Gott, Vaterland und Führerkult

Von Ebner-Eschen­bach und Tho­mas Mann hoch geschätzt, von der Nach­welt ver­schmäht – der lite­ra­ri­sche Kurs­sturz Enri­ca von Han­del-Maz­zet­tis. Von Eli­sa­beth Gra­ben­we­ger
Enrica von Handel-Mazzetti

„Das größ­te Talent unter allen, die heu­te in deut­scher Spra­che schrei­ben“: Marie von Ebner-Eschen­bach über Enri­ca von Han­del-Maz­zet­ti.

Enri­ca von Han­del-Maz­zet­ti war im ers­ten Drit­tel des 20. Jahr­hun­derts eine der meist­ge­le­se­nen öster­rei­chi­schen Schrift­stel­le­rIn­nen. Zwi­schen 1900 und 1930 waren ihre Roma­ne und Erzäh­lun­gen fes­ter Bestand­teil der Gegen­warts­li­te­ra­tur und des schu­li­schen Kanons in der öster­rei­chisch-unga­ri­schen Mon­ar­chie und der Ers­ten Repu­blik. Han­del-Maz­zet­ti war sowohl Best­sel­ler­au­torin als auch Volks­bild­ne­rin und popu­lä­re Garan­tin für das Selbst­ver­ständ­nis eines katho­lisch-vater­län­di­schen Öster­reich. Den Höhe­punkt ihrer Kar­rie­re bil­de­te die pom­pö­se Bege­hung eines Dop­pel­ju­bi­lä­ums, wie es sonst nur Schau­spie­lern und Pries­tern zuteil­wur­de: Im Jän­ner 1931 wur­de mit gro­ßem Auf­wand Han­del-Maz­zet­tis sech­zigs­ter Geburts­tag und das drei­ßig­jäh­ri­ge Jubi­lä­um des Roman­de­büts „unse­res größ­ten Dich­ters“ gefei­ert.

Begon­nen hat­te Han­del-Maz­zet­tis Sie­ges­zug durch das lite­ra­ri­sche Öster­reich näm­lich 1901 mit einem Buch, das sie sogleich auf die Büh­ne der gro­ßen deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur kata­pul­tier­te: Mein­rad Helm­per­gers denk­wür­di­ges Jahr. Der im Stutt­gar­ter Ver­lag Roth erschie­ne­ne Roman spielt zu Beginn des 18. Jahr­hun­derts im ober­ös­ter­rei­chi­schen Klos­ter Krems­müns­ter und ist in die Kate­go­rie der zeit­ge­nös­sisch äußerst belieb­ten Inter­nats- und Ado­les­zenz­ro­ma­ne ein­zu­ord­nen. Bei Han­del-Maz­zet­ti wird das Lei­den eines zunächst unrei­fen und unschul­di­gen Zög­lings aber mit einem Grund­the­ma ver­bun­den, das auch alle ihre spä­te­ren Tex­te beherr­schen wird: mit dem Gegen­satz von Pro­tes­tan­tis­mus und Katho­li­zis­mus und deren Ver­söh­nung durch die katho­li­sche Bekeh­rung einer emo­tio­nal und mora­lisch ver­irr­ten Figur. Han­del-Maz­zet­ti lässt die­se Ver­söh­nung im ‚rein Mensch­li­chen‘ statt­fin­den: Nicht die intel­lek­tu­el­le oder ratio­na­le Erkennt­nis, und auch nicht das päpst­li­che Dog­ma der Amts­kir­che führt zu einem Aus­weg, son­dern das ein­fäl­ti­ge, aber ver­ständ­nis­vol­le Gemüt des Pater Mein­rad.

Zwie­späl­ti­ger Katho­li­zis­mus

Dass der katho­li­sche Held in Han­del-­Maz­zet­tis Erst­ling als schlicht und dümm­lich dar­ge­stellt wird, hat der katho­li­schen Lite­ra­tur­sze­ne, die Han­del-Maz­zet­ti als neu­en Star fei­ern woll­te und auch fei­er­te, eini­ges Kopf­zer­bre­chen berei­tet. Die genaue Schil­de­rung von Span­nun­gen und Erzie­hungs­kon­flik­ten, die Dar­stel­lung des auto­ri­tä­ren Ver­hal­tens der Glau­bens­brü­der und der hier­ar­chi­schen Struk­tu­ren inner­halb des Klos­ters wur­den von katho­li­schen Krei­sen eben­falls zwie­späl­tig auf­ge­nom­men. Gleich­zei­tig hat die dif­fe­ren­zier­te und anschau­li­che Zeich­nung des Klos­ter­le­bens – und wohl auch Han­del-Maz­zet­tis Vor­lie­be für Gerichts- und Fol­ter­sze­nen – dazu geführt, dass sie als katho­li­sche Autorin nicht nur inner­halb ihres Milieus wahr­ge­nom­men wur­de, son­dern eine gro­ße Brei­ten­wir­kung ent­fal­ten konn­te. Han­del-Maz­zet­tis Roma­ne wur­den bis Ende der 1920er-Jah­re viel­fach rezi­piert, sie erschie­nen in zahl­rei­chen Auf­la­gen von zum Teil über 150.000 Exem­pla­ren und waren in den Lis­ten der Leih­bü­che­rei­en ganz oben zu fin­den.

Doch nicht nur auf dem deutsch­spra­chi­gen Buch­markt avan­cier­te die katho­li­sche Autorin zu einer viel beach­te­ten Grö­ße. Han­del-Maz­zet­tis Roma­ne wur­den wegen ihrer lite­ra­ri­schen Qua­li­tät auch von so unter­schied­li­chen Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen wie Marie von Ebner-Eschen­bach, Wil­helm Raa­be, Tho­mas Mann und Peter Roseg­ger geschätzt. Ebner-Eschen­bach heg­te beson­de­re Sym­pa­thien für die vier­zig Jah­re jün­ge­re Autorin und hielt sie, wie sie in ihrem Tage­buch ver­merk­te, „für das größ­te Talent unter allen, die heu­te in deut­scher Spra­che schrei­ben“, sie lob­te die „Grö­ße der Kon­zep­ti­on“, die „Kraft“ und „Lei­den­schaft der Emp­fin­dung“. Peter Roseg­ger bewun­der­te an ihren ers­ten bei­den Roma­nen Mein­rad Helm­per­gers denk­wür­di­ges Jahr und Jes­se und Maria Han­del-Maz­zet­tis zupa­cken­de Art: „[N]ie ist ein Roman mit einer männ­li­che­ren Kraft geschrie­ben wor­den, als die­se zwei stahl­har­ten, glut­sprü­hen­den Bücher. Der Dich­ter – für­wahr, die­se Frau muss man als Mann vor­füh­ren, als gan­zen! – hat eine Erzähl­form gewählt, wie man sie wirk­sa­mer nicht den­ken kann.“ Tho­mas Mann bezeich­ne­te Jes­se und Maria als „eigen­tüm­li­che, star­ke und ursprüng­li­che Leis­tung“, und Wil­helm Raa­be nann­te den Roman „ein tap­fe­res, schö­nes Werk, das sei­nen Platz in der Lite­ra­tur der Gegen­wart mit volls­tem Rech­te bean­sprucht“.