Fragebogen: Anton Thuswaldner

„Im Grun­de fan­gen wir zu früh an, Kri­ti­ken zu schrei­ben.“ Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te.

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Die Lite­ra­tur­kri­tik ist ein Kind der Auf­klä­rung und darf die­se Tra­di­ti­on nicht preis­ge­ben. Sie muss eine Hal­tung ein­neh­men, darf sich nicht krüm­men und beu­gen und vor Angst, sich unbe­liebt zu machen, halb­her­zig wer­den oder gar Autorin­nen und Autoren nach dem Mund zu reden. In der Lite­ra­tur bekom­men wir es immer mehr mit Indi­vi­du­en zu tun, wir soll­ten her­aus­be­kom­men, wie die­se den­ken, arbei­ten, wel­ches Bild von der Welt sie ent­wi­ckeln. Lite­ra­tur ist eine beson­de­re Form der Abwei­chung, die­se dar­zu­stel­len soll­te der Kri­tik gelin­gen.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Die Bou­le­var­di­sie­rung der Medi­en bringt es mit sich, dass Kri­tik nicht gefragt ist. Es wird zuneh­mend schwie­ri­ger, sich auf grö­ße­rem Raum mit einem Text zu beschäf­ti­gen, eine Argu­men­ta­ti­on zu ent­wi­ckeln und sich nicht damit abzu­fin­den, den Dau­men zu heben oder zu sen­ken. Eng wird es, wenn auch in seriö­sen Medi­en die Gschaftl­hu­be­rei und der Gefühls­kult Ein­zug hal­ten und das Quas­sel­kas­par-Syn­drom sich aus­brei­tet. Kri­tik hat­te ein­mal einen bes­se­ren Preis, die Bezah­lung für Arbeit, die nicht von Goog­le oder den Klap­pen­tex­ten stammt, ist aben­teu­er­lich schlecht.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ke­rIn?
Kri­ti­ker und Kri­ti­ke­rin­nen sind in der Regel an der Uni­ver­si­tät mit lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Theo­rien in Berüh­rung gekom­men. Davon wird sich nie­mand befrei­en wol­len, haben sie einen doch bei­gebracht, wie Tex­te arbei­ten und dass Autorin­nen und Autoren mehr sind als Gschicht­l­dru­cker. Die Her­aus­for­de­rung besteht dar­in, alles, was man sich an Theo­rie ange­eig­net hat, in eine Spra­che zu brin­gen, die sich vom aka­de­mi­schen Dis­kurs unter­schei­det. Die Theo­rie ist vor­han­den, aber unsicht­bar gewor­den.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
In mei­nen Anfän­gen war Fritz J. Rad­datz jener Kri­ti­ker, bei dem ich am Genau­es­ten auf­ge­passt habe, wie er arbei­tet, weil er über einen schar­fen Ver­stand ver­füg­te, unge­heu­er gut schrei­ben konn­te, auf einem klar defi­nier­ten theo­re­ti­schen Hin­ter­grund ope­rier­te und poli­tisch hell­wach war. Gera­de Ver­ris­se von ihm haben mei­ne ästhe­ti­sche Wahr­neh­mung stark geprägt. Jeden­falls ist hier von Rad­datz in der prä-hypereit­len Pha­se die Rede. Spä­ter hat mich Theo­dor Fon­ta­ne in sei­nen Brie­fen als Kri­ti­ker  fas­zi­niert, weil er mit Freun­den, die sich ihm anver­traut haben, gna­den­los ver­fah­ren ist. Er erspar­te ihnen gar nichts und ver­stand es, die Schwä­chen von Tex­ten sehr genau zu benen­nen. Ein groß­ar­ti­ger Sti­list war er oben­drein. An Zeit­ge­nos­sen schät­ze ich Ulrich Wein­zierl sehr, der Scharf­sinn mit Ele­ganz zu ver­bin­den weiß. Dass er sich jetzt so zurück­ge­nom­men hat, bedau­re ich sehr.

Wie­vie­le Bücher muss ein/e Kri­ti­ke­rIn gele­sen haben um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen? Wie­vie­le haben Sie gele­sen?
Im Grun­de fan­gen wir zu früh an, Kri­ti­ken zu schrei­ben, weil es viel Zeit braucht, dass wir uns nicht nur in der Gegen­wart umge­se­hen, son­dern uns auch die lite­ra­ri­sche Tra­di­ti­on ange­eig­net haben. Und dazu gehö­ren die fremd­spra­chi­gen Grö­ßen eben­so wie die deutsch­spra­chi­gen. Vor­aus­set­zung ist jeden­falls, dass Kri­ti­ker und Kri­ti­ke­rin­nen seit sie des Alpha­bets mäch­tig sind, vom Lesen nicht las­sen kön­nen. Dann kom­men mit 25 Jah­ren schon an die tau­send wich­ti­gen Tex­te zusam­men, die als Basis die­nen kön­nen. Wie­viel Bücher habe ich gele­sen? Man­che mehr­mals, eini­ge immer wie­der, man­che nur ein­mal, ande­re nur zum Teil. Zwan­zig­tau­send viel­leicht?

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Acht­zig bis hun­dert zur Gän­ze, viel­leicht zwei­hun­dert, über die ich mir einen Ein­druck ver­schaf­fe, indem ich ein paar Erzäh­lun­gen oder Gedich­te raus­grei­fe oder mich recht frei in den Büchern bewe­ge.

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Mit 15 war gewiss Hein­rich Böll der Favo­rit, und ein kri­ti­sches Erwe­ckungs­er­leb­nis war Hans Magnus Enzens­ber­ger, Ein­zel­hei­ten I. Und heu­te? Uwe John­son, Peter Weiss, Kathe­ri­ne Mans­field, Ali­ce Mun­ro, Joseph Roth.

Was lesen Sie, wenn es nicht mit dem Beruf zu tun hat?
Mei­ner klei­nen Enke­lin (zwei­ein­halb Jah­re) lese ich Kin­der­bü­cher vor, das geht von Grimm-Mär­chen bis zu Pixi-Büchern.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rIn je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen? 
Natür­lich darf man sich als Kri­ti­ker irren, aber Ein­deu­tig­keit ist ohne­hin kaum je zu bekom­men. Des­halb betrei­ben wir ja Kri­tik, damit wir ein Buch, einen Autor, eine Autorin ins Gespräch brin­gen. Ich muss nicht Recht haben. Habe ich mich geirrt, wenn ich Die Ver­mes­sung der Welt von Dani­el Kehl­mann für ein schlech­tes Buch hielt? Ich hal­te es immer noch für ein sol­ches. Habe ich mich geirrt, wenn ich Tho­mas Gla­vi­nic für maß­los über­schätzt hielt? Ich fin­de mich Buch für Buch in mei­ner frü­hen Ein­schät­zung bestä­tigt.

 

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Anton Thus­wald­ner, gebo­ren 1956, arbei­tet als Lite­ra­tur­kri­ti­ker für die Salz­bur­ger Nach­rich­ten.

Quel­le: Volltext.net
Online seit: 10. Febru­ar 2016

Online seit: 10. Febru­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 10. Feb. 2016