Am Rio Grande

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“
Norbert Gstrein © Heike Huslage-Koch

Nor­bert Gst­rein: „Das Georgia‑O’Keeffe-Museum hat­te geschlos­sen gehabt, und dar­über war ich nicht unglück­lich gewe­sen, weil ich auf Bil­der in Muse­en zuneh­mend mit der glei­chen Abwehr und der glei­chen Trau­rig­keit reagier­te wie auf Raub­tie­re im Zoo.“
Foto: Hei­ke Hus­la­ge-Koch

Es war ein stür­mi­scher Tag in El Paso, die­ser 15. März 2019, als ich die Häu­ser am Stadt­rand hin­ter mir ließ und ein Stück hin­auf in die Frank­lin Moun­ta­ins ging, die letz­ten süd­li­chen Aus­läu­fer der Rockies. Schon zwei Tage davor, als ich, aus San­ta Fe kom­mend, auf die Stadt zuge­fah­ren war, waren gleich hin­ter Las Cruces, New Mexi­co, auf dem High­way Sand­stür­me ange­kün­digt wor­den – DUST STORMS MAY EXIST NEXT TEN MILES –, und tat­säch­lich hat­te sich die Sicht augen­blick­lich ver­düs­tert, hat­te es auf der Fahr­bahn plötz­lich Sand­ver­we­hun­gen gege­ben und war dann der Blick auf die Sky­line am Abend ver­schwom­men gewe­sen, wie ein Fern­seh­bild bei schlecht ein­ge­stell­ter Anten­ne.

In San­ta Fe hat­te es über Nacht geschneit, nach­dem es am Vor­tag noch gereg­net hat­te und nicht mehr auf­ge­hört hat­te zu reg­nen und ich die Pla­za im Zen­trum mit ihrer Kunst und ihrem Kunst­hand­werk, einer eso­te­ri­schen Mischung aus indi­ge­nen, christ­li­chen und wahr­schein­lich the­ra­peu­tisch gemein­ten New-Age-Ein­flüs­sen, unter den Arka­den wohl ein Dut­zend Mal umrun­det hat­te und schließ­lich vor einem Geschäft mit Cow­boy­stie­feln ste­hen geblie­ben war. Dabei muss­te ich so inter­es­siert in die Aus­la­ge geschaut haben, dass ein Mann mich ins Gespräch zog und zu mir sag­te, man bekom­me da ganz pas­sa­ble Tre­ter, aber wenn ich wirk­lich gute haben wol­le, müs­se ich nach Noga­les fah­ren und dür­fe dafür auf kei­nen Fall weni­ger als tau­send Dol­lar aus­ge­ben, tau­send Dol­lar sei die Mar­ke, an der sich alles schei­de. Von mei­nem Kar­ten­stu­di­um wuss­te ich, dass das irgend­wo in Ari­zo­na lag, direkt an der mexi­ka­ni­schen Gren­ze, und nicht der nächs­te Ort war, aber offen­bar war in die­ser Gegend nichts Beson­de­res dar­an, für die rich­ti­gen Stie­fel ein paar hun­dert Kilo­me­ter in Kauf zu neh­men.

Das Georgia‑O’Keeffe-Museum hat­te geschlos­sen gehabt, und dar­über war ich nicht unglück­lich gewe­sen, weil ich auf Bil­der in Muse­en zuneh­mend mit der glei­chen Abwehr und der glei­chen Trau­rig­keit reagier­te wie auf Tie­re oder, noch schlim­mer, Raub­tie­re im Zoo. Ich hat­te einen Abste­cher nach Taos machen wol­len, wegen D. H. Law­rence, der dort zwei Jah­re gelebt hat­te, und war dann an Taos vor­bei­ge­fah­ren, weil ich das Taos-Erleb­nis schon aus Geoff Dyers D. H.-Lawrence-Buch Aus schie­rer Wut kann­te, das in Wirk­lich­keit ein D. H.-Lawrence-Vermeidungsbuch war und mei­ne Angst vor einer bestimm­ten Art von Kunst und noch mehr vor einer bestimm­ten Art von Kunst­hand­werk, das in deren Schat­ten spross, nur ver­stärkt hat­te – aber auch, weil Häu­ser, in denen Schrift­stel­ler gelebt hat­ten und die des­we­gen Schrift­stel­ler­häu­ser gewor­den waren, auf mich noch trau­ri­ger wirk­ten als Muse­en. Sie inter­es­sier­ten mich am ehes­ten in der Vor­stel­lung, dass sie geschlos­sen waren, geschlos­se­ne Muse­en, geschlos­se­ne Schrift­stel­ler­häu­ser in der Nacht, in der ich dann gern mit einer Ker­ze in der Hand von Raum zu Raum gegan­gen wäre.

Beglei­tet von einem schwar­zen Gelän­de­wa­gen fuh­ren sie mit ihren schwe­ren Maschi­nen am hell­lich­ten Tag vor einem Restau­rant vor  und dreh­ten zur offen­sicht­li­chen Pro­vo­ka­ti­on von zwei Poli­zis­ten im Ste­hen das Gas auf.

Trau­ri­ger als die Kul­tur, wenn sie für die Ewig­keit aus­ge­stellt wird, ist nur das Feh­len von Kul­tur. Mei­ne Rei­se, die mich von Den­ver nach El Paso und dann den Rio Gran­de ent­lang bis Hous­ton füh­ren soll­te, könn­te ich auch beschrei­ben als die ver­geb­li­che Suche nach einem Ort, wo es die New York Times zu kau­fen gab, für vie­le eine rei­ne Ver­schmockt­heit, für Lite­ra­tur­lieb­ha­ber eine Art Hom­mage sowohl an Tho­mas Bern­hard als auch an die Neue Zür­cher Zei­tung und für alle ande­ren eine schie­re Tat­sa­che. Ich hat­te kei­ne New York Times im wind­ver­bla­se­nen Ala­mog­ordo, New Mexi­co, bekom­men mit sei­ner gott­ver­las­se­nen White Sands Shop­ping Mall, in der die Armee zwi­schen geschlos­se­nen Geschäf­ten ein Rekru­tie­rungs­bü­ro unter­hielt, kei­ne New York Times in El Paso, schon in Texas, jeden­falls nicht im Stadt­zen­trum, wo ich mich durch­ge­fragt hat­te und in immer noch aben­teu­er­li­che Ecken geschickt wor­den war, und auch kei­ne in Del Rio, einer gar nicht so gro­ßen Stadt mit ihrem trotz­dem wie end­los wir­ken­den Strip von Bill­boards, Tank­stel­len und Auto­häu­sern. Dafür ließ dort vor mei­nem Motel mit dem direkt in den Park­platz ein­ge­las­se­nen Swim­ming­pool eine Motor­rad­gang noch gegen Mit­ter­nacht ihre Har­leys nageln, eine Demons­tra­ti­on von Macht und Sinn­lo­sig­keit, die tags dar­auf in Acu­ña auf der ande­ren Sei­te des Rio Gran­de von ihren Brü­dern im Geis­te spie­lend über­trof­fen wur­de, allem Anschein nach wirk­lich bösen Jungs. Beglei­tet von einem schwar­zen Gelän­de­wa­gen fuh­ren sie mit ihren schwe­ren Maschi­nen am hell­lich­ten Tag vor einem Restau­rant vor und dreh­ten unter untä­ti­ger Beob­ach­tung und zur offen­sicht­li­chen Pro­vo­ka­ti­on von zwei Poli­zis­ten im Ste­hen das Gas auf, bis das Knat­tern ohren­be­täu­bend war und die Leu­te sich rund­um zu ver­zie­hen began­nen.

Ich hat­te kei­ne Ahnung, wie über die Gren­ze zu schrei­ben wäre, zwi­schen Peter Hand­ke in sei­ner bos­ni­schen Pha­se, Claas Relo­ti­us und viel­leicht Heri­bert Prantl als Maß­stab der Maß­stä­be in punk­to Moral.

Des­halb kam ich schon gar nicht mehr auf die Idee, nach der New York Times oder einer ande­ren Zei­tung über­haupt nur zu fra­gen, als ich schließ­lich Lare­do erreich­te. Die Stadt mit ihren immer­hin zwei­hun­dert­fünf­zig­tau­send Ein­woh­nern hielt laut Wiki­pe­dia den trau­ri­gen Rekord, die größ­te Stadt in den USA ohne Buch­hand­lung zu sein. Ich habe das nicht Stra­ße für Stra­ße über­prüft, aber was ich über­prüft habe, ist, dass es zu jedem der absurd vie­len Billigparfum‑, Bil­lig­tex­til- und Bil­lig­schuh­ge­schäf­te, die man in Lare­do fin­den konn­te, jeweils zwei Zahn­ärz­te jen­seits der Gren­ze in Nue­vo Lare­do gab, und zu jedem Zahn­arzt in Nue­vo Lare­do exis­tier­ten wenigs­tens zwei die­ser Ramsch­lä­den in Lare­do, wie auch immer sich das mathe­ma­tisch aus­ge­hen moch­te und was auch immer dar­aus folg­te.

Natür­lich waren die Ver­hee­run­gen im Nor­den ande­re als die im Süden, aber die dazwi­schen ver­lau­fen­de Gren­ze fraß sich in den bewohn­ten Gebie­ten durch die Land­schaft wie eine schlecht ver­narb­te Wun­de durch einen Kör­per, mit der Fol­ge, dass rund­her­um das Gewe­be eiter­te oder abstarb. Von mei­nem Aus­sichts­punkt an die­sem Tag hoch über El Paso war sie fast nicht zu erken­nen, zwei Lini­en, die sich durch das Häu­ser­ge­wür­fel zogen, der High­way, dahin­ter der Rio Gran­de, aber kei­ne Mau­er, die sicht­bar gewe­sen wäre, kein Zaun, im Gegen­satz zu ande­ren Orten, und Down­town nur, als wären es nicht mehr als ein Dut­zend Hoch­häu­ser, sowie die Flach­bau­ten der Rand­vier­tel in der west­texa­ni­schen Ebe­ne und gegen­über Juá­rez und die Juá­rez Moun­ta­ins. Es war nichts Nahe­lie­gen­der, als das Gan­ze als eine Stadt zu sehen, und genau­so hät­te es auch am Tag davor, als ich nach Juá­rez gegan­gen war und ein Stück aus Juá­rez hin­aus, eine anstei­gen­de Stra­ße am Stadt­rand hin­auf und nach El Paso und die Ber­ge im Hin­ter­grund hin­über­ge­blickt hat­te, ein lan­ge zusam­men­ge­wach­se­ner und unge­teil­ter urba­ner Raum sein kön­nen. Man warf sieb­zig Cent in einen Schlitz und ging durch ein Dreh­kreuz wie in einem Schwimm­bad oder einer Auto­bahn­toi­let­te, und der Über­gang über das in einem brei­ten Beton­ka­nal ver­lau­fen­de Rinn­sal des Rio Gran­de war so dicht ver­git­tert, dass man durch die Zwi­schen­räu­me nicht ein­mal einen Blei­stift hät­te ste­cken kön­nen.

Auf dem Schei­tel­punkt der Brü­cke, als ich kurz ste­hen blieb, ein Bein auf ame­ri­ka­ni­schem, ein Bein auf mexi­ka­ni­schem Boden, wie ich dach­te, in Wirk­lich­keit aber wohl eher bei­de Bei­ne im Nie­mands­land, frag­te mich ein Mann in einem offen­bar frisch geplät­te­ten, aber faden­schei­ni­gen Anzug, ob ich Anwalt sei, um sich sofort von mir weg­zu­dre­hen, als ich es ver­nein­te, und schon schritt ich die ande­re Sei­te der Brü­cke hin­un­ter und war in Juá­rez, ohne dass ich mich hät­te aus­wei­sen müs­sen. Das Ers­te, was ich dort nach dem Ver­las­sen des Grenz­ge­bäu­des erblick­te, war ein auf der Stra­ße kau­ern­des, viel­leicht sie­ben- oder acht­jäh­ri­ges, dun­kel­häu­ti­ges Mäd­chen mit einem Becher und einem Papp­kar­ton vor sich, auf dem stand: IMMIGRANTE ÁFRICA AYUDA. Bei der Aus­rei­se Stun­den spä­ter genüg­ten drei­ßig Cent, wenn man zu den Pri­vi­le­gier­ten zähl­te, man brauch­te jetzt sei­nen Pass, Geduld beim Anste­hen in der Schlan­ge und bei der Befra­gung durch die ame­ri­ka­ni­schen Beam­ten, und die Mexi­ka­ner wünsch­ten einem auf einem rie­si­gen, quer über die Fahr­bah­nen rei­chen­den Schild ein viel­leicht iro­ni­sches, viel­leicht meta­phy­si­sches, viel­leicht aber ein­fach nur ganz ernst gemein­tes FELIZ VIAJE.

Auf dem Flug nach Den­ver hat­te ich das gera­de erschie­ne­ne Buch The End of the Myth des ame­ri­ka­ni­schen His­to­ri­kers Greg Gran­din gele­sen. Sein Unter­ti­tel lau­tet „From the Fron­tier to the Bor­der Wall in the Mind of Ame­ri­ca“, und er erklärt dar­in, was sich an die­ser Gren­ze alles staut und was end­gül­tig zum Still­stand kommt. Der Begriff der Gren­ze ist ihm zufol­ge, und wenn ich das rich­tig zusam­men­fas­se, für das ame­ri­ka­ni­sche Bewusst­sein ein Begriff, an den es sich in einem fes­ten Sinn immer noch gewöh­nen muss. Zu lan­ge in der Geschich­te war die prä­gen­de Vor­stel­lung nicht die einer „bor­der“ oder einer „boun­da­ry“, son­dern die der „fron­tier“, der beweg­li­chen, immer wei­ter ver­schieb­ba­ren, immer wei­ter ver­scho­be­nen Gren­ze nach Wes­ten, die es dem Land viel zu lan­ge ermög­lich­te, poli­ti­sche Pro­ble­me nicht zu lösen oder wenigs­tens zu lösen zu ver­su­chen, son­dern über die jeweils augen­blick­li­chen Rän­der des eige­nen Gebiets hin­aus zu expor­tie­ren, zuerst nur auf dem ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent, dann in stets neu­en Krie­gen auf der gan­zen Welt. Die blei­ben­de Fol­ge war ein schwa­cher Staat mit schwa­chen Insti­tu­tio­nen und gan­zen Regio­nen, in denen das Ide­al eines schwa­chen oder kaum exis­tie­ren­den Staa­tes hoch­ge­hal­ten wur­de und nach wie vor hoch­ge­hal­ten wird. Dazu kommt, dass der Begriff der „fron­tier“ längst schon weni­ger der Beschrei­bung einer Gren­ze als der eines Bewusst­seins­zu­stan­des dient, er ist ein Syn­onym für das unab­ding­ba­re Frei­heits­stre­ben des Ein­zel­nen, das kei­nen Blick für die Kos­ten hat und sich nicht dar­um küm­mert, auf wes­sen Rücken es aus­ge­tra­gen wird. Kei­ne Frei­heit indes ohne die Unfrei­heit der India­ner, kein öko­no­mi­scher Wohl­stand ohne die Unter­drü­ckung und Ver­skla­vung der Schwar­zen, und die dar­aus resul­tie­ren­den, nie gelös­ten Wider­sprü­che kom­men mit jahr­zehn­te­lan­ger Ver­spä­tung an der mexi­ka­ni­schen Gren­ze end­gül­tig zum Tra­gen und sol­len nun aus­ge­rech­net durch eine Mau­er gelöst wer­den. Es ist kein Wun­der, dass zu deren größ­ten Befür­wor­tern genau die Hau­de­gen gehö­ren, die immer noch vom „big sky“, vom „big open“ und dem ehe­ma­li­gen „no fen­ces“ des Wes­tens oder mei­net­we­gen auch Wil­den Wes­tens schwär­men.

Die Gren­ze, der Schluss bleibt einem nicht erspart, ist also weni­ger eine Sicher­heits­gren­ze als eine ras­sis­ti­sche Gren­ze und eine Wohl­stands­gren­ze. Man über­quert sie in die eine Rich­tung und ist im äußers­ten Nor­den eines sich über meh­re­re Gren­zen weit in den Süden erstre­cken­den Armuts­ge­bie­tes. Man über­quert sie in die ande­re Rich­tung, wenn es einem denn gelingt, und ist im äußers­ten Süden eines sich über vie­le Brei­ten­gra­de aus­deh­nen­den Wohl­stands­ge­bie­tes, des­sen Wohl­stand sich nur auf­recht­erhal­ten lässt, wenn man die Bewe­gungs­frei­heit gan­zer Bevöl­ke­rungs­grup­pen je nach den eige­nen Bedürf­nis­sen lenkt, sie ein­mal mehr, ein­mal weni­ger ein­schränkt und die Betrof­fe­nen gleich­zei­tig als die neu­en Skla­ven behan­delt, die man nicht mehr besit­zen muss, son­dern für wenig Geld mie­tet. Was das für den Blick von der einen Sei­te auf die ande­re und für den Blick von der ande­ren Sei­te auf die eine bedeu­tet, kann ich mir nur vor­zu­stel­len ver­su­chen. Wie schaut ein Bewoh­ner von El Paso nach Juá­rez hin­über, und wie blickt ein Bewoh­ner von Juá­rez nach El Paso zurück, oder ist es für bei­de Sei­ten nur aus­halt­bar, wenn sie die meis­te Zeit den Blick abwen­den oder die Augen ver­schlie­ßen vor dem, was sie sehen könn­ten?

In den Ber­gen hoch über El Paso weh­te der Wind so stark, dass ich mich beim Auf­wärts­ge­hen in ihn hin­ein­leh­nen muss­te, und als ich den Weg ver­ließ und durch Busch­land ging, waren nach weni­gen hun­dert Metern die Unter­schen­kel mei­ner Hosen sta­chel­durch­setzt. Aus dem Geröll wuch­sen knö­chel- bis knie­ho­he Kak­teen, und unter den Dor­nen­bü­schen war eine Busch­art auf­fäl­lig, die zumin­dest in die­ser Jah­res­zeit wie das Rönt­gen­bild ihrer selbst wirk­te, graue, manns­ho­he, in Büscheln aus dem Unter­grund sprie­ßen­de Zwei­ge, dicht mit Sta­cheln besetzt. Das Wort „Toten­land­schaft“ dräng­te sich einem förm­lich auf, und die­se Land­schaft, die für sich schon für einen Men­schen zu Fuß eine fast unüber­wind­li­che Bar­rie­re bedeu­tet, bewach­ten auf Schritt und Tritt die Bor­der-Pat­rol-Agen­ten. Sie hat­ten nicht nur ihre Check­points, son­dern stan­den im Grenz­ge­biet die Stra­ßen ent­lang an eige­nen Zugangs­we­gen neben ihren Pick-ups oder manch­mal sogar auf deren Lade­flä­chen und such­ten mit ihren Feld­ste­chern den Hori­zont ab, obwohl es ganz und gar unmög­lich schien, dass sich jemand in der Tages­hit­ze durch die­ses Ödland kämp­fen könn­te.

Ich hat­te sie da und dort im Gelän­de gese­hen und dadurch eine gewis­se Vor­stel­lung davon bekom­men, was es bedeu­ten moch­te, ihnen ohne gül­ti­ge Papie­re gegen­über­zu­tre­ten, es reich­ten schon die Befra­gun­gen bei den uner­war­te­ten Kon­trol­len auf dem High­way, bei denen die kleins­te Unge­nau­ig­keit oder Unsi­cher­heit in einer Ant­wort genüg­te, um sie zum ver­schärf­ten Nach­fra­gen zu ver­an­las­sen, Papie­re hin oder her – aber die Wahr­heit war, ich hat­te kei­ne Ahnung, wie über die Gren­ze zu schrei­ben wäre, zwi­schen Peter Hand­ke in sei­ner bos­ni­schen Pha­se, Claas Relo­ti­us und viel­leicht Heri­bert Prantl als Maß­stab der Maß­stä­be in punk­to Moral, an dem ich mich zu ori­en­tie­ren hät­te. Ein Fake kam nicht in Fra­ge, und für das Immer-alles-wis­sen-und-immer-schon-alles-gewusst-Haben, das auf Dau­er den para­do­xen Effekt hat­te, auf­rüt­telnd und ein­schlä­fernd zugleich zu sein, fehl­ten mir das Selbst­be­wusst­sein und die Ner­ven. Ich wuss­te nicht mehr, ob der Name stimm­te, der ja ohne­hin geän­dert wäre, aber in der ZEIT hat­te ich vor Mona­ten ansons­ten wört­lich den Satz gele­sen: „DIE ZEIT beglei­te­te Anna Gon­za­les drei Tage lang durch Mexi­ko“, und weil das eben­so kol­lek­tiv wie herr­schaft­lich klang, bekam ich seit­her das Bild nicht mehr aus dem Kopf, dass die gan­ze Redak­ti­on der ZEIT in einem voll­kli­ma­ti­sier­ten Rei­se­bus neben der soge­nann­ten Kara­wa­ne her­ge­fah­ren war, um die es dabei ging, den Zug der Flücht­lin­ge aus San Sal­va­dor, Gua­te­ma­la und Hon­du­ras, die sich damals in einer gro­ßen Grup­pe zu Fuß auf die Gren­ze zube­wegt hat­ten – ein fal­sches Bild mit einem rich­ti­gen Kern. Also blieb für den Anfang wohl doch am ehes­ten der viel geschol­te­ne Träu­mer, der Seher oder Blin­de in sei­nem wer weiß wie­viel­ten Land, der auf­zu­zeich­nen ver­such­te, was ihm vor Augen gekom­men war, dabei aber tun­lichst in Erin­ne­rung behielt, dass er die wesent­li­chen Din­ge nicht sah und dass sie natür­lich den­noch im Gang waren und sich bei­spiels­wei­se in der Mel­dung nie­der­schlu­gen, dass zwi­schen dem Pazi­fik im Wes­ten und dem Golf von Mexi­ko im Osten allein in die­sem Monat März über hun­dert­tau­send Men­schen beim Ver­such, die Gren­ze zu über­que­ren und ihr Heil im Nor­den zu fin­den, fest­ge­nom­men wor­den waren. Das waren hun­dert­tau­send Geschich­ten und hun­dert­tau­send Leben, oder genau­er eines und noch eines und noch eines und noch eines – und alle wären zu erzäh­len.

Dage­gen waren die Geschich­ten, die ich erlebt hat­te, klei­ne Geschich­ten, viel­leicht ohne Bedeu­tung für das Gan­ze und doch eben die Geschich­ten, die ich bezeu­gen konn­te. An mei­nem Tag in Juá­rez etwa war ich lan­ge auf dem Platz geses­sen mit der rie­si­gen, weit­um ein­ge­zäun­ten Sta­tue des Namens­pa­trons der Stadt und hat­te einer Last­wa­gen­la­dung von oliv­grün uni­for­mier­ten Sol­da­ten dabei zuge­schaut, wie sie mit ihren Spa­ten die so früh im Jahr schon ver­brannt wir­ken­den Grün­flä­chen in Ord­nung brach­ten oder wenigs­tens vor­ga­ben, das zu tun. Sie waren unbe­waff­net, tru­gen Arm­schlei­fen mit der Auf­schrift LABOR SOCIAL, scho­ben hier ein Häuf­chen Erde zusam­men, kapp­ten da ein paar vor­ste­hen­de Gras­bü­schel, rech­ten den Kies oder hoben ein Papier­chen auf und mach­ten, je län­ger ich sie beob­ach­te­te, umso mehr den Ein­druck, sie wür­den wie Sol­da­ten über­all auf der Welt, wenn sie nicht gera­de in Kampf­hand­lun­gen ver­wi­ckelt waren, die Arbeit nur simu­lie­ren. Das wirk­lich Auf­fal­len­de aber war, dass sie von zwei wei­te­ren Last­wa­gen­la­dun­gen von über das gan­ze Gelän­de ver­teil­ten Uni­for­mier­ten mit halb­au­to­ma­ti­schen Geweh­ren und schuss­si­che­ren Wes­ten bewacht wur­den, die einen in oliv­grü­nem, die ande­ren in sand­far­be­nem Dril­lich, alle Hel­me auf dem Kopf und vie­le ver­mummt. Solan­ge ich an mei­nem Platz saß, gelang es mir nicht zu ent­schei­den, ob viel­leicht auch die­se Bewa­chung nur Simu­la­ti­on war, eine Mög­lich­keit, den lang­wei­li­gen Kaser­nen­all­tag auf­zu­lo­ckern, oder ob sie einer Not­wen­dig­keit unter­lag.
Als der Befehl zum Auf­bruch kam, ging alles sehr schnell. Die Sol­da­ten nah­men vor ihren Fahr­zeu­gen Auf­stel­lung, und kaum waren sie auf­ge­ses­sen, stan­den die Last­wa­gen abfahr­be­reit da, auf jedem zwei fins­ter Ver­mummm­te, die mit über dem Dach ange­leg­ten Geweh­ren hin­ter der Fah­rer­ka­bi­ne stan­den, was jetzt tat­säch­lich sehr ernst aus­sah, und bahn­ten sich schon einen Weg in den vor­bei­strö­men­den Ver­kehr, schie­nen ohne alle Rück­sicht ein­fach in ihn hin­ein­zu­fah­ren. Da erst merk­te ich, wie weni­ge Leu­te die gan­ze Zeit den Platz gequert hat­ten, wie weni­ge auf den Stu­fen zur Sta­tue hin­un­ter geses­sen waren und wie sich auch jetzt die­se Lee­re nicht füll­te.

Zwei Stun­den spä­ter sah ich in der Nähe des Mark­tes vor der Kathe­dra­le einen zum Erschre­cken per­fek­ten Micha­el-Jack­son-Dar­stel­ler, ein eben­so erbärm­li­ches wie erbar­mungs­wür­di­ges Kno­chen­ge­rip­pe, selbst mehr der Tod als das Leben, mit einem Todes­dar­stel­ler in schar­lach­ro­tem Kar­di­nal­sum­hang und sil­ber­ner Toten­mas­ke um die Auf­merk­sam­keit der Umste­hen­den wett­ei­fern. Der Tod hat­te eine toten­kreuz­för­mi­ge Schach­tel voll Mur­meln in der Hand, und wenn er sie beweg­te, wuss­te man, dass nicht das Rie­seln von Sand die Zeit bestimm­te, son­dern die­ses schau­ri­ge Geräusch von in einem Wild­bach fort­ge­ris­se­nen Geröll. Gegen ein paar Pesos konn­te man eine der Mur­meln mit einer Weis­sa­gung erste­hen, und es war klar, dass unter all den bedingt wah­ren Sprü­chen nur einer unbe­dingt wahr wäre, näm­lich dass wir alle ster­ben wür­den.

Vor der Kathe­dra­le wur­de gesun­gen, immer wie­der hör­te ich ein ALELUYA und immer wie­der ein GRACIAS CRISTO, und als ich näher trat, bot sich mir ein sinis­te­res Schau­spiel dar. Eine Grup­pe von ame­ri­ka­ni­schen Jugend­li­chen, wahr­schein­lich Stu­den­ten, ich konn­te nicht sagen, ob es Evan­ge­li­ka­le oder Mor­mo­nen oder weiß der Teu­fel was sonst waren, waren mit eif­ri­gem Mis­sio­nie­ren und Ret­ten und das Him­mel­reich-Ver­spre­chen beschäf­tigt. Jeweils einer von ihnen stand vor einem Mexi­ka­ner, die Hand auf sei­ner Schul­ter, neben ihm ein Über­set­zer, der sei­ne Hand auf die ande­re Schul­ter leg­te, und dann begann das Ritu­al, Rede, Über­set­zung, Gegen­re­de, und der so nach weni­gen Minu­ten Geret­te­te wur­de mit einer bun­ten Bibel zurück in sei­ne Welt ent­las­sen, in der sich nichts für ihn geän­dert hat­te. Allein sich die Phy­sio­gno­mien anzu­se­hen war erschüt­ternd, die jun­gen, selbst­be­wusst und fast schon geschäfts­mä­ßig auf­tre­ten­den Ver­tre­ter aus dem rei­chen Nor­den stan­den meis­tens bis ins schlimms­te Ste­reo­typ gebeugt und demü­tig wie die pro­to­ty­pi­schen Sün­der wir­ken­den älte­ren, ärm­lich geklei­de­ten Leu­ten gegen­über, einer mit in die Knie­keh­len hän­gen­dem Hosen­bo­den, der ande­re mit durch­lö­cher­tem Stroh­hut, ein Drit­ter ohne Zäh­ne, und ver­spra­chen ihnen das ewi­ge Leben, wenn sie glaub­ten, wenn sie bereu­ten, wenn sie sich von ihnen zu einem Kind Got­tes machen lie­ßen. Ich hat­te das alles nie als so absto­ßend emp­fun­den wie in die­sem Augen­blick und bei die­sem gro­tes­ken Gefäl­le der Mög­lich­kei­ten, von gleich zu gleich wäre es viel­leicht ein harm­lo­ser Zau­ber aus einer ande­ren Welt und einem ande­ren Jahr­hun­dert gewe­sen, ein sinn­lo­ses Trau­er­spiel, aber so war es eine ein­zi­ge Abscheu­lich­keit, fehl­te nur der Papst, der ihnen noch die Füße geküsst hät­te.

Nicht lan­ge danach, jedoch längst in einer ande­ren Gegend am Stadt­rand, stieß ich auf einen der Geret­te­ten, einen alten Mann, von dem ich mich frag­te, wie er über­haupt so schnell dort­hin gekom­men war. Er hat­te eine die­ser kin­der­b­un­ten Bibeln in der einen Hand, an der ich ihn erkann­te, und in der ande­ren einen Stock, an dem er müh­sam dah­erhum­pel­te. Sei­ne Augen waren ver­schwom­men und unfo­kus­siert, das Weiß dar­in gelb, und er trug zu sei­nen aus­ge­latsch­ten Schlap­fen und sei­ner schmut­zi­gen Trai­nings­ho­se eine wie neu wir­ken­de Jacke mit der Auf­schrift US ARMY über der einen Brust­ta­sche und dem Namen POWELL über der ande­ren.

Das war es, was ich gese­hen hat­te, und der Anblick die­ses Man­nes ver­folg­te mich noch Tage spä­ter, als ich bereits in San Anto­nio war, schon nicht mehr am Rio Gran­de, und aus der Stadt hin­aus­ging, den Fluss ent­lang zu den dort im Abstand von nur weni­gen Kilo­me­tern auf­ge­reih­ten ehe­ma­li­gen spa­ni­schen Mis­si­ons­sta­tio­nen, von der im Zen­trum gele­ge­nen The Ala­mo bis zur am wei­tes­ten ent­fern­ten San Fran­cis­co de la Espa­da. Von dem Tag in Juá­rez – ich war von Son­nen­auf­gang bis Son­nen­un­ter­gang und noch lan­ge dar­über hin­aus drau­ßen gewe­sen, ohne zu beden­ken, wie weit im Süden ich war – hat­te ich einen Son­nen­brand, und in mei­nem Gesicht und auf mei­nem gan­zen rot ver­brann­ten Schä­del schäl­te sich die Haut in Fet­zen ab, was der Grund sein moch­te, dass ich immer wie­der Bli­cke auf mich zog, als wäre etwas nicht in Ord­nung mit mir, ich wäre ent­we­der eine Gefahr oder bräuch­te viel­leicht Hil­fe. Vor der mitt­le­ren der fünf Mis­sio­nen sah mir ein Mann lan­ge lächelnd ins Gesicht, der dort stand und gera­de sein Fahr­rad auf­pump­te, und betrach­te­te mich eben­so iro­nisch wie wohl­wol­lend, wie ich dach­te. Er war viel­leicht drei­ßig, in kur­zer Hose und einem über sei­nen Mus­keln span­nen­den T‑Shirt, und es spiel­te kei­ne Rol­le, dass er kein Wei­ßer war, natür­lich nicht, und schien in die­sem Augen­blick doch eine zu spie­len. „God bless you“, sag­te er schließ­lich, und ich hät­te gern das glei­che gesagt, weil es so offen­sicht­lich nicht bloß daher­ge­spro­chen war, brach­te aber nur ein ver­küm­mer­tes „Hi“ über die Lip­pen.

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Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt in Ham­burg. Sein neu­er Roman Als ich jung war ist im Juli bei Han­ser erschie­nen. Eine Lese­probe dar­aus fin­det sich hier.

Quel­le: VOLLTEXT 2/2019 – 28. Juni 2019

Online seit: 16. Sep­tem­ber 2019

Online seit: 16.9.2019

Zuletzt geän­dert: 4. Nov. 2019