Fragebogen: Andreas Breitenstein

Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Das, was immer schon not tat – die Hege und Pfle­ge des lite­ra­ri­schen Fel­des: Das Über­ra­gen­de erken­nen, das Neue för­dern, das Gute bewirt­schaf­ten, das Mit­tel­mä­ßi­ge ein­däm­men und das Schlech­te „ver­arz­ten“, so es denn sym­pto­ma­tisch oder ästhe­tisch inter­es­sant ist. Dies alles auf der Basis einer ste­reo­sko­pi­schen Kunst von Empa­thie und Ein­füh­lung, Abs­trak­ti­on und Argu­ment. Nach wie vor begrei­fe ich die „schö­nen Küns­te“ und mit ihnen die Lite­ra­tur als Hort rei­ni­gen­der Erin­ne­rung, als Schau­platz poli­tisch-sozia­ler Selbst­re­fle­xi­on, als Ver­suchs­sta­ti­on uto­pi­schen Welt­auf­gangs sowie als Refu­gi­um inner­welt­li­cher Tran­szen­denz. Inso­fern Lite­ra­tur gesell­schaft­lich rele­vant ist, ist auch Lite­ra­tur­kri­tik gesell­schaft­lich rele­vant.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Die Aus­brei­tung schnel­ler, nicht lite­ra­tur­af­fi­ner elek­tro­ni­scher Medi­en und die dar­aus resul­tie­ren­de Zer­streu­ung. Der Zer­fall der Bil­dung und der bür­ger­li­chen Lese­kul­tur. Die Auf­wei­chung der Maß­stä­be durch die Ver­nach­läs­si­gung des Intel­lek­tu­el­len und die Infla­ti­on des Popu­lä­ren. Der Gel­tungs­ver­lust des lite­ra­ri­schen Fel­des und damit ver­bun­den die Ver­schlech­te­rung der sozio-öko­no­mi­schen Situa­ti­on (Platz, Hono­ra­re, Publi­kum, Auf­merk­sam­keit). Eine pani­sche lite­ra­ri­sche Über­pro­duk­ti­on. Ein sich aus dem gan­zen Ver­lust­zu­sam­men­hang erge­ben­der sys­te­mi­scher Kon­for­mis­mus.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ker?
Mei­ne lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung läuft immer im Hin­ter­grund mit – wie ein Betriebs­sys­tem. Mit­un­ter ist man in Situa­tio­nen gestellt, in denen man den eige­nen Lite­ra­tur­be­griff hin­ter­fra­gen muss. Es gibt kei­ne bevor­zug­te Theo­rie, eher ein Theo­rie­kon­glo­me­rat. Erlaubt ist, was über­zeu­gend funk­tio­niert.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Mich über­zeu­gen Kri­ti­ken, die Herz und Kopf, Nähe und Distanz, Ori­gi­na­li­tät und Sprach­kraft, Scharf­sinn und Mut, Tie­fe und Witz ver­ei­nen. Es muss eine Radi­ka­li­tät im Text drin ste­cken. Der idea­le Kri­ti­ker ist eine Art Medi­um – sei­ne Tex­te müs­sen dicht beim Leser blei­ben und sich zugleich dem Kunst­werk annä­hern, ohne selbst Kunst sein zu wol­len. Die wirk­lich Gro­ßen besit­zen eine eige­ne, unver­wech­sel­ba­re Stim­me. Unter den Toten fal­len mir Karl Kraus und Ador­no, Rein­hard Baum­gart und Hans Egon Hol­thusen, Jean Amé­ry, W.G. Sebald, Gün­ter Blö­cker und vie­le hoch­ge­schätz­te Ger­ma­nis­ten ein. Unter den Leben­den gibt es zahl­rei­che Namen – zu vie­le, um sie hier auf­zu­zäh­len und dabei nicht jemand wich­ti­gen zu ver­ges­sen. Per­sön­li­che Weg­wei­ser waren für mich der Ger­ma­nist Wolf­gang Bin­der, Bea­tri­ce und Peter von Matt, Mar­tin Mey­er, Karl-Mar­kus Gauß und Ilma Rakusa.

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen? Wie vie­le haben Sie gele­sen?
Das lässt sich nicht quan­ti­fi­zie­ren. Ich sel­ber bin nie auf die Idee gekom­men, die von mir gele­se­nen Bücher zu zäh­len. Gene­rell gilt: Je tie­fer die Lese­er­fah­rung und je brei­ter der Lese­ho­ri­zont, des­to grö­ße­re lite­ra­tur­kri­ti­sche Echo­räu­me öff­nen sich. Unab­ding­bar für die Schär­fung des Urteils scheint mir für heu­ti­ge Kri­ti­ker die Kennt­nis zeit­ge­nös­si­scher Welt­li­te­ra­tur. Der deutsch­spra­chi­ge Raum neigt mei­ner Ansicht nach zu Nabel­schau und Selbst­ge­nüg­sam­keit. Dabei bie­ten geo­gra­fi­sche Rand­ge­bie­te oft Erstaun­li­ches.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
30 bis 40, neben der Tages­fron in den Müh­len der Redak­ti­on.

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Ich habe als puber­tie­ren­der Jüng­ling tat­säch­lich Her­mann Hes­se ver­schlun­gen, dann Max Frisch und Tho­mas Mann (vor allem in Hin­sicht auf das Kunst-Leben-Pro­blem) sowie Sci­ence-Fic­tion und Phi­lo­so­phi­sches. Spä­ter habe ich, um auf alle Fäl­le zu wis­sen, was man wis­sen muss, gan­ze Phi­lo­so­phie- und Lite­ra­tur­ge­schich­ten durch­ge­ackert. Mei­ne moder­nen Klas­si­ker sind: Ker­té­sz und Kiš, Andrić und Tiš­ma, Nabo­kov und Bunin, Milosz und Witt­lin, Gustafs­son und Ester­há­zy, Kaf­ka und Robert Wal­ser, M. Ble­cher und Bru­no Schulz, Musil und Joseph Roth, Tra­kl und Ril­ke, Lebert und Bern­hard, Bau­de­lai­re und Ramuz, Flau­bert und Camus, Bola­ño und Gar­cia Már­quez. Unter den Leben­den bewun­de­re ich Enzens­ber­ger und Hand­ke, Nor­bert Gst­rein und Mar­tin Pol­lack, Arno Gei­ger und Chris­toph Rans­mayr, Teré­zia Mora und Ser­hij Zha­dan, Adam Zaga­jew­ski und Andrzej Sta­si­uk, David Alba­ha­ri und Mil­jen­ko Jer­go­vić, Alek­sand­ar Hemon und Dže­vad Karaha­san, Péter Nádas und László Kraszn­ahor­kai, Ismail Kada­re und Mir­cea Car­ta­res­cu, Geor­gi Gos­po­di­nov und Orhan Pamuk, Atti­la Bar­tis und Bora Ćosić, Julia Kis­si­na und Han­na Krall, Per Olov Enquist und Tomas Espe­dal, Chi­co Buar­que, Vale­ria Lui­sel­li, Héc­tor Abad, Mario Var­gas Llosa. Und und und. Lei­der sind mei­ne Kennt­nis­se des angel­säch­si­schen Raums sträf­lich unter­ent­wi­ckelt.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Nicht viel – man­gels Zeit. Ger­ne wür­de ich mich mehr in (inter­na­tio­na­len) lite­ra­ri­schen und intel­lek­tu­el­len Zeit­schrif­ten umtun. Lust hät­te ich auf die Lek­tü­re zeit­ge­nös­si­scher Geschichts­li­te­ra­tur, wo Emi­nen­tes geleis­tet wird. Und natür­lich gäbe es unend­lich vie­le Lücken zu fül­len, was lite­ra­ri­sche Klas­si­ker betrifft.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ker je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Nicht wirk­lich, ich war bei allen Emo­tio­nen immer sehr ana­ly­tisch und argu­men­ta­tiv. Wenn ich etwas bereue, dann, mich mit­un­ter im Ton ver­grif­fen zu haben. Man ist heu­te nicht mehr der lite­ra­tur­kri­ti­sche Heiß­sporn, der man ein­mal war. Kampf­lus­tig bin ich immer vor allem da gewor­den, wo Lite­ra­tur in Ideo­lo­gie kippt. Noch immer fin­de ich es wich­tig, ab und zu einen exem­pla­ri­schen Ver­riss zu schrei­ben – das schärft das Urteil, beglau­bigt das Lob und beför­dert die Psy­cho­hy­gie­ne. Letzt­lich aber kommt es auf die ein­zel­ne Stim­me nicht so an: die Lite­ra­tur­kri­tik ins­ge­samt ist ein Chor, in dem sich die Unter­schie­de bereits kurz­fris­tig, beson­ders aber auf die lan­ge Dau­er aus­glei­chen.

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Andre­as Brei­ten­stein, gebo­ren 1961 in Zürich, ist Lite­ra­tur­re­dak­teur der Neu­en Zür­cher Zei­tung. Für sei­ne lite­ra­tur­kri­ti­schen Arbei­ten wur­de er kürz­lich mit dem Alfred-Kerr-Preis 2017 aus­ge­zeich­net.

Quel­le: VOLLTEXT 1/2017

Online seit:
22. Juni 2017

Online seit: 22. Juni 2017

Zuletzt geän­dert: 23. Juni 2017