8 x 8 Angstübungen

Von Bar­bi Mar­ko­vić. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XLIII
Barbi Marković @ Apollonia Theresa Bitzan

Bar­bi Mar­ko­vić. Foto: Apol­lo­nia The­re­sa Bitz­an

1. Ein jun­ger Mann fühlt sich im Job benach­tei­ligt. Er mischt sei­nen Kol­le­gin­nen zer­mah­le­ne Ben­zos in den Kuchen, um sie zu ver­lang­sa­men.

2. Eine bett­flüch­ti­ge Pati­en­tin reißt sich die Venen auf und auch den Unter­leib.

3. Alle che­cken alles, nur du nichts.

4. Die Bür­ge­rin­nen haben Angst und begin­nen zu depor­tie­ren.

5. Die Toten der Neu­en Donau auf­er­ste­hen.

6. Die Toten der Neu­en Donau bren­nen jedes Jahr die Gas­tro­no­mie­hüt­ten ab, und du bist zustän­dig.

7. Bak­te­ri­en über­wäl­ti­gen dich und du stirbst. Die Ärz­te den­ken bis zum letz­ten Moment, es sei nur psy­chisch.

8. Du suchst eine Ärz­tin, aber es gibt inzwi­schen nur noch pri­va­te.

9. Eine Frau ver­tieft sich in Gedan­ken über ihren Büro­job und stürzt die Trep­pe run­ter, bricht sich alles.

10. Eine Frau ret­tet den Selbst­mör­der, der sich vor die U‑Bahn wer­fen woll­te, aber er bedankt sich nicht aus Ras­sis­mus.

11. Men­schen leben in Woh­nun­gen, die kom­plett leer und sau­ber sind. Sie kön­nen ihre Schub­la­den nicht öff­nen. Sie haben nur auf gewis­se Berei­che Zugriff.

12. Die Haus­meis­te­rin scannt dei­nen Ein­kaufs­sack.

13. Das hast du alles nur geträumt. Alles. Alles.

14. Das Wild­schwein über­rascht dich beim Spa­zie­ren und hackt dir das Bein ab.

15. Eine Psy­cho­lo­gin macht sich Sor­gen um eine ver­gips­te Pati­en­tin und erlebt nach der Sit­zung einen Spon­tan­bein­bruch am glei­chen Bein. Das ist nur der Anfang.

16. Du ver­gisst einen Ter­min und wirst ange­ru­fen, wo du bist.

17. Du hast ver­ges­sen, dass du im Schau­spiel­haus lesen sollst.

18. Du sollst lesen, aber du hast den Text ver­ges­sen.

19. Du hast den Text nie geschrie­ben!!!

20. Alle sind ent­täuscht und wen­den sich von dir ab.

21. Durch einen hirn­lo­sen Feh­ler im Sozi­al­ver­hal­ten ver­lierst du alle dei­ne Freun­de.

22. Eine Frau erkennt, dass sie schwan­ger ist, aber die Abtrei­bung ist nicht ihre Ent­schei­dung.

23. Es gibt einen schreck­li­chen Unfall mit einem Motor­rad.

24. Eine Bio­lo­gin bekommt trotz Fahr­rad­ver­bots die Erlaub­nis, für eine Stu­die täg­lich durch den Lain­zer Tier­gar­ten zu ihren Pflan­zen zu fah­ren. Schon am ers­ten Tag wird sie von einer Grup­pe Spa­zier­gän­ge­rIn­nen im Namen der Regel vom Rad her­un­ter­ge­zo­gen und ver­prü­gelt. Sie bekommt kei­ne Chan­ce, die Geneh­mi­gung zu zei­gen.

25. Jemand hus­tet jeman­den an und über­reicht ihm ein schreck­li­ches Virus. Eigent­lich reicht ein Blick­kon­takt für die Über­tra­gung. Alle schau­en zum Boden.

26. Jemand kauft eine gut bewer­te­te Kaf­fee­ma­schi­ne, die aber durch die Hit­ze gif­ti­ge Metal­le von ihren Wän­den in den Kaf­fee abson­dert, und die­se Per­son beginnt die Haa­re zu ver­lie­ren, und ihre Blut­wer­te sin­ken, aber sie weiß nicht war­um.

27. Tie­re wer­den so behan­delt, wie sie behan­delt wer­den.

28. Alle Wie­ner Gastarbeiter*Innen bekom­men zur glei­chen Zeit den Anruf, vor dem sie sich seit Jah­ren fürch­ten. Eine Per­son am ande­ren Ende sagt, dass ihre Eltern ver­stor­ben sind und man sie nur zufäl­lig Tage spä­ter ent­deckt hat. Sie wer­den außer­dem dar­über infor­miert, dass es nie­man­den ande­ren gibt, der oder die das Begräb­nis orga­ni­sie­ren kann. Zugleich wer­den die Gren­zen aus ande­ren Grün­den dicht­ge­macht, und folg­lich ver­we­sen die Lei­chen ihrer Eltern in der soge­nann­ten Regi­on unkon­trol­liert vor sich hin.

29. Dein bes­ter Freund wird rechts.

30. Dein bes­ter Freund wird Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker.

31. Du hast abso­lut nichts mehr zu anzie­hen.

32. Eine Per­son hebt ihr Kind hoch, damit es den Pfau im Zoo bes­ser sieht, und der schö­ne Zier­vo­gel springt und pickt dem Kind die Augen aus.

33. Du kotzt und hast Durch­fall, und der Zustand hört nicht nach einer Wei­le auf.

34. Die Bett­wan­zen wer­den immer grö­ßer und eines Nachts, als sie schon Kaker­la­ken­di­men­sio­nen erreicht haben, sau­gen sie dich aus.

35. Das Essen ist ver­gif­tet.

36. Die Rei­chen gewin­nen end­gül­tig. Das Spiel ist aus.

37. Eine Per­son im Publi­kum hat kei­nen Mund unter der Gesichts­mas­ke, jemand, den du kennst.

38. Irgend­was mit einem Wes­pen­stich im Hals eines Mäd­chens, oder Schlan­gen­biss.

39. Eine Frau sagt etwas Sinn­vol­les in einer Sit­zung, aber der Satz wird erst wahr­ge­nom­men, nach­dem er von einem Kol­le­gen wie­der­holt wur­de. Als wäre sie ein Geist.

40. Men­schen wer­den für wert­los erklärt und dem Tod über­las­sen.

41. Bei einer Zoom-Kon­fe­renz willst du etwas sagen, aber als du dran­kommst, ver­schluckst du dich vor Auf­re­gung, dein Hus­ten­zu­ckerl ver­stopft dir die Atem­we­ge und du stirbst vor den Kol­le­gen­au­gen.

42. Ein Opern­sän­ger zieht in dein Haus ein.

43. Etwas völ­lig Uner­war­te­tes pas­siert und wirft dich aus dem Gleich­ge­wicht.

44. Jemand kehrt in sei­nen Hei­mat­ort zurück.

45. Die Toten kom­men zurück. Sie sind kei­ne Zom­bies, son­dern essen nor­mal. Ihre Kör­per sind geheilt und größ­ten­teils wie­der zusam­men­ge­stellt. Meh­re­re Gene­ra­tio­nen von Toten ver­las­sen den Fried­hof und wol­len in ihre ehe­ma­li­gen Woh­nun­gen ein­zie­hen. Sie waren vor euch da.

46. Im Hotel­re­stau­rant gibst du einer Kat­ze was von der Fisch­plat­te ab, und der Shrimp ver­fängt sich in ihrem Hals. Du hörst sie tage­lang keu­chen in der Nacht. Tags­über ver­gisst du es, aber in der Nacht ist sie wie­der da, sie keucht immer lei­ser.

47. Ein Loch öff­net sich und ver­schluckt jeman­den.

48. Iro­nie wird von einem auf den ande­ren Tag als unan­ge­bracht und belei­di­gend auf­ge­fasst.

49. Du gehst an einem Bus vol­ler Tou­ris­ten vor­bei und schaust hin­ein. Vor­ne neben dem Fah­rer­sitz ist die Tou­ris­mus­füh­re­rin. Du bist die Tou­ris­mus­füh­re­rin.

50. Du wirst ent­führt, und dei­ne Bril­le, Diop­trie minus drei, zer­bricht. Jetzt siehst du nichts mehr und bleibst bis zum Ende dei­nes Lebens ent­führt.

51. Alle zwei Stun­den kom­men E‑Mails mit neu­en Inhal­ten für das Pro­jekt, ohne Ankün­di­gung. Klei­nig­kei­ten, die du noch über­ar­bei­ten sollst.

52. Du wirst alt und dei­ne Kunst ist über­holt.

53. Zehn Jah­re schreibst du auf Deutsch, plötz­lich fällt dir auf: Du kannst kein Deutsch.

54. Du hast eine Erz­fein­din. Eine Per­son, die in der Gesell­schaft aktiv gegen dich arbei­tet. Die­se beginnt, sich im Freun­des­kreis ein­zu­schlei­men und drängt dich weg. Alle lie­ben sie.

55. Dein Cou­sin spielt Com­pu­ter­spie­le. Er ist durch­sich­tig und grün. Mit der Zeit ver­liert er den Kon­takt zur Außen­welt und sieht schlecht aus. Er wird von sei­nen ehe­ma­li­gen Schul­freun­den und sei­ner Fami­lie nie wie­der erwähnt. Eines Tages stirbt er und wird wei­ter­hin nicht erwähnt.

56. Mann und Frau essen Huhn und Kar­tof­feln. Auf ein­mal erblas­sen sie. Das Huhn schmeckt komisch.

57. Eine Per­son geht zur Akku­punk­tur wegen Rücken­ver­span­nun­gen, aber die Prak­ti­ke­rin hat einen schlech­ten Tag, sie ver­liert die Kon­zen­tra­ti­on für eine Sekun­de und sticht dane­ben.

58. Alles, was du sagst, ist fad und geht unter. Wie sehr du dich auch bemühst.

59. Dein Roman ist erschie­nen. Wäh­rend du das Buch in der Hand hältst, fällt dir ein bes­se­rer Titel ein.

60. Jah­re­lang hast du an dei­nem beson­de­ren Geschmack gear­bei­tet, mit dem du dich von den ande­ren abhe­ben woll­test. Jetzt hast du es geschafft. Was du magst, magst du allein.

61. Jemand macht einen Feh­ler im Kör­per­ma­nage­ment und zer­stört sich.

62. Du passt sehr auf dei­ne Ernäh­rung auf, dei­ne inne­ren Orga­ne glän­zen tadel­los. Bei einem Abend­essen erlaubst du dir, ein Cola zu trin­ken. Sofort merkst du, dass es ein Feh­ler war. Du wirst zer­setzt.

63. Der Film zeigt dei­nen per­sön­li­chen Hor­ror. Ein Mann bleibt im Fel­sen ste­cken und muss sich irgend­was abha­cken, um zu über­le­ben.

64. Men­schen wer­den wie Pro­duk­te öffent­lich bewer­tet. Ein Mäd­chen goo­gelt sich selbst.

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Bar­bi Mar­ko­vić, gebo­ren 1980 in Bel­grad, stu­dier­te Ger­ma­nis­tik, lebt seit 2006 in Wien, 2011/2012 als Stadt­schrei­be­rin in Graz. 2009 mach­te Mar­ko­vić mit dem Tho­mas Bern­hard-Remix-Roman Aus­ge­hen Furo­re. 2016 erschien der Roman Super­hel­din­nen, für den sie den Lite­ra­tur­preis Alpha, den För­der­preis des Adel­bert von Cha­mis­so-Prei­ses sowie 2019 den Priess­nitz-Preis erhielt. 2017 las Bar­bi Mar­ko­vić beim Bach­mann-Preis, 2018 wur­de Super­hel­din­nen im Volks­thea­ter Wien auf­ge­führt. Zahl­rei­che Kurz­ge­schich­ten, Thea­ter­stü­cke und Hör­spie­le. Zuletzt im Resi­denz Ver­lag erschie­nen: Die ver­schis­se­ne Zeit (2021).

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 10. Dezem­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 18. Juli 2023