Fünf Gedichte

Von Vere­na Gott­hardt. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil 113
Verena Gotthardt © Sima Prodinger

Vere­na Gott­hardt. Foto: Sima Pro­din­ger


klei­ne Din­ge

1

mit dem Wind ist es so.
ich mag ihn manch­mal nicht,
weil er mir alles,
was ich vor mich wer­fe
wie­der zurück und dann damit
ins Gesicht schlägt.
an einem Tag, der mich dar­an erin­nert,
wie mein Groß­va­ter
vor dem höl­zer­nen Gar­ten­zaun steht
und ins Gebüsch den Namen
mei­ner Groß­mutter ruft,
sie sol­le da jetzt bit­te raus­kom­men und ins Haus,
raschelt es.
mei­ne Groß­mutter kommt aus dem Grü­nen her­vor.
schö­ner als jede Blu­me,
die da wächst
kommt mit klei­nen Schrit­ten und
trägt einen schwe­ren Korb voll Quit­ten.
sehe zum ers­ten Mal,
was eine Quit­te und,
dass sie in die­sem Gar­ten wächst.
rie­chen soll ich dar­an.
sie sagt es mit ihren hel­len Augen.
hält mir die Frucht – die­sel­be,
die in drei Wochen
schon wie­der ver­fault sein wird,
ganz knapp vor mei­ne Nase.

2

müde und
das Gefühl,
dass der Asphalt
jetzt erst abzu­küh­len beginnt

mei­ne Füße wund getre­ten
vor einem Jahr schon
an einem hit­zi­gen Tag
oder
wie sich die Spit­ze
eines klei­nen Kie­sel­steins
in die Haut der Fer­se bohrt

und dort sofort ein­schläft

 

3

dann ging wie­der der Wind.
und zwar so stark,
wie schon lan­ge nicht mehr.
so stark,
dass er mich an den frü­hen Herbst erin­ner­te,
so wie jetzt,
wo es recht früh schon dun­kel
und die­se Dun­kel­heit
wie eine Krank­heit plötz­lich da steht
vor Einem oder man selbst davor oder dar­in,
ich will sagen,
dass mein Kopf aus dem Zug­fens­ter rag­te,
wie immer und ich schon
an der Ort­schaft vor­bei gewe­sen sein muss.
die mit den hohen Bäu­men und dem Feld.
ich ken­ne den Namen nicht,
obwohl ich mir jedes Mal fest vor­neh­me
den Namen der Ort­schaft oder mir den Wald zu mer­ken,
um hier­her zurück­zu­keh­ren.
an einen Ort an dem ich nur vor­bei­ge­fah­ren,
ja,
von dem ich,
wären mei­ne Augen geschlos­sen gewe­sen,
gar nichts wüss­te

4

drau­ßen das Wei­ße
wie es lose von da oben fällt und
wir hier unten
haben ganz laut
und mit star­ker Stim­me
gesun­gen,
dass das Herz trau­rig,
zer­ris­sen
oder
will auf­hö­ren zu schla­gen

5

in ihm sagt es:
ich glau­be, es hät­te gereicht,
wenn es an die­sem Tag nicht gereg­net hät­te.
wenn der Wind ein wenig schwä­cher geweht
und die Wol­ken ein wenig nied­ri­ger gestan­den wären.
es hät­te voll­kom­men gereicht.
oder,
wenn ich in der Nacht zuvor
ein wenig bes­ser geschla­fen hät­te.
wenn sich der drah­ti­ge Feder­kern
der Matrat­ze die­ses eine Mal nicht so stark
in die Haut neben die Rip­pen­ge­gend gebohrt
und mich aus­ru­hen hät­te las­sen.
gereicht hät­te es,
wenn sie mit dem Fin­ger gezuckt
oder sich eine Wim­per aus­ge­ris­sen und nach mir gewor­fen hät­te.
es hät­te mit gro­ßer Gewiss­heit gereicht
und ich glau­be,
ich hät­te an die­sem Tag,
anstel­le mich aus dem Bett zu erhe­ben,
im Schlaf umge­dreht und ich wäre geblie­ben.

6

aus den Augen
im Nebel ver­sun­ken,
schaue hin­aus,
befeh­le dem Baum
vor dem Fens­ter,
er soll ja blü­hen
im Früh­ling.

* * *

Schnee­schmel­ze

gera­de schmilzt noch der Schnee/
oben
legt Feld und Wur­zeln in der Nacht frei
legt sich in Erde

gera­de schmilzt er noch dahin
das Wei­ße /
die Raben
ver­lie­ren /
ver­le­gen eine Schicht
das Schwar­ze glüht
gera­de noch gefro­ren /
wie die Augen schrump­fen
bit­te­re Win­ter­äp­fel
ver­ges­sen am Feld und
wie der Schnee schmilzt

jetzt
beißt wer hin­ein

ver­zo­ge­ne Haut /
gera­de noch das Hel­le
vom Asphalt genom­men
abge­kratzt /
den Win­ter
ein­ge­rollt

da zischt der Mor­gen schon das Grün aus

* * *

still und fremd

auf dir trägst du
ein Schat­ten­ge­sicht /
eines, das aus der Nacht
kommt

still und fremd ist’s gewor­den

lässt ver­ges­se­ne Wun­den hei­len /
still und fremd
fun­kelt dort am Weg­rand
ein Kie­sel­stein /
sieht aus wie die Lun­ge /
atmet durch

der Ort, an dem sich
der Som­mer nie­der­ge­legt hat/
der Ort, an dem wir jung
zurück­ge­blie­ben

und

aus der Kind­heit gefal­len /
still und fremd
gewor­den /
kön­nen jetzt nur noch den Zei­ten win­ken

* * *

tiho in tuje

znan obraz v temi
in tako, kot se bi
iz noči vrni­lo,
to kar nas peče
v spo­mi­nu

tiho in tuje je

kon­č­no
se poza­blje­ne rane
v tihem celi­jo
in poz­ne­je še človek

tiho in tuje
se blešči
meh­ka svet­lo­ba
na kon­cu poto­van­ja

glej, črna pljuča
se oddah­ne­jo

očišče­na so

in tukaj
vse spet kot pole­ti
preras­li smo otroške dneve

zdaj
času maha­mo

* * *

poči­van­je rib

mor­je z valo­vi
než­no boža ribe

voda
z nji­mi govo­ri

pod­ne­bi
pod beli­mi žar­ki
njih oči
srka­jo blis­ke vode

utru­je­na roka maha toku,
se še zadnjič pos­lo­vi

ko ribe poči­va­jo
zač­ne podo­ba
črni­ti bese­de

jih skri­va
vid­no na papir

* * *

* * *

Vere­na Gott­hardt, gebo­ren 1996 in Kla­gen­furt. Sie stu­dier­te Bil­den­de Kunst und Foto­gra­fie an der Uni­ver­si­tät für ange­wand­te Kunst in Wien und an der ENSAPC in Cergy/Paris. 2022 schloss sie ihr Stu­di­um erfolg­reich ab und erhielt für ihre künst­le­ri­sche Diplom­ar­beit „der längs­te Tag. Win­ter­gold­kel­chen brü­tet“ den Aner­ken­nungs­preis der Stadt Wien. Sie schreibt Lyrik und Kurz­pro­sa in deut­scher und slo­we­ni­scher Spra­che. Ihr ers­ter Gedicht­band in slo­we­ni­scher Spra­che erschien 2013 im Her­ma­goras Ver­lag mit dem Titel Naj­de­ni nič/Gefundenes Nichts. 2017 folg­te ihr Kurz­ge­schich­ten­band her­aus­ge­hen, auch bei Her­ma­goras. 2021 wur­de sie mit ihrem Text „die jüngs­te Zeit“ für den Bach­mann­preis nomi­niert. Ihre Tex­te erschei­nen in ver­schie­de­nen Zeit­schrif­ten, wie die Lite­ra­ri­sche Welt, Salz, Unke, all­men­de, Reib­ei­sen, Lich­tun­gen, die Brü­cke, Nedel­ja, Mla­di­ka und Rast­je. Ihr neu­er Gedicht­band lass mir die Ahnung von ges­tern erscheint im Früh­jahr 2023 im Ver­lag Biblio­thek der Pro­vinz.

* * *

Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt der IG Autorin­nen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeit­schrift VOLLTEXT. Jeden Frei­tag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue lite­ra­ri­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung eines öster­rei­chi­schen Autors oder einer öster­rei­chi­schen Autorin. Initi­iert wur­de die Rei­he 2021 von Claus Phil­ipp, Ger­hard Ruiss und Tho­mas Keul als Bene­fiz­ak­ti­on zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se, seit Früh­jahr 2022 wird sie als Bei­trag der IG Autorin­nen Autoren und der Stadt Wien in der Zeit­schrift VOLLTEXT für den Gast­land­auf­tritt Öster­reichs auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se 2023 fort­ge­setzt. Die kom­plet­te Rei­he kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abge­ru­fen wer­den.

Online seit: 14. April 2023

Zuletzt geän­dert: 26. Juli 2023