Die Leipziger Buchmesse steht an

Von David Schal­ko. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“
David Schalko © Nicole Albiez

David Schal­ko. Foto: Nico­le Albiez

Die Leip­zi­ger Buch­mes­se steht an.
Was du nicht sagst.
Öster­reich ist Gast­land.
Öster­reich ist kein gast­li­ches Land.
Nicht Gast­ge­ber. Gast­neh­mer.
Im Neh­men sind wir gut. Ver­mut­lich hat man uns ein­ge­la­den, weil jemand hofft, dass sich unser­ei­ner erwar­tungs­ge­mäß schlecht benimmt.
Das unbe­que­me Öster­reich.
Wie nennt man Auf­müp­fig­keit ohne Anlie­gen?
Schlech­te Manie­ren.
Oder Neu­tra­li­tät.
Selbst bei der Selbst­zer­flei­schung ist der Öster­rei­cher inzwi­schen vege­ta­risch gewor­den.
Eher ein Meis­ter im Schrei­ben von Sät­zen, die gut klin­gen, aber nichts bedeu­ten.
Man wird wie­der so Sät­ze hören wie: das wäre in Deutsch­land nicht mög­lich.
Der Öster­rei­cher war schon immer ein Ermög­li­cher. Des Undenk­ba­ren.
Ich sage ja: schlech­te Manie­ren. Hier wäre Gen­dern im Übri­gen unan­ge­bracht. Die Geschich­te der Ermög­li­che­rin liegt noch ver­schüt­tet vor uns.
Kommt schon. Kommt schon.
Als Gast­land gehört es zum guten Ton, dass alle über den Gast­ge­ber her­fal­len. Sonst wäre man nicht Gast­land, son­dern Gast. Ergo muss jeder etwas schrei­ben.
Fragt sich nur, zu was sich wich­tig machen.
Alles schon kolo­nia­li­siert.
Auf­merk­sam­keits­ka­pi­ta­lis­mus. Wer am lau­tes­ten schreit, wird am schnells­ten exploi­ted – wie der Ame­ri­ka­ner sagt. Und der ist unser Freund. Der will uns ganz. Mit Haut und Haar.
Wir haben noch jedes Anlie­gen zu Geld gemacht. Nach Woke exploi­ten wir den Femi­nis­mus.
Wird der Rus­se je wie­der Gast sein?
Ist der Sozia­lis­mus tot?
Wie nennt man schlech­te Manie­ren mit Anlie­gen?
Impe­ria­lis­mus?
Am liebs­ten wür­de ich über mei­ne Horn­haut schrei­ben. Da ken­ne ich mich aus.
Klingt gleich furcht­bar meta­pho­risch.
Stich­wort: Dicke, tote Haut.
Kein The­ma, das nicht exploi­ted wird.
Geschrie­ben wird gern, wenn man die eige­ne Ansicht zu The­men gut in die Sicht­bar­keit stel­len kann. Wenn ich die Fra­ge schon höre: was ist das The­ma?
Die Lite­ra­tur ver­schwin­det aus den Medi­en. Nein. Die Lite­ra­tur ver­schwin­det. Es ist das Zeit­al­ter des Ver­schwin­dens.
Die­se Jam­me­rei. Zuerst jam­mern Sie über das Zuviel. Jetzt über das Zuwe­nig. Das Jam­mern ist das Grund­ge­räusch des Lebens.
Das Kla­gen ist der Aus­druck unse­rer Exis­tenz. Der Opfer­fe­ti­schis­mus sucht sich stets neue Wege. Vor allem seit man Jesus end­gül­tig für tot erklärt hat.
Ob die KIs sich eher männ­lich oder weib­lich anfüh­len wer­den?
Gott war immer männ­lich.
Geschlechts­los.
Männ­lich. Gott­va­ter.
Die KIs wer­den vor allem mensch­lich sein. Gie­rig, ras­sis­tisch, ego­ma­nisch. Das macht mir Angst. Dass sie zu mensch­lich sind.
Doch noch in ein The­ma hin­ein­ge­schlüpft? Viel­leicht etwas Auto­fik­tio­na­les?
Das Anek­do­ti­sche intel­lek­tua­li­sie­ren? Nein dan­ke.
Ein Wort zur FPÖ?
Man kann nicht in sei­ne Kind­heit zurück. Auch wenn die Natio­na­lis­ten das behaup­ten. Nichts kehrt wie­der. Wer­den Sie erwach­sen! Der Gagais­mus ist der Zufluchts­ort des Klein­kin­des.
Zu Öster­reich fällt einem wirk­lich nichts Geschei­tes mehr ein.
Man wächst am Geg­ner.
Etwas über die Post-Covid Depres­si­on?
Allein der Gedan­ke macht schon müde.
Aber war­um sind alle so depri­miert?
Weil alles so wei­ter­geht wie vor­her? Die Ver­än­de­rung fin­det nicht statt.
Kri­sen. Kri­sen. Kri­sen.
Kein Grund zur Eupho­rie.
Nichts wird mehr bes­ser.
Selbst die Errun­gen­schaf­ten sind nur noch Gefahr. Ein Dickicht der Lügen. Der Über­le­bens­kampf auf allen Lini­en. Über­for­de­rung. Gemüt­lich­keit gestri­chen. Auf Lebens­zeit. Oder doch nur Über­emp­find­lich­keit? Auch ein Sym­ptom für Depres­si­on.
Schon wie­der Jam­me­rei.
Wor­über man nicht jam­mern kann,
dar­über soll man schwei­gen.
Wie vie­le Zei­chen erfül­len eigent­lich die Vor­aus­set­zung, um nicht als Hoch­stap­ler zu gel­ten?
Kom­men Sie! Ihre Wäh­rung ist die Eitel­keit.
Nein. Das Her­den­ge­fühl. Ich will auch Land sein.
Also: was sagt die Gast­freund­schaft? Sie gilt in bei­de Rich­tun­gen.
Sie sagt: Hofie­ren Sie uns bit­te wei­ter als die Dun­kel­kam­mer Deutsch­lands. Betrach­ten Sie uns als Expe­ri­ment. Wir freu­en uns über jede Künst­lich­keit. Das Authen­ti­sche ist unser Feind. Es macht uns klein. Und real. Der Öster­rei­cher aber ist eine Kunst­fi­gur. Barock. Eine Erfin­dung? Nein. Bloß kei­ne Wis­sen­schaft. Ein Glau­be. Und miss­ver­ste­hen Sie unse­re Bru­ta­li­tät wei­ter­hin als Humor. Wir freu­en uns dar­über. Und erklä­ren die Bös­ar­tig­keit zur Tou­ris­ten­at­trak­ti­on. Welt­erbe. Bei uns steht der Tod unter Denk­mal­schutz. Als hät­te er kei­ne Gegen­wart. Die Zukunft ist die Ver­gan­gen­heit. Amen.

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David Schal­ko, gebo­ren 1973 in Wien, lebt als Autor und Regis­seur in Wien. Bekannt wur­de er mit revo­lu­tio­nä­ren Fern­seh­for­ma­ten wie der Sen­dung ohne Namen. Sei­ne Fil­me und Seri­en Auf­schnei­der, Braun­schlag, Altes Geld, Ich und die Ande­ren und das Remake von M – eine Stadt sucht einen Mör­der wur­den mit zahl­rei­chen inter­na­tio­na­len Prei­sen aus­ge­zeich­net. Zuletzt erschie­nen sei­ne Roma­ne Schwe­re Kno­chen und Bad Regi­na bei Kie­pen­heu­er & Witsch. Am 26.4. wird eben­dort der Roman Was der Tag bringt ver­öf­fent­licht.

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Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift VOLLTEXT für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 7. April 2023

Zuletzt geän­dert: 12. Apr. 2023