Ein Familienroman ohne Familie

Yara Lees eigen­wil­li­ger Debüt­ro­man Als ob man sich auf hoher See befän­de. Von Anton Thus­wald­ner
Yara Lee © Aleksandra Pawloff

Yara Lee: Knapp­heit ist das Prin­zip, Ein­fühl­sam­keit bleibt vor­sätz­lich auf der Stre­cke.
Foto: Alek­san­dra Pawl­off

Ulys­ses – er heißt so, weil ihn das Unter­wegs­sein aus­macht und Ankom­men nicht sei­ne Sache ist – kauft sich eine Zei­tung und erfährt von einem Anschlag auf ein Insti­tut für Mee­res­bio­lo­gie in Mexi­ko. Eine jun­ge Wis­sen­schaft­le­rin gilt als Haupt­ver­däch­ti­ge. Solch eine Mel­dung fin­det sich gewöhn­lich unter den ver­misch­ten Nach­rich­ten, die Sen­sa­tio­nen aus aller Welt für Leser auf­be­rei­ten, die sich etwas gru­seln dür­fen im Bewusst­sein, dass sie damit nichts zu schaf­fen haben. So ergeht es Ulys­ses, der von der Notiz auf­ge­wühlt nost­al­gisch wird und meint, dass frü­her „alles über­schau­ba­rer und bes­ser gewe­sen war.“

Das ist nicht nur eine Fehl­ein­schät­zung, wie sich leicht nach­voll­zie­hen lässt, wenn man etwas aus dem Leben von Ulys­ses mit­be­kommt, der immer­hin nach Pula auf­ge­bro­chen ist, um dort zu ster­ben. Ein unaus­ge­füll­tes Leben hängt ihm nach, das mit dem Unfall­tod sei­ner Frau die Leich­tig­keit ein­ge­büßt hat. „War eigent­lich tod­trau­rig, mein Leben lang, seit Angio­li­na gestor­ben ist.“ Wer aber Ulys­ses heißt, hat ein Recht auf das Wei­ter­ma­chen, wie holp­rig sich die­ses auch immer gestal­ten mag. Des­we­gen ver­schiebt er das Ster­ben auf spä­ter und macht sich auf den Weg nach Wien.

Das Atten­tat auf die For­schungs­ein­rich­tung in Mexi­ko, wo Expe­ri­men­te mit Del­phi­nen durch­ge­führt wer­den, berührt Ulys­ses, weil er den Ein­druck gewin­nen muss, in har­ten Zei­ten zu leben. Natür­lich hat er recht, aber was er nicht weiß ist, dass er selbst indi­rekt in die­ses Gewalt­ka­pi­tel der Geschich­te invol­viert ist. In dem Insti­tut arbei­tet James, der Lebens­ge­fähr­te sei­ner Toch­ter Mar­la. Zu der hat er aber jeden Kon­takt ver­lo­ren. Nach dem Tod sei­ner Frau gibt er sie in einem katho­li­schen Heim ab, seit­her ist sie für ihn ein Phan­tom. Mar­la und Ulys­ses, Toch­ter und Vater, eine Fami­lie, die nicht sein konn­te, des­halb die Leer­stel­len in bei­der Leben.

Geschich­te als schlüs­si­ges Sys­tem

Fami­li­en­ge­schich­ten ste­hen gegen­wär­tig hoch im Kurs als Sei­ten­zweig des his­to­ri­schen Romans. Über Gene­ra­tio­nen hin­weg lässt sich die Wir­kung poli­ti­scher Macht und wirt­schaft­li­cher Umstän­de auf eine über­schau­ba­re Grup­pe von Men­schen nach­wei­sen. Geschich­te wird als schlüs­si­ges Sys­tem defi­niert, in dem Gesetz­mä­ßig­kei­ten wal­ten, die das Vor­an­schrei­ten der Zeit unter das Dog­ma der Zwangs­läu­fig­keit stel­len. Gene­ra­tio­nen bil­den Seil­schaf­ten, eng mit­ein­an­der ver­bun­den, auf Gedeih und Ver­derb. Mit Gedeih hat es Yara Lee nicht so sehr, des­halb hält sie sich nicht an die Spiel­re­geln des han­dels­üb­li­chen Fami­li­en­ro­mans. Dabei erstreckt sich die erzähl­te Zeit ihres Roman­de­büts Als ob man sich auf hoher See befän­de über drei Gene­ra­tio­nen. Nur wis­sen die kaum etwas von­ein­an­der. Jeder Ein­zel­ne ein Sin­gu­lär, den kein Fami­li­en­ge­fü­ge trägt und der kei­nen Rück­halt in der Geschich­te fin­det. Wenn kei­ner weiß, wo er zu ver­or­ten ist, bedarf es einer Erzähl­in­stanz, die jene Ver­bin­dun­gen her­stellt, die den Figu­ren selbst ver­bor­gen blei­ben.

Par­al­lel­ge­schich­ten

Nach dem Geschichts­bild von Yara Lee ver­bie­tet es sich, sich chro­no­lo­gisch vor­an­zu­ar­bei­ten. Drei Gene­ra­tio­nen, drei Kap­sel­ge­schich­ten, so sieht das Modell aus, nach dem sie vor­geht. Leli­us, gebo­ren in den Vier­zi­ger­jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts, flüch­tet als Jugend­li­cher vor sei­nen Eltern, die vor­wie­gend mit sich selbst beschäf­tigt sind, aus Ame­ri­ka nach Frank­reich, wo er Est­re­la ken­nen­lernt. Sie bil­den die ers­te Gene­ra­ti­on, aus der Ulys­ses her­vor­geht. Ulys­ses lernt Angio­li­na ken­nen, sie haben Mar­la als Kind. Mar­la begeg­net James, viel­leicht darf man von der gro­ßen Lie­be spre­chen, bis zur Tren­nung jeden­falls. So viel Chro­no­lo­gie muss sein. Die löst Yara Lee auf, indem sie von Kapi­tel zu Kapi­tel die Per­spek­ti­ve ändert. So ent­ste­hen Par­al­lel­ge­schich­ten, die sich über Zeit­räu­me hin­weg ver­glei­chen las­sen. Es geht nicht um das Nach­ein­an­der, son­dern um den inne­ren Kern von Men­schen, was sie antreibt, hemmt und am Leben hält. Das macht Leli­us, Ulys­ses und Mar­la, die so gar nichts von­ein­an­der wis­sen, zu Per­sön­lich­kei­ten mit indi­vi­du­el­ler Aus­strah­lung und ähn­li­cher see­li­scher Ver­fas­sung. „Die Ver­gan­gen­heit sei unüber­sicht­lich, Ver­gan­gen­heit habe sie noch nie so recht ver­stan­den“, heißt es von Est­re­la, was als Mot­to über die­sem Buch ste­hen könn­te. Geschich­te als ein Pro­zess, der Men­schen in die Gewalt nimmt, bleibt aus­ge­spart.

Glücks­su­che

Nicht die gro­ße Geschich­te, wie in Fami­li­en­ro­ma­nen üblich, bricht über die drei her­ein und ver­än­dert sie nach­hal­tig, sie alle sind über das Motiv der Glücks­su­che mit­ein­an­der ver­bun­den. Und die­ses Glück hängt vom Was­ser ab. Mar­la steht in einem Moment, da sich ihr Leben ver­kom­pli­ziert hat, „am Gelän­der einer Brü­cke und schaut hin­un­ter ins Was­ser, denn das gibt ihr, wie wir bereits wis­sen, das meis­te Glück.“ Das erfährt der Leser am Ende, ist aber nicht über­rascht, weil er sie schon zu Beginn als eine ken­nen­lernt, die oft am Was­ser steht, „das gibt ihr das meis­te Glück.“ Glück und Was­ser gehö­ren zusam­men. Wenn Leli­us sein Glück sucht, ist er ange­wie­sen auf ein Schiff, das ihn aus den USA nach Euro­pa bringt. „Das Meer kann hyp­no­ti­sie­ren“, heißt es ein­mal. Für die Figu­ren des Romans trifft das gewiss zu, die alle unter dem Ein­druck des Mee­res ste­hen.

Nei­gung zur Refle­xi­on

In die­sem Roman ist nichts far­big aus­ge­malt, es fin­det sich kaum schmü­cken­des Bei­werk, von einem pral­len Leben, das Leser so gern loben, wenn sie auf Figu­ren sto­ßen, die sie inten­siv an ihrem Leben teil­ha­ben las­sen, fin­den wir bei Yara Lee gar nichts. Nie hat sie vor, ein Pan­ora­ma vor­zu­füh­ren, das Fül­le sug­ge­riert. Aus einem Lebens­gan­zen schnei­det sie klei­ne Seg­men­te her­aus, die für sich ste­hen, etwas über die jewei­li­ge Per­son aus­sa­gen und fremd wir­ken. Das liegt am sprach­li­chen Zugriff der Autorin, die zu Refle­xi­on neigt und dem Sprach­den­ken eini­ges abzu­ge­win­nen ver­mag. Knapp­heit ist das Prin­zip, Ein­fühl­sam­keit bleibt vor­sätz­lich auf der Stre­cke. Von Alex­an­der Klu­ge ken­nen wir denk­wür­di­ge Epi­so­den, her­aus­ge­schnit­ten aus dem Geschichts­gan­zen, die Mit­tei­lung leis­ten über das Poten­zi­al des Men­schen in trü­ben Zei­ten. Yara Lees Roman besteht aus klei­nen Erzähl­ein­hei­ten, die für sich ste­hen kön­nen und zusam­men noch kein abge­schlos­se­nes Gan­zes, aber eine Medi­ta­ti­on über das Glücks­stre­ben der Men­schen erge­ben.

An Yara Lee haben wir eine Ein­zel­gän­ge­rin. Sie macht ihr Ding, das reicht ihr. Sie schwimmt nicht mit dem Strom, sie bil­det, um beim Motiv Was­ser zu blei­ben, ihre eige­ne klei­ne Quel­le aus. Das will etwas hei­ßen!

 

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Anton Thus­wald­ner, gebo­ren 1956, arbei­tet als Lite­ra­tur­kri­ti­ker für die Salz­bur­ger Nach­rich­ten.

Yara Lee: Als ob man sich auf hoher See befän­de
Roman. Resi­denz, Salz­burg 2018.
192 Sei­ten, € 22 (D) / € 22 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2018 – 29. Juni 2018

Online seit: 14. Mai 2019

Online seit: 14. Mai 2019

Zuletzt geän­dert: 14. Mai 2019