Neulich

Eine Kolum­ne von Andre­as Mai­er „Es war die Zeit der Blo­cka­den und der Demons­tra­tio­nen, und man hat­te eine gewis­se Übung in den Din­gen des selbst­ge­fäl­li­gen Wider­stands gegen dies und das.“

Es war ein­mal ein Herbst­markt in Fried­berg, ich erin­ne­re mich, Schal­lers Fest­zelt stand groß auf der Wie­se, über­all Volks­mu­sik, Bier, wie immer, aber auf die­sem Herbst­markt war etwas anders als sonst, es war der Herbst­markt der geis­tig-mora­li­schen Wen­de, und es war Wahl­kampf, und der Vor­sit­zen­de der CDU, Hel­mut Kohl, woll­te dort reden in Schal­lers Fest­zelt auf dem Herbst­markt in Fried­berg in der Wet­ter­au. Das führ­te zur Ver­samm­lung zwei­er Grup­pen, den Anhän­gern des neu­en Kanz­lers und den Geg­nern des­sel­ben. Und wir waren jung und ohne jeden Begriff. Wir gin­gen dort hin, rein aus Amü­sier­grün­den. Es war die Zeit der Blo­cka­den und der Demons­tra­tio­nen, und man hat­te eine gewis­se Übung in den Din­gen des selbst­ge­fäl­li­gen Wider­stands gegen dies und das. Mir saßen die Argu­men­te damals locker im Mund, alles schien mir klar, die Welt war sau­ber in zwei Hälf­ten geteilt, die ver­nünf­ti­ge und die ver­rück­te, die kriegs­trei­be­ri­sche und die fried­li­che, und auf der Sei­te der Guten stand vor allem immer ich (ich war fünf­zehn).

Vor Schal­lers Fest­zelt ent­stand ein ers­ter Auf­lauf. Die Anhän­ger Kohls in ihren Män­teln betrach­te­ten uns wie etwas sehr Eigen­ar­ti­ges, wir unse­rer­seits hiel­ten sie natür­lich für voll­kom­men wahn­sin­nig. Jemand hat­te eine Stie­ge mit Bir­nen dabei, an jedem Bir­nen­stiel war ein Fähn­chen ange­bracht, dar­auf stand: Bir­ne – gut zum Essen, schlecht für Hes­sen. Alle lach­ten wir. Es war ja über­all Bir­nen­kult in der Bun­des­re­pu­blik damals. Spä­ter ent­stan­den hit­zi­ge Debat­ten am Ein­gang, es ging um den Ame­ri­ka­ner und den Rus­sen etce­te­ra, man kann das heu­te gar nicht mehr auf­schrei­ben, so eigen­dy­na­misch waren die­se sinn­lo­sen, völ­lig sinn­lo­sen Gesprä­che, in denen es uns jeweils so vor­kam, als gin­ge es um die gan­ze Welt.

Ein immer grö­ße­res Gedrän­ge ent­stand vor Schal­lers Fest­zelt, auf dem Boden stand die halb ent­leer­te Bir­nen­stie­ge, und plötz­lich fuhr in ziem­lich hohem Tem­po ein Mer­ce­des durch die Men­ge. Das kam uns unglaub­lich vor. Der Mer­ce­des hat­te ein genau­es Ziel: die Stie­ge. Er walz­te sie platt und war schon wie­der vom Platz vor dem Fest­zelt ver­schwun­den. Wir waren dank­bar scho­ckiert und wuss­ten umso genau­er, wie es um den Feind und sei­ne bür­ger­li­che Fas­sa­de tat­säch­lich bestellt war. (Das Wort bür­ger­lich ging uns damals beson­ders gut über die Lip­pen.)

Die Stim­mung stieg. Wir waren ent­schlos­sen, grim­mig. Mit der Bir­ne in der Hand woll­ten wir nun in das Zelt. Aller­dings muss­te nun jeder sei­ne Bir­ne an der Gar­de­ro­be abge­ben, es han­del­te sich bei den Bir­nen, sag­te man, um poten­zi­el­le Wurf­ge­schos­se. Nun gut, also erhiel­ten wir alle Gar­de­ro­ben­märk­chen.
Das Gesche­hen wäh­rend der Rede, im Nach­hin­ein erin­nert: ein Rausch aus Dumpf­heit, Rauch und scha­len Far­ben. Kohl sprach wie immer damals von Frie­den und Frei­heit, ich rief etwas dazwi­schen, es ent­wi­ckel­te sich ein kur­zer Wort­wech­sel mit dem Vor­sit­zen­den der Christ­lich Demo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands, dann kamen die Saal­ord­ner, zogen uns von den Tischen her­un­ter, auf denen wir stan­den, droh­ten uns mit der Zelt­stan­ge etce­te­ra, ande­re von uns ver­brann­ten in die­sem Mief klei­ne Deutsch­land­fah­nen, die irgend­wel­che Funk­tio­nä­re vor­her ver­teilt hat­ten. Zwei Punks began­nen sich auf wil­de Wei­se zu küs­sen. Empö­rung aller­or­ten und am Ende: Deutsch­land­lied. Joh­lend zogen wir aus dem Saal, ja, ich muss sagen: wie auf ein ver­ab­re­de­tes Zei­chen hin spran­gen wir sofort alle auf, hiel­ten uns die Ohren zu und rann­ten aus Schal­lers Fest­zelt hin­aus. Das heißt, zuerst hol­ten wir noch unse­re Bir­nen von der Gar­de­ro­be ab.

Ich kann mich erin­nern, dass irgend­wer von uns einen gro­ßen Stoß Deutsch­land­fah­nen aus dem Zelt mit­ge­nom­men hat­te und damit irgend­wo in der Stadt ein fünf Meter gro­ßes Haken­kreuz aus­ge­legt hat­te, mit­ten in der Nacht. Ich kann mich erin­nern, dass eine Schul­ka­me­ra­din von uns, die wäh­rend Kohls Rede abseits von uns saß, nicht zum Deutsch­land­lied auf­stand und es auch nicht sang, sodass man sie vom Stuhl her­un­ter­zog und ihr Ohr­fei­gen ins Gesicht schlug. Ich kann mich erin­nern, dass wir uns damals über alles völ­lig klar waren. Wor­in die­se Klar­heit bestand, dar­an kann ich mich aller­dings über­haupt nicht mehr erin­nern.

Ich weiß auch nicht, wann ich zum letz­ten Mal das Wort ‚wir‘ gesagt habe. Irgend­wann habe ich auf­ge­hört, es zu ver­wen­den.

Die­sen Text habe ich vor Urzei­ten geschrie­ben, da gab es noch gar kei­ne Zeit­schrift Voll­text. Des­halb beginnt die Kolum­ne dies­mal nicht mit „Neu­lich“. Da aber neu­lich Hel­mut Kohl gestor­ben ist und beson­de­re Anläs­se beson­de­re Wir­kun­gen her­vor­ru­fen, wei­chen wir dies­mal von unse­rer Regel ab.
Übri­gens habe ich die­se Sze­ne bereits in mei­nem vor­vo­ri­gen Roman Der Ort wie­der­ver­wer­tet. Dort muss­te sie aus gege­be­nen Grün­den aber im Früh­jahr ange­sie­delt wer­den, denn mein Prot­ago­nist war ver­liebt, und wenn mei­ne Prot­ago­nis­ten ver­liebt sind, ist immer Früh­jahr. Im Früh­jahr gibt es aller­dings kei­ne Bir­nen, des­halb muss­te ich im Roman auf Salat­köp­fe aus­wei­chen. Lite­ra­tur hat mit Wahr­heit nichts zu tun.

—> Jetzt VOLLTEXT abon­nie­ren.

* * *

Andre­as Mai­er, gebo­ren 1967, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Er ver­öf­fent­lich­te im Suhr­kamp Ver­lag die Roma­ne Das Haus (2012), Die Stra­ße (2013), Der Ort (2015), Der Kreis (2016) sowie die Kolum­nen­samm­lung Mein Jahr ohne Udo Jür­gens (2015). Zuletzt erschien sein Roman Die Uni­ver­si­tät (Suhr­kamp).

Online seit: 3. Mai 2018

Zuletzt geän­dert: 3. Mai 2018