doris sagt nichts zu mei­ner geschlos­se­nen Hand und ich sage nichts dazu, wie müde sie aus­sieht.

Wir schau­feln mit Löf­feln ein klei­nes Loch, legen den Tau­be­rich hin­ein, jede von uns ent­schul­digt sich kurz bei ihm, dann schau­feln wir es wie­der zu. Doris tritt nach, seufzt.

„Jetzt haben wir ein Nuss­baum­grab im Hof.“

Sie lädt mich auf einen Tee zu sich ein, und ich neh­me die Ein­la­dung an, obwohl ich nicht sicher bin, ob ich das dürf­te. Aber wir haben bei­de, wie wir her­aus­fin­den, ohne­hin zu nie­mand ande­rem nähe­ren Kon­takt. Waren also bei­de schon län­ger sozi­al recht iso­liert.

Doris‘ Woh­nung ist so klein wie mei­ne, statt Klei­der­käs­ten hat sie Rega­le, und der Par­kett ist wie bei mir alt und vol­ler Ris­se und Fugen. An den Wän­den in der Küche und auch sonst hän­gen über­all Zeich­nun­gen, auf vie­len von ihnen Tau­ben. Die Eltern, die Kin­der, die Vogel­lei­chen im Tau­ben­netz. Als ich auf den Bal­kon tre­te und zum ers­ten Mal zu dem Tau­ben­netz hoch­bli­cken kann, kann ich die klei­nen Kör­per dort auch immer noch zwi­schen dem Draht hän­gen sehen. Doris drückt mir, als wir bereits mit Tee­tas­sen am Küchen­tisch sit­zen, eine Map­pe mit Blät­tern in die Hand, zeigt mir die ers­ten Zeich­nun­gen des Tau­be­richs.

„Schau“, sagt sie, und zeigt auf die Tau­be auf dem Bild, „Hier habe ich ihn noch unge­nau­er gezeich­net, da habe ich ihn noch nicht so gut gekannt. Hier hin­ge­gen …“, sie kramt ein ande­res Blatt her­vor, run­zelt die Stirn, legt es weg und streckt sich nach hin­ten, pflückt eines vom Küchenk­as­terl, „Hier habe ich sein Feder­kleid schon bes­ser ver­stan­den. Siehst du den wei­ßen Fleck da auf sei­ner Stirn? An dem war er sehr leicht zu erken­nen.“

Ja, war er.

Auch ich kann zumin­dest in den spä­te­ren Zeich­nun­gen, die ihren Vor­bil­dern immer mehr ähneln, die ein­zel­nen Tie­re pro­blem­los aus­ein­an­der­hal­ten.

„Ich soll­te mit all dem etwas machen“, sagt Doris, die Stirn immer noch gerun­zelt, blät­tert durch die Zeich­nun­gen. „Eine Serie viel­leicht, oder …“

Sie lässt die Map­pe zurück auf den Tisch fal­len, stützt den Kopf auf die Hand­bal­len.

„Ich weiß nicht.“

Ich weiß nicht, ob es in Ord­nung ist, sie an der Schul­ter zu berüh­ren. Aber viel­leicht habe ich das nie gewusst, Pan­de­mie hin oder her. Sie zuckt jeden­falls nicht zurück, als ich mei­ne Hand dort­hin lege.

Eri­ka mel­det sich seit Tagen nicht, obwohl ich ihr schon mehr­mals geschrie­ben habe. Ich gehe in mei­ner Woh­nung auf und ab, schaue dann in den Kühl­schrank, kon­trol­lie­re, wann ich das nächs­te Mal hin­aus in die Welt muss. Ver­su­che zu arbei­ten, las­se es wie­der blei­ben. Die Woh­nung kommt mir still vor, nur der Stra­ßen­lärm dringt noch durch. Ich las­se das Video vom Schnee­sturm noch ein­mal abspie­len, der immer noch um Eri­kas For­schungs­sta­ti­on wütet. Ich hät­te Eri­ka etwas ande­res schrei­ben sol­len, das letz­te Mal. Ich weiß nicht. Was ich ret­ten kann, ist schon von mei­ner lin­ken Hand umschlos­sen.

Alles ande­re …

Ich träu­me von ihr. Ich sehe sie an der Sicher­heits­lei­ne gehen, der Wind und der Schnee rei­ßen an ihr. Sie ist kaum zu erken­nen, in der dicken Schutz­aus­rüs­tung, nur eine unge­fäh­re Form.
Ich sehe sie los­las­sen. Ich sehe sie einen Schritt von der Lei­ne weg­ma­chen. Ich wün­sche mir, sie zu umar­men, und einen Moment spä­ter umar­me ich sie auch, und zuerst wird Eri­kas klei­ner Kör­per ganz still, dann legen sich auch ihre Arme um mich.

Ich wache auf, drau­ßen rauscht es vom Regen, aber in der Woh­nung ist es tro­cken. Und so still. Es ist schon so lan­ge hier nicht mehr so still gewe­sen.

Auf nack­ten Füßen gehe ich über den ver­zo­ge­nen Par­kett, stö­re Flaum dabei auf, bis zum Fens­ter zum Licht­hof, das ich weit öff­ne.

Nein, es reg­net doch nicht – ich muss den Lärm der Stra­ßen­bahn oder der Autos für Regen gehal­ten haben. Es ist so leicht, das eine mit dem ande­ren zu ver­wech­seln – und doch ist es mir schon lan­ge nicht mehr pas­siert.

Still auch drau­ßen. Dann ein Klap­pern. Ich bli­cke hin­un­ter.

Doris sitzt am Bal­kon und trinkt Kaf­fee. Ihre Tas­se schabt über die Unter­tas­se, als sie sie anhebt.
Als sie mich sieht, winkt sie mir zu.

„Wie geht’s mit dei­ner Bil­der-Serie wei­ter?“, fra­ge ich.

Sie zuckt mit den Schul­tern.

„Ich habe heu­te Tau­ben­schei­ße unter mei­nem Schreib­tisch gefun­den“, sagt sie statt­des­sen. „Eines von die­sen Mist­vie­chern ist wohl bis in mein Arbeits­zim­mer getapst und hat mir dort direkt unter mei­nen Schreib­tisch geschis­sen.“

„Ein Abschieds­gruß“, sage ich.

„Wohl.“

„Wenn du willst“, sage ich. „Viel­leicht kann ich dir mit der Serie hel­fen.“

Nach­dem ich ihr schon beim Besei­ti­gen der Lei­che gehol­fen habe.

Sie kneift die Augen zusam­men, geblen­det vom Mor­gen­licht, ant­wor­tet vor­erst nicht.

Am sel­ben Tag erhal­te ich eine Nach­richt von Eri­ka – der Sturm sei vor­bei, es gehe ihr gut. Es tue ihr leid, sich so lan­ge nicht gemel­det zu haben. Sie habe ein biss­chen einen Absturz gehabt, jetzt sei sie sich ihrer selbst aber wie­der siche­rer.

Der Flaum fin­det sich noch lan­ge in Rit­zen und Ecken.

* * *

* * *

Eli­sa­beth Klar, gebo­ren 1986 in Wien, Stu­di­um der Ver­glei­chen­den Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Trans­kul­tu­rel­len Kom­mu­ni­ka­ti­on. Sie arbei­tet in der Soft­ware­ent­wick­lung und lei­tet Lite­ra­tur­work­shops für Kin­der und Jugend­li­che. Fina­lis­tin des FM4-Wett­be­werbs Wort­laut (2013). Ihr Debüt Wie im Wald (2014, Resi­denz Ver­lag) erhielt den För­der­preis der Stadt Wien und stand auf der Short­list des Rau­ri­ser Lite­ra­tur­prei­ses 2015. Zuletzt erschie­nen: Was­ser Atmen (2017, Resi­denz Ver­lag), Ver­nach­läs­sig­ba­re Ver­än­de­run­gen (2019, Biblio­thek der Pro­vinz) und Him­mel­wärts (2020, Resi­denz Ver­lag).

* * *

„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 11. juni 2021

Zuletzt geän­dert: 11. Juni 2021