Nebensächliches zur Wahrheit

Sieg­fried Unseld zum Geden­ken. Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“.

Schon wenn du Klei­nig­kei­ten erfin­dest, säst du damit Zwei­fel
an allem ande­ren. – Debo­rah Lip­stadt

Das ist dei­ne Chan­ce, Paul Weber“, sag­te mein Vor­ge­setz­ter in der Zei­tung. „Sie haben end­lich ent­schie­den, dass du es machen sollst. Du darfst nach Isra­el, eine Woche mit allen Spe­sen. Du hast nichts ande­res zu tun, als her­aus­zu­fin­den, ob die Geschich­te wahr ist. So etwas woll­test du doch immer.“

Es bedeu­te­te nichts Gutes, dass er mich mit vol­lem Namen ansprach. Dahin­ter kam sei­ne Wie­ner Iro­nie zum Aus­druck, aber was man Wie­ner Iro­nie nann­te, hat­ten bereits ande­re miss­ver­stan­den und waren dann mit einem Mes­ser im Rücken auf­ge­wacht oder, je nach­dem, eben nicht mehr auf­ge­wacht. Es stimm­te, ich war­te­te schon seit fast zwei Jah­ren dar­auf, eine Gele­gen­heit zu bekom­men, allen hier am Speers­ort (und der Grä­fin selig und dem hei­li­gen Hel­mut im Him­mel) zu zei­gen, dass ich mehr drauf­hat­te, als in der Leser­brief­ab­tei­lung Archiv­dienst zu tun, aber was er mir vor­schlug, glich einem Him­mel­fahrts­kom­man­do.

„Das heißt, von den ande­ren will kei­ner es machen, jeden­falls kei­ner aus dem Feuil­le­ton?“

„So wür­de ich es nicht sagen.“

„Also rei­ßen sich alle dar­um?“

Er lach­te, weil er die Eier­tän­ze­rei nur zu gut kann­te und wuss­te, dass für nie­man­den etwas zu gewin­nen war und für alle viel zu ver­lie­ren. Wir hat­ten schon öfter wegen kri­ti­scher Arti­kel Anzei­gen ent­zo­gen bekom­men, wes­halb sich seit­her kaum jemand mehr mit poten­zi­el­len Wer­be­kun­den anle­gen woll­te, und schon gar nicht mit der Ver­le­ge­rin und ihrem erhei­ra­te­ten Ver­lag, da sie mit Geg­nern oder auch nur ver­meint­li­chen Geg­nern nicht lan­ge fackel­te. Außer­dem gin­gen alle gern zu ihren Fes­ten in Ber­lin, und weil einer, der in die­ser Sache sei­nen Namen in den Ring warf, damit rech­nen muss­te, dass er hun­dert Jah­re lang kei­ne Ein­la­dung mehr bekam, brauch­te man schon einen sehr Dum­men. Das konn­te mei­nem Vor­ge­setz­ten nicht ent­gan­gen sein.

„Es wird doch nie­mand in der Redak­ti­on so ver­we­gen sein, aus­ge­rech­net der Ver­le­ge­rin ans Bein pin­keln zu wol­len.“

„Für so etwas bist du genau der Rich­ti­ge, Paul Weber“, sag­te er. „Was jam­merst du? Du weißt, dass in der Redak­ti­on nie­mand die Geschich­te glaubt. Es geht nur um einen Beweis. Du fliegst nach Tel Aviv, stö­berst ein biss­chen in den Archi­ven her­um und ver­suchst die rich­ti­gen Leu­te zu tref­fen, die dir Aus­kunft geben kön­nen.“

„Ich soll also den Kopf hin­hal­ten, und alle ande­ren sind fein raus und waschen ihre Hän­de in Unschuld, wenn uns die Sache um die Ohren fliegt.“

„Aber das willst du doch, Paul Weber!“

„Ich soll mich für alle schlach­ten las­sen, wenn es dann land­auf, land­ab zu einem Auf­schrei kommt, wel­che Unge­rech­tig­keit und wel­che Per­fi­die ich mir da erlau­be.“

„Das emp­fin­dest du doch als Ehre.“

Über die Geschich­te war auf den Gän­gen seit Wochen gespro­chen wor­den. Eigent­lich hät­te man es längst gut sein las­sen kön­nen, aber sie glimm­te stets vor sich hin, und immer wie­der ein­mal sag­te dann doch einer, es wür­de ihn schon inter­es­sie­ren, ob sie nicht viel­leicht trotz­dem stim­me, gegen alle Wahr­schein­lich­keit, weil es ganz schön viel Chuz­pe brau­che, sie mir nichts, dir nichts zu erfin­den. Auf einen Vor­stoß folg­te sofort ein Rück­zie­her, und danach waren alle gleich schlau wie davor, wes­halb ich mir längst nichts mehr wünsch­te als ein Ende.

Als wah­re Kab­ba­lis­tin sucht  sie die Wahr­heit nicht und fin­det sie auch nicht, als wah­re Kab­ba­lis­tin erschafft sie die Wahr­heit.

„Was soll das über­haupt?“, sag­te ich. „Es wird doch nie­mand in der Redak­ti­on so ver­we­gen sein, aus­ge­rech­net der Ver­le­ge­rin ans Bein pin­keln zu wol­len.“

„Dar­um geht es nicht“, sag­te er. „Aber gewis­se Stan­dards müs­sen wir schon wah­ren, und wenn sogar ich als Wie­ner das sage, weißt du, dass wir ziem­lich weit unten ange­langt sind.“

Ich frag­te, was eigent­lich dabei wäre, wenn sich die Geschich­te als Erfin­dung erwei­sen wür­de, sie scha­de doch nie­man­dem, aber er woll­te nichts davon wis­sen, sie ein­fach hin­zu­neh­men.

„Es gibt genug Leu­te da drau­ßen, die voll Häme mit dem Fin­ger auf uns zei­gen und fake news schrei­en wür­den.“

Die Ver­le­ge­rin hat­te bei einer Gedenk­ver­an­stal­tung für Amos Oz in Ber­lin* die Behaup­tung auf­ge­stellt, sie sei als Kind in den Fünf­zi­ger­jah­ren mit ihm in Tel Aviv zusam­men­ge­trof­fen, und es ging nicht nur dar­um, dass kaum jemand ihr das abnahm, es ging um mehr, es ging um die gewoll­te Grün­dungs­ge­schich­te dahin­ter, um das Erzeu­gen eines Mythos, der viel­leicht doch nicht auf einer Lüge bau­en soll­te, wie mein Vor­ge­setz­ter es for­mu­lier­te.

„Dabei ist es ziem­lich sicher kei­ne Lüge im eigent­li­chen Sinn“, sag­te er dann. „Denn man kann mit eini­ger Wahr­schein­lich­keit davon aus­ge­hen, dass sie im Augen­blick glaubt, was sie sagt. Sie hat ohne Zwei­fel ihre Mit­tel der Selbst­sug­ges­ti­on, damit ihr Wunsch­den­ken auch auf­geht. Angeb­lich hat sie Amos Oz damals ihr Spring­seil geschenkt und er ihr sei­nen Schreib­stift, und weil ihr das selbst nicht ganz geheu­er scheint, kom­men­tiert sie es zwei­mal mit ‚Stimmt’s?‘. Sie sol­len mit­ein­an­der auf einem wei­ßen Mäu­er­chen geses­sen sein, und das nicht nur ein­mal, son­dern oft.“

„In wel­cher Spra­che haben sie sich ver­stän­digt?“

„Das ist das Wenigs­te. Sie hät­te wahr­schein­lich kein Pro­blem damit, zu sagen, dass sie als in Deutsch­land auf­wach­sen­des und nach der hei­li­gen Ursu­la benann­tes Kind Hebrä­isch gekonnt hat. Außer­dem haben sie sich sicher wort­los ver­stan­den.“

„Aber wie alt waren sie über­haupt?“

„Je nach­dem, wann in den Fünf­zi­ger­jah­ren es gewe­sen sein soll. Der Alters­ab­stand lässt sich nicht fest bestim­men, weil sie ihr Geburts­jahr ein biss­chen mani­pu­liert, er hat aber min­des­tens sie­ben oder eher neun und höchs­tens zwölf Jah­re betra­gen. Das ist in jun­gen Jah­ren ganz schön viel für ein häu­fi­ges Mit­ein­an­der auf einem wei­ßen Mäu­er­chen.“

Er schmun­zel­te.

„In der absur­des­ten Vari­an­te, die rech­ne­risch mög­lich ist, wäre Amos Oz zwölf gewe­sen und sie noch nicht ein­mal auf der Welt oder gera­de gebo­ren.“

„Und in der bes­ten?“

„Sie elf, er zwan­zig, sie neun, er acht­zehn, sie sie­ben, er sech­zehn. Wie schön die Din­ge sich den­noch fügen. Mit dem Schreib­stift kann nur ein Auf­trag gemeint sein, den sie dann von Amos Oz erhal­ten hät­te. Wenn das nicht herz­er­grei­fend ist.“

„Wie nennst du es?“

„Es ist herz­er­grei­fend in sei­ner Mär­chen­haf­tig­keit. Was wohl Amos Oz dazu gesagt hät­te! Im Übri­gen zwei­felt nie­mand dar­an, dass sie ein recht krea­ti­ves Ver­hält­nis zur Wahr­heit hat und ein, nun ja, alter­na­ti­ves zu den Fak­ten.“

Die Anspie­lung war über­deut­lich, aber es war unter sei­ner Wür­de, dass er sie mit Kel­ly­an­ne Con­way ver­glich, die zur Entou­ra­ge des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten gehör­te und des­sen Welt manch­mal mit stei­len The­sen ver­trat, und weil mein Vor­ge­setz­ter in einem absicht­lich vul­gä­ren Wie­ne­risch sprach, wuss­te ich gleich, ich wür­de wie­der auf Jah­re hin­aus in jedem Lands­mann, wenn er in die­sen Jar­gon ver­fiel, einen poten­zi­el­len und nicht nur poten­zi­el­len, son­dern mut­maß­li­chen und wahr­schein­lich tat­säch­li­chen Ver­leum­der sehen. Er sag­te, wir hät­ten uns dar­an gewöhnt, den Begriff der alter­na­ti­ven Fak­ten den Ame­ri­ka­nern zuzu­schrei­ben, aber wenn man wirk­lich über den Anspruch auf die Urhe­ber­schaft dis­ku­tie­re, müs­se man auf euro­päi­schem Boden suchen und der Ver­le­ge­rin die Ehre zuge­ste­hen, sie zumin­dest in Betracht zu zie­hen. Denn sie habe ihren Wahr­heits­be­griff aus dem Thea­ter, aus einem falsch oder mög­li­cher­wei­se sogar rich­tig ver­stan­de­nen Method Acting, Wahr­heit sei für sie nicht nur nichts Abso­lu­tes, nein, nicht ein­mal etwas, das außer­halb des eige­nen Wil­lens exis­tie­re, Wahr­heit sei für sie im äußers­ten Fall etwas, das man mit Gefüh­len oder viel­mehr mit dem Zur­schau­stel­len von Gefüh­len erzwin­ge, man behaup­te etwas, selbst wenn es dar­um gehe, den Men­schen auf Adam und Eva zurück­zu­füh­ren oder die Erde zu einer Schei­be zu erklä­ren, und wer­fe so lan­ge böse oder belei­dig­te Bli­cke um sich, bis jeder Wider­spruch erstickt sei.

Ich sah das immer noch nicht als wirk­li­ches Pro­blem an und ver­such­te, ihn zu beschwich­ti­gen, es sei doch alles gut, wenn sie damit glück­lich wer­de.

„Es hat auch etwas mit der Kab­ba­la oder ihrem Ver­ständ­nis der Kab­ba­la zu tun. Als wah­re Kab­ba­lis­tin sucht sie die Wahr­heit nicht und fin­det sie auch nicht, als wah­re Kab­ba­lis­tin erschafft sie die Wahr­heit. Selbst­ver­ständ­lich gibt es eine gute Wahr­heit und eine böse Wahr­heit, eine wei­ße und eine schwar­ze, und wenn man auch noch eine höhe­re Wahr­heit hat, kann man über­haupt ein Leben lang für die­se höhe­re Wahr­heit lügen und hat doch immer nur die Wahr­heit gesagt.“

Er sah sich um, als hät­te er mit drei Sät­zen geschafft, den Raum mit Gespens­tern zu bevöl­kern, die er nie wie­der los­wer­den wür­de.

„Hast du ihr letz­tes Buch** gele­sen?“

„Nein“, sag­te ich. „Nur, was der Cam­mann dar­über schreibt***, und ehr­lich gesagt reicht mir das auch.“

„Dann weißt du ja, wor­um es geht“, sag­te er. „Der Cam­mann behaup­tet, man kön­ne das Buch nicht wie ande­re Bücher bespre­chen, weil es ein Buch von ihr sei.“

„Was meint er damit?“

„Das musst du ihn fra­gen, aber mir scheint es eine Art Frei­brief zu sein. Weil sie es ist, nimmt nie­mand es so genau, und man blen­det ein­fach aus, dass es zwi­schen Tau­to­lo­gie und Wider­spruch einen Unter­schied gibt. Er schmiegt sich da so nah wie mög­lich an ihr eige­nes Den­ken an.“

„Ein ziem­lich wil­des Den­ken!“

„Das kann man wohl sagen. Wenn es in vie­lem nicht so offen­sicht­lich Hum­bug wäre, wäre es zudem gefähr­lich. Ein biss­chen ist es wie bei Kin­dern im Kin­der­gar­ten, die auch noch gelobt wer­den, wenn sie alles ver­kehrt machen. Sagen wir, sie bekommt eine alter­na­ti­ve Rea­li­tät zuge­stan­den, ihren eige­nen klei­nen Bereich zum Her­um­to­ben.“

Es war sei­ne alte Gehäs­sig­keit oder mei­net­we­gen auch alte Wie­ner Gehäs­sig­keit, eben­so klar­sich­tig wie ver­blen­det, und ich ließ ihn eine Wei­le reden. Dann hat­te ich plötz­lich eine Idee, wie ich dem Gan­zen doch ent­kom­men könn­te. Schließ­lich gab es einen Kan­di­da­ten, der für die Auf­klä­rung der Geschich­te wesent­lich mehr prä­de­sti­niert war als ich.

„Ich sehe immer noch nicht, was an all­dem schlimm sein soll“, sag­te ich. „War­um schi­cken sie eigent­lich nicht den Cam­mann nach Isra­el? Er wäre doch dazu beru­fen, dort eine alter­na­ti­ve Rea­li­tät zu fin­den, in der die Ver­le­ge­rin als Kind in den Fünf­zi­ger­jah­ren wirk­lich Amos Oz getrof­fen hät­te. Dann wären alle glück­lich.“

„Der Cam­mann hat das aus­ge­schlos­sen.“

„Was soll das hei­ßen?“

„Der Cam­mann ist doch nicht ver­rückt. Er scheint in man­chen Din­gen ein Luf­ti­kus zu sein, aber er weiß genau, dass bei Isra­el mit alter­na­ti­ven Fak­ten Schluss ist. Wo fängt man sonst an, und wo hört man auf? Man kommt all­zu schnell in Teu­fels Küche.“

„Dann ist aber auch bei Amos Oz Schluss.“

„Möch­te man mei­nen, aber nie­mand traut sich, ihr das zu sagen. Stell dir nur ein­mal vor, wer alles bei der Gedenk­fei­er geses­sen ist, viel­leicht treu­her­zig nickend, viel­leicht vor Scham auf den Boden bli­ckend, als sie von dem wei­ßen Mäu­er­chen gespro­chen hat. Genau das ist ja das Pro­blem. Kennst du das Inter­view, das der Cam­mann schon vor Jah­ren mit ihr geführt hat? Dar­in lässt er sie zur Ver­tei­di­gung ihrer Welt allen Erns­tes rau­nen: ‚Es wird viel gelo­gen.‘ Er hät­te nur ein biss­chen recher­chie­ren müs­sen, um her­aus­zu­fin­den, was für eine nahe­lie­gen­de Erkennt­nis einer­seits und was für eine Unge­heu­er­lich­keit ande­rer­seits es ist, wenn sie einen sol­chen Satz aus­spricht.“

„Er lässt sie das ohne nach­zu­fra­gen sagen?“

„Natür­lich“, sag­te er. „Dabei ist es nur eine Neu­auf­la­ge des Kre­ter­pro­blems, ein biss­chen ver­wa­schen, aber schon ein star­kes Stück. ‚Alle Kre­ter lügen‘, sagt ein Kre­ter. Also was nun? Lügen alle Kre­ter, oder ist es eine Lüge, dass alle Kre­ter lügen, und lügt von allen Kre­tern viel­leicht nur der eine, und ist die­ser eine Kre­ter nicht in Wirk­lich­keit eine Kre­te­rin? Der Cam­mann hät­te da viel genau­er sein müs­sen.“

„Und was sagt er jetzt dazu?“

„Ich weiß nicht. Der Cam­mann mag ja ein sym­pa­thi­scher Kerl sein, aber von Logik ver­steht er nicht viel. Dabei wür­den sich manch­mal gewis­se mora­li­sche Fra­gen anders stel­len, wenn man die sim­pels­ten Syl­lo­gis­men kennt.“

Das sag­te aus­ge­rech­net ein Öster­rei­cher, aus­ge­rech­net ein Wie­ner. Ich kann­te ihn jetzt drei Jah­re und hat­te gedacht, ich sei mit all sei­nen Win­kel­zü­gen ver­traut, aber dann über­rasch­te er mich doch immer von Neu­em. Er hat­te eine Art, bei jedem Pro­blem sämt­li­che Even­tua­li­tä­ten zu beden­ken und so lan­ge hin und her zu schau­keln, bis sie als wirk­li­che Mög­lich­kei­ten eli­mi­niert waren, aber an eine Even­tua­li­tät hat­te er offen­sicht­lich nicht gedacht.

„Und wenn es doch stimmt?“

„Wenn was stimmt?“

„Wenn die Ver­le­ge­rin in den Fünf­zi­ger­jah­ren als Kind Amos Oz in Tel Aviv begeg­net ist.“

Er woll­te lachend wis­sen, in wel­cher Welt.

„In die­ser.“

„Schwer zu glau­ben!“

„Und wenn doch?“

„Dann ist es nur umso bes­ser“, sag­te er. „Dann stimmt ja viel­leicht auch, dass sie eine oder eher einer der sechs­und­drei­ßig Gerech­ten ist, die es nach einer Leh­re des Tal­mud in jeder Gene­ra­ti­on braucht, um die Welt in ihrer Bahn zu hal­ten. Dar­auf läuft es hin­aus. Das will sie mei­ner Mei­nung nach mit ihrer Geschich­te nahe­le­gen.“

„Die Ver­le­ge­rin einer der sechs­und­drei­ßig Gerech­ten?“

„Ja, war­um nicht? Sie hat in ihrer Rede Amos Oz zu einem erklärt, sie selbst wäre der zwei­te, und die feh­len­den vier­und­drei­ßig wür­de sie auch noch irgend­wie zusam­men­be­kom­men. Wenn du ihr letz­tes Buch gele­sen hät­test, wür­dest du wis­sen, dass Ann Cot­ten, Frie­de­ri­ke May­rö­cker und Gri­go­ri Perel­man Anwär­ter sein könn­ten. Sie ver­an­stal­tet einen rich­ti­gen Hexen­tanz mit ihnen.“

„Gri­go­ri Perel­man?“

„Ja.“

„Aber der ist doch viel zu klug, um auf einen sol­chen Zau­ber her­ein­zu­fal­len. Immer­hin ist er Mathe­ma­ti­ker und noch dazu einer der größ­ten. Die sind doch sonst gegen der­ar­ti­ge Ver­schwom­men­hei­ten gefeit.“

„Sie glaubt aber fest, dass er ein See­len­ver­wand­ter ist und zu ihrem Kos­mos gehört, schon allein weil er Jude ist. Als Mathe­ma­ti­ker hat er mit dem Unend­li­chen zu tun, und das qua­li­fi­ziert ihn in ihren Augen für die größ­ten Höhen­flü­ge und Abstür­ze des Geis­tes, wobei die Höhen­flü­ge natür­lich das eine sind, die Abstür­ze jedoch etwas ganz ande­res. Für sie kann er nur der Herr und Hüter der Alephs sein, unab­hän­gig davon, ob man sich dar­un­ter einen Gott oder den Teu­fel vor­zu­stel­len hat.“

Ich sah das immer noch nicht als wirk­li­ches Pro­blem an und ver­such­te, ihn zu beschwich­ti­gen, es sei doch alles gut, wenn sie damit glück­lich wer­de.

„Sie tut ja nie­man­dem weh.“

Damit fand ich mich von einem Augen­blick auf den ande­ren in der Rol­le, die Ver­le­ge­rin gegen sei­ne Spit­zen zu ver­tei­di­gen, und nach Argu­men­ten brauch­te ich nicht lan­ge zu suchen.

„Viel­leicht tun wir ihr mit unse­rem Gere­de auf den Gän­gen ein­fach unrecht“, sag­te ich. „Man wür­de das mit kei­nem Mann machen, ihn gleich mit Antho­ny Sca­ramuc­ci oder sonst einem männ­li­chen Gegen­stück zu Kel­ly­an­ne Con­way zu ver­glei­chen, nur weil er da und dort ein biss­chen flun­kert. Wir müs­sen die Kir­che im Dorf las­sen. Sie hat ja nicht behaup­tet, sie habe Schabb­tai Zvi getrof­fen und es sei im Jeru­sa­lem des sieb­zehn­ten Jahr­hun­derts gewe­sen, obwohl ihr das auch zuzu­trau­en wäre.“

„Das ist rich­tig“, sag­te er. „Wenn sich wirk­lich her­aus­stellt, dass sie die Wahr­heit sagt, kann der Cam­mann wie­der etwas Schö­nes schrei­ben.“

„Etwas Schö­nes schrei­ben kann er auch so.“

„Am Ende erweist sich, dass auch der Cam­mann zu den sechs­und­drei­ßig Gerech­ten gehört. Das wür­de ich ihm von Her­zen gön­nen, und es wür­de nicht scha­den, wenn sein Licht dann ein biss­chen auf uns abstrah­len wür­de. Ich habe manch­mal den Ein­druck, er macht sich alles viel schwe­rer, als es in Wirk­lich­keit ist.“

„Hast du gehört, dass er ein Ange­bot von der Ver­le­ge­rin hat?“

„Der Cam­mann?“

„Er soll ihr Pres­se­spre­cher wer­den.“

„Der Cam­mann soll was?“

„Sage ich doch!“

 

Anmer­kun­gen
* Die Rede war abge­druckt in der Süd­deut­schen Zei­tung.
** Ulla Ber­ké­wicz, Über die Schrift hin­aus.
*** Die Bespre­chung ist in der ZEIT erschie­nen.

 

* * *

Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt in Ham­burg. Zuletzt erschien bei Han­ser sein Roman Als ich jung war. Eine Lese­probe dar­aus fin­det sich hier.

Online seit: 15. Okto­ber 2019

Zuletzt geän­dert: 4. Nov. 2019