Forêt de Saint-Germain-en-Laye

Von Andrea Grill. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XLVIII
Andrea Grill © L.E.L. Rajmann

Andrea Grill. Foto: L.E.L. Raj­mann

Viel­leicht ist es ja so: Über den all­ge­mein bekann­ten sie­ben Haut­schich­ten hat der Mensch als ach­te Schicht eine Zivi­li­sa­ti­ons­haut. Mit der kommt er nicht zur Welt. Die wächst ihm ab Geburt. Dicker oder dün­ner, je nach­dem, wie sie gepflegt und gehegt wird. Ver­sorgt man sie nicht gut, bleibt sie dünn und reißt schnell auf, und was aus den Ris­sen wuchert, könn­te zu Fol­gen füh­ren, von denen es dann betre­ten wie­der ein­mal heißt: ‚Das hat doch nie­mand gewollt!‘
(Chris­ti­ne Nöst­lin­ger)

Irgend­wann, als er es end­lich unbe­ob­ach­tet benüt­zen darf, sucht er im Smart­LI­VE nach dem Fluss, sei­nem Fluss. In dem, wie er weiß, sei­ne Mut­ter täg­lich badet, nein: schwimmt. Er sucht den Fluss Mat, von dem er sicher sein kann, er hat ihn erlebt, er ist in die­ser Welt; und fin­det nichts.

„Nicht gefun­den. Nicht gefun­den“, wie­der­holt das Gerät mit einer Stim­me, die ihm ange­nehm ist, die er sich aus­ge­sucht hat, eine Jun­gen­stim­me, pfif­fig und klar, aber kein biss­chen quiet­schig, so wie Bala­ban sel­ber gern spre­chen wür­de, kräf­tig, melo­di­ös, mit fei­nen Unter­tö­nen. Wo ist der Fluss hin? Ein gan­zer Was­ser­lauf kann doch nicht ein­fach inner­halb weni­ger Jah­re ver­si­ckern, vom Erd­bo­den ver­schwin­den? Bala­ban sucht nach der Stadt Mat und die Ein­trä­ge haben sich geän­dert, kei­ne Rede mehr von Was­ser.

„Ver­armt“, sagt die Smart­VOICE, „ver­las­sen“, fährt sie fort, „nur mehr weni­ge alte Men­schen ver­blie­ben“. Die Vor­sil­be ‑ver echot in Bala­b­ans Gedan­ken, er sucht nach Flüs­sen über­haupt und fin­det ein Ergeb­nis, das ihm den Atem sto­cken lässt. „Flüs­se sind weit­ge­hend von der Erd­ober­flä­che eli­mi­niert wor­den, ers­tens weil dort auf­grund stei­gen­der Tem­pe­ra­tu­ren die Ver­duns­tung so hoch wur­de, dass zahl­rei­che Strö­me auf dem Weg von der Quel­le bis ans Meer aus­trock­ne­ten, was zu einem frap­pan­ten Absin­ken der Was­ser­spie­gel führ­te, trotz schmel­zen­der Pol­kap­pen, zwei­tens, um ein und für alle­mal aus­zu­schlie­ßen, dass jemand hin­ein­fällt und ertrinkt.“ Die­ses Vor­ha­ben habe inner­halb kür­zes­ter Zeit rea­li­siert wer­den kön­nen, ein­fach weil die Welt­po­li­tik und die inter­na­tio­na­len Kon­zer­ne bereit dazu waren und sich einig, das habe zu gesche­hen und abso­lu­te Prio­ri­tät. Die Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner der Welt sei­en nicht son­der­lich dazu befragt wor­den, aber man habe ihnen sug­ge­riert, das wäre, was auch sie abso­lut woll­ten. Ein Land sei dabei Vor­rei­ter gewe­sen und mit gutem Bei­spiel vor­an­ge­gan­gen, näm­lich die Gegend um Mat. „Dei­ne Hei­mat“, unter­bricht die ange­neh­me Stim­me ihren Vor­trag, als spü­re sie Bala­b­ans Erschre­cken und Zwei­fel. „Ja, die spü­re ich“, bestä­tigt die Smart­VOICE, „denn ich mes­se dei­ne Gedan­ken­strö­me und berech­ne, was du denkst, zie­he mei­ne Schlüs­se.“
Bala­ban hät­te das Gerät gern an die Beton­wand der Bara­cke gepfef­fert, hät­te es in zahl­lo­se Ein­zel­tei­le zer­sprin­gen sehen wol­len, aber er weiß, die Zer­stö­rung des Dings ist streng ver­bo­ten, er wür­de der­art bestraft, dass er es wahr­schein­lich gar nicht über­leb­te. Zudem will er mehr erfah­ren, es muss doch mög­lich sein, die­ses Gerät zu über­lis­ten. Es ist schließ­lich nur ein Ding, soviel ist von Hele­nas Erzie­hung in ihm übrig­ge­blie­ben, Din­ge sind besieg­bar.

„Du bist nicht so klug, wie du denkst“, kom­men­tiert die Smart­VOICE in freund­li­chem Ton, „du fragst dich, was sug­ge­rie­ren heißt und abso­lu­te Prio­ri­tät, befra­ge doch mei­ne Wort­de­fi­ni­ti­ons­lis­ten, betrach­te die erklä­ren­den Vide­os.“

„Gleich schalt ich dich ab.“ Bala­ban hat sich gefasst. Nur noch Nach­schau­en, was aus den Flüs­sen gewor­den ist, wo die­se Was­ser­mas­sen sich jetzt befin­den. „Wenn du mei­ne Gedan­ken liest, suche, was ich mich fra­ge, du Mist­ding, du leb­lo­ses Metall­zeug.“

„Jetzt hast du irgend­wie vage gedacht, Bala­ban.“

„Mach dich nicht lus­tig, ich habe dich noch immer in der Hand und kann dich jeden Moment zer­schmet­tern.“
„Davor wirst du dich hüten, Engel­chen“, flö­tet die sym­pa­thi­sche Stim­me.

Bala­ban fühlt Trä­nen der Wut auf­stei­gen, unter­drückt sie, er ist schließ­lich fast elf.

„Flüs­se!“, befiehlt er dem Gerät, „Sag schon, wo die Flüs­se sind.“

„Flüs­se wer­den groß­teils direkt an der Quel­le in fei­nen Kapil­la­ren auf­ge­fan­gen und in abso­lut dicht iso­lier­ten Sys­te­men, aus denen kein Mole­kül ver­duns­tet, dort­hin gelei­tet, wo sie gebraucht wer­den: Groß­städ­te, Geträn­ke­fa­bri­ken, allen vor­an die Betrie­be Coca-Cola und Rauch, Braue­rei­en, Kühl­an­la­gen, Auto­wasch­an­la­gen, Whis­key­her­stel­ler, Tex­til­fa­bri­ken, und in die Bade­zim­mer und ‑toi­let­ten von allen, die wel­che besit­zen. So geht kein Trop­fen ver­lo­ren, ein Teil jedes Flus­ses gelangt frei­lich immer noch in die Ozea­ne, sie sind da wie gehabt, zumin­dest an der Ober­flä­che. Von den bis­lang übli­chen Hob­bies, die offe­ne Fluss­läu­fe ver­lang­ten, Mäan­der oder Ästua­ri­en, wie Rudern, Kaja­king oder Ver­gnü­gungs­fahr­ten auf Schif­fen, mit dem allei­ni­gen Zweck, die Ufer der nun obso­let gewor­de­nen Flüs­se zu bestau­nen, von die­sen Beschäf­ti­gun­gen ist man abge­kom­men, die Regie­run­gen haben sie als zu ris­kant ein­ge­stuft und ver­bo­ten.
Die Kapil­la­ren, die inner­halb von Rekord­zeit über gan­ze Kon­ti­nen­te ver­legt wur­den, gespon­sert von den Kon­zer­nen, die davon pro­fi­tie­ren, die­nen im Neben­ef­fekt auch der Fes­ti­gung des Erd­bo­dens dort, wo die Erd­krus­te ansons­ten von der Ero­si­on bereits völ­lig abge­tra­gen wor­den wäre.“

„Aber wo schwimmt jetzt mei­ne Mut­ter?“ Der Bub kau­ert im Staub an der Wand der Bara­cke, in der er schläft, er weiß nicht mehr, ob er spricht oder denkt, die gan­ze Welt ist also tro­cke­ner als die­ses Camp? Nir­gends kühlt ein Strom, trägt dich im Auf­blas­rei­fen schwe­bend zur nächs­ten Bie­gung? Über­all Tro­cken­heit und das ein­zi­ge Nass spritzt aus Duschen? Eigent­lich wäre ihm sehr recht, wenn ihn jetzt jemand schla­gen wür­de.
„Die Men­schen haben Strö­mungs­be­cken in ihren Häu­sern. Wäh­rend sie sich dar­in bewe­gen, zie­hen in den Raum pro­ji­zier­te theo­re­tisch mög­li­che Aus­sich­ten vor­bei, pas­sen­de Gerü­che wer­den ver­sprüht, nach Kräu­tern, sal­zi­gen Ton­er­den, zer­tre­te­nen Muscheln, hei­ßem Kies, sich im san­di­gen Boden ver­gra­ben­den Faden­wür­mern. Nie­mand gin­ge heut­zu­ta­ge mehr in ein enor­mes was­ser­ge­füll­tes Becken mit unzäh­li­gen Frem­den und zahl­lo­sen unbe­kann­ten Krank­heits­er­re­gern. Dei­ne Mut­ter tan­giert das nicht mehr, dei­ne Mut­ter ist zu eben­falls unzäh­li­gen, aber ste­ri­len, Aschen­teil­chen gewor­den.“

Von dem Tag an, da sie ins Camp ein­tre­ten, bekom­men die Kin­der täg­lich sechs bis sie­ben Stun­den Fil­me zu sehen. Video­schau­en ist ihre Haupt­auf­ga­be, es sind Fil­me aller Art, Roman­ver­fil­mun­gen und Doku­men­ta­tio­nen, Inter­views, Sit­coms und Seri­en, meist mit 3‑D-Erleb­nis­ef­fek­ten, ihre dazu­ge­hö­ri­gen Bril­len haben die Jun­gen an Bän­dern um die Häl­se hän­gen, der Name ihres Besit­zers ist an der Innen­sei­te des lin­ken Bügels ein­gra­viert, damit sie sie nicht ver­wech­seln.

Tie­re kom­men in den Fil­men zum Leid­we­sen Vie­ler kaum vor, Pflan­zen schon gar nicht, bezie­hungs­wei­se höchs­tens als Dekor oder etwas, das die mensch­li­che Spei­se­kar­te berei­chert. Die Jungs schau­en trotz­dem gern, das Core-Team hat hier pfeil­ge­ra­de ins Schwar­ze getrof­fen mit sei­ner Stra­te­gie. Abge­se­hen von ein­an­der gibt es nichts, was die Kin­der mehr fes­selt als Fil­me und da sind längst nicht unbe­dingt die ihre Favo­ri­ten, bei denen Mit­ma­chen mög­lich und erwünscht ist, wo sie sel­ber in die pro­ji­zier­ten Kos­tü­me schlüp­fen kön­nen und ein­an­der auf der Lein­wand neben pro­fes­sio­nel­len Schau­spie­lern bewun­dern, oder die, bei denen sie sich bewe­gen, ren­nen, sprin­gen, kämp­fen, nein, vie­le Buben lie­ben gera­de die Vide­os, bei denen sie sich zurück­leh­nen kön­nen, ein­fach nur schau­en, was pas­siert. Ab und zu schläft einer ein, obwohl sie wahr­lich genug Zeit zum Schla­fen haben; um sie­ben Uhr abends ist Bett­ru­he, vor sie­ben Uhr mor­gens darf kei­ner den Schlaf­saal ver­las­sen.

Ein Film ist Bala­b­ans Lieb­ling, es ist ein sehr alter, aus der Zeit, als noch nicht ein­mal sei­ne Mut­ter gebo­ren war. Die Geschich­te spielt in einem Land, von dem er zuhau­se als klei­nes Kind schon gehört hat­te: Ita­li­en. Die Protagonist*innen sind unfass­bar groß­ar­tig geklei­det, wie leben­dig gewor­de­ne Figu­ren auf his­to­ri­schen Gemäl­den, über die es eben­falls ab und zu Fil­me zu sehen gibt, sie woh­nen in einer herr­li­chen Vil­la, fast ein Kunst­werk oder eine Kir­che, aber dort wird gekocht und Kla­vier gespielt, es geht um eine Fami­lie mit drei Kin­dern. Der eine Sohn ist aber mit der Mut­ter beson­ders eng; sei­ne Schwes­ter liebt Frau­en und sei­ne Mut­ter ver­liebt sich in sei­nen bes­ten Freund, der Koch ist und die wun­der­bars­ten Gerich­te aus sei­nen Töp­fen auf die Tel­ler zau­bert – Essen, das aus­sieht wie Spiel­zeug. Wel­chen Effekt sol­che Spei­sen auf die Men­schen haben, wie sie sie bezau­bern und ver­zau­bern, zeigt sich im Film ganz deut­lich. Kei­ner in dem Film ähnelt auch nur eine Spur den Leu­ten, die Bala­ban im Camp umge­ben. Oder doch womög­lich ein wenig der Vater des Kna­ben, der so sym­bio­tisch ist mit der Mut­ter, er könn­te durch­aus ein Teil des Core-Teams sein und wür­de dort nicht son­der­lich her­vor­ste­chen. Der Lieb­ha­ber der Mut­ter, der Koch, hat ein Haus irgend­wo im Gebir­ge, dort sieht es aus wie in Mat. Zu sei­nen bevor­zug­ten Sze­nen, die er sich am liebs­ten in Wie­der­ho­lungs­schlei­fe hun­der­te Male anschau­en wür­de, gehö­ren die Sequen­zen, wenn da hin­auf­ge­fah­ren wird, durch Fel­der und Wäl­der, auf schma­len Stra­ßen, die Mut­ter in leuch­tend oran­ge­far­bi­gen Hosen, der jun­ge Mann in schmut­zi­ger Arbeits­klei­dung wird sie ihr bald abstrei­fen. Die Mut­ter in dem Film ist die ers­te Frau, die Bala­ban nackt sieht, nicht ganz, aber vom Bauch auf­wärts, und er bil­det sich ein, sie ähnelt Hele­na, wie er sich nicht an sie erin­nert, im hin­ters­ten Win­kel sei­nes Gedächt­nis­ses klickt etwas, wenn er die­se Frau in ihren far­ben­präch­ti­gen Klei­dern sieht.

Das Ende der Geschich­te ver­steht er nicht. Aber es fas­zi­niert ihn.

In der Vil­la fin­det eine gro­ße Par­ty statt, der Koch berei­tet das Fest­mahl zu, es gibt die Leib­spei­se des Jun­gen, des Soh­nes, eine beson­de­re Sup­pe, die sei­ne Mut­ter nur für ihn kocht, seit er selb­stän­dig essen kann, eine bun­te Sup­pe mit vie­len Zuta­ten, man­che müs­sen im Gar­ten gepflückt wer­den, auch Fische sind dar­in und ande­re Was­ser­tie­re. Als die Sup­pe auf den Tisch kommt, sieht der Jun­ge sei­ne Mut­ter bit­ter­bö­se an, die bei­den sprin­gen vom Tisch auf, ohne einen Löf­fel zu neh­men, ren­nen hin­aus in den Gar­ten. Dort strei­ten sie am Rand des Swim­ming­pools, in dem blau­es Was­ser glänzt, obwohl es Nacht ist und stock­fins­ter. Plötz­lich rutscht der Jun­ge irgend­wie ab, weil er sich von der Mut­ter ent­fer­nen, nicht von ihr berüh­ren las­sen will, fällt in den Pool. Im Fal­len trifft sein Kopf einen Stein der Ein­fas­sung. Wie er dann im Was­ser drif­tet, Gesicht nach unten, sei es nur für weni­ge Sekun­den, weißt du sofort, da kann kein Kran­ken­haus mehr hel­fen. Danach ist die Mut­ter noch­mals zu sehen, in einem enor­men lee­ren Gebäu­de, eine Kathe­dra­le muss das sein, hohe ver­zier­te Fens­ter, Türen, durch die Rie­sen schrei­ten könn­ten ohne sich zu bücken.

Zum Glück wer­den Fil­me auch manch­mal wie­der­holt. Er hat danach gefragt. Der Film sei ein Ver­se­hen gewe­sen, er ent­sprä­che nicht dem Pro­gramm des Core-Teams, nicht den Core-Inter­es­sen des Core-Teams und hät­te kei­nen erzie­he­ri­schen Wert, bekam er zur Ant­wort. Doch aus­ge­schlos­sen sei nichts.

Bala­ban beschließt, mit dem Auf­bruch aus dem Camp zu war­ten, bis er den Film wie­der gese­hen hat.

Er wird ein Jahr Geduld haben.

Die Luft ist dick gewor­den, lässt sich nur schlu­cken, kaum mehr ein­sau­gen. Zäh­flüs­si­ger Pud­ding aus Rauch. Und wirk­lich ist der Him­mel erst­mals nicht hell, nicht blau, obwohl die Son­ne scheint oder was auch immer da Wär­me abstrahlt, son­dern grau ver­dun­kelt, und man­che hal­ten das im ers­ten Moment für heiß­ersehn­te Wol­ken. Doch küh­ler ist es nicht gewor­den, im Gegen­teil. Und da sind halb­erstick­te Schreie. Hus­ten und Rufe der Leh­rer, die ver­su­chen Ord­nung im Cha­os zu hal­ten, die Kin­der irgend­wo­hin zu füh­ren, raus. Aber es gibt auch den einen oder ande­ren von ihnen, der sich aus dem Staub macht. Das Core-Team übri­gens ist, ja genau: futsch. Wenn es dar­um gin­ge, sind sie weg. Bezie­hungs­wei­se: Sie wis­sen eben, jetzt geht es dar­um weg zu sein. Da haben sie eine schnel­le Auf­fas­sungs­ga­be.

Die Jun­gen, die an den bis an die höchs­ten Ecken der Bara­cken hin­auf­zün­geln­den Flam­men vor­bei zum Tor geführt wer­den, das sie, seit sie hier sind, nie mehr aus der Nähe gese­hen haben, stau­nen nicht schlecht, wie vie­le ihrer Leh­rer und ihrer Kol­le­gen unbe­scha­det mit­ten durchs Feu­er gehen, wäh­rend Pflan­zen und Bäu­me und sogar das ros­ti­ge Ske­lett des Krans unwahr­schein­lich schnell geschluckt wer­den, auf­lo­dern wie etwas, für das sie kei­nen Ver­gleich haben, woan­ders wür­de man sagen, wie mit Ben­zin über­gos­sen, wie tro­cke­nes Brenn­holz, wie Zünd­schnü­re und auf­ge­hen in einem Feu­er­werk.

Natür­lich hat Emir das gefilmt und bald wird er es fer­tig geschnit­ten und bear­bei­tet haben. Wäh­rend die ande­ren zwei abwech­selnd in die Peda­le tre­ten, sitzt er hin­ten im Anhän­ger, gebannt von sei­nem Gerät. Mar­co, der klei­ne durch­sich­ti­ge Mar­co radelt uner­müd­lich, glück­li­cher­wei­se, sonst hät­te Bala­ban dem Ältes­ten, der sich die Luxus­po­si­ti­on ange­eig­net hat, schon längst gezeigt, wo das Gras wächst, ihn so unsanft wie mög­lich aus­ge­la­den.

Das ist ihr Fahr­zeug: ein Tan­dem mit einem dop­pel­räd­ri­gen Sport­wä­gel­chen dahin­ter, im Camp haben die Din­ger zu Wett­be­wer­ben gedient und zum Vor­füh­ren der Gläu­bi­gen nach ihrer Bekeh­rung, bunt geschmückt und im Schein­wer­fer­licht.

Das haben sie zusätz­lich mit: ein vier­zig Zen­ti­me­ter lan­ges Flug­zeug, fern­steu­er­bar, dar­auf mon­tiert hat Emirs Smart­LI­VE ihre Flucht gefilmt, eben­so wie alles drum­her­um.

Als sie weit genug weg sind, zehn Stun­den auf den Peda­len, das Kon­di­ti­ons­trai­ning im Camp ist immer­hin zu etwas gut gewe­sen, schmei­ßen Bala­ban und Mar­co sich von den Sät­teln ins Gras. Das Tan­dem mit Emir im Schlepp­tau rollt noch ein paar Meter wei­ter.

„Ich ster­be vor Hun­ger.“ Bala­ban reißt einen Halm ab, steckt ihn sich zwi­schen die Zäh­ne, bricht einen Zweig mit grü­nen Blät­tern von einem Strauch, beißt in die Blät­ter als wären sie ein Stück Brot.

„Nimm dich zusam­men, die könn­ten gif­tig sein.“ Mar­co klingt böse. Dem Klei­nen scheint nichts zu feh­len, er hat kein ein­zi­ges Mal geklagt, weder trin­ken noch essen ver­langt.

Das Flug­zeug steigt auf, stößt in den grau­en Him­mel, der hier eine gänz­lich ande­re Tex­tur hat als im Camp, eine ande­re Far­be sowie­so, nicht schö­ner, nein, durch­läs­si­ger, käl­ter ist er. Bald frie­ren die Buben, zumin­dest die zwei grö­ße­ren, sie kau­ern sich unter Gestrüpp, bekla­gen die schlech­te Vor­be­rei­tung ihrer Flucht. Mar­co liegt auf dem Boden, drückt das Gras unter sich flach, als läge da ein schwe­res Metall­teil, er scheint zu schla­fen. Da kommt der Flie­ger zurück. Bala­ban springt auf, fängt ihn, bevor er eine Bruch­lan­dung machen kann, Emirs Hand will rascher bei dem Smart­LI­VE sein, Ell­bo­gen in die Rip­pen. „Das ist meins, kapiert.“ Der lee­re Magen macht die Freun­de aggres­siv, nur Mar­co schläft bewe­gungs­los auf der Wie­se; sie fühlt sich anders an als im Camp, feuch­ter, elas­ti­scher, eigent­lich ess­bar.

Sie sehen: Grün, viel Grün vor allem, dann einen hel­le­ren Fleck mit unre­gel­mä­ßi­gen Rän­dern, fast wie ein Fuß­ab­druck einer Krea­tur mit drei dicken Zehen, fei­ne wei­ße schnur­ge­ra­de Stri­che in dem Grün, teil­wei­se stern­för­mig ange­ord­net, auf Zen­tren zie­lend, ein brei­ter Strei­fen, hell­grün ohne Ver­bin­dung mit irgend­was, drum­her­um ein anders­far­bi­ger brei­ter Strei­fen, wie ein Mosa­ik aus beige, braun, grau, ova­le, ecki­ge Fle­cken und das Gan­ze in einer Schlin­ge, klar defi­niert und schwung­voll gezeich­net, oliv­grün, von eini­gen dicke­ren Stri­chen quer durch­schnit­ten. Bala­ban muss an ein Las­so den­ken.

„Da hat uns wer ein­ge­fan­gen.“

„Das ist ein Fluss, Dumm­kopf.“

Das oliv­grü­ne Las­so zieht sich rechts oder öst­lich in ein eng­ma­schi­ges Mus­ter aus Lini­en, Drei­ecken und Qua­dra­ten, ins­ge­samt hell­grau gefärbt, mit ab und zu einem grü­nen Recht­eck oder Kreis. Kurz bevor das Video abbricht, ist am Hori­zont ein merk­wür­di­ges Objekt zu sehen, wie ein Rie­sen­spiel­zeug oder ein Werk­zeug um am Him­mel her­um­zu­schrau­ben, Wol­ken zu repa­rie­ren, aus Metall bestehend, scheint es den Buben, eine Art über­di­men­sio­na­ler Schrau­ben­zie­her.

„Was könn­te das sein?“

„Kei­ne Ahnung.“

So ein Bau­werk war in den Fil­men nie vor­ge­kom­men, über­haupt wirkt das Leben, seit sie das Camp ver­las­sen haben und auf ihr Tan­dem gestie­gen sind, ganz und gar nicht wie ein Film und bis­her haben sie herz­lich wenig von dem, was sie gelernt haben, auf die­ser Rad­tour anwen­den kön­nen. Die Bril­len, die GOOGs wie die 3‑D-enhan­cers, sind zu nichts nutz; beim Fah­ren getra­gen bewir­ken sie nur Schwin­del, denn das, was ihnen in der Wirk­lich­keit vor die Räder kommt, zeigt der Fourth View des Smart­LI­VEs nie an.

„Womög­lich haben wir defek­te Exem­pla­re erwischt“, mut­maßt Emir, wäh­rend Bala­ban über­zeugt ist, „Sie haben uns mit Absicht sol­che zuge­teilt, alle Buben haben die, nur sie selbst haben wel­che, die außer­halb des Camps funk­tio­nie­ren.“ End­lich ver­ste­he er, wie das funk­tio­niert habe, wie sie es geschafft hät­ten, alle Jungs da drin auf eine Art ruhig zu stel­len. Emir ver­steht nichts oder will nichts ver­ste­hen. „Vor allem die Essens­be­schaf­fung haben die völ­lig ver­ges­sen uns bei­zu­brin­gen“, murrt sein Freund wei­ter, obwohl ihm klar ist, hier hilft Reden nichts, hier hilft kei­ne Bril­le und kein Smart­LI­VE. „Wir müss­ten jagen, hier muss es doch Tie­re geben; es gibt über­all Tie­re.“

Bala­ban denkt an Mat, als er das Dun­kel­grün auf der Auf­nah­me sieht, die gleich­mä­ßig oliv­grün gefärb­te Flä­che. Die­sen Fluss gibt es also noch. Er spürt eine enor­me Erleich­te­rung, ver­gisst minu­ten­lang sogar sei­nen Hun­ger. Die Idee, Tie­re zu jagen hat er natür­lich aus einem Film. Doch da tru­gen die Jäger Waf­fen bei sich.

„Wir könn­ten fischen, in dem vie­len Was­ser, da, das müss­te ein Teich sein, ein See.“ Bala­ban hat plötz­lich ver­stan­den, wie die­se Land­schaft funk­tio­niert, er hält den Fin­ger auf den fuß­ab­druck­ähn­li­chen Fleck, das auto­ma­ti­sche Zoom zieht den Blick in einen Wir­bel aus Grün­schat­tie­run­gen, näher, bis sich Büsche aus­neh­men las­sen, am Rand einer offen­bar algen­be­deck­ten Was­ser­flä­che, ja, das muss Pflan­zen­ma­te­ri­al sein, näher und näher bis nur­mehr grü­nes Rie­seln übrig­bleibt.

„Die­se Video­auf­nah­me­pro­gram­me müss­ten bes­ser steu­er­bar wer­den“, kri­ti­siert Emir, weil er sich weni­ger gut zurecht­fin­det als der jün­ge­re Bala­ban. Um her­aus­zu­fin­den, wo auf die­sen Bil­dern sie sich nun befin­den, akti­vie­ren sie bei­de in ihren Gerä­ten die Such­funk­ti­on nach dem geo­gra­phi­schen Stand­ort, im Camp war die von den Stör­sen­dern des Tech­ni­kers im Core-Team, die ein­zig die­sem Zweck dien­ten, auto­ma­tisch deak­ti­viert wor­den. In der Auf­re­gung der Flucht hat­ten die Buben kom­plett auf die­se Funk­ti­on ver­ges­sen. Zum ers­ten Mal seit ihrer Ent­füh­rung wer­den sie erfah­ren, wo auf die­sem Erd­ball sie sich auf­hal­ten.

Emir tippt auf die Tür­kei, Bala­ban auf Aser­bai­dschan, weil er das Wort mag und das Kli­ma dort so ver­mu­tet, wie sie es erle­ben. Jeden­falls außer­halb Euro­pas muss es sein, alles im Camp hat sich ganz uneu­ro­pä­isch ange­fühlt, und die Ent­füh­rer wären nie und nim­mer in Euro­pa geblie­ben, im gesit­te­ten, kon­trol­lier­ten Euro­pa, dort wäre so etwas wie das Camp nicht mög­lich.

Stand­ort­be­stim­mung“, die zwei Gerä­te spre­chen im Chor mit ihren rei­zen­den Kna­ben­stim­men, aber lei­der wider­spre­chen sie sich. Das eine Smart­LI­VE spricht vom Gar­ten eines Kai­sers, einem Jagd­ge­biet, folg­lich Pri­vat­grund, das ande­re sagt: Ban­lieu, ehe­ma­li­ges Erho­lungs­ge­biet, seit der letz­ten gro­ßen Seu­che im Jahr 2021 Sperr­ge­biet, Betre­tungs­ver­bot. Nur den Namen betref­fend sind sie sich einig, Forêt de Saint-Ger­main-en-Laye.

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Andrea Grill lebt als Schrift­stel­le­rin in Wien und Ams­ter­dam, sie ist pro­mo­vier­te Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gin und übersetzt aus meh­re­ren euro­päi­schen Spra­chen. Ihre Bücher wur­den viel­fach aus­ge­zeich­net, u.a. erhielt sie den För­der­preis zum Bre­mer Lite­ra­tur­preis und den Anton-Wild­gans Preis. Zuletzt erschie­nen bei Zsol­nay der für den Deut­schen Buch­preis nomi­nier­te Roman Che­ru­bi­no und bei Han­ser der von ihr aus dem Alba­ni­schen über­setz­te Lyrik­band Die Stadt der Äpfel von Lul­jeta Lle­sha­n­a­ku.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 14. Janu­ar 2022

Zuletzt geän­dert: 14. Jan. 2022