Das amortisiert sich nicht

Von Danie­la Seel

Manch­mal hät­te ich gern ein Gelän­der, an dem ich mich ent­lang­tas­ten kann, das mei­nen Bewe­gun­gen eine Ach­se gibt. Wenn ich es in mei­ner Tasche wüss­te, müss­te ich viel­leicht nicht ein­mal danach grei­fen und es nach drei oder mehr Dimen­sio­nen aus­wer­fen; es ori­en­tier­te mich ein­fach, indem es beglei­tet. Ein sol­ches trag­ba­res, adap­ti­ons­fä­hi­ges Gelän­der ist mir bis­her nur in der Vor­stel­lung begeg­net, wohl aber ken­ne ich Gedich­te, die ähn­lich eigen­sin­ni­ge Instru­men­te sind.

„das amor­ti­siert sich nicht, u70, alle zeit der welt“ beginnt ein Gedicht von Tris­tan Mar­quardt. Ich fin­de es im Inter­net, auf dem Blog der Lyrik­grup­pe G13. Hier wer­den Tex­te ein­ge­stellt, die noch kei­ne end­gül­ti­ge Form behaup­ten, wie es Gedich­te in Büchern meist tun, son­dern die kom­men­tiert, dis­ku­tiert, geteilt wer­den wol­len, um sich davon ver­än­dern zu las­sen, viel­leicht im Sin­ne von wach­sen. Im Moment davor, gera­de noch nicht fer­tig zu sein, beweg­lich zu blei­ben, aben­teu­er­be­reit. Ich hier mit mei­ner Spra­che, du da mit dei­ner Spra­che, zwi­schen uns ein Gedicht. Es fil­tert, über­setzt, ver­tauscht, mischt. Aber was beim Lesen ein­trifft, „das amor­ti­siert sich nicht“.

„Alles in die Ver­wer­tung“, ruft in mei­nem Kopf prompt Vero­ni­ka aus Moni­ka Rincks Ah, das Love-Ding!, und schon sind wir mit­ten drin im Gespräch. Wohin jetzt bit­te mit dem öko­no­mi­schen Til­gungs­satz, dem­zu­fol­ge Auf­wen­dun­gen gefäl­ligst durch Erträ­ge gedeckt wer­den sol­len? Weg­ge­steckt, oder kön­nen wir das noch brau­chen, und wenn ja, wofür?

Mir gefällt es, Gedich­te als Gegen­stän­de zu den­ken, die sich nicht auf­rech­nen las­sen. An denen nichts gleich wird, wäh­rend vie­le Ver­bin­dun­gen ent­ste­hen. Oder Bin­dun­gen gelo­ckert wer­den. Nimm du die Waa­ge, gib mir die Wip­pe. Ich tip­pe. Gedich­te sind so sehr Spra­che, dass etwas, mit dem ich all­täg­lich Umgang habe, mich ganz unver­traut anschau­en kann. In Irri­ta­ti­on ver­strickt durch sprach­li­chen Über­griff. Erkennt­nis­blitz. Exis­ten­zi­el­les Moment. Viel­leicht sind nur zwei Wor­te kol­li­diert, wie es mir nie zuvor begeg­net ist, oder nicht bewusst, doch plötz­lich kann ich eine Ver­bin­dung den­ken, die ich allein nicht gese­hen habe.

Schon heu­te fin­det ein beträcht­li­cher Teil der lite­ra­ri­schen Text­pro­duk­ti­on, ‑rezep­ti­on und ‑dis­tri­bu­ti­on nicht im Sys­tem Lite­ra­tur­be­trieb, son­dern im Sys­tem Kunst­markt und des­sen Spra­che IAE (Inter­na­tio­nal Art Eng­lish) statt.

Wenn Spra­che das Medi­um ist, in dem mensch­li­che Erkennt­nis „fass­bar“ wird, dann sind Gedich­te Gegen­stän­de, die mir in beson­de­rer Wei­se ver­ste­hen hel­fen, wie das funk­tio­niert, Spra­che, Den­ken, mein Den­ken, das einer andern, Zuge­spiel­tes. Ein Autor, ein Text, ein Leser. Etli­che Kon­tex­te. Gepäck. Wahr­neh­mung, Vor­stel­lung, Erwar­tung, Erfah­rung und all die Kon­ven­tio­na­li­sie­run­gen, durch die hin­durch Ver­ste­hen