Hades-Telefonate

Aus dem Nach­lass von Ulrich Becher.
Ulrich Becher © Nachlass Ulrich Becher / Schweizerisches Literaturarchiv, Bern

Dana Becher-Roda, Joe Ber­ger und Ulrich Becher in Wien, Anfang der 60er-Jah­re. Foto: Nach­lass Ulrich Becher / Schwei­ze­ri­sches Lite­ra­tur­ar­chiv, Bern

Mit Wal­ter Muschg, dem Bas­ler Lite­ra­tur­pro­fes­sor, hat­te ich mich im Café Sacher ver­ab­re­det. Muschg bestell­te sich einen Kaf­fee Hag und frag­te mich nach dis­kre­ter Mus­te­rung der Gäs­te: „Sagen Sie mir als gelern­ter Wie­ner – sind die hier allein bei ihren Sacher­tor­ten sit­zen­den Damen alles Grä­fin­nen oder Huren?“

„Teils bei­des in Per­so­nal­uni­on“, wuss­te ich zu mel­den. Muschgs char­man­tes Lachen.

Wir pro­me­nier­ten durch die Kärnt­ner Stras­se, am Schwei­zer Rei­se­bü­ro vor­bei, wo er sich eine Platz­kar­te für die Rück­rei­se besorg­te, zum Ste­phans­dom. Es herrsch­te son­ni­ges, für Wie­ner Ver­hält­nis­se eher mil­des Spät­ja­nu­ar­wet­ter. In den Ste­phans­dom liess ich ihn allein ein­keh­ren (weil ich so sehr oft drin­nen gewe­sen war), lenk­te ihn drauf zur Schul­er­stras­se, in die Pfaff­stet­ter Wein­stu­ben, deren Stamm­gast der Lyri­ker Wein­he­ber gewe­sen, der sein Werk und sei­nen Namen von den Nazis hat­te miss­brau­chen, sich als „Blu-Bo“-Koryphäe hat­te fei­ern las­sen und sei­nen „Irr­tum“ nach dem Ein­marsch der Alli­ier­ten in Aus­tria besie­gelt hat­te durch Frei­tod (s. Wal­ter Muschgs Die Zer­stö­rung der deut­schen Lite­ra­tur). In dem engen holz­ge­tä­fel­ten Beisl, über lan­ger, jahr­aus-ein voll­be­setz­ter Gäs­te­bank ein ver­grös­ser­tes Foto­por­trät von Josef Wein­he­bers Pro­fil. Muschg blick­te es bei einem Ach­tel Pfaff­stet­te­ner, an einen der weni­gen brust­ho­hen Steh­ti­sche gelehnt, ver­son­nen an. Dann sag­te er (hier über­tra­gen sein kul­ti­vier­tes „Zol­li­kon-Züri­dütsch“): „Kuri­os, die Enge von Wein­he­bers Stamm­lo­kal. Aber gut, dass Sie mir’s gezeigt haben.“

Wir fuh­ren zum Pra­ter­stern. Lenk­te ihn, der gewiss kein Rum­mel­platz­Durch­bumm­ler war wie ich, am Wurst- oder Volks­pra­ter, der im Ver­gleich zur Vor­kriegs­rum­me­lei etwas Ame­ri­ka­ni­sier­tes, Hyper­tech­ni­sier­tes abbe­kom­men hat­te, etwas von New Yorks Coney Island, recht­erhand vor­bei zur Böck­lin­stras­se Nr. 1. Gritz­grau­es lang­ge­streck­tes 3‑Stock-Gebäu­de. Längs­front Recht­ecke von Ate­lier­fens­tern, her­aus­glot­zend in die selt­sam stahl­blau iri­sie­ren­de, typisch wie­ne­ri­sche, ja end­ja­nu­ar-deko­ra­ti­ve Däm­me­rung, die schon etwas früh­märz­li­ches an sich hat­te. Vor­gar­ten der Sei­ten­front geschützt von einer etwa 3 m hohen Mau­er, bewach­sen mit win­ter­schla­fen­dem Efeu (im Som­mer schläft es eigent­lich auch). Herbst 48, als ich die­se Mau­er erst­mals pas­siert hat­te, war ihr Dach bestückt gewe­sen mit drauf­ze­men­tier­ten Wein­fla­schen­scher­ben, um auf Kunst­werk-Dieb­stahl erpich­te Ein­bre­cher abzu­schre­cken. FW (Fritz Wotru­ba) hat­te sie abtra­gen las­sen, die Scher­ben, auf dass kein Tier sich an ihnen ver­let­ze. Eine grün­ge­stri­che­ne Holz­tür, beschei­den wie die eines Schre­ber­gar­ten­hau­ses, dane­ben ein Alu­mi­ni­um-Klin­gel­knopf. Herr Franz Hil­kes­ber­ger öff­ne­te uns. Ein sehr statt­li­cher blon­der End­vier­zi­ger in ver­wit­tert-blau­em Dril­lich­man­tel, unter dem ein Stück Leder­schür­ze her­vor sah. Er hat­te etwas an sich von einem Tank­wart, in dem sel­ber ein bil­den­der Künst­ler steck­te.

„Kuri­os, die Enge von Wein­he­bers Stamm­lo­kal. Aber gut, dass Sie mir’s gezeigt haben.“

„Ah, der Herr Becher, wie geht’s Ihnen denn? Ihr Freund arbei­tet her­in­nen. Mein Kom­pli­ment, Herr Pro­fes­sor“, begrüss­te er Muschg mit leich­ter Ver­beu­gung; also hat­te Fritz sei­nem Herrn-Franz-für-alles unser bei­der Besuch avi­siert. Hin­ter dem Rie­sen­fens­ter des Ate­liers Jupi­ter­lam­pen­licht wie aus einem Film­stu­dio, in dem eine 2‑Per­so­nen-Sze­ne gedreht wird, Hier war’s wie­der: Das eine der Stein, der ande­re der, der aus Stein Leben schlägt. Der Meis­ter – wes­halb ihn nicht so benen­nen, da er doch einer ist – leg­te Ham­mer und Meis­sel aus den Hän­den, emp­fing uns sach­lich, leicht abwe­send. Er trug einen betont „alten Hut“, der wie leicht beschneit von röt­li­chem Staub bur­gen­län­di­schen Sand­steins, jenes Mate­ri­als, aus dem meh­re­re der im wahr­haft gross­mäch­ti­gen zwei­ge­teil­ten Ate­lier (das Kabi­nett mit Sofa ein drit­tes Teil­chen) umher pos­tiert waren. Da stan­den Figu­ren, ihr Schat­ten ver­län­gert vom Flut­licht, die wirk­ten als „sähen Jahr­tau­sen­de auf uns her­ab“, nein nicht her­ab, viel­mehr uns an, nicht ein­mal uns an. Wie Theo­dor Ador­no nach einem Blick auf die 2. Wie­ner Schu­le der Bild­kunst ver­merk­te (in der 1. Egon Schie­le, Gus­tav Klimt und Adolf Loos, der bereits Kokosch­ka ange­ra­ten, sich in der Schweiz wei­ter­zu­bil­den und den jun­gen Wotru­ba vor 33 per­sön­lich beein­flusst hat­te), exis­tiert in Fritz Wotru­bas Kunst kei­ne Spur von archai­sie­ren­dem Manie­ris­mus. Dar­um fiel – und das hab ich nicht von Ador­no – FWs Büh­nen­bild zum KÖNIG ÖDIPUS des hel­le­ni­schen Admi­rals Sopho­kles, im Neben­be­ruf Dra­ma­ti­ker, so kon­ge­ni­al modern aus. Denn ein moder­ne­res Werk, kurz-und-bün­di­ge­res Trau­er­spiel wie den Oedi­pus des Atti­schen Admi­rals (wie­viel heu­ti­ge Thea­ter­be­su­cher ver­ge­gen­wär­ti­gen sich schon, dass er Flot­ten­chef war?) ist in der Spiel­ma­che­rei des 20. Jahr­hun­derts sel­ten zu fin­den. Ador­no mein­te, FWs „Archi­tek­tur“ zie­le in eine unbe­kann­te Zukunft hin­ein. Und da ich eine zu einer Abart Mensch, der ent­mensch­licht wor­den ist, zusam­men­ge­bau­te Figur hier in die­sem Augen­blick wie­der­sah, erin­ner­te ich mich dar­an, sie zuvor ins­ge­heim ernannt zu haben zum Fabrik­schorn­stein-Men­schen. Wür­de, so frag­te ich mich an der Sei­te Wal­ter Muschgs unver­mit­telt, der Nicht­Sym­bo­list Wotru­ba am Ende auch noch das Kern­kraft­werk­mons­ter aufs Podest schaf­fen? Den Atom-Mei­ler als per­so­ni­fi­zier­te Unper­son? Damals trug Fritz bei der Arbeit noch nicht die einem Fech­ter­helm ähn­li­che Mas­ke, die ihm spä­ter sei­ner „Staub­lun­ge“ wegen ärzt­lich ver­ord­net wur­de. „Wenn die Her­ren einen Slibo­witz wün­schen, bedient’s euch – Uli, weisst ja, wo die Fla­schen stehn.“ Muschg bestaun­te ein fast 5 m brei­tes, über 2 m hohes Reli­ef, Grup­pen­bild aus schwärz­li­chem Mar­mor. „In der Tat gross­ar­tig. Ganz neu monu­men­tal“, lob­te er.

Fritz brumm­te Dank für die spon­ta­ne Aner­ken­nung. „Schon ver­kauft. Kommt alles drauf an, dass man in die­ser Welt aus sei­ner Kunst ein Göld macht.“ Mein­te er mit die­ser Welt die soge­nann­te der­zeit west­li­che?, er, der 3 Jahr­zehn­te zuvor Hel­fers­hel­fer der austro­mar­xis­ti­schen Febru­ar­kämp­fer gewe­sen war? Jeden­falls eine der Paro­len des Sohns eines tsche­chi­schen Zuschnei­ders, die er auch an sei­ne Schü­ler wei­ter­zu­ge­ben pfleg­te. „Hier, unser Freund Uli, obwohl er Halb­schwei­zer ist, hat den Dreh lei­der nicht her­aus.“ Frit­zens bübi­sches Grin­sen.

Hin­ter dem Rie­sen­re­li­ef ein spit­zes Kräch­zen. Plötz­lich kam Koko drü­ber hin­weg­ge­schwirrt, liess sich im Wort­sinn flüch­tig auf des Meis­ters Schul­ter nie­der. „Na, Koko? Mei­ne Haus­doh­le“, stell­te er vor.

„Die Haus­doh­le“ kann­te ich schon seit min­des­tens zwei Jah­ren; sie war mit gebro­che­nem rech­tem Flü­gel im Vor­gar­ten des Böck­lin­stras­sen-Ate­liers not­ge­lan­det. Der Herr Franz hat­te den Bruch