„Kommentar zum Text meines Lebens“ und andere Geschichten

Vor­ab­druck aus dem Buch der Kom­men­ta­re von Alex­an­der Klu­ge

„Kom­men­tar zum Text mei­nes Lebens“

Dass ein Lebens­lauf ein Text ist, dar­an habe ich kei­nen Zwei­fel. Es ist aber kein Text, der bereit­liegt, in Wor­ten fest­ge­hal­ten wer­den kann. Man müss­te ihn umständ­lich rekon­stru­ie­ren, und dann wäre er zu lang für einen Kom­men­tar.

Das For­mat der Kom­men­ta­re ver­langt kur­ze, fest­ste­hen­de Tex­te, Tex­te von Gel­tung, die den nach­hal­ti­gen Anbau von Ergän­zun­gen, Noti­zen, Fort­set­zun­gen, Frag­men­ten und Über­sich­ten gestat­ten. Im All­ge­mei­nen ist der Kom­men­tar lang, der Text knapp. Ein Leben, gespie­gelt von Erin­ne­run­gen und von Daten, ent­hält aber bereits dadurch lang­wie­ri­ge Tex­te, dass beim Nach­er­zäh­len die Illu­sio­nen, Sei­ten­we­ge, das, was unbe­ob­ach­tet blieb, der Kür­zung und dem Erzähl­fluss ent­ge­gen­wir­ken. Alle Zuhö­rer wür­den davon­lau­fen, fin­ge einer an, gründ­lich sein Leben zu erzäh­len.

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„Grund­form des Erzäh­lens“

Die Grund­form des Erzäh­lens ist für mich das Blatt des Rezept­blocks, auf dem mein Vater, ein Arzt, vor einem „gemüt­li­chen Bow­le­abend“ sich in fünf bis sechs schwer leser­li­chen Wor­ten die Geschich­ten auf­schrieb, die er dann als frisch impro­vi­siert den Gäs­ten unter­brei­ten woll­te. Dass mein Vater sich so viel Mühe gab, sich auf ein Erzäh­len vor­zu­be­rei­ten, rührt mich bis heu­te. Es genüg­te ihm dafür ein Stich­wort, qua­si eine „Into­na­ti­on“. Er war sich sicher, dass sich dann beim Erzäh­len eine Ton­la­ge ein­stellt, ohne lan­ges Suchen.

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Erfor­der­lich­keit der Aus­wil­de­rung von Gespens­tern in Euro­pa

Im 18. Jahr­hun­dert haben die Jagd­be­am­ten, von Fürs­ten oder vom Staat ange­stellt, zu vie­le Füch­se und Wöl­fe geschos­sen. Schwer­wie­gen­der noch war die Dezi­mie­rung der Geis­ter und Gespens­ter durch eine popu­lis­ti­sche, lai­en­haft durch­ge­führ­te „Auf­klä­rung“ unter Zitie­rung miss­ver­stan­de­ner Phi­lo­so­phen.

Die See­len­tei­le (die in jedem Alter eines Men­schen sich ver­än­dern) brau­chen Ernäh­rung. Jedes Kind erlebt die ani­mis­ti­sche Pha­se. Die­ser Pha­se, mit ihrer eige­nen Unheim­lich­keit und Heim­lich­keit, folgt die Pha­se der Ver­su­che, jene Gespens­ter­welt zu beherr­schen, in der alle Gebü­sche, alle Din­ge ihr Eigen­le­ben haben. Das ist die Pha­se der Magie. Aus bei­den Pha­sen ent­ste­hen Geis­tes­kräf­te, ein Unter­fluss, ein Tie­fen­was­ser, in dem noch lan­ge nach Ver­stum­men der ani­mis­ti­schen und magi­schen See­len­tei­le, Gespens­ter und Geis­ter leben. Kei­ne Ratio, kei­ne INTELLIGENZ DER GEFÜHLE, ohne sol­che ele­men­ta­re Ver­sor­gung. Das „Unbe­wie­se­ne“, selbst das „Unheim­li­che“, ist lebens­not­wen­dig für das