Meine erste Falafel

Von Cle­mens Ber­ger. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 103
Clemens Berger © Katharina Susewind

Cle­mens Ber­ger. Foto: Katha­ri­na Sus­e­wind

An mei­nem acht­zehn­ten Geburts­tag erwach­te ich in Jeru­sa­lem. Als ich die Trep­pe eines Hotels hin­un­ter­kam, stan­den jun­ge Men­schen aus allen Län­dern der dama­li­gen Euro­päi­schen Uni­on da und gra­tu­lier­ten mir. Sie san­gen ein Ständ­chen, ich bekam ein wei­ßes T‑Shirt, auf dem Hard Rock Peace in the Midd­le East stand. Dar­auf waren drei Kame­le zu sehen, auf denen drei Män­ner in unter­schied­li­chen Trach­ten saßen, an ihren Häl­sen hin­gen Ket­ten, ein David­stern, ein Kreuz, ein Halb­mond. Ich war spät dran, der Bus war­te­te bereits, das Früh­stück hat­te ich ver­schla­fen, aber das mach­te nichts. Ich war Vega­ner, für mich gab es meis­tens nicht viel, was schon beim ers­ten Abend­essen in Straß­burg auf­ge­fal­len war, ich war ein sel­te­ner und selt­sa­mer Fall, das gefiel mir.

In einem Bus fuh­ren wir ans Tote Meer. Wie im Schul­bus saß ich ganz hin­ten und ahm­te bis­wei­len unse­ren Rei­se­be­glei­ter nach, der John­ny hieß und sei­ne Betrach­tun­gen mit In my hum­ble opi­ni­on, and I’m not hum­ble at all … ein­zu­lei­ten pfleg­te. Der 20. Mai 1997 war warm und son­nig, das Meer lag spie­gel­glatt vor uns. Es war, wie ich es aus Erzäh­lun­gen kann­te, und doch unglaub­lich: Man konn­te nicht unter­ge­hen, selbst wenn ich nach unten tau­chen woll­te, war da eine Kraft, die mich wie­der nach oben zog. Man konn­te tat­säch­lich ein­fach auf dem Was­ser trei­ben, Zei­tung hat­te ich kei­ne dabei, jede klei­ne offe­ne Wun­de brann­te, und man konn­te, beson­ders wenn man zum Tag­träu­men neig­te, tat­säch­lich im Was­ser ein­schla­fen.

Als ich erwach­te, war nie­mand von mei­ner Grup­pe zu sehen, dafür sah ich israe­li­sche Sol­da­tin­nen über eine Böschung kom­men, die Uni­for­men aus­zie­hen und in Biki­nis lachend ins Was­ser lau­fen. Sie gefie­len mir außer­or­dent­lich gut, obwohl für mich natür­lich fest­stand, nie­mals zum Mili­tär zu gehen, auch wenn ich vor kur­zem als flie­ger­taug­lich ein­ge­stuft wor­den war. Bei der Mus­te­rung in Graz hat­te mir der Bera­ter für den Zivil­dienst die­sen in etwa mit den­sel­ben Argu­men­ten aus­zu­re­den ver­sucht, die mei­ne Freun­de bei unse­ren immer häu­fi­ger wer­den­den Streit­ge­sprä­chen gegen mich ins Tref­fen führ­ten, Argu­men­te, die sie von ihren Vätern und Groß­vä­tern hat­ten — ob ich auch dann kei­ne Waf­fe zur Hand neh­men wür­de, wenn unser Land ange­grif­fen, mei­ne Mut­ter oder Schwes­ter oder Freun­din von einem frem­den Sol­da­ten drang­sa­liert wür­de, der­glei­chen. Ich war als Ers­ter ins Bett gegan­gen, wäh­rend die ande­ren jun­gen Män­ner aus mei­ner Klein­stadt auf eine Sauf­tour und ins Bor­dell gin­gen. Am nächs­ten Mor­gen war ich absicht­lich län­ger unter der Dusche geblie­ben, und zwar so lan­ge, bis ein Offi­zier kam, um mich anzu­herr­schen, es sei längst Früh­stück, ich lächel­te nur und trö­del­te demons­tra­tiv wei­ter, ich war ja kein Gefan­ge­ner. Den Zivil­dienst wür­de ich nie antre­ten, aber das wuss­te ich an mei­nem acht­zehn­ten Geburts­tag noch nicht. Die Sol­da­tin­nen sahen sehr sport­lich aus, ath­le­tisch, gebräun­te Kör­per, älter und bestimmt erfah­re­ner als ich, sie waren laut und aus­ge­las­sen, ich ließ mich noch etwas trei­ben und die jun­gen Frau­en, die mir trotz­dem uner­reich­bar ent­fernt schie­nen, nicht aus dem Auge.

Ein paar Tage zuvor war ich in den See Gene­za­reth gesprun­gen und hat­te beim Ein­tau­chen und dann bei den ers­ten Zügen unter Was­ser ein Gefühl von Frei­heit und Ein­ver­ständ­nis mit mir selbst gespürt, das ich mir für immer mer­ken woll­te. Das Was­ser war tür­kis, ich weit weg, bald wür­de ein neu­es Leben begin­nen, auf­re­gend und fun­kelnd und weit weg von dem Ort, an dem man mich zu ken­nen mein­te. Etwas in mir hat­te jubi­liert.

Ich stieg aus dem Was­ser des Toten Mee­res, zog mich um und ent­deck­te einen Imbiss­stand. Dass die ande­ren aus mei­ner Grup­pe nicht zu sehen waren, stör­te mich nicht. In der klei­nen Küche der Bude stan­den eine dicke schwar­ze Frau, die Mit­te Vier­zig sein moch­te, jeden­falls war sie um eini­ges älter als ich, und eine atem­be­rau­bend schö­ne jun­ge Frau, auch schwarz, die ein paar Jah­re älter als ich sein moch­te. Ich frag­te, ob es etwas ohne Fleisch und tie­ri­sche Pro­duk­te gebe. Fal­a­fel, sag­te die Älte­re, die offen­sicht­lich das Sagen hat­te, viel und laut lach­te. Ich frag­te noch ein­mal nach, und nach­dem man mich beru­higt hat­te, bestell­te ich Pita Fal­a­fel, nicht ohne dar­auf hin­zu­wei­sen, dass heu­te mein Geburts­tag sei. Tat­säch­lich? Die Frau woll­te einen Beweis sehen, ich zeig­te ihr einen Aus­weis, der über der Lis­te der nicht vega­nen E‑Nummern steck­te. Sie schenk­te mir die ers­ten Fal­a­feln mei­nes Lebens und frag­te die jün­ge­re Frau grin­send, ob sie mir nicht einen Geburts­tags­kuss geben wol­le. Die beug­te sich aus dem Inne­ren der Bude und küss­te mich. Als ich den Bus mit den ande­ren fand, die lan­ge auf mich gewar­tet hat­ten, war mein wei­ßes Gesicht wahr­schein­lich leicht gerö­tet.

 

Ich war kein guter Schü­ler, jeden­falls kein streb­sa­mer, ich lern­te nur, wenn es wirk­lich sein muss­te, hat­te aber nie­mals ande­re Pro­ble­me als dis­zi­pli­nä­rer Natur. Ich war groß und Fuß­bal­ler, trai­nier­te vier Mal die Woche, muss­te jeden zwei­ten Frei­tag oder Sams­tag nicht in die Schu­le, weil wir ein Aus­wärts­spiel hat­ten, ein­mal im Monat bekam ich in einem Hin­ter­zim­mer ein Kuvert mit fünf­hun­dert bis tau­send Schil­ling über den Tisch gescho­ben. Ich war Vega­ner gewor­den, trank seit zwei Jah­ren kei­nen Alko­hol mehr, hat­te mit sech­zehn mit dem Rau­chen auf­ge­hört, auf einen Trai­ner hörend, der dem Fünf­zehn­jäh­ri­gen gesagt hat­te, wol­le er Fuß­bal­ler wer­den, müs­se er die Ziga­ret­ten weg­wer­fen.

Eines Tages erzähl­te mei­ne Deutsch­leh­re­rin im Unter­richt von einer Aus­schrei­bung für einen Essay­wett­be­werb, Euro­pa gegen Ras­sis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und Xeno­pho­bie, das sei­en doch The­men, die mich inter­es­sier­ten, und ich schrie­be gut, ob ich nicht dar­an teil­neh­men wol­le. Ich schrieb gern und viel, bei Schul­ar­bei­ten wähl­te ich immer die frei­en The­men, las nie die Bücher, die wir lesen soll­ten, son­dern die, die ich lesen woll­te, und als der Kapi­tän der Kampf­mann­schaft eines Tages mit einem Play­boy in den Bus stieg, saß ich wei­ter hin­ten und las Hand­kes Wunsch­lo­ses Unglück. Und was war der Play­boy gegen das soge­nann­te Sex­heft, das ich zu einem Geburts­tag bekom­men und gut unter mei­nen Com­pu­ter­zeit­schrif­ten ver­steckt hat­te.

Ich setz­te mich an mei­nen Com­pu­ter, der seit kur­zem wun­der­ba­rer­wei­se mit dem Inter­net ver­bun­den wer­den konn­te, und es war tat­säch­lich ein Wun­der, dass die Nach­richt, die ich einem Freund in Michi­gan schick­te, die­sem im sel­ben Moment zuge­stellt wur­de. Auf der Tas­ta­tur des Com­pu­ters schrieb ich auf Eng­lisch ein soge­nann­tes Zine, in dem es um Hard­core ging, um Vega­nis­mus und gegen den Kapi­ta­lis­mus, dazu ver­fass­te ich Tex­te über Camus und die Revol­te und den Mythos von Sisy­phos, all­ge­mei­ne Betrach­tun­gen und melan­cho­li­sche Gedich­te, die auf Eng­lisch ehr­li­cher klan­gen als auf Deutsch, es ging um alles. Finan­ziert wur­de die Zeit­schrift, die ich selbst setz­te und dru­cken ließ und mit der Post in die gan­ze Welt ver­schick­te, von Anzei­gen diver­ser Labels, denen ich eine viel­fach höhe­re Auf­la­ge angab, als mei­ne Publi­ka­ti­on tat­säch­lich hat­te. Dazu bekam ich bei­na­he täg­lich CDs und Plat­ten zur Bespre­chung, die ich auch ver­kau­fen konn­te, Brie­fe von Lese­rin­nen und Lesern, auf mei­ne Brie­fe und Post­sen­dun­gen kleb­te ich Mar­ken, die ich mit Was­ser von an unse­ren Haus­halt adres­sier­ten Brie­fen lös­te, nach­dem ich die Stem­pel von ihnen radiert hat­te. Den klas­si­schen Laden­dieb­stahl hat­te ich mit mei­nem sech­zehn­ten Geburts­tag auf­ge­ge­ben, ich war jetzt straf­fä­hig, und bei­na­he alle mei­ne Freun­de waren, im Gegen­satz zu mir, zumin­dest ein­mal erwischt wor­den.

Das beige Tele­fon mit einer Wähl­schei­be hing an der Wand neben dem Kla­vier in unse­rem Wohn­zim­mer; wenn mei­ne Groß­el­tern neben­an tele­fo­nier­ten, beka­men wir kein Frei­zei­chen, konn­ten also nicht tele­fo­nie­ren, und umge­kehrt. An die­sem Tag läu­te­te das Tele­fon, mei­ne Mut­ter rief nach mir, ein Anruf aus Wien. Ich nahm den Hörer und hör­te, ich hät­te bei dem von der Euro­päi­schen Uni­on aus­ge­schrie­be­nen Wett­be­werb Euro­pa gegen Ras­sis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und Xeno­pho­bie den ers­ten und den zwei­ten Preis gewon­nen.

Am 12. Mai 1997 ver­öf­fent­lich­te, wie ich im noch viel wun­der­ba­rer gewor­de­nen Inter­net gefun­den habe, die Öster­rei­chi­sche Pres­se­agen­tur unter dem Titel „Bur­gen­län­di­scher Schü­ler gewinnt EU-Auf­satz­wett­be­werb“ eine Pres­se­mit­tei­lung:

 

Wien (OTS) – Der Sieg im Auf­satz­wett­be­werb des Euro­päi­schen Par­la­ments „Euro­pa gegen Ras­sis­mus“ ging an einen bur­gen­län­di­schen Schü­ler, den 18-jäh­ri­gen Cle­mens Ber­ger. Der Auf­satz des Matu­ran­ten am BG Ober­schüt­zen wur­de als Bes­ter aus nahe­zu 120 ein­ge­sand­ten Bei­trä­gen aus­ge­wählt. Die­ser Wett­be­werb fand unter Ehren­schutz des Prä­si­den­ten des Euro­päi­schen Par­la­ments, Herrn Jose-Maria Gil-Robles, statt.

Schü­ler zwi­schen 16 und 18 Jah­ren aus allen EU-Staa­ten waren auf­ge­ru­fen, in kur­zen Auf­sät­zen ihre per­sön­li­che Sicht der Phä­no­me­ne Ras­sis­mus, Frem­den­feind­lich­keit und Anti­se­mi­tis­mus dar­zu­le­gen und mög­li­che Gegen­stra­te­gien auf­zu­zei­gen. Der öster­rei­chi­sche Gewin­ner Cle­mens Ber­ger über­zeug­te neben sei­ner pro­fun­den Ana­ly­se vor allem durch sei­nen sehr per­sön­li­chen und enga­gier­ten Zugang zu die­sem The­ma.

Als Sie­ges­preis wur­de von den Ver­an­stal­tern eine 2‑wöchige Rei­se zur Ver­fü­gung gestellt, die neben einem Besuch der EU-Insti­tu­tio­nen in Brüs­sel und Straß­burg einen ein­wö­chi­gen Stu­di­en­auf­ent­halt in Isra­el umfaßt. Cle­mens Ber­ger tritt heu­te sei­ne Rei­se nach Straß­burg an, wo er mor­gen, Diens­tag den 13. Mai gemein­sam mit den 14 ande­ren Gewin­nern vom Prä­si­den­ten des Euro­päi­schen Par­la­ments zur Preis­ver­lei­hung emp­fan­gen wird. […]

 

Eine Woche vor mei­nem acht­zehn­ten Geburts­tag wur­de uns also in Straß­burg der Preis ver­lie­hen, in Form einer Urkun­de, wie ich mich zu erin­nern mei­ne. Auf den bei­den Fotos, die ich gefun­den habe, steht der Par­la­ments­prä­si­dent in der Mit­te, groß, grau­bär­tig, mit ova­lem Kopf, der oben kahl ist, und leicht abste­hen­den Ohren, sein blau­es Sak­ko ist zuge­knöpft und spannt etwas. Er ist von Schü­le­rin­nen und Schü­lern umge­ben, hin­ter denen in einem dunk­len Saal, in dem ein Moni­tor mit Abstim­mungs­er­geb­nis­sen zu sehen ist, die Fah­nen der Staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on ste­hen. Aus jedem der Län­der waren zwei jun­ge Men­schen gekom­men, aus Öster­reich war nur ich ange­reist, Ers­ter und Zwei­ter in einem. Und so ste­he ich da in einem schwar­zen Pull­over, der Kra­gen eines oran­gen Polos ist zu sehen, eine schma­le, dop­pel­te, eng am Hals anlie­gen­de Ket­te aus Holz­per­len, der Blick ernst und leicht abwe­send, im kur­zen, leicht gewell­ten, zur Sei­te fri­sier­ten Haar kei­ne Span­ge, wie ich sie damals gern trug, vor allem weil sie Wider­wil­len und Spott erreg­te, unmänn­lich, hieß es. Nach sei­ner Rede hat­te der Par­la­ments­prä­si­dent gefragt, ob es Fra­gen gebe, ich hat­te auf­ge­zeigt und wis­sen wol­len, ob die Euro­päi­sche Uni­on nicht in ers­ter Linie für die Wirt­schaft und die gro­ßen Kon­zer­ne da sei.

Der wah­re Preis war für mich die Rei­se nach Isra­el, so weit weg war ich nie gewe­sen, die Stät­ten der Euro­päi­schen Uni­on hat­ten wir schon mit der Schu­le besucht. Ich erin­ne­re mich an den Strand von Tel Aviv und die jun­gen Män­ner in einer Dis­ko, die Pis­to­len im Hosen­bund ste­cken hat­ten, Stahl über dem Steiß­bein; an das Tref­fen mit Über­le­ben­den der Sho­ah; an die Fes­tung von Masa­da und die Wan­de­rung durch die Wüs­te Negev, auf der ich als Ein­zi­ger kein Was­ser dabei hat­te, was selbst die Net­tes­ten unter den jun­gen Men­schen in einen mora­li­schen Kon­flikt brach­te, der sie abwä­gen ließ, ob sie mir einen Schluck von ihrem kost­ba­ren Gut geben soll­ten; an Jeru­sa­lem und Beth­le­hem und die Zäu­ne des West­jor­dan­lan­des, das wir nicht besuch­ten. Mein acht­zehn­ter Geburts­tag, die Fal­a­feln am Toten Meer, das Küss­chen der schö­nen Unbe­kann­ten und vor allem das Ein­tau­chen in den See Gene­za­reth haben sich in mein Gedächt­nis ein­ge­brannt. Das alles hat­te ich nur erlebt, weil ich etwas geschrie­ben hat­te.

 

Nach mei­ner Rei­se stand die münd­li­che Matu­ra an, für die ich nicht hat­te ler­nen kön­nen, weil ich unter­wegs gewe­sen war und nach mei­ner Rück­kehr Besuch von einem Freund aus Michi­gan hat­te. Trotz­dem saß ich zuver­sicht­lich in der Biblio­thek des Gym­na­si­ums, mir gegen­über mein Eng­lisch­leh­rer, die letz­te Prü­fung. Die Bücher auf der Lese­lis­te hat­te ich alle­samt nicht gele­sen, an die ers­te Stel­le hat­te ich „Schindler’s List“ gesetzt, den Film hat­te ich gese­hen, soll­te die­ses Buch kom­men, könn­te ich es wäh­len. Ansons­ten wür­de ich über eines der vie­len The­men spre­chen, die auf der ande­ren Lis­te stan­den; ich hat­te die Arti­kel aus eng­li­schen Zeit­schrif­ten kurz durch­ge­se­hen, nur Russ­land unter Boris Jel­zin hat­te ich aus­ge­las­sen, das wür­de bestimmt nicht kom­men.

Russ­land unter Boris Jel­zin war nun aber das freie The­ma, womit ich in einem Dilem­ma steck­te, weil das Buch nicht „Schindler’s List“ war, son­dern „Fat­her­land“ von Robert Har­ris. Ohne mit der Wim­per zu zucken, wähl­te ich das Buch, das ich nicht gele­sen hat­te. Ich wuss­te, dass es um die Fik­ti­on ging, das Drit­te Reich wäre nicht besiegt wor­den und exis­tier­te noch. Dar­über konn­te ich spre­chen, und ich tat es, vol­ler Empö­rung über die Nazis und ihr Ter­ror­re­gime und alles, was damit zusam­men­hängt. Auf ein­mal sah ich mei­nen Leh­rer lächeln und mich mit­ten im Satz unter­bre­chen. Gut, sag­te er, was aber sei mit dem Vater und dem Sohn? Vater und Sohn, wie­der­hol­te ich, um Zeit zu gewin­nen. Ja, Vater und Sohn, sag­te er und lächel­te. Der Sohn, sag­te ich, habe den Vater denun­ziert. Dan­ke, sag­te der Leh­rer, er lächel­te nicht mehr, die Prü­fung war vor­bei. Ich hat­te rich­tig kom­bi­niert. „Fat­her­land“ habe ich bis heu­te nicht gele­sen.

Nach der Matu­ra­rei­se trenn­te ich mich von mei­ner Freun­din, die meis­ten mei­ner Freun­de gin­gen zum Bun­des­heer, und eines Tages stieg ich zu mei­nem Nach­barn ins Auto, der mich nach Wien mit­nahm. Mit einem Kof­fer stieg ich vor dem Haus in der Josef­stadt aus, in der unse­re klei­ne Woh­nung war, und schlepp­te ihn in den letz­ten Stock. Als ich die Tür hin­ter mir schloss, bemerk­te ich, wie still es war. Ich stell­te den Kof­fer ab und setz­te mich auf die grü­ne Couch, die frü­her in unse­rem Haus gestan­den war. Ich wür­de ein neu­es Leben begin­nen. Ich wür­de schrei­ben.

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Cle­mens Ber­ger, gebo­ren 1979 in Güs­sing, auf­ge­wach­sen in Ober­wart, stu­dier­te Phi­lo­so­phie in Wien, wo er heu­te als frei­er Schrift­stel­ler lebt. Letz­te Ver­öf­fent­li­chun­gen: Das Strei­che­l­in­sti­tut (2010), Ein Ver­spre­chen von Gegen­wart (2013), Im Jahr des Pan­da (2016), Der Prä­si­dent (2020).

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Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift Voll­text für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 3. Febru­ar 2023

Zuletzt geän­dert: 3. Feb. 2023