Kugelsicher

Von Anna Baar. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XLIX
Anna Baar © Johannes Puch

Anna Baar. Foto: Johan­nes Puch

“And I feel my fin­ger on your trig­ger”
The Beat­les, Hap­pi­ness Is a Warm Gun

Die neu­lich nur am Ran­de mit­ge­hör­te Geschich­te: Ein Mensch, wahr­schein­lich ein Dich­ter, sei durch ein in der Brust­ta­sche sei­ner Jacke ver­wahr­tes Notiz­buch dem Tod durch Erschie­ßen ent­ron­nen. Die Kugel, das muss man sich vor­stel­len, sei in sei­nem Notiz­buch buch­stäb­lich ste­cken­ge­blie­ben. Wer hat sie abge­feu­ert? Und, vor allem, war­um? Lei­der blieb das offen. Also erzäh­le ich die ande­re Geschich­te vom Schie­ßen, ger­ne eben­falls eine mit uner­war­te­tem Aus­gang. Stel­len Sie sich vor: einen Links­au­ßen­spie­ler bei einer­lei wel­chem Match. Der drib­belt locker dahin, stößt in den Straf­raum vor, gewiss in den geg­ne­ri­schen, doch als die eige­nen Fans in Erwar­tung des Tref­fers von ihren Sitz­plät­zen sprin­gen, dreht er unver­hofft ab, läuft ent­ge­gen­ge­setzt, um den Ball see­len­ru­hig ins eige­ne Tor zu kicken, die Arme hoch­zu­rei­ßen, sich auf die Knie fal­len zu las­sen und unter dem Bei­fall der Geg­ner sein Spie­ler­tri­kot zu küs­sen. Es könn­te so wei­ter­ge­hen: Er dreht eine Tor­ju­bel­run­de, die schein­ba­ren Gegen­spie­ler aus­nahms­los abzu­klat­schen. Dann steht er plötz­lich still und ver­harrt stun­den­lang in Balotel­li-Pose. Und da, aller­dings ver­hal­ten, begin­nen selbst die Fans auf den eige­nen Rän­gen für den Hero­en zu klat­schen.

Sie sehen: alles ist mög­lich. Im Schrei­ben immer­hin. Wenigs­tens hypo­the­tisch. Die Pra­xis ist kom­pli­zier­ter. Denn der Schrei­ber soll neben dem Werk bestehen, wird also dar­auf bedacht sein, Erwar­tun­gen zu ent­spre­chen, auch wenn er dabei so tut, als hand­le er eigen­sin­nig. Er pocht auf die Frei­heit der Kunst, aber er bleibt befan­gen, ver­sklavt an Markt­me­cha­nis­men, der Fan­ge­mein­de ver­pflich­tet, Freun­den oder Ver­wand­ten oder dem Mora­lis­mus sei­ner sozia­len Bla­se (wie ich den Aus­druck has­se!), den er ent­we­der ernst nimmt oder mit Unernst bemän­telt, um nicht als Stre­ber zu gel­ten. Er soll nicht Cha­rak­ter­schwein sein, noch gegen das Regel­werk sei­nes Betriebs ver­sto­ßen. Man fragt nach sei­ner Gesin­nung, nach beson­de­ren Merk­ma­len in sei­nem Lebens­lauf, beson­ders nach sei­ner Her­kunft – auf die „Betrof­fen­heit“ kom­me ich spä­ter zu spre­chen. Sprach­äs­the­ti­sche Fra­gen wer­den kaum noch ver­han­delt in Zei­ten der Regres­si­on, die nicht Ver­jün­gung anzeigt, son­dern das Kern­sym­ptom kol­lek­ti­ver Ver­grei­sung. Sie trifft alle Alters­grup­pen und sozia­len Schich­ten – mit­un­ter auch Berufs­le­ser – und geht mit dem Hang ein­her, sich am Vul­gä­ren zu ergöt­zen, auch mit der Bil­li­gung bil­li­ger Lau­ter­keit: Seni­li­tät sucht Ver­fla­chung. Um sich und ande­ren aber das eige­ne Unver­mö­gen nicht ein­ge­ste­hen zu müs­sen, erhebt man die Not zur Tugend, tut gera­de­zu, als sei die Flach­heit das Größ­te und Flap­sig­keit rich­tung­wei­send. Ein Hoch auf die ein­fa­che Spra­che! Als Zei­chen der Distin­gu­iert­heit soll­te es wohl rei­chen, sich von Zeit zu Zeit auch sol­chen zuzu­wen­den, die als anspruchs­voll gel­ten, deren Markt­wert aber nicht zwin­gend auf Ästhe­tik beruht, son­dern auf See­len­adel.
Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis sol­len ande­re reden. Sagen wir Jadon und Eden.

Eden: „Es reicht für gewöhn­lich, ein biss­chen Kri­tik zu üben an Poli­tik und Gesell­schaft, als kri­ti­scher Geist zu gel­ten. Schon gibt es Treue­punk­te von den eige­nen Leu­ten.“
Jadon (fällt ihm ins Wort): „Mer­ke: Jede Grup­pie­rung hält sich selbst für die bes­te. Ist sie selbst nicht betrof­fen von einem grö­be­ren Unrecht, gibt sie sich eben berührt vom Unrecht an einer ande­ren, die sie für wür­dig befin­det, es etwas bes­ser zu haben.“
Eden: „Wer selbst einen Hin­ter­grund hat, kriegt einen Back­ground­bo­nus, wem aber kei­ner ver­gönnt ist, dem bleibt nur die gute Gesin­nung, also, wie du schon mein­test, die Betrof­fen­heit vom Ver­häng­nis der andern. Betrof­fen­heit ist heu­te wahr­schein­lich die här­tes­te Wäh­rung, der Schlüs­sel zur Welt­erschlie­ßung. Der Iden­ti­täts­hy­po­chon­der kriegt sie pas­siv ver­ord­net, als erschwing­li­ches Zäpf­chen.“
Jadon: „In die­ser Dar­rei­chungs­form kann er sie sich schmerz­los …“
Eden: „Sprich es ruhig aus, mein Freund …“
Jadon: „… Na, in den Hin­tern ste­cken.“
Eden: „Ganz im Sinn …“
Jadon: „… Peter Hand­kes?“
Eden: „Das Iden­ti­täts­di­lem­ma macht es zum größ­ten Makel, als pri­vi­le­giert zu gel­ten, also schon qua Her­kunft vom güns­ti­gen Schick­sal ver­weich­licht. Einer der größ­ten Trümp­fe ist näm­lich der Opfer­sta­tus.“
Jadon: „… Sobald sich der Spieß ein­mal dreht.“
Eden: „Denkst du jetzt wie ich an alte wei­ße Män­ner?“
Jadon: „Ver­giss es, es wür­de nichts nüt­zen, für sol­che ein­zu­ste­hen, solang sie als Feind­bild gel­ten.“
Eden: „Und wenn einer von Geburt an Armut und Hun­ger lei­det?“
Jadon: „Steht er im Vor­merk­buch der Betrof­fen­heits­lob­by trotz­dem unter fer­ner lie­fen.“
Eden: „Es lehnt sich nur mehr aus dem Fens­ter, wer dar­auf rech­nen kann, dass die eige­nen Leu­te schon mit dem Sprung­tuch war­ten.“
Jadon: „Trotz­dem lässt er sich fei­ern für sei­ne Zivil­cou­ra­ge, wenn er hoheits­voll in Huma­nis­ten-Pose Hal­tun­gen dekla­miert, die ihn ins Wan­ken brin­gen, sobald man von ihm for­dert, den Blick auf jene zu len­ken, auf die er gewöhn­lich her­ab­sieht, weil sie es bes­ser haben oder, schlim­mer, noch schlech­ter.“
Eden: „Sei­ne chro­ni­sche Wut ist sei­ne größ­te Schwä­che: Sie hin­dert ihn, zu ver­ge­ben.“
(Bei­de Her­ren tre­ten ab von der gedach­ten Büh­ne).

Sie sehen, Jadon und Eden sind sich weit­ge­hend einig. Kom­men wir also zur Fra­ge, ob es sich denn gehört, von Schrift­stel­lern mehr zu erwar­ten als dass sie gefäl­ligst schrei­ben. Soll man sie wei­ter­hin loben, wenn sie dekla­mie­ren, was die, deren Brot sie essen, gemein­hin für rich­tig hal­ten – mit dem Unter­schied, dass sie die Wor­te fin­den für das, was die ande­ren ver­mu­ten? Und wer ver­teilt am Ende die Hal­tungs­no­ten und Prei­se für schein­ba­re Grö­ße im Den­ken?
Schrei­ber sind auch nur Men­schen. Die wir als mutig beju­beln, sind oft Para­noi­ker mit kugel­si­che­rer Wes­te. Nichts ist heu­te leicht als sich zum Dis­si­den­ten in eige­ner Sache zu machen im Glau­bens­krieg um ein Wis­sen, das doch nur Mei­nung bleibt, die man mora­lisch auf­lädt: die Ansicht des Geg­ners gilt vie­len nicht bloß als falsch, son­dern als ver­werf­lich! Gerät man zwi­schen die Fron­ten, bleibt noch die Selbst­zen­sur zwi­schen Schwei­ge­spi­ra­le und kru­dem Agen­da Set­ting.
Doch ist es nicht auch ver­däch­tig, ohne Mei­nung zu sein und das auch zuzu­ge­ben? Oder eine Sache unschlüs­sig zu betrach­ten, anstatt nur Licht zu sehen oder eben nur Schat­ten? Neh­men wir etwa das Gen­dern. Ist es eman­zi­pa­to­risch, wie die Für­spre­cher sagen, oder wie­der bloß ein Regres­si­ons­sym­ptom im oben beschrie­be­nen Sinn – Zwangs­se­xua­li­sie­rung, Iden­ti­täts­zu­schrei­bung, allen­falls ver­dachts­ge­lei­tet? Wer gibt einem das Recht, die weib­li­che Form zu gebrau­chen, nur weil man einen Men­schen auf­grund von Erken­nungs­zei­chen, die ihrer­seits frag­wür­dig blei­ben, auf das Geschlecht­li­che fest­legt? Und gibt es nur zwei Geschlech­ter im Den­ken der Gen­der­ge­rech­ten? Und soll man zum Bei­spiel als Schrei­ber in Zukunft preis­ge­ben müs­sen, wel­chem Geschlecht ein Gedicht gilt, anstatt es der Fan­ta­sie der Leser zu über­las­sen? Die Gefahr fürs Gute birgt oft das Gut­ge­mein­te. Trig­ger­war­nun­gen sind nur ein wei­te­res Bei­spiel. Mag sein, dass sie man­che tat­säch­lich vor dem Absturz bewah­ren. Doch wo es in Mode kommt, sich gene­rell zu scho­nen, sich nicht weh­tun zu las­sen, wird man am Ende auch taub für die Nöte der ande­ren. Wo Weg­schau­en salon­fä­hig wird, wird die Welt vor lau­ter Emp­find­lich­keit unsen­si­bel. Und wird der all­seits Gewarn­te nicht um Erfah­run­gen gebracht, die ihm hel­fen könn­ten – um neue Betrach­tungs­wei­sen und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten? Und kann es nicht heil­sam sein, was einen sprach­los macht end­lich benannt zu fin­den?
Es braucht die Rück­sicht und Sanft­heit auch und vor allem in der Spra­che, aber wir müs­sen ihr – wo es um alles geht – ihre Dras­tik belas­sen, dür­fen sie nicht ver­zär­teln im Namen einer Kor­rekt­heit, die mit Wor­ten bemän­telt, anstatt etwas zu ent­lar­ven. Falsch ver­stan­de­ne Scho­nung för­dert am Ende nur die Impo­tenz der Beschrei­bung. Um wie­der ein Bei­spiel zu nen­nen: Es gibt kei­nen Kin­des­miss­brauch, Kin­der gebraucht man nicht – es muss Ver­ge­wal­ti­gung hei­ßen!

Schrei­ber sind auch nur Men­schen, und die Frei­heit der Kunst ist ein heh­res Ver­spre­chen, an dem sie schei­tern müs­sen, solan­ge sie auf die hören, die ihnen Vor­schrif­ten machen. Es geht um Stel­lung­nah­me, dar­um, jeden Ver­dacht eines unzei­ti­gen Den­kens aus dem Werk zu ver­ban­nen, sich im Namen der par­ti­ku­la­ren Fair­ness Auto­ri­tä­ten zu beu­gen zwi­schen Kon­for­mi­täts­druck und der Hei­den­angst, selbst ins Out zu gera­ten oder ins fal­sche Gehe­ge. So wird zwar die Rück­sicht auf Viel­falt (Schlag­wort „Diver­si­tät“) neu­er­dings groß­ge­schrie­ben, doch wer­den Annä­he­rungs­ver­su­che an eine frem­de Grup­pe nicht logi­scher­wei­se gebil­ligt. Der Schrei­ber muss Wür­den­trä­ger eige­ner Betrof­fen­heit sein und kein Bes­ser­ge­stell­ter, der es sich her­aus­nimmt, von frem­den Nöten zu kos­ten oder sich das nicht am eige­nen Leib Erlit­te­ne wie ein Dieb anzu­eig­nen. Er soll erst gar nicht wagen, in frem­den Schu­hen zu gehen. Man wird ihn anma­ßend nen­nen, viel­leicht sogar über­grif­fig, oder ein Foul vor­täu­schen, um den Frei­stoß zu krie­gen: Hey Gesin­nungs­ver­sa­ger! Nimm gefäl­ligst den Fin­ger von mei­nem ver­damm­ten Trig­ger! Die Kil­ler­phra­se lau­tet: Du kannst kei­ne Ahnung haben, hast also nicht mit­zu­re­den. Zu einem gewis­sen Teil ist das auch nach­voll­zieh­bar. Es wäre ein gro­bes Unrecht, bloß Kapi­tal zu schla­gen aus dem Schick­sal der ande­ren. Dage­gen ist es ver­mes­sen, dem nicht selbst Anbe­lang­ten nicht ein­mal zuzu­ge­ste­hen, sich eines frem­den Schick­sals lie­be­voll anzu­neh­men, den Stimm­lo­sen und Ver­stumm­ten eine Stim­me zu geben. Hier kann die Außen­sicht zur Not­wen­dig­keit wer­den.

Ein wei­te­res Dilem­ma: Die heu­ti­gen Auto­ri­tä­ten stra­fen den Grenz­gän­ger nicht mit der saf­ti­gen Wat­sche, die ja eigent­lich gut fürs Geschäft­li­che wäre, son­dern mit Ver­nich­tung, also sozia­lem Aus­schluss. Man nennt die­se Form der Zen­sur ger­ne auch „Can­cel Cul­tu­re“. Wer nichts ris­kie­ren will, wirft sich am Ende ent­nervt das ange­sag­te Tri­kot der „rich­ti­gen“ Mann­schaft über, nimmt Platz in der Nicht­raun­zer-Zone – trotz des Unbe­ha­gens, das ihn dabei beschleicht. Geht er auf Num­mer sicher, weicht der Schrei­ber eben ins Geschicht­li­che aus oder in Sci­ence Fik­ti­on und ande­re Harm­lo­sig­kei­ten, um für die schnel­le Sai­son sei­ne Ruhe zu haben, mehr­heits­taug­lich zu blei­ben. An den The­men der Wäch­ter streift er erst gar nicht an, um sich nicht dem Vor­wurf der Aneig­nung aus­zu­set­zen. Und weil er den Betrof­fe­nen über kurz oder lang heim­lich den Armen­stolz nei­det, leiht er sich hin­ten­her­um ein wenig vom Glanz ihres Elends. Mit dem Eti­kett der Soli­da­ri­sie­rung – ein bun­tes Pro­fil­bild­ban­ner in sozia­len Medi­en ist völ­lig umsonst zu haben – nimmt er Hal­tun­gen ein, die ihn gut daste­hen las­sen, aber kein Han­deln erfor­dern. Manch ande­rer flüch­tet viel­leicht in Pseu­do­pro­vo­ka­ti­on, die sich in Stumpf­sinn erschöpft, gibt vor, den Geist zu bekämp­fen, dem er selbst Vor­schub leis­tet. Wie­der ande­re mau­len „Man wird doch noch sagen dür­fen“ und sti­li­sie­ren sich zum Opfer. Wo kei­ne Fein­de sind, kon­stru­iert man sich wel­che, Sün­den­bö­cke zum Bei­spiel oder namen­lo­se, aber bedeu­ten­de Mäch­te. Oder schreibt über Din­ge, die irgend­wie alle betref­fen. Und apro­pos: Wo bleibt die viel­fach pro­gnos­ti­zier­te Coro­na-Bücher­wel­le? Soll sich die Welt etwa gar der heu­ti­gen Seu­che zum Trotz mit Pest­ro­ma­nen begnü­gen? Es muss doch irgend­wen jucken, die Sen­sa­tio­nen des All­tags der neu­en Nor­ma­li­tät zu Geschich­ten zu machen. Halt! Auch der Hang zum Erwart­ba­ren ist ein Sym­ptom der Ver­grei­sung, die sich jugend­lich gibt, genau wie die Lust, zu ermes­sen, was geschrie­ben sein soll und was auf kei­nen Fall. Wie­der droht Tabui­sie­rung. Coro­na steht auf der Watch­list übri­gens ganz weit oben, knapp gefolgt von Omas aus Süd- und Ost­eu­ro­pa. Wir sehen: die Angst des Schüt­zen beim auf­ge­leg­ten Elf­me­ter ist auch nicht von schlech­ten Eltern.
Zurück also zu der Fra­ge, ob es berech­tigt ist, von Schrei­ben­den mehr zu erwar­ten als gefäl­ligst zu schrei­ben und sich im bes­ten Fall um die Spra­che zu küm­mern. Ethik und Ästhe­tik sind getrennt zu betrach­ten. Die gute Lese­er­fah­rung trägt nicht zwin­gend bei zu einem bes­se­ren Leben oder „rich­ti­gem“ Han­deln. Die Frei­heit der Schrift­stel­le­rei besteht ja gera­de dar­in, Frei­räu­me zu eröff­nen, Gegen­wel­ten also zu den Geset­zen des All­tags und sei­nen Tugend­pflich­ten. Von daher ver­bie­tet sich die Mora­li­sie­rung des Schrei­bens. Der Schrei­ber ist kein Delin­quent, wenn er in sei­nen Geschich­ten gel­ten­de Gren­zen ein­reißt. Er wird es erst, wo er ver­sucht, Leser zu fana­ti­sie­ren oder auch nur zu len­ken. Auch die Frei­heit der Kunst endet bei der Ver­het­zung.

Die kugel­si­che­re Wes­te braucht es heu­te so wenig, wie ein Brust­ta­schen­no­tiz­buch. Wer wür­de heu­te noch auf einen Dich­ter schie­ßen, der sich wider­stands­los in die Schran­ken wei­sen lässt, immer dar­auf bedacht, nir­gend­wo anzu­ecken, anstatt aus dem Vol­len zu schöp­fen mit der Scham­lo­sig­keit, für die einen man­che lie­ben und vie­le abgrund­tief has­sen. Die Regeln sind aus­ge­macht: Der Schrei­ber hat nicht zu reden, son­dern still­zu­sit­zen, ab und zu vor­zu­le­sen und vom Was­ser zu nip­pen, das man ihm hin­ge­stellt hat, aber dabei nicht zu wip­pen, sich nicht die Stirn zu schlit­zen, schon gar nicht auf­zu­ste­hen oder ein paar Sei­ten aus sei­nem Buch zu rei­ßen, nur um sie zu zer­knül­len und nach denen zu wer­fen, die die Regeln bestim­men, oder auf allen Vie­ren von der Büh­ne zu krab­beln und zwi­schen die Zuschau­er­rei­hen, um einem Kri­ti­ker wort­los ans Bein zu pin­keln. Ist er nicht ein­ver­stan­den, kann er den Ver­an­stal­ter bit­ten, ihn bit­te aus­zu­la­den, um weit­schwei­fig zu ver­laut­ba­ren, mit alten wei­ßen Män­nern nicht gemein­sam zu lesen, auch nicht mit SUV-Fah­rern, Schnee­brun­zern, Trin­kern, Wichs­ern und denen, die ihn lie­ben für sei­nen Hei­li­gen­schein, weil sie noch nicht wis­sen, wofür sie ihn has­sen müss­ten.

Noch ein Satz zur Trig­ger­war­nung: Ich ken­ne ein paar Leu­te, die sind nach der Lek­tü­re mei­ner Bücher gestor­ben, dar­un­ter zwei Freun­de, selbst Dich­ter.

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Anna Baar, gebo­ren in Zagreb (ehem. Jugo­sla­wi­en) schreibt Lyrik, Pro­sa und Essays. Ihre Roma­ne Die Far­be des Gra­nat­ap­fels (2015), Als ob sie träu­mend gin­gen (2017) und Nil (2021) sind im Wall­stein Ver­lag erschie­nen – im März 2022 folgt ihr Erzähl­band Divân mit Schon­be­zug.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 21. Janu­ar 2022

Zuletzt geän­dert: 22. Jan. 2022