Für das nächste Mal wünschen wir uns ein Märchen

Aus­zug aus einem Roman in Arbeit. Von Caro­li­na Schutti. „Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 71
Carolina Schutti © Simon Rainer

Caro­li­na Schutti. Foto: Simon Rai­ner

Wir schlep­pen fort­an das Buch mit, wohin wir auch gehen. Mey­ers gro­ßes Kin­der­le­xi­kon. Wir sind auf den Alt­pa­pier­con­tai­ner geklet­tert und haben gele­sen: zur frei­en Ent­nah­me. Wir inter­es­sie­ren uns für schwar­ze Löcher und aus­ge­brann­te Ster­ne und schla­gen noch im Gehen nach. Wir fin­den Milch­stra­ße und Stern­zei­chen.
Wir lesen alles über Pil­ze und lie­ben Gift, Lamel­len und Pilz­ge­flecht.
Wir stel­len uns vor, wie Affen­brot schmeckt.
Wir benei­den Tim, der vor dem Bug eines Fracht­schif­fes steht.

Wir legen uns neben­ein­an­der auf den Wald­bo­den, unse­re Arme und Bei­ne sind nackt.
Wir hal­ten uns an den Hän­den.
Las­sen los.
Wir machen eine Mut­pro­be, wer es län­ger aus­hält, nicht nach der Hand der ande­ren zu grei­fen, wäh­rend wir uns vor­stel­len, wie unse­re Haut­schüpp­chen von Mikro­ben und Pil­zen zer­setzt wer­den.
Wie wir das unter uns pul­sie­ren­de Myzel ernäh­ren.

Obwohl man die Son­ne am milch­weiß gefärb­ten Him­mel nicht sehen kann, ist die Hit­ze kaum aus­zu­hal­ten. Ich tra­ge das Hand­tuch, mei­ne Schwes­ter trägt einen Bade­an­zug. Wir begeg­nen kei­ner Men­schen­see­le, doch wir rie­chen schon von Wei­tem den trä­gen Fluss. Sei­ne tief­grü­ne Duft­spur lockt uns unwi­der­steh­lich an so wie die Kühe, die gie­rig das nahe­zu ste­hen­de Was­ser trin­ken oder die Krö­ten, deren Laich
schwar­zen Per­len­ket­ten gleich
an der Was­ser­ober­flä­che treibt. Der Bau­er ist heu­te im Holz und so durch­que­ren wir unge­stört sei­ne Wei­den. Wir las­sen uns von klei­nen blau­en Schmet­ter­lin­gen ablen­ken und begin­nen zu ren­nen, als Pfer­de­brem­sen an unser Blut wol­len. Wir tei­len unser Blut mit nie­man­dem und has­sen die Pus­teln, auf denen Eiter­bla­sen wach­sen. Wir has­sen Blut­sauger, auch die mit den schö­nen Namen, wir has­sen Schmet­ter­lings­mü­cken, Sand­mü­cken, Herbst­gras­mil­ben und Gnit­zen, wir has­sen Stech­flie­gen, Flö­he, Wan­zen und Läu­se, wir has­sen Zecken, Blut­egel und Eulen­fal­ter. Wir haben die voll­stän­di­ge Lis­te in unser Buch ein­ge­legt, wir haben sie aus­wen­dig gelernt, wir sagen sie uns vor.
Wir lau­fen unter­schied­lich schnell, obwohl wir gleich lan­ge Bei­ne haben. Ich sehe, wie mei­ne Schwes­ter sich ärgert, wie sie dar­um kämpft, nicht in das hek­ti­sche Trip­peln der Mut­ter zu fal­len, wie sie ihre Schen­kel nach oben reißt, als wür­de das etwas ändern. Ich ver­lang­sa­me mein Tem­po, um den schö­nen Tag nicht zu ver­der­ben.
An einer Stel­le ver­sin­ken unse­re Füße bis zu den Knö­cheln im moras­ti­gen Unter­grund, in klei­nen Gru­ben ste­hen ölig schim­mern­de Was­ser­la­chen. Wir hal­ten inne, um sie zu unter­su­chen, rie­chen an der schwarz­brau­nen Erde, boh­ren unse­re Fin­ger hin­ein und spü­len die Hän­de mit dem regen­bo­gen­glei­chen Was­ser. Bevor es zu spät für das Baden ist, besin­nen wir uns, suchen eine Stel­le am Ufer, an der kei­ne Kuh­fla­den sind, hän­gen unse­re Klei­der ins Schilf. Und auf ein­mal den­ke ich: Du siehst komisch aus in dei­nem getupf­ten Bade­an­zug, der sich über dei­nem leicht gewölb­ten Kin­der­bauch spannt, und ich bli­cke an mir her­un­ter und sehe die Rip­pen unter mei­ner gebräun­ten Haut. Ich schä­me mich nicht, nackt zu sein. Du schnaufst, als du ver­suchst, an die ande­re Ufer­sei­te zu gelan­gen. Ich dre­he mich auf den Rücken und bewe­ge Arme und Bei­ne wie eine Qual­le, ich habe das Gefühl, end­los lan­ge so schwim­men zu kön­nen, schlie­ße die Augen, hege den Ver­dacht, mich im Kreis zu bewe­gen und erwar­te gleich­zei­tig jeden Moment, mit dem Kopf ans Schilf zu sto­ßen, an die ins Was­ser ragen­den Wur­zeln der Wei­den oder an etwas, von des­sen Exis­tenz ich nichts wis­sen will.
Das Schwim­men hat uns die Mut­ter schon früh bei­gebracht, wir besa­ßen zusam­men ein Paar oran­ge­far­be­ne Schwimm­flü­gel. Eine muss­te immer brav am Ufer des Bag­ger­lochs sit­zen­blei­ben und durf­te sich nicht rüh­ren, wäh­rend die Mut­ter die Arme und Bei­ne der ande­ren beweg­te, gedul­dig, immer schön abwech­selnd, so lan­ge, bis wir ihre zwei klei­nen Frösch­chen waren, die sie getrost aus den Augen las­sen konn­te. Wir waren trau­rig, als es das Bag­ger­loch auf ein­mal nicht mehr gab, als das Was­ser ver­schwand
ein Park­platz ent­stand
und ein paar fla­che Hal­len, in denen müde Men­schen ein und aus­ge­hen, so hat es uns die Mut­ter erzählt.

Ich bin kein klei­ner Frosch, ich bin eine Wür­fel­qual­le, ich ver­tei­le mein Gift im Umkreis von Kilo­me­tern, nicht ein­mal die Libel­len dür­fen sich der Was­ser­ober­flä­che nähern, denn noch im auf­stei­gen­den Dunst ist so viel Gift ent­hal­ten, dass es umge­hend ihren Flü­gel­schlag lähmt. Mei­ne Ten­ta­kel strei­fen über den leh­mi­gen Grund des Flus­ses, fin­den Zuck­mü­cken­lar­ve, Schlamm­röh­ren­wurm und Post­horn­schne­cke. Blut­egel, Was­ser­as­sel und ab und zu einen müden Fisch. Ich bin eins mit dem Was­ser und fürch­te mich nicht.
Wer da schreit, bist du. Ich rich­te mich auf, bli­cke in dei­ne Rich­tung, du winkst auf­ge­regt, das Was­ser spritzt, ich erschre­cke, doch es sind nur die fer­nen, dunk­len Wol­ken, die du meinst. Ich fürch­te mich nicht, auch nicht, als das Grol­len mei­ne Ohren erreicht, immer noch nicht, als ich es blit­zen sehe. Jetzt schreist du nicht mehr, du brüllst, und ich been­de das Thea­ter, indem ich aus dem Was­ser stei­ge, mich mit dir ver­bün­de, es ist doch noch fern, sage ich, du zit­terst, hast wirk­lich Angst, ich rei­che dir das Hand­tuch, stei­ge, nass wie ich bin, in mein Kleid, hel­fe dir mit den Schu­hen, weil du vor lau­ter Zit­tern die Schnür­sen­kel nicht bin­den kannst.
Wir hal­ten uns an den Hän­den und lau­fen nach Hau­se, so schnell wir kön­nen, wäh­rend schwe­rer Regen auf uns fällt.

Manch­mal spricht die Mut­ter von einem Erleb­nis. Ihr Gesicht beginnt zu leuch­ten wie der Mond. Wir stel­len uns den Pavil­lon für die Musi­ker vor, der nach Hund stinkt und nur sel­ten benützt wird. Die Mut­ter stellt sich eine wei­te Wie­se vor mit Grup­pen von Leu­ten, die zur Musik tan­zen.
Die Kin­der bekom­men Fähn­chen und die Erwach­se­nen haben Feu­er­zeu­ge, erzählt die Mut­ter. Mein Fähn­chen hat einen gebro­che­nen Stab. Eure Groß­mutter hat Angst, ich könn­te mich an den spit­zen, lan­gen Holz­fa­sern ver­let­zen, und sie bit­tet mei­nen Vater um eine Packung Taschen­tü­cher und löst den Kle­be­strei­fen ab und umwi­ckelt damit mein Stäb­chen und sagt mir, ich sol­le nun ganz vor­sich­tig damit win­ken, denn es gebe kei­ne Mög­lich­keit, ein neu­es Fähn­chen zu bekom­men, die Aus­ga­be­stel­le sei am ande­ren Ende der Hal­le und ich wür­de doch sehen, dass es kein Durch­kom­men gebe, also vor­sich­tig damit, ja? Und ich nicke und hal­te mein Fähn­chen in die Höhe und nei­ge es nach rechts und nach links und die ande­ren Kin­der zer­schnei­den mit ihren Fähn­chen die Luft, sodass das Papier nur so knallt, und auf ein­mal gibt es ein Rumo­ren und vor­ne begin­nen die Leu­te zu schrei­en und die Bei­ne vor mir rücken nach vorn und hin­ter mir rücken wel­che nach und sie alle rücken enger zusam­men und auf ein­mal kna­cken die Laut­spre­cher und es rauscht und es sirrt und dann hört man Gedich­te und die Leu­te sind irri­tiert, denn das haben sie nicht erwar­tet, eini­ge lachen, eini­ge sagen So ein Scheiß und ich sage es nach und mei­ne Mut­ter packt mich am Genick und ich füh­le mich wie ein in die Fal­le gegan­ge­nes Tier und ver­stum­me und hal­te mein Fähn­chen noch ein biss­chen höher und nei­ge es vor­sich­tig nach links und nach rechts und trotz aller Vor­sicht berührt es jeman­den am Kopf und der wischt es mit einer Arm­be­we­gung weg wie ein läs­ti­ges Insekt und dreht sich nach mir um und blickt mir starr ins Gesicht mit zusam­men­ge­zo­ge­nen Augen­brau­en und ich sen­ke mei­nen Arm und sehe dass das Papier einen Riss hat und ich tup­fe Spu­cke dar­auf aber es ist natür­lich nicht mehr zu repa­rie­ren und es riecht schlecht zwi­schen all den Bei­nen und auf ein­mal hört man Musik und jemand brüllt in ein Mikro­phon und ich las­se das Fähn­chen fal­len und hal­te mir die Ohren zu und schlie­ße die Augen und stel­le mir vor ich sei woan­ders aber mei­ne Haut spürt dass ich da bin und mei­ne Nase riecht dass ich da bin und die Hand mei­ner Mut­ter senkt sich auf mei­nen Kopf und streicht auf­ge­regt über mein kurz­ge­scho­re­nes Haar und dann plötz­lich zieht sie mei­ne Hand vom Ohr und ruft Jetzt!, jetzt! jetzt!, jetzt end­lich! und sie stellt sich auf die Zehen­spit­zen und ich sehe ihr erho­be­nes Kinn und dass sie rote Fle­cken auf dem Hals hat und mein Vater packt mich und ver­sucht mich hoch­zu­he­ben doch es ist unmög­lich ich ste­cke zwi­schen den Bei­nen fest und dann legt er sei­ne Hand auf mei­ne Schul­ter wie zum Trost oder wie als Ver­spre­chen dass er mir spä­ter alles ganz, ganz, ganz genau erzäh­len wird –

Wir hören mit gro­ßen Augen zu.
Wir wün­schen uns für das nächs­te Mal ein Mär­chen.

Ent­schul­di­gung!, Ent­schul­di­gung!, Ent­schul­di­gung! brül­len wir, als die Mut­ter in einem Anfall damit droht, ihre und unse­re Papie­re zu ver­nich­ten.

Sie fuch­telt mit einem Feu­er­zeug vor unse­ren Gesich­tern her­um, all unse­re Doku­men­te hat sie samt den Klar­sicht­hül­len aus der Map­pe geris­sen und auf den Tisch gewor­fen.
Wollt ihr, dass wir ver­schwin­den?, kreischt sie und jede von uns bekommt eine Ohr­fei­ge, die Wan­ge und Ohr­mu­schel glü­hen lässt.
Jede von uns wird an den Haa­ren geris­sen und jeder wird ein Tritt ver­setzt, ehe sie uns unver­mit­telt, wie aus dem Hin­ter­halt, in die Arme schließt und gleich dar­auf wei­nend zusam­men­bricht.
Ein Häuf­chen.
Ein Häuf­chen Elend.
Wir wei­nen nicht, wir schluch­zen, spä­ter, nachts, in unse­ren Bet­ten. Jetzt müs­sen wir bewei­sen, dass wir stär­ker gewor­den sind, dass wir uns vor nichts und nie­man­dem fürch­ten, auch vor unse­rer Mut­ter nicht.
Ich bin nicht schlecht, sagt sie, ich bin eure Mut­ter.
Ich weiß, sagt mei­ne Schwes­ter.
Ich weiß, sage ich.
Wir hel­fen der Mut­ter hoch, glät­ten ihr Haar und set­zen uns an den Tisch.
Die Mut­ter liest uns die Doku­men­te vor.
Hält uns Geburts­ur­kun­de, Stamm­kun­den­kar­te, Mel­de­zet­tel und Treue­pass dicht vor die Augen. Ein Zeug­nis. Eine alte Zug­fahr­kar­te. Eine Rech­nung, an deren Her­kunft sie sich nicht mehr erin­nern kann.
Ohne all dies hier seid ihr nichts.
Wir nicken betre­ten und sehen zu, wie sie Folie um Folie in eine Schach­tel legt. Die Löcher in den Klar­sicht­hül­len sehen aus, als hät­te man Schmuck von Ohr­läpp­chen geris­sen, die Map­pe ist nicht län­ger zu gebrau­chen.
Ihr könnt sie haben, sagt die Mut­ter, wollt ihr? Wir nicken, ver­su­chen, die ver­bo­ge­nen Rin­ge zu schlie­ßen, die Del­len an den Ecken zu glät­ten, bedan­ken uns und war­ten, bis der Blick der Mut­ter gla­sig wird und wir in unser Zim­mer ver­schwin­den kön­nen.

Wir las­sen unse­re Fin­ger­nä­gel wach­sen, sodass die tie­fe Ril­le zwi­schen Nagel und Fin­ger­kup­pe zu einer Behau­sung wird
.…. für duf­ti­ges Moos
.…..für luf­ti­ge, dunk­le Wal­der­de
.…..für feins­te Rin­den­split­ter
und vor allem:
für die blass­blau­en Fasern unbe­stimm­ter Her­kunft

Zwi­schen Asi­en und Atlas hat kein Astro­naut Platz und wir strei­ten dar­über, ob wir statt­des­sen Archi­tekt oder Arzt wer­den wol­len. Frau Dr. Lan­ge ver­schreibt Andrea ein Medi­ka­ment. Das klingt nicht schlecht, schrei­ben kön­nen wir. Wenn jemand ein Haus bau­en möch­te, bespricht er mit einem Archi­tek­ten, wie er sich sein Haus vor­stellt. Dann zeich­net der Archi­tekt, wie es außen und innen wer­den könn­te. Zeich­nen kön­nen wir nicht so beson­ders, nur Blu­men, und wir bezwei­feln, dass man damit als Archi­tekt weit kommt.
Wir ver­su­chen es wei­ter hin­ten. Hel­din wür­de uns gefal­len.
Hel­din­nen gibt es hier nicht, auch kei­ne Hel­den. Hexe, Hand­wer­ker, Gast­ar­bei­ter. Wir sehen uns die Geburt an. Sie ist kei­ne blu­ti­ge Ange­le­gen­heit. Fuß­gän­ger. Wir wis­sen natür­lich, dass das kein Beruf ist. Förs­ter. Flei­scher. Fami­lie. Ich fin­de so eine gro­ße Fami­lie schön, wenn man genug Platz hat und sich gut ver­steht, meint Mut­ter. Wir sind nicht sicher, ob wir eine gro­ße Fami­lie sind. Wir sind nicht sicher, ob wir uns gut ver­ste­hen. Die Fami­lie ist nicht abge­bil­det, wir sehen uns den Fall­schirm, den Fal­ken, das Fahr­rad und die Fabrik an. Wir fin­den Frank blöd, weil er auf der Wie­se her­um­liegt und idio­ti­sche Fra­gen stellt.
Ich schla­ge vor, mit rotem Stift eine Hel­din ein­zu­tra­gen. Zwi­schen Hei­zung und Herd hat eine Zei­le Platz. Ich könn­te schrei­ben: Ich muss jeman­den ret­ten, sagt Hei­ke, obwohl es gefähr­lich ist, und sie schafft das. Mei­ne Schwes­ter möch­te nicht. Wir könn­ten Hei­ke als Hel­din an den Herd stel­len, neben dem Herd sind zwei Fin­ger­breit Platz, wenn wir Hei­ke nicht anma­len, bleibt sie beige wie der Hin­ter­grund und starrt in den Topf, in dem irgend­et­was kocht. Mei­ne Schwes­ter möch­te das nicht. Wir könn­ten ein Blatt ein­le­gen und in aller Ruhe Hei­kes Hel­den­ta­ten beschrei­ben. Mei­ne Schwes­ter möch­te das nicht. Mei­ne Schwes­ter möch­te, dass das Buch bleibt, wie es ist. In mir kocht Wut hoch. Ich star­re auf den Topf auf dem Herd und auf die Toll­kir­sche und auf den Fin­ger­hut, die unver­ständ­li­cher­wei­se bei den Heil­pflan­zen abge­bil­det sind, denn wer weiß schon, was eine win­zi­ge Men­ge ist – wer die­ses Buch ernst nimmt und kei­ne Blät­ter ein­legt und Ergän­zun­gen vor­nimmt, sicher nicht, der liest Heil­pflan­ze und ist zu faul zum Wei­ter­le­sen und sieht sich das Bild von der Toll­kir­sche an und geht in den Wald und stirbt unter elen­den Krämp­fen. Mei­ne Schwes­ter heult, obwohl ich sie nicht ein­mal berührt habe. Ich schlie­ße das Buch und wer­fe es ihr in den Schoß, jetzt heult sie noch mehr. Ich krie­che unter das Bett zu mei­nen Lis­ten und schrei­be in Groß­buch­sta­ben Hel­din und has­se den Namen Hei­ke und schrei­be, dass Hele­na gro­ße Taten voll­bringt.

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Caro­li­na Schutti stu­dier­te Ger­ma­nis­tik, Anglis­tik, Ame­ri­ka­nis­tik und klas­si­sche Gitar­re und absol­vier­te eine Gesangs­aus­bil­dung. Nach eini­gen Jah­ren Lehr- und Unter­richts­tä­tig­keit und nach ihrer Pro­mo­ti­on über Eli­as Canet­ti war sie Lek­to­rin an der Uni­ver­si­tät Flo­renz, ehe sie 2010 ihr zum Rau­ri­ser Lite­ra­tur­preis nomi­nier­tes Debut Wer getra­gen wird, braucht kei­ne Schu­he publi­zier­te. Der zwei­te Roman Ein­mal muss ich über wei­ches Gras gelau­fen sein (2012) wur­de mit dem Euro­pean Uni­on Pri­ze for Lite­ra­tu­re aus­ge­zeich­net, 2015 erschien die Novel­le Eulen flie­gen laut­los (Alo­is Vogel Lite­ra­tur­preis), 2020 folg­te der Roman Pata­go­ni­en, 2021 der Roman Der Him­mel ist ein klei­ner Kreis im Dro­schl Ver­lag. Mit einem Aus­schnitt dar­aus wur­de sie zum Inge­borg Bach­mann-Preis 2020 nomi­niert. Dar­über hin­aus ver­fass­te sie Hör­spie­le, Tex­te für inter­dis­zi­pli­nä­re Thea­ter­pro­jek­te und einen Lyrik­band (ner­ven­fie­ber, 2018). Ihre Bücher wur­den in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt.

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„Hier und Heu­te – 100 Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, VOLLTEXT und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest sowie eine För­de­rung der Stadt Wien als Bei­trag zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se ermög­licht. Die ursprüng­lich für ein Jahr geplan­te Serie wird nun zur Hin­füh­rung auf den Öster­reich-Schwer­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se bis März 2023 fort­ge­setzt.

Online seit: 24. Juni 2022

Zuletzt geän­dert: 24. Juni 2022