Von der Asche sprechen

Daniel Kehlmann über Cordelia Edvardsons Gebranntes Kind sucht das Feuer.

Online seit: 25. August 2023
Cordelia Edvardson mit ihrer Mutter, der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer. Foto: © Cordelia Edvardson
Cordelia Edvardson mit ihrer Mutter, der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer. Foto: © Cordelia Edvardson

Im Jahr 2022 wurde mir der Elisabeth-Langgässer-Preis der Stadt Alzey verliehen. Für meine Dankesrede beschäftigte ich mich mit Leben und Werk der katholischen Dichterin Langgässer – ein schwieriges Unterfangen. Manche Schriftsteller kommen zu Unrecht aus der Mode. Liest man Jahre später ihr Werk, so ist man verblüfft über dessen Dringlichkeit, Frische und Aktualität. Die Begegnung mit Elisabeth Langgässer war für mich nicht so ein Fall. Ihr Werk war, so schien es mir, nicht gut gealtert. Die meisten Gedichte waren schwerfällig und pompös, die Prosa war weihevoll und von einer Mystik, die mich unangenehm abstieß, und die in ihrem Hauptwerk Das unauslöschliche Siegel vertretene These, man könne den Antisemitismus aus der Welt schaffen, indem alle Juden sich zur wahren christlichen Religion bekennten und taufen ließen, ist in so vieler Hinsicht absurd, dass man darüber keine Worte zu verlieren braucht.

Dann aber las ich Gebranntes Kind sucht das Feuer, die erstmals 1986 auf Deutsch erschienenen und etwas irreführend mit Roman untertitelten Lebenserinnerungen von Langgässers Tochter Cordelia Edvardson – „Das Buch ist ein Roman in dem Sinn, dass es ganz bewusst künstlerisch gestaltet, jedes Wort ganz bewusst gewählt wurde“, so die Autorin in einem Interview. Ich war erschüttert und überwältigt: Wie konnte es sein, dass ein Buch von solchem Gewicht seit nun schon geraumer Zeit vergriffen war? Ohne Zweifel gehört es in die Kategorie der bleibenden Holocaust-Erinnerungen, ebenso wie die Bücher von Primo Levi, Imre Kertész, Jorge Semprún, Ruth Klüger oder Thomas Buergenthal. Es war, so dachte ich, nicht bloß eine literarische Ungerechtigkeit, dass Cordelia Edvardsons Buch nicht mehr Teil des allgemeinen Gesprächs war, nein, es schien mir ein echtes Versäumnis der Erinnerungskultur – es gibt weiß Gott nicht so viele klarsichtige Zeugenberichte aus dem Innersten der deutschen Tötungsmaschinerie, dass man es sich leisten  könnte, einen der überzeugendsten davon zu ignorieren.

II

Der Grund dafür, dass Gebranntes Kind sucht das Feuer nicht viel bekannter ist, liegt wohl paradoxerweise darin, dass das Buch solche Kraft entfaltet. Man kann es anders nicht sagen: Es ist eine furchtbare Lektüre. Der oft zu leicht gebrachte Hinweis trigger warning