Der Zuckerbäcker in seinem Reich

Wie André Hel­ler ein­mal den Faschis­mus ver­hin­dert hat. Die ziem­lich öster­rei­chi­sche „Rezep­ti­on“ des Buches vom Süden. Von Danie­la Stri­gl

„Ich gebe zu, ich bin Par­tei. Ich fin­de Hel­lers Buch vom Süden eben­falls miss­glückt.“ Das waren die ers­ten Sät­ze mei­nes Leser­briefs an die Wie­ner Wochen­zei­tung Fal­ter, der nie erschie­nen ist und auf den ich auch kei­ne Ant­wort erhal­ten habe. Dass Leser­brie­fe aus Platz­grün­den nicht gebracht wer­den, ist nor­mal im Zei­tungs­ge­schäft. Aber in die­ser Cau­sa war das nicht der ein­zi­ge nicht erschie­ne­ne Text.

Begon­nen hat die Geschich­te, die San­dra Kegel in der FAZ inzwi­schen eine „Lite­ra­tur­be­triebs­pos­se“ genannt hat, Anfang Mai mit eini­gen ten­den­zi­ell nega­ti­ven Rezen­sio­nen von Hel­lers Roman­erst­ling in der Süd­deut­schen Zei­tung (Cath­rin Kahl­weit), in der NZZ (Ger­hard Mel­zer), in den Salz­bur­ger Nach­rich­ten (Anton Thus­wald­ner), im Wie­ner Stan­dard (Ronald Pohl), im Fal­ter (Klaus Nüch­tern) und in der FAZ  (von mir). Nein, begon­nen hat die Geschich­te eigent­lich schon Ende April, mit einer Elo­ge Ulrich Wein­zier­ls in der Zeit. Dar­in trat der ehe­ma­li­ge Wien-Kor­re­spon­dent der FAZ und der Welt gleich­sam die Flucht nach vorn an: Er sei als Rezen­sent befan­gen, einer­seits als André Hel­lers Ver­lags­kol­le­ge bei Zsol­nay, ande­rer­seits weil er des­sen Roman dort lan­ciert habe. Es muss aber doch her­aus – „hier sit­ze ich und kann nicht anders“ –, dass Hel­ler „einen her­vor­ra­gen­den Roman“ geschrie­ben hat, „gro­ße Lite­ra­tur“.

Dass der gro­ße Ulrich Wein­zierl, dem ich die­ses Epi­the­ton alle­mal inni­ger gön­ne als Hel­lers Lite­ra­tur, dass Wein­zierl also tat, was man nicht tut, hat mich damals erstaunt, viel­leicht noch mehr erstaunt hat mich sein Urteil. Wein­zierl, der klu­ge, bele­se­ne, scharf­sich­ti­ge, unbe­stech­li­che, mali­ziö­se, wit­zi­ge Wein­zierl hält den Autor des Buches vom Süden für einen „Grö­ßen­wahn­sin­ni­gen“ „mit zurei­chen­dem Grund“? Wel­che Ver­blen­dung.

Kaka­ni­sche Erin­ne­rungs­se­lig­keit

Gewiss, Wein­zier­ls Ruf war dadurch nicht rui­niert, aber ganz unge­niert leb­te es sich für ihn doch. Wie anders wäre zu erklä­ren, dass er auf Klaus Nüch­terns, zuge­ge­ben, bos­haf­ten, aber wohl­be­grün­de­ten Ver­riss im Fal­ter mit einer Gegen­dar­stel­lung reagier­te? Die auch noch gedruckt wur­de, nicht als Leser­brief, son­dern als Arti­kel. Dar­in zieht er Nüch­terns kri­ti­sche Kom­pe­tenz in Zwei­fel, weil die­ser den Wie­ner Demel eine „Kon­di­to­rei“ nennt und den Roman irr­tüm­lich „Das gro­ße Buch vom Süden“ und weil er zu spät gebo­ren ist (1961), um Hel­lers kaka­ni­sche Erin­ne­rungs­se­lig­keit vor der Folie „einer sehr beson­de­ren alt­ös­ter­rei­chi­schen, durch jüdi­schen Witz gepräg­ten Kul­tur und Lite­ra­tur“ zu wür­di­gen.

In mei­nem nicht erschie­ne­nen Leser­brief habe ich bezüg­lich Klaus Nüch­terns Ver­riss geschrie­ben, der sprin­gen­de Punkt sei nicht die Ver­schie­den­heit der Ansich­ten: „Ich wun­de­re mich dar­über, dass man das im Fal­ter nicht ein­fach so ste­hen las­sen kann, son­dern durch die eigens ein­ge­führ­te Form einer Rezen­si­ons­re­plik abfe­dern muss. Am meis­ten wun­de­re ich mich über Ulrich Wein­zierl, des­sen offen­bar der Nei­gung, und nicht bloß der Pflicht ent­sprun­ge­ne Ver­tei­di­gung in jeder Hin­sicht unter der Wür­de des exzel­len­ten Kri­ti­kers ist, als den wir ihn ken­nen. Las­sen wir ein­mal bei­sei­te, dass er Klaus Nüch­tern am Zeug fli­cken möch­te, indem er eine nicht nur spitz­fin­di­ge, son­dern fal­sche Unter­schei­dung zwi­schen Kon­di­to­rei und Zucker­bä­cke­rei bemüht. Dass er ihm Hel­lers ‚äußers­te Genau­ig­keit‘ als vor­bild­lich emp­fiehlt (wo doch des­sen famo­ser Graf Eltz etwa mit einem fal­schen Nes­troy­zi­tat glänzt). Und dass er nicht sehen will, dass es dem Rezen­sen­ten nicht um das Sujet – die Welt der Tan­te Jolesch – ging, son­dern um die Unzu­läng­lich­keit der lite­ra­ri­schen Mit­tel. Wirk­lich haar­sträu­bend aber ist die Unter­stel­lung, wer Hel­ler tad­le, pak­tie­re mit der ‚Geschichts­ver­ges­sen­heit‘, wer Hel­ler nicht ver­stan­den habe, lau­fe Gefahr, den fal­schen Bun­des­prä­si­den­ten zu wäh­len. Das ist die Fort­set­zung der Kri­tik mit den Mit­teln der poli­ti­schen Dif­fa­mie­rung.“

Hel­ler und die Stich­wahl

Jetzt habe ich noch ein­mal nach­ge­le­sen. Da steht wirk­lich, in Anspie­lung auf die bevor­ste­hen­de Stich­wahl zwi­schen Nor­bert Hofer und Alex­an­der van der Bel­len: „In unge­müt­li­chen Zei­ten wie die­sen, einer Geschichts­ver­ges­sen­heit son­der­glei­chen, ist mir und eini­gen ande­ren jemand wie André Hel­ler wich­tig. Ich den­ke sogar: Er ist für Öster­reich wich­tig. Wer Das Buch vom Süden ver­stan­den hat (das ist wohl lei­der eine Min­der­hei­ten­fest­stel­lung), kann am 22. Mai nicht den Fal­schen wäh­len.“ Was heißt denn das? Wohl nichts ande­res, als dass Nüch­tern das Buch nicht ver­stan­den hat und also am 22. Mai des­halb den Fal­schen hät­te wäh­len kön­nen.

Nun ist die Wahl trotz dem Bei­na­he-Total-Ver­sa­gen der hei­mi­schen Lite­ra­tur­kri­tik für den Rich­ti­gen aus­ge­gan­gen. Aber die mora­li­sche Erpres­sung, dass jemand, der Hel­ler nicht gut fin­det, nicht nur geschichts­ver­ges­sen ist, son­dern poli­tisch auf der fal­schen Sei­te steht, hat doch einen üblen Nach­ge­schmack. Sie hät­te zum Bei­spiel bei David Axmann, dem Nach­lass­ver­wal­ter Fried­rich Tor­bergs, nicht ver­fan­gen. Der im Vor­jahr ver­stor­be­ne Letz­te in der gro­ßen Wie­ner Tra­di­ti­on jüdi­scher Jour­na­lis­ten hat, das kann man in sei­nen Rezen­sio­nen und Par­odien nach­le­sen, André Hel­ler für einen Grö­ßen­wahn­sin­ni­gen ohne zurei­chen­den Grund gehal­ten.

Man könn­te sagen: ein Sturm im Was­ser­glas – und es wür­de pas­sen zu einem Land, wo nicht nur beim Demel das Glas Was­ser zum Kaf­fee gehört. Aber die Vor­gän­ge um die Rezep­ti­on des spä­ten Hel­ler-Debüts zeich­nen auch ein Sit­ten­bild des rot-weiß-roten Kul­tur­be­triebs, zei­gen, wie die FAZ es for­mu­lier­te, dass „das Sys­tem Öster­reich alle­mal leben­dig, ja gera­de­zu fidel ist“. Denn wie kann eine als „kri­tisch“ bekann­te und aner­kann­te Wochen­zei­tung den eige­nen Rezen­sen­ten, seit lan­gen Jah­ren einen der wich­tigs­ten Autoren des Blat­tes, so des­avou­ie­ren? Wie kann sie die Auto­ri­tät sei­ner Kri­tik und damit ihre eige­ne unter­gra­ben, um einer Stim­me Raum zu geben, die sich bereits an pro­mi­nen­ter Stel­le aus­führ­lich arti­ku­liert hat?

Das alles war aber noch gar nichts gegen Die Pres­se. Für deren Feuil­le­ton-Bei­la­ge „Spec­trum“, von vie­len für die bes­te des Lan­des gehal­ten, hat der Gra­zer Phi­lo­soph Peter Stras­ser eine maß­voll spöt­ti­sche Bespre­chung des Heller’schen Opus ver­fasst. Der Chef­re­dak­teur ließ sie sich vor­le­gen und befand, dass der­glei­chen nicht im „Spec­trum“ erschei­nen dür­fe. Stras­ser zog den Text zurück, um sei­nem Redak­teur den Kon­flikt zu erspa­ren. Und im Stan­dard woll­te noch der ehe­ma­li­ge ORF-Jour­na­list Peter Hue­mer dem all­zu respekt­lo­sen Rezen­sen­ten Ronald Pohl den Marsch bla­sen, ver­schob sei­ne Lek­ti­on dann aber auf eine spä­te­re Gele­gen­heit der Hel­ler-Hul­di­gung.
Es muss wohl, die­ses Ein­drucks kann man sich nicht erweh­ren, in die­sem Land etli­che Leu­te geben – und eini­ge davon an den Schalt­he­beln der Medi­en­ma­schi­ne –, denen, sagen wir, das Wohl André Hel­lers ganz beson­ders am Her­zen liegt. Angeb­lich gehört auch der neue Bun­des­kanz­ler zu ihnen. So gese­hen bekommt Ulrich Wein­zier­ls Fest­stel­lung, dass ihm „und eini­gen ande­ren jemand wie André Hel­ler wich­tig“ sei, den Cha­rak­ter einer Dro­hung.

Die Bereit­schaft man­cher Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten, sich für den ohne Fra­ge char­man­ten Alles­künst­ler ins Zeug zu legen, wird durch per­sön­li­chen Kon­takt natur­ge­mäß noch gestärkt; zumin­dest nimmt die Lust, sich sei­nem Wir­ken ohne ange­mes­se­ne Ehr­erbie­tung zu nähern, sol­cher­art deut­lich ab. Von jenen Aus­er­wähl­ten, die André Hel­ler weni­ge Wochen vor dem Erschei­nungs­ter­min des Buches vom Süden in den­sel­ben, näm­lich nach Mar­ra­kesch, gela­den hat, um ihnen dort sei­nen neu­en Para­dies­gar­ten „Ani­ma“ zu zei­gen, bekam er jeden­falls erwar­tungs­ge­mäß nicht die ganz har­ten Wor­te über sei­nen Roman zu lesen. Das wuss­te schon Marie von Ebner-Eschen­bach: „Freund­lich­keit kann man kau­fen.“
Und die Frei­heit der Pres­se? Die ist nie in Gefahr. Der weit, weit vor­aus­ei­len­de Gehor­sam bekommt sie ja nie­mals zu Gesicht. Majes­täts­be­lei­di­gung wird im Lan­de Öster­reich gar nicht erst vor Gericht gebracht. Sen­si­ble Geis­ter erspü­ren, wo Sakro­sank­tes bedroht sein könn­te und grei­fen zart­füh­lend recht­zei­tig ein. Die öster­rei­chi­sche Pres­se­land­schaft prä­sen­tiert sich dem befreun­de­ten Aus­land als gar­ten­ar­chi­tek­to­nisch anspre­chen­des Sumpf­ge­län­de.

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Danie­la Stri­gl, gebo­ren 1964, lebt als Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin in Wien. Zuletzt erschien Berühmt sein ist nichts. Marie von Ebner-Eschen­bach –  Eine Bio­gra­phie (Resi­denz Ver­lag).

André Hel­ler: Das Buch vom Süden
Roman. Zsol­nay, Wien 2016. 336 Sei­ten,
€ 24,90 (D) / € 25,60 (A).

Die­ser Bei­trag erschien zuerst in VOLLTEXT 2/2016.

Online seit: 7. Sep­tem­ber 2016

Zuletzt geän­dert: 17. Dez. 2019