Cornell

Aus dem Tage­buch von Cle­mens J. Setz.
Mei­ne Mut­ter erzähl­te mir am Tele­fon von Schwes­tern auf der Wach­ko­ma­sta­ti­on, die die Pati­en­ten ver­klei­den. „Ist er nicht süß“, sagen sie dann.

21. April
Am Fried­hof „Plea­sant Gro­ve“ die wun­der­schön geschnitz­te Sitz­bank. Dazu aller­dings hef­ti­ger Stuhl­gang, ich suche in wach­sen­der Panik nach einer Toi­let­te. Ein Fri­seur­sa­lon in der Nähe hat Mit­leid mit mir, dem zer­zaus­ten Euro­pä­er. „Tou­rist, huh?“ – „No, I teach at Cor­nell.“ Ungläu­bi­ges, aber nach­sich­ti­ges Lächeln. Ich tra­ge unter mei­nem Sak­ko ein T‑Shirt mit einem statt­li­chen Bläss­huhn drauf.

Zurück am Fried­hof. Erst, als ich die Bank von vor­hin wie­der­se­he, erken­ne ich, dass das, was ich sonst für lau­ter ähn­lich gebau­te Sitz­bän­ke hielt, in Wahr­heit nur in die­ser Form gebau­te Grä­ber waren. Rings um mei­ne Bank lie­gen hel­le Holz­spä­ne, als wäre sie gera­de erst am Vor­tag geschnitzt wor­den.

Neben dem Fried­hof ein „Lea­ve one book, take one book“-Kasten. Ich ent­neh­me eine alte Aus­ga­be von The First Cir­cle von Sol­sche­ni­zyn. Zurück las­se ich einen Zet­tel, auf den ich ein Gedicht schrei­be:

I come from Aus­tria,
said this poem.
Okay, said the wind,
now plea­se go hoem.

* * *

Am Nach­mit­tag beim Orni­tho­lo­gi­cal Lab der Cor­nell Uni­ver­si­ty, einer klei­nen, im Wald ver­steck­ten Vogel­war­te. Ich ging zu Fuß hin, durch grün-ver­gnüg­te Wie­sen, auf denen Pes­ti­zid-Warn­schil­der stan­den. Jedes Ele­ment im Orni­tho­lo­gi­cal Lab erin­nert an einen finan­zi­el­len Wohl­tä­ter der Ein­rich­tung, dem mit sil­ber­ner Namens­pla­ket­te gedacht wird. Teil­wei­se sind auch klei­ne Bil­der dar­auf, wie auf Grab­stei­nen, sie zei­gen lächeln­de alte Män­ner.

Auf der Leh­ne einer Sitz­bank stand ein­ge­kratzt das Wort FISTING und ich las es, gedan­ken­ver­lo­ren, als STIFTING und fühl­te Heim­weh.

Man kann hier auf Stüh­len sit­zen und durch hohe Fens­ter auf einen Teich bli­cken. Angeb­lich wim­melt es drau­ßen von Vögeln. Sehen tu ich aller­dings kei­ne. Ich sit­ze lan­ge da und war­te. An den Bewe­gun­gen mei­ner Mit­men­schen könn­te man able­sen, dass drau­ßen in der Tat hun­der­te Vögel zu sehen sind.

Ich put­ze mei­ne Bril­le.

Nun trei­ben ein paar Gän­se vor­über und mein Herz schlägt. Mei­ne Sitz­nach­barn haben alle ihre Bin­oku­la­re in der Hand. Eine Frau „trinkt“ ver­se­hent­lich aus ihrem Fern­glas. Ein Blau­rei­her fliegt hoch am Him­mel, aber nie­mand sieht ihn. „Wie im Ver­neh­mungs­zim­mer der Natur“ sitzt man