Die afrikanistische Präsenz

Ein Essay von Nor­bert Gst­rein

Some­ti­mes I feel the need to reaf­firm all of it, the who­le unhap­py ter­ri­to­ry and all the things loved and unlo­va­ble in it, for all of it is part of me.
Ralph Elli­son, Invi­si­ble Man

Die Idee, einen Schwar­zen, von dem nicht gesagt wird, dass er schwarz ist, ja, von dem die meis­ten Leser wohl anneh­men, er sei weiß, oder sich die Fra­ge, ob schwarz oder weiß, gar nicht erst stel­len, bevor sie am Ende dar­auf gesto­ßen wer­den, zu einer der Haupt­fi­gu­ren mei­nes Romans Vier Tage, drei Näch­te zu machen, ist mir beim Lesen von Toni Mor­ri­sons Essay „Beun­ru­hi­gen­de Kran­ken­schwes­tern und die Freund­lich­keit der Haie“ gekom­men, abge­druckt in dem Band Im Dun­keln spie­len. Dar­in bezieht sie sich auf eine Figur in Heming­ways Roman Haben und Nicht­ha­ben, einen Mann, zur Besat­zung eines Fisch­fang­boo­tes gehö­rig, von dem sie mit der größ­ten Selbst­ver­ständ­lich­keit schreibt, er sei weiß, und als Begrün­dung für die­se Fest­stel­lung nur angibt: „… und das wis­sen wir, weil nie­mand es erwähnt.“ Gleich­zei­tig bean­stan­det sie, dass ein ande­res Besat­zungs­mit­glied als „Nig­ger„1 ein­ge­führt wird, „mit all sei­nen Impli­ka­tio­nen von Haut­far­be und Kas­te“, ohne dass man über die­se Figur jemals viel dar­über hin­aus erfüh­re, weil damit ohne­hin alles klar ist.

Toni Morrison © John Mathew Smith

Toni Mor­ri­son. Foto John Mathew Smith.
CC BY-SA 2.0

Haben und Nicht­ha­ben ist im Ori­gi­nal bereits 1937 erschie­nen, in deut­scher Über­set­zung erst 1951, aber weil die all­zu deut­li­chen Vor­au­san­nah­men, wenn wir einer Figur in einem Roman zum ers­ten Mal begeg­nen, immer noch zu oft alten Mus­tern fol­gen, hat mich das dazu gebracht, damit zu spie­len. Mein ein­zi­ges Bedau­ern dabei ist, dass die Erkennt­nis, was wir alles schon zu wis­sen glau­ben und wie sehr wir von fes­ten Erwar­tun­gen aus­ge­hen, bis es dann doch viel­leicht ganz anders kommt, kei­ne Über­ra­schung mehr sein kann, wenn das Geheim­nis erst ein­mal gelüf­tet ist. Jeden­falls bin ich so zu der „afri­ka­ni­schen“ oder viel­mehr „afri­ka­nis­ti­schen Prä­senz“ in mei­nem Roman gelangt, um noch ein Wort von Toni Mor­ri­son auf­zu­grei­fen.

Doch auch der vie­le Schnee, den es in die­sem Roman noch ver­schwen­de­ri­scher gibt als in mei­nen ande­ren Büchern, ist in gewis­ser Wei­se ihr geschul­det und ihrer Beob­ach­tung in einem ande­ren Essay des­sel­ben Ban­des, „Vom Schat­ten schwär­men“, dass ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler wenigs­tens einer bestimm­ten Epo­che die Nei­gung hät­ten, in „Dar­stel­lun­gen eines undurch­dring­li­chen Weiß“ zu flüch­ten, kaum dass sie ein­mal ein biss­chen Schwarz zuge­las­sen haben, Aus­weich­be­we­gun­gen, „die in der ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur immer dann auf­tau­chen, wenn eine afri­ka­nis­ti­sche Prä­senz im Spiel ist“, gera­de­so, als wäre sonst die Bedro­hung, die Unru­he, viel­leicht sogar das schie­re Leben, das davon aus­geht, nicht zu ertra­gen. Ob das sta­tis­tisch auch wirk­lich halt­bar ist, kann ich nicht beur­tei­len, aber ich habe mir alle Mühe gege­ben, dass Toni Mor­ri­sons Befund auch auf mich zutrifft, und ihn gleich­zei­tig auf den Kopf gestellt und regel­recht geschwelgt in Weiß, aller­dings nicht als Reak­ti­on auf den Auf­tritt eines Schwar­zen, son­dern als Vor­ankün­di­gung, als eine Art Tep­pich, den ich ihm damit aus­le­ge.

Auf die Spit­ze getrie­ben wird das in dem Bild eines schwar­zen Bul­len, der in einem frü­hen August­schnee steht. Dahin­ter ver­birgt sich eine Kind­heits­er­in­ne­rung mei­nes Erzäh­lers, der dar­auf sowohl mit Eupho­rie als auch mit Panik reagiert. Ange­sichts sei­nes unauf­hör­li­chen Schwär­mens für den Schnee muss er sich von sei­nem Freund sagen las­sen: „Hast du dich nie gefragt, was du eigent­lich damit zum Aus­druck brin­gen willst, wenn du voll Inbrunst sagst, es gebe nichts Schö­ne­res für dich, als wenn die gan­ze Welt weiß sei?“, was an ande­rer Stel­le zu fol­gen­dem Dia­log führt:

‚Schnee im August?‘

‚Den gibt es dort, wo ich her­kom­me.‘

‚Schnee auf dem Kili­man­dscha­ro?‘

‚Auch den gibt es oder hat es zumin­dest gege­ben.‘

‚Schnee an den Ufern des Nils?‘

‚Ich weiß nicht.‘

‚Schnee in der Höl­le?‘

‚Da muss ich end­gül­tig pas­sen‘, sag­te ich lachend. ‚Aber du weißt, für mich könn­te als Defi­ni­ti­on für sie durch­ge­hen, dass es in ihr kei­nen Schnee gibt …‘ “

Die­ser Freund, das ist der Hin­ter­grund, hat einen ame­ri­ka­ni­schen Vater, und ohne dass ein Leser das am Anfang ent­schlüs­seln könn­te, fin­det sich außer Hin­wei­sen wie die­sem klei­nen Gespräch, was es bedeu­te, wenn die gan­ze Welt weiß sei, die ein­zi­ge „Mar­kie­rung“ in sei­nem Namen. Er heißt eigent­lich Karl, nach sei­nem über alles gelieb­ten deut­schen Groß­va­ter von der Mut­ter­sei­te, schreibt sich jedoch mit „C“, seit er als Acht­jäh­ri­ger bei den Leicht­ath­le­tik-Welt­meis­ter­schaf­ten in Stutt­gart Carl Lewis lau­fen gese­hen hat. Das ist der Hin­weis auf sein Anders­sein, sofern es da über­haupt Sinn ergibt, von Anders­sein zu spre­chen.

Der drit­te Essay in Toni Mor­ri­sons Band, „Schwar­ze Ange­le­gen­hei­ten“, han­delt von der Kon­struk­ti­on einer ame­ri­ka­ni­schen Per­so­na als Wei­ßer in der ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur, die dafür den Schwar­zen braucht, sei es als „afri­ka­nis­ti­sche Prä­senz“, sei es in sei­ner beschwie­ge­nen Abwe­sen­heit. Der Schwar­ze hat dem­nach die Funk­ti­on, den Wei­ßen über­haupt erst weiß zu machen. Er dient „bis heu­te die­sem Zweck“, wie es in einem ande­ren Essay von ihr heißt, „die wei­ße Unter­schicht aus der Wahr­neh­mung zu ver­drän­gen, die Nati­on und die Gesell­schaft dadurch zu homo­ge­ni­sie­ren und die wah­ren sozi­al­po­li­ti­schen Kon­flikt­li­ni­en unkennt­lich zu machen“, weil selbst Wei­ße ganz unten sich damit zufrie­den­stel­len las­sen, dass es immer jeman­den gibt, der noch wei­ter unten ist oder jeden­falls zu sein scheint als sie. Der Wei­ße ist weiß, weil er nicht schwarz ist, so ein­fach stellt sich die Rech­nung dar, von der viel zu lan­ge über­se­hen wur­de, dass sie nicht auf­geht, und er kann sei­ne Frei­heit und Indi­vi­dua­li­tät und Männ­lich­keit und alle ande­ren ame­ri­ka­ni­schen Idea­le beson­ders tri­um­phal vor einer mög­lichst namen­lo­sen, gesichts­lo­sen und geknech­te­ten Mas­se fei­ern, die ihm allein durch ihre Exis­tenz sei­ne Grö­ße beschei­nigt.

Noch wei­ter gegan­gen in die­sem Ant­ago­nis­mus ist Frank B. Wil­der­son III. In sei­nem Buch Afro­pes­si­mis­mus schreibt er, die Wei­ßen brauch­ten die Schwar­zen, um sich ihres eige­nen Mensch­seins zu ver­ge­wis­sern. „Natür­lich kann der Mensch sagen: Ich weiß, dass ich auf der Ebe­ne der Iden­ti­tät am Leben bin, weil ich Spa­nisch oder Fran­zö­sisch oder Eng­lisch spre­che, weil ich hete­ro­se­xu­ell oder homo­se­xu­ell bin oder weil ich reich bin oder zur Mit­tel­schicht gehö­re“, heißt es dar­in etwa. „Um jedoch sagen zu kön­nen, dass ich auf einer para­dig­ma­ti­schen Ebe­ne lebe, dass ich wirk­lich und wahr­haf­tig ein Mensch bin und nicht das ande­re … das kann nur in jenem Maße gewähr­leis­tet wer­den, in dem man sagen kann: Ich bin nicht Schwarz.“

Zustim­men wird man dem nicht ein­fach so wol­len, aber soll­te doch etwas dran sein, wäre der Gedan­ke, dass es in den USA vor­her einen schwar­zen Prä­si­den­ten gebraucht hat, um mög­lich zu machen, was dar­auf folg­te, der sich in Ta-Nehi­si Coa­tes‘ Essay­band We Were Eight Years in Power fin­det, gar nicht mehr so abgrün­dig, son­dern eine Bana­li­tät: „Es ist, als hät­te sich der Stamm der Wei­ßen zusam­men­ge­fun­den, um zu demons­trie­ren: Wenn ein schwar­zer Mann Prä­si­dent wer­den kann, dann kann auch jeder belie­bi­ge wei­ße Mann – egal wie ver­kom­men – Prä­si­dent wer­den.“ Denn das hie­ße, dass die Wei­ßen fort­an nicht ein­mal mehr nach dem Bes­ten unter ihnen suchen müss­ten, weil jeder genüg­te, und es hat nicht lan­ge gedau­ert, bis sich die­se Pro­phe­zei­ung erfüllt hat, im Gegen­teil, es ist gleich bei der aller­ers­ten Gele­gen­heit gesche­hen.

Nun bin ich kein Ame­ri­ka­ner und auch kein ame­ri­ka­ni­scher Schrift­stel­ler, selbst wenn ich manch­mal damit koket­tie­re, es könn­te einer an mir ver­lo­ren­ge­gan­gen sein, aber weil es in mei­nen letz­ten Roma­nen ame­ri­ka­ni­sche Schau­plät­ze und jeweils einen ame­ri­ka­ni­schen Strang der erzähl­ten Geschich­te gibt, wun­dert es mich nicht, dass sich auch mir die Fra­ge einer mög­li­chen „afri­ka­nis­ti­schen Prä­senz“ immer deut­li­cher gestellt hat, die ich dann zu einer „afri­ka­ni­schen Prä­senz“ machen woll­te. Es gibt schwar­ze Figu­ren in die­sen Roma­nen, wenn anfangs auch noch ganz an den Rän­dern, und ein ein­zi­ges Mal sol­che, die auch als schwarz beschrie­ben wer­den. Ansons­ten habe ich dar­auf ver­traut, dass sich das aus den Umstän­den erschließt und sie nicht über die Haut­far­be cha­rak­te­ri­siert, weil mir gera­de das als pro­ble­ma­tisch erschie­nen wäre, aber ich fra­ge mich, ob ich mich unter dem Blick von Toni Mor­ri­son anders ent­schie­den hät­te, die in ihrem Essay „Das unaus­ge­spro­che­ne Unaus­sprech­li­che: Die afro­ame­ri­ka­ni­sche Prä­senz in der ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur“ schreibt: „Wenn ich die ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur betrach­te, den­ke ich unwill­kür­lich, dass die Fra­ge nie hät­te lau­ten sol­len: ‚War­um kom­me ich, eine Afro­ame­ri­ka­ne­rin, dar­in nicht vor?‘ Das ist eine ohne­hin nicht beson­ders inter­es­san­te Fra­ge. Die weit inter­es­san­te­re lau­tet: ‚Wel­che intel­lek­tu­el­len Anstren­gun­gen haben der Autor oder sein Kri­ti­ker unter­nom­men, um mich aus einer Gesell­schaft zu löschen, in der es von Men­schen wie mir wim­melt, und wie hat sich das auf die­ses Buch aus­ge­wirkt?‘ “

Habe ich intel­lek­tu­el­le Anstren­gun­gen unter­nom­men, die einer sol­chen Aus­lö­schung zuar­bei­ten? Ich glau­be nicht, eher ist es, unschön genug, „struk­tu­rell“ zu erklä­ren und aus einer para­do­xen Mischung aus Nach­läs­sig­keit und Vor­sicht und einem all­zu selbst­ver­ständ­li­chen Nicht­zu­stän­dig­keits­den­ken gesche­hen, dass ich mich so lan­ge dar­an erst gar nicht her­an­ge­wagt habe. Doch plötz­lich sehe ich allent­hal­ben schwar­ze Figu­ren in mei­nen Roma­nen, von denen ich mir nicht einen Augen­blick über­legt habe, dass sie schwarz sein könn­ten, und die ich, hät­te ich mir das über­legt, wahr­schein­lich trotz­dem nicht als schwarz bezeich­net hät­te.

Wie könn­te es in Die kom­men­den Jah­re bei einer Grup­pe von inter­na­tio­na­len Wis­sen­schaft­lern, die sich zu einem Kon­gress in New York tref­fen und als Gla­zio­lo­gen zuge­ge­ben ganz schön viel sym­bo­li­sches Weiß reprä­sen­tie­ren, auch anders sein, als dass ein paar von ihnen schwarz sind, aber in der Indi­vi­dua­li­sie­rung bin ich für mei­ne Erzäh­lung mit einem Wis­sen­schaft­ler jugo­sla­wi­scher Abstam­mung und einer Wis­sen­schaft­le­rin mexi­ka­ni­scher Abstam­mung aus­ge­kom­men und hät­te es als zu gewollt emp­fun­den, hät­te ich einen von den ande­ren auch noch expli­zit schwarz gemacht. Zudem steht im Zen­trum des Romans eine syri­sche Flücht­lings­fa­mi­lie, mit deren Kate­go­ri­sie­rung, ob weiß oder schwarz oder was auch immer dazwi­schen, ich gar nicht erst begin­nen woll­te, weil ich sol­che Far­ben­spie­le lie­ber ande­ren über­las­se. Und es gibt das Haus eines Indus­tri­el­len nörd­lich von New York, in das die Wis­sen­schaft­ler für ein Wochen­en­de ein­ge­la­den sind und von dem es heißt, dass von sei­nen Bediens­te­ten alle bis auf einen schwarz sind. Das zu bemer­ken scheint mir von Bedeu­tung, weil in die­ser Bemer­kung weni­ger ein Kli­schee als eine Kri­tik an den immer noch herr­schen­den Zustän­den steckt, und es ist kein Zufall, dass der Erzäh­ler von dem Haus sagt, er hät­te es „eher in den Süd­staa­ten erwar­tet“: „Zwei­stö­ckig, weiß und ganz aus Holz, mit einer rund­um lau­fen­den Veran­da und aus­la­den­den Bal­ko­nen, hat­te es etwas von einem gestran­de­ten und dann in einer Mam­mut­an­stren­gung über Land geschlepp­ten Mis­sis­sip­pi-Damp­fer“, und natür­lich könn­te es in die­sem Ver­gleich nicht irgend­ein x‑beliebiger Damp­fer sein.

Auch unter den Air-Base-Leu­ten, die in Als ich jung war für eine Feri­en­wo­che aus Che­yenne nach Jack­son, Wyo­ming, kom­men, sind wahr­schein­lich Schwar­ze, aber sie sind bis auf einen nicht indi­vi­dua­li­siert und tre­ten nur als Grup­pe auf, und ich hät­te schon in dem She­riff oder dem Hilfs­she­riff des Städt­chens mit sei­ner über­wie­gend wei­ßen Ein­woh­ner­schaft einen Schwar­zen haben müs­sen, aber der ist japa­ni­scher Abstam­mung, weil mir das die Gele­gen­heit gebo­ten hat, in einem Satz zu erzäh­len, sei­ne Groß­el­tern sei­en als Japa­ner wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs in einem Camp nörd­lich von Cody inter­niert gewe­sen. Was ist mit der Grup­pe von Schnee­mo­bil-Ver­rück­ten, die ihr eige­nes Wochen­en­de haben und allein durch die Art ihrer Tätig­keit viel Weiß für sich in Anspruch neh­men: Gibt es unter ihnen Schwar­ze? Nicht weit von Jack­son liegt das Wind-River-Reser­vat, das immer wie­der das Ziel von Betrun­ke­nen ist, von denen es unheil­voll heißt, dass sie nach Mit­ter­nacht „auf die Idee kamen, den India­nern einen Besuch abzu­stat­ten, wie sie sag­ten“, weil die Phan­ta­sien nicht aus­zu­rot­ten sind, „dass dort auf den ver­las­se­nen Stra­ßen zwi­schen den ver­streu­ten Häu­sern und Trai­lern Mäd­chen aus den ärms­ten Fami­li­en für ein But­ter­brot zu haben waren“. Abge­se­hen davon, dass auch die nicht weiß sind, will man sich unter den unlieb­sa­men nächt­li­chen Besu­chern Schwar­ze vor­stel­len? Ich weiß es nicht, doch ich hät­te viel­leicht in dem Fah­rer des Lei­chen­wa­gens bzw. des zum Lei­chen­wa­gen umfunk­tio­nier­ten Pick-ups, der auf die­sem Gefährt eine Lei­che von Jack­son, Wyo­ming, nach Seat­tle trans­por­tiert, einen Schwar­zen haben kön­nen, hät­te mir damit aber wohl nur den Vor­wurf eines Kli­schees ein­ge­han­delt. Oder ich hät­te es mit einem der bei­den Heming­way-Loo­ka­li­kes ver­sucht, die der Erzäh­ler auf einer Schnee­schuh­wan­de­rung in die Wild­nis führt, und hät­te mit die­ser Idee bei einer sehr woken Gemein­de womög­lich Anklang gefun­den, wäre damit jedoch nicht über einen bil­li­gen Kla­mauk und eine Par­odie hin­aus­ge­kom­men.

Schließ­lich ist auch das Film­team an der mexi­ka­nisch-ame­ri­ka­ni­schen Gren­ze in El Paso in Der zwei­te Jakob ohne Zwei­fel gar nicht denk­bar ohne Schwar­ze, aber ich hat­te schon genug mit mei­nen Mexi­ka­nern und mei­nen Mexi­ka­ne­rin­nen zu tun und hät­te die Her­vor­he­bung von einem von ihnen als schwarz, wenn es sich nicht auf­ge­drängt hät­te, als all­zu geschmei­di­ge Erwar­tungs- und viel­leicht sogar Quo­ten­er­fül­lung gese­hen, weil es natür­lich auch kei­ne Her­vor­he­bung von ande­ren als weiß gibt und es schon Grün­de für eine sol­che Her­vor­he­bung braucht.

In dem Roman kommt eine Tote am Stra­ßen­rand irgend­wo in der Wüs­te von New Mexi­co vor, und zwi­schen dem Erzäh­ler und sei­nem Freund Ste­phen ent­spinnt sich ein unan­ge­neh­mes, klei­nes Gespräch über ihren Namen. Sie heißt Cali­sa Cole, und die­se Infor­ma­ti­on allein soll genug sein für die Fra­ge, ob sie schwarz gewe­sen sein könn­te. Ein Leser kann das natür­lich nicht wis­sen, aber für mei­ne Pri­vat­my­tho­lo­gie war es beim Schrei­ben der Stel­le von eini­ger Wich­tig­keit, dass ich in der Wirk­lich­keit ein­mal eine Frau die­ses Namens gekannt habe, die weiß war, so dass ich vor mir selbst gar nicht in den Ver­dacht kom­men konn­te, ich däch­te viel­leicht ähn­lich ver­quer wie Ste­phen, der es par­tout wis­sen will, nach­dem der Erzäh­ler ihn zur Rede stellt:

„ ‚War­um soll­te sie schwarz gewe­sen sein?‘

‚Na ja“, sag­te er. ‚Wer heißt Cali­sa Cole?‘

‚Sie war weiß wie …‘

Mir fiel kein pas­sen­der Ver­gleich ein, aber ich hät­te am liebs­ten gesagt: ‚Sie war weiß wie Schei­ße‘, weil ich eine sol­che Fra­ge von Ste­phen nicht erwar­tet hät­te.

‚Ich muss es wis­sen‘, sag­te ich statt­des­sen nur. ‚Ich habe ihr lan­ge genug ins Gesicht gese­hen. Das Wort dafür ist ‚lei­chen­blass‘, wenn du ver­stehst, was ich mei­ne. Außer­dem ändert es nichts an unse­rem Pro­blem. Eine Tote ist eine Tote, neh­me ich an, egal, wel­ches Leben und wel­che Haut­far­be sie gehabt hat.‘ “

In einer Ver­fil­mung wäre es anders, man wür­de bei einer Grup­pe gar nicht umhin­kom­men, ihre ein­zel­nen Mit­glie­der auch nach äuße­ren Kri­te­ri­en zu beset­zen, aber in der Lite­ra­tur kann vie­les unbe­stimmt blei­ben, und jede Cha­rak­te­ri­sie­rung einer Figur soll­te impli­zit eine Recht­fer­ti­gung für die­se Cha­rak­te­ri­sie­rung mit­ent­hal­ten. Anders gesagt, in einem Film sieht man, ob dar­in Schwar­ze vor­kom­men oder nicht, in einem Buch kön­nen sie vor­kom­men, ohne dass es gesagt wird, und es gilt vor allem unse­re Phan­ta­sie zu schu­len, dass wir am Ende so weit sind, nicht mit auto­ma­ti­schen Fest­le­gun­gen zu reagie­ren, wo es die­se Fest­le­gun­gen nicht gibt, also nicht per se schon anzu­neh­men, eine Figur sei weiß, nur weil nichts wei­ter über sie gesagt wird, sie sei hete­ro­se­xu­ell, sie sei ent­we­der ein Mann oder eine Frau und nicht irgend­ein Drit­tes, und mei­net­we­gen auch nicht, sie sei ein Mensch und nicht eine Maschi­ne, die nur so tut, als wäre sie einer.

Aus­re­den, Zurecht­erklä­run­gen und womög­lich der fal­sche Stolz auf die eige­ne Far­ben­blind­heit oder auch nur auf die eige­ne ver­meint­li­che Far­ben­blind­heit, der man nicht so leicht trau­en soll­te und gegen die Toni Mor­ri­son sich in ihren Essays an meh­re­ren Stel­len ver­wahrt, die sie aber dann doch an einer ande­ren Stel­le als Mög­lich­keit in der Lite­ra­tur sieht?

Wei­ße Ted­dy­bä­ren, die ich beim Her­um­blät­tern in mei­nen Roma­nen fin­de, ein wei­ßer Ted­dy­bär, der aus­ge­rech­net den Namen eines ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten trägt, ein ande­rer in XXL-Grö­ße in der Kam­mer einer wahr­schein­lich schwar­zen Pro­sti­tu­ier­ten in Ams­ter­dam, das Edel­weiß­ab­zei­chen eines staat­lich geprüf­ten Ski­leh­rers, ein Bild­band mit Foto­gra­fien von Schnee­flo­cken, hier „ein rosi­ges Jun­gen­ge­sicht mit blon­den, wie gefros­te­ten Här­chen auf den Wan­gen“, dort ein Mäd­chen mit einem „Hus­ky-Blick, eisig und starr“, das natür­lich auch blond ist und zu allem Über­fluss „Flo­cke“ genannt wird, und Schnee, Schnee, Schnee, wohin man auch blickt, oder die Sehn­sucht nach Schnee, wenn es irgend­wo ein­mal kei­nen gibt.

Ein paar Sät­ze wie­der von Toni Mor­ri­son: „Eine far­ben­blin­de, ras­sen­neu­tra­le Umge­bung sehe ich weder vor­aus, noch will ich sie. Die Zeit dafür war das neun­zehn­te Jahr­hun­dert“, schreibt sie an einer Stel­le, und an einer ande­ren: „Ich fand schon immer, dass die­sel­ben Leu­te, die eine Ras­sen­hier­ar­chie erfun­den haben, als sie ihnen nütz­lich war, nicht die­je­ni­gen sein soll­ten, die die­ses Kon­zept jetzt, da es ihnen nicht mehr zweck­dien­lich erscheint, weg­er­klä­ren.“ Und an einer wie­der ande­ren: „Ver­schärft wird die Situa­ti­on dadurch, dass Gesprä­che über ‚Ras­se‘ angst­be­setzt sind – dies umso mehr, als es als ange­mes­sen, libe­ral, ja groß­her­zig gilt, die eth­ni­sche Zuge­hö­rig­keit zu igno­rie­ren … Folgt man die­ser Logik, spricht jeder wohl­erzo­ge­ne Instinkt gegen das Regis­trie­ren der Dif­fe­renz und ver­hin­dert eine erwach­se­ne Debat­te.“

Wohin also mit der eige­nen Far­ben­blind­heit oder ver­meint­li­chen Far­ben­blind­heit oder auch nur dem Wunsch nach ihr, die Ta-Nehi­si Coa­tes in sei­nen Essays im übri­gen mehr­fach bei Barack Oba­ma fest­stellt, von dem er sagt, er habe sich insze­niert als „das Sym­bol einer Gesell­schaft, die die denk­fau­len Ein­tei­lun­gen in Ras­sen hin­ter sich gelas­sen hat“, und den er bei aller Bewun­de­rung kri­ti­siert „für sein Behar­ren auf ‚far­ben­blin­der Poli­tik‘ und für sei­ne Nei­gung, Schwar­zen wegen ihrer angeb­li­chen Defi­zi­te die Levi­ten zu lesen“? Sich aus­ge­rech­net bei dem grund­sätz­lich nie nach einem Aus­gleich suchen­den Frank B. Wil­der­son III nach einer Ant­wort oder viel­leicht auch nur nach Exkul­pa­ti­on umse­hen, der schreibt: „Kurz­um, das Bewuss­te eines radi­ka­len Men­schen sagt: ‚Ich sehe Far­be nicht‘, wäh­rend das Unbe­wuss­te ’sagt‘ (und zwar in For­men, die aufs Sel­tens­te les­bar sind): ‚Ich lebe in Angst vor einem Schwar­zen Pla­ne­ten‘ “? Oder doch noch ein­mal Toni Mor­ri­son hin­zu­zie­hen, die nach dem Lesen von J.M. Coet­ze­es Leben und Zeit des Micha­el K. ihren eige­nen Plä­doy­ers gegen Far­ben­blind­heit zu wider­spre­chen scheint?
„Ich bin nicht allein damit, dass ich mich auf ‚Ras­se‘ als Nicht-Signi­fi­kan­ten kon­zen­trie­re“, schreibt sie. „John Coet­zee hat das … ziem­lich gekonnt gemacht. In die­sem Buch tref­fen wir augen­blick­lich Annah­men, aus­ge­hend davon, dass es in Süd­afri­ka spielt, dass die Haupt­fi­gur ein armer Lohn‑, manch­mal auch Wan­der­ar­bei­ter ist; dass die Leu­te in aller Regel vor ihm zurück­schre­cken. Aber er hat eine schlim­me Hasen­schar­te, die viel­leicht der Grund für sein Pech ist. Nir­gend­wo in dem Buch wird Micha­els Ras­se erwähnt. Als Leser neh­men wir etwas an, oder wir tun es nicht. Was, wenn wir die unsicht­ba­re Tin­te in dem Buch läsen und fest­stell­ten, dass es anders ist – wenn wir es als Drangsa­le eines armen wei­ßen Süd­afri­ka­ners läsen (die Legi­on sind)?“

Natür­lich kann einem das Unbe­wuss­te jeden Streich spie­len, und viel­leicht soll­te man beson­ders vor­sich­tig sein, wenn einem das eige­ne Bewusst­sein signa­li­siert, man sei auf der siche­ren Sei­te, aber war­um nicht bei­des, solan­ge man nicht mehr weiß, „eine erwach­se­ne Debat­te“, bei der über „Ras­se“ nicht eben­so ver­schämt wie unbe­hag­lich geschwie­gen wird, und trotz­dem „ ‚Ras­se‘ als Nicht-Signi­fi­kant“? Denn selbst wenn man dem Gespräch gern aus­wi­che, muss dann ja doch dar­über gespro­chen wer­den, spä­tes­tens wenn ande­re es zum Pro­blem machen. Man kommt mit sei­ner eige­nen Far­ben­blind­heit oder auch nur sei­ner eige­nen ver­meint­li­chen Far­ben­blind­heit nur so lan­ge durch, bis man es mit Leu­ten zu tun hat, die nicht bloß Far­ben sehen, son­dern dar­auf bestehen, Far­ben zu sehen und einen Unter­schied zu machen, ob in kämp­fe­ri­scher, ob in wohl­wol­len­der, wohl­mei­nen­der oder auch nur gön­ner­haf­ter, ob in ras­sis­ti­scher Absicht, wobei die Gren­zen zwi­schen dem, was das eine ist und was das ande­re, nicht immer ganz klar ver­lau­fen.

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Bei dem vor­lie­gen­den Text han­delt es sich um den Anfang eines Essays, der im Früh­jahr 2023 in dem Band Mehr als nur ein Frem­der bei Han­ser erschei­nen wird.

1) Die N‑Wörter sind aus den Ori­gi­nal­tex­ten bzw. aus den Über­set­zun­gen der Ori­gi­nal­tex­te zitiert.

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Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt erschie­nen die Roma­ne Als ich jung war (Han­ser, 2019), Der zwei­te Jakob (Han­ser, 2021) und Vier Tage, drei Näch­te (Han­ser, 2022).

Online seit: 6. Sep­tem­ber 2022

Zuletzt geän­dert: 7. Sep. 2022