Die Entliterarisierung der Literatur

Von Dani­el Wis­ser. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XXXVIII
Daniel Wisser © Arnold Pöschl

Dani­el Wis­ser. Foto: Arnold Pöschl

Nach vier­zig Jah­ren per­ma­nen­ter Kom­mer­zia­li­sie­rung muss sich auch der Lite­ra­tur­be­trieb – was oder wer das auch immer ist – ein­ge­ste­hen, dass er nicht ewig dabei mit­wir­ken kann, die Flut­wel­le, die ihn fort­zu­spü­len droht, auch noch mit Was­ser zu näh­ren und zu ver­meh­ren. Man kann nicht sagen, dass Pan­de­mie und demo­kra­tie­feind­li­che Ten­den­zen in west­li­chen Regie­run­gen die Schwie­rig­kei­ten der Bel­le­tris­tik, sich als ernst­zu­neh­men­de Kraft in der Offen­le­gung der Miss­stän­de der Gesell­schaft zu behaup­ten, erleich­tert haben. Das Gegen­teil ist natür­lich der Fall. Die neu­en Pro­ble­me haben aber wenigs­tens eines geschaf­fen: grö­ße­re Klar­heit.

Am Ende ver­bind­li­cher Rich­tun­gen und Moden steht eine Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, die letzt­end­lich wie­der Was­ser auf die Müh­len der kapi­ta­lis­ti­schen Tak­tik ist. Man lässt die Lite­ra­ten ruhig ana­ly­sie­ren und sich über Details zer­strei­ten. Im Hin­ter­grund wird mono­po­li­siert. Im Hin­ter­grund und inzwi­schen auch im Vor­der­grund. Denn seit Alter­na­ti­ven zum Kapi­ta­lis­mus prak­tisch inexis­tent sind, gibt es für ihn kei­nen Grund mehr, sei­ne wah­ren Absich­ten zu ver­ber­gen.

Schon wenn man heu­te die Begrif­fe Bel­le­tris­tik oder ernst­haf­te Lite­ra­tur ver­wen­det, macht man sich lächer­lich. Zumin­dest als Pro­du­zent. Wer sich auf einen selbst gebas­tel­ten Sockel stellt, um dort zu pre­di­gen oder über ande­re zu rich­ten, ist lächer­lich. Er gleicht ein wenig den Avant­gar­dis­ten von frü­her, die mit schüt­te­rem Werk oder gar ohne Werk, jeden­falls aber mit einem hoch­tra­ben­den Mani­fest an nichts ande­rem gear­bei­tet haben als an der Abgren­zung von ande­ren Lite­ra­ten. Ein nega­ti­ves Ver­fah­ren, das sich selbst bloß­stellt, sobald man es umkehrt.

Das heißt aber nicht, dass man sich nicht fra­gen muss, wo die pro­gres­si­ve Lite­ra­tur heu­te geblie­ben ist. Oder Lite­ra­tur, die sich der Dar­stel­lung gegen­wär­ti­ger Lebens­wel­ten wid­met, ohne dabei Opfer immer stär­ker wer­den­der Zen­sur und als Markt­lo­gik gehan­del­ter Zwän­ge zu wer­den. Wären es nur die bekann­ten kapi­ta­lis­ti­schen Zwän­ge der 80er- und 90er-Jah­re, so hät­te man es mit alten Bekann­ten zu tun. Nun aber schei­nen wir in die Zan­ge genom­men zu wer­den. Denn aus einer poli­ti­schen Ecke, aus der man sol­che Pres­sio­nen nicht erwar­tet hät­te, kommt seit eini­gen Jah­ren ein star­ker Druck, der auf Zen­sur hin­aus­läuft. Er beginnt mit dem Legi­ti­mie­rungs­zwang.

Der Legi­ti­mie­rungs­zwang besagt, dass nur ein homo­se­xu­el­ler acht­und­drei­ßig­jäh­ri­ger Kell­ner, der in Wien im ach­ten Bezirk wohnt und den Mount Ever­est bestei­gen möch­te, über homo­se­xu­el­le acht­und­drei­ßig­jäh­ri­ge Kell­ner, die in Wien im ach­ten Bezirk woh­nen und den Mount Ever­est bestei­gen möch­ten, schrei­ben darf. Die Iro­nie die­ser For­mu­lie­rung wird lei­der – so ist es in die­sen Zei­ten – von der Rea­li­tät in den Schat­ten gestellt. Ein gro­ßer Strea­ming­ka­nal hat bereits ange­kün­digt, dass in den Fil­men, die er pro­du­ziert, Men­schen bestimm­ter Her­kunft und bestimm­ter sexu­el­ler Ori­en­tie­rung in sei­nen Fil­men nur von Schau­spie­lern der­sel­ben Her­kunft und sexu­el­len Ori­en­tie­rung dar­ge­stellt wer­den. Womit das Ende der Schau­spie­le­rei erreicht wäre. Womit der jahr­tau­sen­de­al­te Ver­trag zwi­schen Publi­kum und Autor, der Kon­sens, sich wäh­rend des Lesens wis­sent­lich einer Fik­ti­on hin­zu­ge­ben, tot ist. Womit das Thea­ter tot ist. Und der Film.

Die Anzei­chen dafür, auch Lite­ra­tur nach die­sen Maß­stä­ben zu bewer­ten, meh­ren sich. Die Unter­schei­dung zwi­schen Autor, Erzäh­ler und lite­ra­ri­scher Figur wird vie­ler­orts nicht mehr getrof­fen. Sagt eine Figur etwas in einem Roman, so geht man davon aus, dass es die Mei­nung des Autors ist. Hat die Haupt­fi­gur einen Vater, so muss es der Vater der Autorin oder des Autors sein. Dass Tho­mas Mann einen Roman in Ich-Form schrieb, sich im Buch aber Felix Krull nennt, müss­te – wäre es nicht ver­jährt – zur poli­zei­li­chen Anzei­ge gebracht wer­den. Kein Wun­der, dass Autoren wie Karl Ove Knaus­gård, die die­se Ein­eb­nung der Vor­aus­set­zun­gen für fik­tio­na­les Erzäh­len mit ihrem Werk beför­dern, dafür mit Applaus zuge­schüt­tet wer­den. Die ange­streb­te Auf­he­bung der Fik­ti­on durch tau­sen­de Sei­ten Ich, Ich, Ich über­tüncht die – auch für bio­gra­fi­sche Lite­ra­tur gel­ten­de – Rezep­ti­ons­vor­aus­set­zung.

In man­chen Berei­chen der Lite­ra­tur hat das bereits zur Mono­po­li­sie­rung geführt. Da ist etwa das Bei­spiel einer Frau aus Afri­ka mit einer grau­en­haf­ten Kind­heit, die Opfer von Geni­tal­ver­stüm­me­lung wur­de. Die­se Frau hat ein Buch geschrie­ben. Wie sieht das nun aus? In Wahr­heit hat die­se Frau einen gut­be­zahl­ten Ver­trag mit einer Agen­tur abge­schlos­sen. Sie spricht nun ihre Erin­ne­run­gen in ein Auf­nah­me­ge­rät. Die­se Auf­nah­men gehen zu einer Ghost­wri­te­rin, die weder das Land, aus dem die­se Frau stammt, je besucht hat, noch etwas über die Gesell­schaft dort weiß. Sie zim­mert aber nun für einen Hun­ger­lohn aus den Auf­nah­men einen span­nen­den Text mit leben­di­gen Sze­nen. Das so ent­stan­de­ne Buch wird uns – ohne dass es die auf dem Buch als Autorin ange­führ­te Per­son jemals gele­sen hat – als der authen­ti­sche Bericht einer Betrof­fe­nen ver­kauft. Wodurch mit einem Schlag alle Nicht-Betrof­fe­nen dele­gi­ti­miert wer­den, über die­ses The­ma zu schrei­ben. Hier wird nicht nur die Pro­duk­ti­on mono­po­li­siert, hier wird auch zen­siert. Und der Kon­su­ment sol­cher Bücher ist Opfer einer vor­sätz­li­chen Täu­schung, wenn nicht des Betrugs.

Ich kann mich noch gut erin­nern, mit wel­cher Auf­re­gung mein Groß­va­ter Fil­me ange­schaut hat, die schon im Vor­spann anprie­sen, Nach einer wah­ren Bege­ben­heit gemacht wor­den zu sein. Das ist wirk­lich pas­siert, ist dann der nächs­te Schritt zu einer Rezep­ti­ons­hal­tung, in der das Erzähl­te sekun­där ist; das Unver­ständ­nis für das Medi­um Film jedoch pri­mär.

Mit der Kom­mer­zia­li­sie­rung des Fern­se­hens erfass­te die Ent­li­te­r­a­ri­sie­rung auch das Fern­se­hen. Mit den Kabel­sen­dern kamen Rea­li­ty-TV und Rea­li­ty-Shows. Sie unter­bo­ten nicht nur die nied­rigs­ten Anfor­de­run­gen an das Erzeu­gen von Fik­ti­on im Fern­se­hen, son­dern ermög­lich­ten jene Pro­duk­ti­ons­stei­ge­rung, die nötig war, um die vie­len neu­en Fern­seh­ka­nä­le, die damit began­nen, rund um die Uhr zu sen­den, mit genug Mate­ri­al ver­sor­gen zu kön­nen. Frei­lich ist auch die dort gezeig­te Rea­li­ty nichts als Fik­ti­on. Als man nach dem Zwei­ten Welt­krieg die Fil­me, die alli­ier­te Sol­da­ten bei der Befrei­ung von Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern gemacht hat­ten, sam­mel­te und dar­aus einen Infor­ma­ti­ons­film für die öster­rei­chi­sche und deut­sche Bevöl­ke­rung machen woll­te, lud man unter ande­rem Alfred Hitch­cock ein. Man frag­te ihn, wie es mög­lich sei, aus die­sem Mate­ri­al einen Film zu machen, der Öster­rei­chern und Deut­schen die Gräu­el in den KZ vor­füh­re und sie über­zeu­ge, dass das Gezeig­te wirk­lich gesche­hen ist. Hitch­cocks Ant­wort war, das sei gar nicht mög­lich.

Frei­lich ist also auch die Rea­li­ty nichts als Fik­ti­on; aller­dings unter völ­li­ger Auf­ga­be der kri­ti­schen Mög­lich­kei­ten des Erzäh­lens. Und hier kom­me ich zum Aus­gangs­punkt zurück, dass Pan­de­mie und Demo­kra­tie­ab­bau die Lage kla­rer gemacht haben. Kri­ti­sche und zeit­ge­mä­ße Lite­ra­tur wird sich der Ver­nut­zung der kapi­ta­lis­ti­schen Logik wider­set­zen. Die immer noch in Ablen­kung und Pro­pa­gan­da geteil­te Tak­tik der rech­ten Regie­run­gen macht in einem ers­ten Schritt aus den Medi­en mit den größ­ten Reich­wei­ten Regie­rungs­me­di­en. Mit die­sem Schritt ist der kri­ti­sche Jour­na­lis­mus weit­ge­hend mar­gi­na­li­siert. Die Regie­rungs­me­di­en berich­ten nicht mehr über Skan­da­le in der Regie­rung (das ist auch eine Vari­an­te von Zen­sur), son­dern ver­brei­ten die erwünsch­ten Mel­dun­gen. Was an Kri­ti­schem über­bleibt ist jene nun schon jah­re­zehn­te­lan­ge Befun­dung, die wir aus Öko­lo­gie­de­bat­ten ken­nen. Immer noch wird fest­ge­stellt, was schon Ende der 70er-Jah­re fest­ge­stellt wur­de, und hin­ter dem Applaus, den es für man­che die­ser Befun­dun­gen gibt, steckt das Kalt­stel­len einer Autorin oder eines Autors. Sie oder er kann nun auf hun­der­te Dis­kus­sio­nen zum The­ma geschickt wer­den, um ihre oder sei­ne Erkennt­nis­se zu ver­kün­den. Erkennt­nis­se, die man schon vor vier­zig Jah­ren gewon­nen hat­te, ohne dass sich dar­aus poli­ti­sche Kon­se­quen­zen erge­ben hät­ten.

Ähn­lich ange­nehm für Regie­run­gen, die die Demo­kra­tie schlei­chend in eine Olig­ar­chie umwan­deln, ist die Lite­ra­tur der Ver­nied­li­chung und des Pri­va­ten. Obwohl eine gro­ße Mode der Nuller­jah­re, wird immer noch so geschrie­ben, als gäbe es die Welt, die uns umgibt, nicht. Ihre Autorin­nen und Autoren sind beliebt, je harm­lo­ser, des­to belieb­ter. In einer Art Neo-Bie­der­mei­er erklä­ren sie den Pri­vat­raum und das selbst Erleb­te zur ein­zi­gen Rea­li­tät. Ihre vage Kon­sum­kri­tik ent­zieht sich struk­tu­rel­len Fra­gen. Hier wird die Abs­trak­ti­on des Post-Kolo­nia­lis­mus per­fekt abge­bil­det: Was wis­sen wir schon über das klei­ne Kind, das in Ban­gla­desh die Pull­over stri­cken muss, die wir anzie­hen? Nichts. Wir müs­sen doch mor­gen in der Kin­der­grup­pe den Abwasch machen und vor Monats­en­de die Rabatt­mar­ken ein­lö­sen. Dar­über­hin­aus wis­sen wir: Nichts.

Aus die­sem Nichts wird eine dürf­ti­ge Fik­ti­on gezim­mert. Impli­zit oder in man­chen Fäl­len sogar expli­zit, erklä­ren die Autorin­nen und Autoren der Nied­lich­keits­li­te­ra­tur, Poli­tik sei lächer­lich. Viel­leicht mei­nen sie Par­tei­po­li­tik. Aber das sagen sie nicht genau. Sie gel­ten den meis­ten Kri­ti­kern mit die­ser Aus­sa­ge per se als kri­tisch oder gar sub­ver­siv. In Wahr­heit schüt­ten sie damit das Kind mit dem Bade aus: Sie erklä­ren nicht nur ihr eige­nes Werk für lächer­lich, son­dern ver­kün­den pro­gram­ma­tisch die Unter­wer­fung der Lite­ra­tur unter die Medi­en­lo­gik der Olig­ar­chen.

Der Show-Cha­rak­ter des Unpo­li­ti­schen und die Ernen­nung des Unpo­li­ti­schen zur Sub­ver­si­on, schlägt sich dann in den For­ma­ten diver­ser Ver­an­stal­ter nie­der, bei denen es nun (fünf­und­zwan­zig Jah­re zu spät) zur Mode gewor­den ist, eben­falls Shows zu ver­an­stal­ten. Im Stil einer TV-Talk­show wird dann über Lite­ra­tur gere­det. Das heißt: Eigent­lich wird dort nicht gere­det, son­dern gequatscht. Es geht dar­um, Poin­ten zu lan­den und beson­ders gelas­sen und ableh­nend auf alles zu reagie­ren, was mit Lite­ra­tur im Ent­fern­tes­ten zu tun haben könn­te.

Die Ent­li­te­r­a­ri­sie­rung der Lite­ra­tur in die­sen For­ma­ten ist auf­fäl­lig. Meist wird dort gelobt, dass ein Autor sein Werk vor­stellt, ohne nur einen Satz dar­aus zu lesen. Das kommt den Kri­ti­kern ent­ge­gen, die dort über das Werk spre­chen, ohne es gele­sen zu haben. Meist wird dann ver­kün­det, die Was­ser­glas­le­sung sei out. Nun gut, da bin ich ger­ne dabei. Man müss­te sich aber ein wenig Mühe geben, um For­ma­te zu ent­wi­ckeln, die bes­ser sind als die her­kömm­li­che Lesung. Doch der unend­li­che Quatsch der Shows gibt sich über­haupt kei­ne Mühe. Er macht aus der Not eine Tugend und ent­bin­det alle Anwe­sen­den ihrer Funk­ti­on, solan­ge sie eben quat­schen, um die Zeit zu ver­trei­ben, um die gegen­wär­ti­ge Zeit aus den Räu­men des Quatschs zu ver­scheu­chen.

Schließ­lich, als bedroh­li­che Zukunfts­aus­sicht, kom­me ich noch­mals zu jenen Zen­sur­ab­sich­ten zurück, die uns heu­te, wie bereits gesagt, aus uner­war­te­ter poli­ti­scher Rich­tung ent­ge­gen­schla­gen. Das ist die Welt der Trig­ger­war­nun­gen, der nach­träg­li­chen Ände­rung his­to­ri­scher Lite­ra­tur und letzt­end­lich der Ver­bo­te. Es sind Zen­sur­un­ter­fan­gen, die sich in das Kleid­chen des Beschüt­zers gehüllt haben. Nur zu unse­rem Bes­ten wol­len sie eine Zen­sur errich­ten, deren poli­ti­sche Legi­ti­ma­ti­on höchst frag­wür­dig ist – von wis­sen­schaft­li­cher oder ästhe­ti­scher Legi­ti­mie­rung spricht ohne­hin kein Mensch.

Und so kommt es, dass die Äuße­run­gen von Staats­chefs, die Lügen, Ver­het­zung, Ver­un­glimp­fung und Belei­di­gung ande­rer Men­schen ent­hal­ten, zum Schutz der Lese­rin­nen und Leser in Büchern nicht mehr vor­kom­men dür­fen und von der Wis­sen­schaft nicht mehr ana­ly­siert wer­den sol­len, um die Wis­sen­schaft­ler davor zu schüt­zen. Ein Sys­tem, des­sen höchs­te Macht sich also mora­lisch dis­qua­li­fi­ziert, hält sich für mora­lisch qua­li­fi­ziert, die Ana­ly­se ihrer eige­nen Wor­te und Taten zu ver­bie­ten. Hier sind wir bei tota­li­tä­rer Poli­tik ange­kom­men.

Es tut mir weh zu sehen, wie Autorin­nen und Autoren bewusst oder unbe­wusst der Ent­li­te­r­a­ri­sie­rung der Lite­ra­tur das Wort reden. Ande­re schwei­gen über­haupt, teils aus ver­meint­li­cher Tak­tik, teils aus Angst. Den Gegen­wind bekom­men jene zu spü­ren, die ihre Mei­nung öffent­lich aus­drü­cken. Alar­mis­mus, Über­trei­bung und Kul­tur­pes­si­mis­mus wird ihnen vor­ge­wor­fen. Natür­lich, das ist ja auch eine geschicht­lich bekann­te Tak­tik der Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung, dass sie die War­nen­den lächer­lich macht und schon die Tat­sa­che, dass sie ihre War­nung aus­spre­chen dür­fen, als Beweis dafür ange­ben, dass sie über­trie­ben ist.

Ich freue mich den­noch auf die Lite­ra­tur der kom­men­den Jahr­zehn­te, weil ihr eine Auf­ga­be zukommt, die nie­mand ande­rer in unse­rer Gesell­schaft mehr erfüllt. Die Lite­ra­tur allein hat heu­te die Mög­lich­keit, nein die Pflicht, unse­re Gegen­wart wahr­haf­tig und in allen Grau­stu­fen abzu­bil­den. Sie hat auch (noch) die Mög­lich­keit, gegen den Zeit­geist von Zen­sur und kapi­ta­lis­ti­scher Ver­nut­zung anzu­kämp­fen, wo der Jour­na­lis­mus bereits auf­ge­ge­ben und sei­ne mora­li­sche Ver­ant­wor­tung für Geld her­ge­ge­ben hat. Nicht alle wer­den die Ent­li­te­r­a­ri­sie­rung der Lite­ra­tur zulas­sen. Denn es gibt vie­le, die sich heu­te aus Ekel vor den gegen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­sen zurück­zie­hen. Das Lesen und Schrei­ben bleibt ihnen aber. Und wir haben in der Geschich­te gese­hen, wie die Lite­ra­tur trotz der poli­ti­schen Ver­hält­nis­se, trotz Dik­ta­tur, trotz Krieg, über­lebt hat. Sie wird auch jetzt über­le­ben, durch alle, die genug Mut haben, sich ihrer Auf­ga­be zu stel­len, und genug Wider­stands­geist, um die Schmä­hun­gen zu ertra­gen, die ihr die zur Mehr­heit gewor­de­nen Ver­tre­ter der Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung nicht erspa­ren. Las­sen wir uns die Lite­ra­tur nicht neh­men!

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Dani­el Wis­ser, geb. 1971, lebt in Wien, schreibt Pro­sa, Song­tex­te und dra­ma­ti­sche Wer­ke. Mit­glied der Band Ers­tes Wie­ner Heim­or­ge­l­or­ches­ter (zahl­rei­che Ton­trä­ger, zuletzt: Die Let­ten wer­den die Esten sein). 2018 erscheint der Roman Köni­gin der Ber­ge (Öster­rei­chi­scher Buch­preis, Johann Beer-Preis). Wis­sers jüngs­ter Roman Wir blei­ben noch erschien 2021.

„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 5. Novem­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 6. Nov. 2021