Germanistischer Triathlon

Klaus Zey­rin­ger und Hel­mut Goll­ner legen eine umfang­rei­che Geschich­te der öster­rei­chi­schen Lite­ra­tur vor. Von Danie­la Stri­gl

Eine Geschich­te der öster­rei­chi­schen Lite­ra­tur ent­hält die Behaup­tung, dass es eine sol­che gibt.“ Mit die­ser eben­so läs­si­gen wie leicht genervt anmu­ten­den Bemer­kung beginnt Klaus Zey­rin­ger sei­nen Marsch durch die Jahr­hun­der­te, um des Wei­te­ren auf aus­führ­li­che Recht­fer­ti­gun­gen zu ver­zich­ten. Die his­to­risch und sozio­kul­tu­rell beding­te Eigen­art soll in den fol­gen­den 800 Sei­ten zur Evi­denz gelan­gen. Was sie auch tut – die Ver­le­gen­heit, öster­rei­chi­sche Lite­ra­tur-Phä­no­me­ne in deut­schen Epo­chen­schub­la­den unter­zu­brin­gen, wird mate­ri­al­reich illus­triert: War Grill­par­zer ein spä­ter „Klas­si­ker“? Gab es, von Len­au abge­se­hen, eine öster­rei­chi­sche Roman­tik? War Anzen­gru­ber ein Natu­ra­list, ehe der Natu­ra­lis­mus erfun­den wur­de? Und gab es den über­haupt in Öster­reich? Dass die lite­ra­ri­schen Beson­der­hei­ten der Wei­ma­rer Repu­blik nicht auf die öster­rei­chi­schen Ver­hält­nis­se über­trag­bar sind, macht die Lek­tü­re des Kapi­tels „Ers­te Repu­blik und Aus­tro­fa­schis­mus“ son­nen­klar. Die Bedeu­tung der Gegen­re­for­ma­ti­on wie des Habs­bur­gi­schen Viel­völ­ker­staats und sei­nes geis­ti­gen Hall­raums für die Lite­ra­tur bis in die Gegen­wart erschließt sich eben­so ein­leuch­tend wie die nach­hal­tig frucht­ba­re Tra­di­ti­on von Pre­di­ger-Furor und Sprach­spiel und wider­bors­ti­ger Komik.

Lite­r­ar­his­to­ri­sches Meis­ter­stück

Über die Gret­chen­fra­ge nach „dem Öster­rei­chi­schen“ ist tat­säch­lich lan­ge genug gestrit­ten wor­den; in jüngs­ter Zeit hat man sich zu prag­ma­ti­schen Lösun­gen durch­ge­run­gen: Nach Wyn­frid Krie­g­le­ders Kur­zer Geschich­te der Lite­ra­tur in Öster­reich (2011) vom Mit­tel­al­ter bis heu­te legt das Autoren­duo Zeyringer/Gollner nun sein lite­r­ar­his­to­ri­sches Meis­ter­stück vor. Klaus Zey­rin­ger ver­ant­wor­tet, begin­nend mit dem Barock, den Haupt­teil, wäh­rend Hel­mut Goll­ner Por­traits wich­ti­ger Autoren von Fer­di­nand Rai­mund bis Ernst Jandl bei­steu­ert.

Die Initi­al­zün­dung für die­ses Buch geht auf ein Unter­neh­men des ver­stor­be­nen Spi­ri­tus Rec­tor der öster­rei­chi­schen Ger­ma­nis­tik, Wen­de­lin Schmidt-Deng­ler, zurück. Heu­te über­haupt das Pro­jekt einer natio­na­len Lite­ra­tur­ge­schichts­schrei­bung anzu­ge­hen, erfor­dert ja Mut und her­ku­li­sche Bemü­hung. Cle­mens Ruth­ner sprach in einer Bespre­chung gen­der­mä­ßig super­kor­rekt vom „Tri­ath­lon für Literaturwissenschaftler/innen“, von der „Iron (Wo)Man-Disziplin aus Lesen, Ord­nen und Schrei­ben“: Betrach­tet man die in den letz­ten Jah­ren und Jahr­zehn­ten erschie­ne­nen Wer­ke, stellt sich frei­lich die Fra­ge, ob Lite­ra­tur­ge­schichts­schrei­bung nicht doch männ­lich ist. For­sche­rin­nen schei­nen sich für die ewig­keits­re­sis­ten­te Zurüs­tung wenig zu inter­es­sie­ren.

Die Ver­le­gen­heit, öster­rei­chi­sche Lite­ra­tur-Phä­no­me­ne in deut­schen Epo­chen­schub­la­den unter­zu­brin­gen, wird mate­ri­al­reich illus­triert.

Dass die Geschich­te hier nicht mit dem Erz­pre­di­ger Abra­ham a Sanc­ta Cla­ra beginnt, son­dern mit dem Fräu­lein Catha­ri­na Regi­na von Greif­fen­berg und des­sen Geist­li­chen Son­net­ten (sic), ist sicht­lich Pro­gramm. Zey­rin­ger rückt aber nicht nur bis­her im Schat­ten ihrer Kol­le­gen ste­hen­de Autorin­nen ins rech­te Licht, son­dern auch wenig bekann­te Vor­märz­dich­ter, wie die revo­lu­tio­när gesinn­ten Alfred Meiß­ner und Moritz Hart­mann, und er bie­tet ech­te Ent­de­ckun­gen wie Joseph Rank (1816–1896) und Leo­pold Kom­pert (1822–1886), die Ver­fas­ser von Dorf- und Ghet­to­ge­schich­ten, oder Adolph von Tscha­busch­nigg und sei­nen Zeit­ro­man Die Indus­tri­el­len (1854). Die gro­ßen Namen feh­len des­halb natür­lich nicht, aber Zey­rin­ger bekennt sich dazu, dass eine Lite­ra­tur­ge­schich­te schrei­ben immer auch heißt, einen bestehen­den Kanon zu revi­die­ren und auf einen neu­en hin­zu­ar­bei­ten.

„Ein gezähm­te­res Wesen als ein öster­rei­chi­scher Autor hat gewiß nie­mals exis­tiert“ befand Karl Postl ali­as Charles Seals­field, der expa­tri­ier­te Chro­nist des Met­ter­nich-Regimes. Mit der Geschich­te die­ser eben nicht voll­ends gelun­ge­nen Zäh­mung ver­fol­gen die Autoren den roten Faden durchs „unent­deck­te Öster­reich“ (Karl-Mar­kus Gauß) der Rebel­len und Außen­sei­ter. Dazu gehört, dass sie auch die tsche­chi­sche, kroa­ti­sche und die slo­we­ni­sche Lite­ra­tur auf öster­rei­chi­schem Boden, von Ivan Can­kar bis zu Maja Hader­lap, zumin­dest kur­so­risch berück­sich­ti­gen.

Die Autoren ver­leug­nen ihren poli­ti­schen Stand­punkt also nicht, den man, so man die poli­ti­schen Rich­tungs­be­grif­fe links und rechts ver­mei­den möch­te, fort­schritt­lich-repu­bli­ka­nisch nen­nen mag. Es geht ihnen um die Wür­di­gung eman­zi­pa­to­ri­scher Bestre­bun­gen und um eine Revi­si­on der har­mo­ni­e­süch­ti­gen Öster­reich-ideo­lo­gie der Nach­kriegs­jah­re, wobei sie hie und da übers Ziel hin­aus­schie­ßen: Die Tür­ken­ge­fahr des 17. Jahr­hun­derts braucht kei­ne Anfüh­rungs­zei­chen, sie war, gera­de für das gemei­ne Volk, eine rea­le, Leib und Leben betref­fen­de, und kei­ne ein­ge­bil­de­te.

Schwarz­gel­be Zuord­nung

Die neu­er­dings in Mode gekom­me­ne vor­neh­me Zurück­hal­tung bezüg­lich der rot­weiß­ro­ten, bes­ser: schwarz­gel­ben Zuord­nung von Ril­ke, Kaf­ka, Celan oder Canet­ti pfle­gen Zeyringer/Gollner hin­ge­gen nicht. Bei den kaka­nisch Ver­wur­zel­ten zählt für sie ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht der Pass, son­dern die kul­tu­rel­le Iden­ti­tät und Selbst­ver­or­tung. (Wes­halb Elfrie­de Jeli­nek zwar „Öster­reichs ein­zi­ge Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin“ (Goll­ner) ist, aber doch in Eli­as Canet­ti einen wür­di­gen Kol­le­gen hat.)

Pierre Bour­dieus sozio­lo­gi­sche Theo­rie des lite­ra­ri­schen Fel­des scheint durch Zey­rin­gers Pan­ora­ma und bedingt wohl sein beson­de­res Inter­es­se für das, was man heu­te Lite­ra­tur­be­trieb nennt. Prä­zis ver­folgt er Kar­rie­ren und per­sön­li­che Kon­stel­la­tio­nen, bes­tens infor­miert stellt er inter­tex­tu­el­le Bezü­ge her, ent­schlüs­selt Anspie­lun­gen und refe­riert Skan­da­le und Feh­den. Bour­dieu light also, gott­lob, nir­gends wird der Stoff zum Anschau­ungs­ma­te­ri­al der Theo­rie degra­diert.

„Ein gezähm­te­res Wesen als ein öster­rei­chi­scher Autor hat gewiß nie­mals exis­tiert.“

Schließ­lich liegt das Wesen einer Lite­ra­tur­ge­schich­te dar­in, dass man sie erzählt – die­se Selbst­ver­ständ­lich­keit ist bei­den Ver­fas­sern offen­sicht­lich ein Anlie­gen, dem sie mit Ver­gnü­gen frö­nen. Cha­rak­ter­köp­fe wer­den gezeich­net, Situa­tio­nen aus­ge­schmückt, Anek­do­ten zum Bes­ten gege­ben, ein Buch nicht bloß zum Nach­schla­gen, son­dern zum Schmö­kern. Gera­de ihre Detail­fül­le macht den Reiz der Lite­ra­tur­ge­schich­te aus, auch geizt sie nicht mit lite­ra­ri­schen Zita­ten. Klaus Zey­rin­ger spielt dabei den seriö­se­ren Part, bemüht sich um wis­sen­schaft­li­che Distanz, ver­teilt aller­dings den­noch etwas will­kür­lich poin­tier­te lite­ra­tur­kri­ti­sche Wer­tun­gen, nament­lich bei Wer­ken jün­ge­ren Datums, was wie­der­um dem Lese­ver­gnü­gen nicht abträg­lich ist. Wo er nur dür­re Wor­te fin­det, darf man im Zwei­fel auf eine hand­fes­te Anti­pa­thie schlie­ßen.

Essay­is­ti­sche Wag­hal­sig­keit

Hel­mut Goll­ner treibt in sei­nen Unter­su­chun­gen ad per­so­nam die essay­is­ti­sche Wag­hal­sig­keit lust­voll auf die Spit­ze. Er küm­mert sich spe­zi­ell um das Lie­bes­le­ben der Her­ren Dich­ter und dekla­riert sich offen als Par­tei, wobei die Pole­mik als Waf­fe in der Hand des Lite­r­ar­his­to­ri­kers (eine auf einen VOLLTEXT-Arti­kel zurück­ge­hen­de Abrech­nung mit dem spä­ten Hand­ke) doch befrem­det: Sie ist eher Keu­le denn Flo­rett. Ande­res wie­der­um ist nicht bös gemeint, klingt aber so. Zum Bei­spiel: „Jeli­nek ist Men­schen­fein­din“. Sieht man ein­mal davon ab, dass es nicht stimmt: Sol­che Apo­dik­tik scheint in einer Lite­ra­tur­ge­schich­te fehl am Platz. Aber sie passt halt gut in Goll­ners Behaup­tung eines natio­nal aus­ge­bil­de­ten „Post-“ und zuletzt gar „Anti­hu­ma­nis­mus“, die er in sei­nem Epi­log über den Faust-Mythos in der öster­rei­chi­schen Lite­ra­tur über­zeu­gend exem­pli­fi­ziert. Bei den Schul­klas­si­kern Grill­par­zer, Stif­ter und Rai­mund ver­sucht Goll­ner vor allem eine Ehren­ret­tung – aus Lie­be. Sein Bemü­hen, hier den Kathe­der­staub von Jahr­hun­der­ten weg­zu­bla­sen, fruch­tet, nicht zuletzt dank so man­chem For­mu­lie­rungs­tref­fer; so ist zum Bei­spiel Stif­ter „ein dicker Frosch­kö­nig, der, unge­küsst, sei­ne Ver­wand­lung nur in sei­nen Büchern schaff­te“.

Die Hier­ar­chie der Autoren und Autorin­nen, wie sie sich in dem ihnen jeweils zuge­bil­lig­ten Raum abbil­det, ist nicht immer nach­voll­zieh­bar, und natür­lich ver­misst man dort am ehes­ten etwas, wo man sich aus­kennt. Schön also zum Bei­spiel, dass Robert Men­as­se zwei­ein­halb Sei­ten bekom­men hat, Dani­el Kehl­mann drei­ein­halb, Tho­mas Gla­vi­nic immer­hin eine und Eve­lyn Schlag gleich vier – aber darf man Mar­len Haus­ho­fer dann mit einer hal­ben Sei­te abspei­sen? Die Roman­au­to­rin Mar­ti­na Wied, von Eve­ly­ne Polt-Heinzl jüngst mit Vehe­menz in den Kanon der Zwi­schen­kriegs­zeit rekla­miert (Öster­rei­chi­sche Lite­ra­tur zwi­schen den Krie­gen, 2012), wird nur ein­mal bei­läu­fig erwähnt. Und wie konn­te es pas­sie­ren, dass Zey­rin­ger (wie übri­gens auch Krie­g­le­der) auf eine pro­fi­lier­te Autorin wie Olga Flor ver­ges­sen hat, die dum­mer­wei­se jetzt auch noch den Wild­gans-Preis zuge­spro­chen bekam? Nur recht und bil­lig erscheint hin­ge­gen die Auf­nah­me der Kaba­rett-Sprach­künst­ler Georg Kreis­ler und Josef Hader.

Wyn­frid Krie­g­le­der hat sei­nem Werk gleich­sam das Amu­lett eines Aper­çus umge­hängt: „Wer aus einem Buch abschreibt, begeht ein Pla­gi­at, wer aus zehn Büchern abschreibt, ver­fasst eine wis­sen­schaft­li­che Arbeit, wer aus hun­dert Büchern abschreibt, ver­fasst eine Lite­ra­tur­ge­schich­te.“ Klaus Zey­rin­ger und Hel­mut Goll­ner haben ein­drucks­voll bewie­sen, dass nach dem Abschrei­ben die eigent­li­che Arbeit erst beginnt.

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Danie­la Stri­gl, gebo­ren 1964, lebt als Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Kri­ti­ke­rin in Wien. 2001 wur­de sie mit dem Öster­rei­chi­schen Staats­preis für Lite­ra­tur­kri­tik aus­ge­zeich­net, im Früh­jahr die­ses Jah­res wur­de ihr der Alfred-Kerr-Preis ver­lie­hen. Zuletzt erschie­nen die von ihr besorg­te Aus­ga­be der Wer­ke von Wal­ter Bucheb­ner ich die eule von wien (Edi­ti­on Ate­lier, 2012) und der Band Der Dich­ter und sein Ger­ma­nist. In Memo­ri­am Wen­de­lin Schmidt-Deng­ler (Hg. gemein­sam mit Ste­fan Kurz und Micha­el Rohr­was­ser, new aca­de­mic press, 2013).

Klaus Zey­rin­ger, Hel­mut Goll­ner: Eine Lite­ra­tur­ge­schich­te: Öster­reich seit 1650.
Stu­di­en­ver­lag, Inns­bruck – Wien – Bozen 2012.
840 Sei­ten, € 39,90 (D) / € 39,90 (A).

Quel­le: VOLLTEXT 2/2013

Online seit: 22. Febru­ar 2022

Online seit: 22. Febru­ar 2022

Zuletzt geän­dert: 23. Feb. 2022