Am Grab von Mahmud Darwisch

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“

Als ich unlängst in der Zei­tung las, dass in Isra­els Schu­len gera­de ein Buch ver­bo­ten wor­den war, das von der Lie­be einer israe­li­schen Jüdin zu einem Paläs­ti­nen­ser han­delt, muss­te ich wie­der an das Gespräch den­ken, das ich fast genau ein Jahr davor mit einem nicht mehr jun­gen Mann am Grab von Mah­mud Dar­wisch in Ramal­lah geführt hat­te.

Ich war von Jeru­sa­lem in die West­bank gefah­ren und, weil sich die Ver­ab­re­dung, die ich dort hat­te, um meh­re­re Stun­den ver­schob und es in Ramal­lah nicht viel zu tun gab, zuerst zum Grab von Ara­fat und dann zu dem von Mah­mud Dar­wisch gegan­gen. Es war nur knapp drei Wochen nach einem Anschlag in einer Syn­ago­ge in Jeru­sa­lem, bei dem vier Beten­de und ein Poli­zist ums Leben gekom­men waren, und über­all in den Stra­ßen, durch die ich ging, hin­gen Pla­ka­te, auf denen die bei­den (erschos­se­nen) Atten­tä­ter als Mär­ty­rer ver­herr­licht wur­den. Das Mau­so­le­um von Ara­fat steht auf dem Gelän­de sei­nes ehe­ma­li­gen Amts­sit­zes, der wäh­rend der zwei­ten Inti­fa­da von der israe­li­schen Armee lan­ge bela­gert und schließ­lich halb zer­stört wor­den war. Als ich dort ankam und auf den licht­durch­flu­te­ten Kubus aus wei­ßem Kalk­stein zuging, war kein Mensch zu sehen, außer den zwei Uni­for­mier­ten im Gar­de­maß mit Gold-Epau­let­ten und Schär­pen in den paläs­ti­nen­si­schen Natio­nal­far­ben um die Brust, die hin­ter dem Sar­ko­phag stan­den und mich wie­der­holt zum Foto­gra­fie­ren auf­for­der­ten.

Ich woll­te den an die­sem Tag wie aus­ge­stor­ben wir­ken­den Ort schon wie­der ver­las­sen, als vor dem Ein­gang zum Gelän­de ein Bus hielt, zwei Mäd­chen­klas­sen aus­stie­gen und sich zu einer Marsch­ko­lon­ne for­mier­ten. Die einen tru­gen brau­ne Man­tel­klei­der, die ande­ren dun­kel­blaue Röcke und hell­blaue Blu­sen, und als sie unter Auf­sicht ihrer Leh­re­rin­nen los­mar­schier­ten, ange­führt von einer ganz in schwarz geklei­de­ten Schü­le­rin mit einem präch­tig dra­pier­ten Paläs­ti­nen­ser­tuch um den Hals und einer Fah­ne in den Hän­den, war ihr Skan­die­ren weit­hin zu hören und, sobald ihre Stim­men nur einen Augen­blick ver­stumm­ten, das Kla­cken ihrer rhyth­mi­schen Schrit­te auf dem Stein­bo­den. Ich ver­stand kein Wort, aber als sie vor dem Mau­so­le­um ste­hen­blie­ben, schrien sie zwei­mal laut „Allah“ und ris­sen ihre Arme nach vorn in die Höhe. Dann skan­dier­ten sie wie­der los, ich konn­te jetzt immer­hin so etwas wie „Falas­tin“ und „Arab“ aus­ma­chen, bevor sie sich für Erin­ne­rungs­fo­tos um den Sar­ko­phag grup­pier­ten, die Schwarz­ge­klei­de­te mit ihrer Fah­ne sicht­lich stolz zwi­schen den bei­den Gar­de­sol­da­ten. Es waren kaum zehn Minu­ten ver­gan­gen, als sie skan­die­rend wie­der davon­stampf­ten und von dem mit lau­fen­dem Motor war­ten­den Bus auf­ge­nom­men wur­den. Sie waren zehn‑, höchs­tens zwölf­jäh­rig, und ich hat­te ver­geb­lich ver­sucht, wenigs­tens von einer von ihnen einen Blick auf­zu­fan­gen, um viel­leicht eine Ahnung davon zu bekom­men, was in ihr vor­ging, aber kei­ne hat­te mir den Kopf zuge­wandt, kei­ne auch nur zu ver­ste­hen gege­ben, dass sie mei­ne Anwe­sen­heit über­haupt wahr­nahm. Die Leh­re­rin­nen waren so sehr mit der Über­wa­chung beschäf­tigt, dass sie mich auch nicht beach­te­ten, und wären nicht die Sol­da­ten hin­ter dem Sar­ko­phag gewe­sen, hät­te ich genau­so­gut nicht da sein kön­nen.

Ganz unter dem Ein­druck die­ses Schau­spiels frag­te ich mich dann zum Grab von Mah­mud Dar­wisch durch. Wen auch immer ich auf der Stra­ße um Aus­kunft bat, er wuss­te Bescheid, und so dau­er­te es nicht lan­ge, bis ich den Hügel mit Blick auf Jeru­sa­lem erreicht hat­te. Ich stieg den ter­ras­sier­ten Park zum Ein­gang des zuge­hö­ri­gen Muse­ums hin­auf und war nicht gefasst auf die Wid­mung, die dort in gro­ßen Let­tern auf eng­lisch und ara­bisch an der Wand prang­te: „From Pal­es­ti­ne … to Mah­moud Dar­wish.“ Sei­ne Bücher hat­ten mich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren beglei­tet, und natür­lich ging es in ihnen um das Land Paläs­ti­na, aber je mehr er sich in sei­nen spä­te­ren Wer­ken vom direk­ten poli­ti­schen Enga­ge­ment und vom pro­pa­gan­dis­ti­schen Agi­tie­ren ent­fern­te, um so mehr auch um eine uni­ver­sel­le Meta­pher, Paläs­ti­na, die Kind­heit, Paläs­ti­na, das Ver­lo­re­ne: „Unfort­u­na­te­ly, it was Para­di­se“, wie der Titel eines sei­ner Gedicht­bän­de lau­tet.

Mah­mud Dar­wisch war sie­ben Jah­re alt, als er im Unab­hän­gig­keits­krieg 1948 mit sei­ner Fami­lie aus dem Nor­den Gali­lä­as in den Liba­non flie­hen muss­te. Bei ihrer Rück­kehr war ihr Dorf zer­stört und ihr Sta­tus im sich for­mie­ren­den Staat Isra­el der von soge­nann­ten „pre­sent absen­tees“, also anwe­sen­den Abwe­sen­den, was eine viel­sa­gen­de Wort­schöp­fung ist und in sei­ner Bedeu­tung am ehes­ten der von Exi­lier­ten im eige­nen Land gleich­kommt.

Hier aber nun – in sei­nem Muse­um – war Mah­mud Dar­wisch, der für mich der para­dig­ma­ti­sche Dich­ter des Exils war, end­gül­tig zum Natio­nal­dich­ter gewor­den, eine zwie­späl­ti­ge Fest­stel­lung, hier hat­te aus­ge­rech­net er, der sich dem Flüch­ti­gen und Schwe­ben­den ver­schrie­ben hat­te, ein Monu­ment, hier einen unzwei­fel­haft mit sei­ner Per­son ver­bun­de­nen Namen, eine Iden­ti­tät, Begrif­fe, die er ein Leben lang pro­ble­ma­ti­siert hat­te. Reflex­ar­tig fiel mir die Stel­le aus sei­nem Buch In the Pre­sence of Absence ein, wo ein Du von einem Bild­hau­er gefragt wird, war­um es kei­ne Sta­tue von sich wol­le. „Becau­se I want to keep moving, to reach out and shoo flies away from my face, to stick my ton­gue out, to put my feet down in the street.“ Und als der Bild­hau­er nicht locker­lässt, fährt das Du fort: „And I don‘t want anyo­ne to break me. I am the one who does that.“

Es war mit­ten am Tag und auch hier kein Mensch zuge­gen. Ich woll­te in das Muse­um gehen, aber an der Tür erfass­te mich das­sel­be Elend, von der Ver­gan­gen­heit ver­schluckt zu wer­den, das mich schon vor vie­len Muse­en am Ein­tre­ten gehin­dert hat­te, und ich blieb im Ein­gangs­be­reich und blät­ter­te eine Wei­le in den dort zum Ver­kauf ange­bo­te­nen Büchern. Neben den meis­tens blu­mig auf­ge­mach­ten ara­bi­schen Aus­ga­ben, oft mit einem Foto des Autors auf dem Cover, fan­den sich fran­zö­si­sche und eng­li­sche, auf­fal­len­der­wei­se kei­ne deut­schen, und ich las hier und dort eine Stel­le. Bei der Kas­sa lag ein Sta­pel Kopien mit einem von Mah­mud Dar­wischs berühm­tes­ten Gedich­ten, „Iden­ti­ty Card“ von 1964, das mit den selbst­be­wuss­ten Wor­ten „Wri­te down! I am an Arab“ beginnt und mit einer Beschwich­ti­gung und gleich­zei­ti­gen Dro­hung endet. Ich nahm eines der Blät­ter, fal­te­te es und steck­te es in mei­ne Jacken­ta­sche, als der Mann plötz­lich neben mir stand und ganz selbst­ver­ständ­lich in einem gram­ma­ti­ka­lisch kor­rek­ten Gelehr­te­n­eng­lisch mit star­kem Akzent zu spre­chen begann.

Er war eine hage­re Erschei­nung mit kaum mehr Haa­ren auf dem Kopf und hielt eine unan­ge­zün­de­te Ziga­ret­te in der Hand. Ich hat­te nicht wahr­ge­nom­men, ob er aus dem Inne­ren des Muse­ums gekom­men war oder von drau­ßen ein­ge­tre­ten, aber sei­ne Fra­ge, ob ich mich für Mah­mud Dar­wisch inter­es­sier­te, konn­te an dem Ort nur rhe­to­risch gemeint sein. Er war neu­gie­rig, was ich von ihm gele­sen hät­te, und ich zähl­te ein paar Titel auf und deu­te­te auf die aus­lie­gen­den Bücher, und dann erkun­dig­te er sich, was ich von Paläs­ti­na hiel­te, was von Isra­el, und ich beant­wor­te­te die eine Fra­ge höf­lich, die ande­re aus­wei­chend. Ich schäm­te mich für mei­ne anfäng­li­che Abwehr, als ich merk­te, dass er mir nichts ver­kau­fen woll­te und es ihm nur um das Gespräch ging.

Er frag­te mich, woher ich käme, und woll­te wis­sen, ob man Mah­mud Dar­wisch in Deutsch­land ken­nen wür­de, und als ich ver­nei­nend sag­te, viel­leicht ein paar Spe­zia­lis­ten, mein­te er, das sei ein Jam­mer, und ich stimm­te ihm zu. Er zitier­te ein­zel­ne Gedicht­zei­len auf ara­bisch, wobei er die Augen schloss, und ver­such­te sich an einer eng­li­schen Über­set­zung. Dann frag­te er mich plötz­lich, ob ich wis­se, dass Mah­mud Dar­wischs ers­te Lie­be eine Jüdin gewe­sen sei. Ich konn­te nicht hören, ob da ein Unter­ton mit­schwang oder ob es nur eine Fra­ge wie alle ande­ren war, aber als ich ja sag­te, schien er mich zu mus­tern und auf einen Kom­men­tar zu war­ten. Die jüdi­sche Gelieb­te kam in meh­re­ren Gedich­ten von Mah­mud Dar­wisch vor, sie trug dar­in den Deck­na­men Rita, und das bekann­tes­te Gedicht war „Rita and the Rif­le“, das mit dem Satz „Bet­ween Rita and my eyes the­re is a rif­le“ beginnt und endet. Ich frag­te den Mann, ob er dar­auf anspie­le, aber er ant­wor­te­te nicht, und immer noch unschlüs­sig, wor­auf er hin­aus­woll­te, muss­te ich an die jun­ge israe­li­sche Sol­da­tin den­ken, die mehr als vier Jah­re davor im Bus von Eilat nach Jeru­sa­lem neben mir geses­sen war.

Sie war als eine der letz­ten ein­ge­stie­gen und hat­te sich mit ihrem schwe­ren Ruck­sack und dem Gewehr müh­sam durch den engen Gang bis in die hin­ters­te Rei­he gekämpft und sich auf den Platz zwi­schen mir und dem Fahr­gast zwei Sit­ze wei­ter fal­len las­sen, einen dun­kel­häu­ti­gen jun­gen Mann, der sei­ne Son­nen­bril­le auf­be­hal­ten hat­te und die gan­ze Zeit selig vor sich hin zu lächeln schien. Ich war mehr als zwei Wochen in Syri­en und Jor­da­ni­en unter­wegs gewe­sen, und in den Bus­sen und Sam­mel­ta­xis dort hat­ten Frau­en immer zuge­se­hen, nach Mög­lich­keit nicht direkt neben einem Mann zu sit­zen zu kom­men, dass mir allein die Selbst­ver­ständ­lich­keit der Sol­da­tin sag­te, dass ich in einem ande­ren Land war. Am Abend davor hat­te ich noch am Strand von Aka­ba unter der rie­si­gen jor­da­ni­schen Flag­ge an ihrem mehr als hun­dert Meter hohen Mast den Frau­en zuge­schaut, die in ihren lan­gen Bade­klei­dern ins Meer gegan­gen waren, und war erst am Mor­gen mit einem Taxi zur Gren­ze und mit einem ande­ren von dort zum Bus­bahn­hof von Eilat gefah­ren. Eine jun­ge Uni­for­mier­te hat­te mei­nen Pass kon­trol­liert und mich mit einem skep­ti­schen Blick durch­ge­winkt, nach­dem sie mich gefragt hat­te, was ich in Syri­en gemacht hät­te und ob ich allein dort gewe­sen sei.

Es war mein ers­tes Mal in Isra­el, und in mei­ne Auf­re­gung dar­über misch­te sich jetzt die Auf­re­gung, im Bus nach Jeru­sa­lem neben die­ser Sol­da­tin zu sit­zen, die Ruck­sack und Gewehr zwi­schen ihren Bei­nen abstell­te und, kaum dass wir los­ge­fah­ren waren, ihre Augen schloss und bald ein­ge­schla­fen war. Sie hat­te mich und den Mann mit der Son­nen­bril­le begrüßt und gleich in ihrer gan­zen Kör­per­hal­tung zu ver­ste­hen gege­ben, dass sie auf kein Gespräch erpicht war. Der Bus hat­te die Außen­be­zir­ke von Eilat erst hin­ter sich gelas­sen, und wir waren noch nicht rich­tig in der Wüs­te, als ich hör­te, wie ihr Atem ruhi­ger wur­de, und dann sank die gan­ze Fahrt durch den Negev und spä­ter am Toten Meer ent­lang ihr Kopf ein­mal auf mei­ne Schul­ter, ein­mal auf die des Man­nes auf der ande­ren Sei­te.

Wir sahen uns über ihren Schei­tel hin­weg an, und wenn sie zwi­schen­durch auf­schrak, sich ent­schul­dig­te und sofort wie­der ein­nick­te, wett­ei­fer­ten wir regel­recht um die Gunst, sie zu stüt­zen. Ich bemüh­te mich jeden­falls, die gerings­te Bewe­gung zu ver­mei­den, und konn­te mir nicht vor­stel­len, dass mein Com­pa­gnon es anders hielt. Der Bus mach­te zwei Mal Halt an einer Rast­stät­te, und ein­mal stieg sie mit uns ande­ren aus, um sich etwas zu trin­ken zu kau­fen, und setz­te danach ihren Schlaf wie­der fort. Im Bus­bahn­hof von Jeru­sa­lem schau­te ich ihr zu, wie sie davon­eil­te, ihren Ruck­sack auf dem Rücken, ihr Gewehr über die Schul­ter gehängt, dass es wild hin und her schlen­ker­te, und trat mit dem leicht absurd anmu­ten­den Gedan­ken, den Schlaf einer israe­li­schen Sol­da­tin bewacht zu haben, auf die Jaf­fa Street hin­aus, in die Hit­ze und Hel­lig­keit eines Spät­früh­lings­ta­ges.

Der Mann im Muse­um sprach wäh­rend­des­sen wei­ter, aber ich hör­te nur halb zu und hat­te unab­läs­sig das Bild der davon­ei­len­den Sol­da­tin vor Augen, die sich kein ein­zi­ges Mal umge­dreht hat­te, wäh­rend sie auf den Aus­gang zuge­strebt war. Dann erin­ner­te ich mich dar­an, dass es in Mah­mud Dar­wischs Buch über die Bela­ge­rung von Bei­rut im Som­mer 1982, Memo­ry for For­getful­ness, eine Stel­le gibt, in der er von sei­ner jüdi­schen Gelieb­ten spricht. Ich zog ein Exem­plar des Buches aus dem Regal neben der Kas­sa und begann dar­in zu blät­tern, aber der Mann nahm es mir aus der Hand und sag­te, er wis­se, wonach ich such­te. Er zitier­te unge­niert und wur­de mir damit erst rich­tig unheim­lich. „Do you hate Jews?“ fragt in der Sze­ne die jüdi­sche Gelieb­te Mah­mud Dar­wisch, und er ant­wor­tet: „I love you now“ und sagt, es wäre das glei­che, als wür­de er sie fra­gen: „Do you hate Arabs?“, wor­auf sie erwi­dert: „That‘s not a ques­ti­on“.

Der Mann stell­te das Buch in das Regal zurück, als soll­te ich nicht über­prü­fen, was er mir erzähl­te. Dann sag­te er, die schöns­ten Zei­len in die­sem Dia­log sei­en die­je­ni­gen, in denen die jüdi­sche Gelieb­te sagt: „Take me to Aus­tra­lia“ und der Ara­ber ent­geg­net: „Take me to Jeru­sa­lem“. Dar­in kom­me die gan­ze para­do­xe Sehn­sucht und Unmög­lich­keit die­ser Lie­be zum Aus­druck, weil Aus­tra­li­en am ande­ren Ende der Welt lie­ge und Jeru­sa­lem für jeman­den mit dem Sta­tus von Mah­mud Dar­wisch nicht weni­ger schwer zu errei­chen gewe­sen sei, obwohl es vor der Haus­tür lag. Ich war froh um die­se poe­ti­sche Auf­lö­sung. Die jüdi­sche Gelieb­te war also weder ein Skan­dal für den Mann noch eine Sen­sa­ti­on, wie ich gefürch­tet hat­te, und ich sah ihn mit ande­ren Augen an. Er lach­te jetzt, als könn­te er mei­ne Gedan­ken lesen, und deu­te­te ins Freie, wohin ich ihm folg­te, damit er end­lich sei­ne Ziga­ret­te anzün­den konn­te.

Dort sprach er noch über Mah­mud Dar­wischs Schwan­ken in sei­ner Hal­tung zum Exil im Lau­fe sei­nes Lebens, aber ich brin­ge sei­ne Merk­sprü­che nicht mehr zusam­men. Ich hat­te das alles schon ein­mal gehört oder gele­sen, bei Mah­mud Dar­wisch und anders­wo, und so rich­tig es sein moch­te, so falsch klang es auch. „Ein frei­er Mann ist einer, der sein Exil aus dem einen oder ande­ren Grund selbst wählt.“ Dazu konn­te ich nur ja sagen, konn­te ich nur nein sagen. „Bes­ser, ein Frem­der im Exil zu sein, wo es jeder ist, als ein Frem­der zu Hau­se.“ Auch da wie­der nur ja, wie­der nur nein. „Der Tod ist der ein­zi­ge wirk­lich Exi­lier­te, weil er nie die Lie­be einer Frau erfah­ren hat, nie ein Kind gehabt, das zu ihm Vater gesagt hat.“ Das war am Ende in sei­nem Pathos alles zu viel, und ich war froh, als der Mann sich ver­ab­schie­de­te, und ging noch ein­mal in den Ein­gangs­be­reich des Muse­ums und hol­te wie­der Memo­ry for For­getful­ness aus dem Regal. Dann blät­ter­te ich so lan­ge, bis ich die Stel­le mit dem Dia­log gefun­den hat­te, und fing an zu lesen, eine Sze­ne größ­ter Zärt­lich­keit zwi­schen einem Ara­ber und sei­ner jüdi­schen Gelieb­ten, die mit fol­gen­den Wor­ten beginnt:
„It‘s five in the mor­ning, my dear.“
„And does the Arab get slee­py?“ she asked playful­ly. „As for me, I don‘t want to sleep.“
I said, „Yes. The Arab does get slee­py, and tri­es to sleep.“
She said, „Go ahead. I‘ll guard your sleep.“

* * *

Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Han­ser Ver­lag die Roma­ne Die gan­ze Wahr­heit (2010) und Eine Ahnung vom Anfang (2013). Kürz­lich erschien sein neu­er Roman In der frei­en Welt, in dem es unter ande­rem um Isra­el und Paläs­ti­na geht.

Quel­le: VOLLTEXT 1/2016

Online seit: 14. März 2016

Zuletzt geän­dert: 21. Apr. 2016