Wirklichkeitsbewältigung als literarisches Programm

Beob­ach­tun­gen und Über­le­gun­gen zur aktu­el­len Buch­kri­tik. Von Felix Phil­ipp Ingold

Nach­dem Felix Phil­ipp Ingold vor zwei Jah­ren (in VOLLTEXT 3/2014) die lite­ra­tur­kri­ti­sche Urteils­bil­dung und Urteils­be­grün­dung der Kla­gen­fur­ter Jury im Detail gewür­digt hat, unter­nimmt er nun den wei­ter aus­grei­fen­den Ver­such, den Sta­tus der deutsch­spra­chi­gen Buch­kri­tik mit Blick auf ihre Metho­den, ihre Begriff­lich­keit, ihre Prä­fe­ren­zen und Abnei­gun­gen vor Augen zu füh­ren. Sei­ne Dar­stel­lung lässt erken­nen, wie eng inzwi­schen die wech­sel­sei­ti­ge Ver­net­zung von Rezen­sen­ten, Wer­be­tex­tern, Lek­to­ren, Juro­ren und – auch – Autoren gewor­den ist.

I

Unter den viel­fäl­ti­gen inter­na­tio­na­len Ange­bo­ten des Kul­tur­ma­ga­zins perlentaucher.de, das monat­lich eine Mil­li­on bis andert­halb Mil­lio­nen Mal ange­klickt wird, stößt die Pres­se­über­sicht „Bücher­schau des Tages“ auf beson­de­re Auf­merk­sam­keit. Die Rubrik bie­tet indi­rek­te Ein­sicht in die jeweils aktu­el­le deutsch­spra­chi­ge Buch­kri­tik aus den Berei­chen Bel­le­tris­tik und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, aber auch, in gerin­ge­rem Umfang, aus Poli­tik und Öko­no­mie. Die in ihrer Art sin­gu­lä­re Dar­bie­tungs­form setzt sich zusam­men aus einem redak­tio­nel­len Teaser zum täg­li­chen Rezen­si­ons­ge­sche­hen, aus dem Abdruck der Klap­pen- oder Vor­schau­t­ex­te zu den bespro­che­nen Wer­ken sowie aus knap­pen Zusam­men­fas­sun­gen der dies­be­züg­li­chen Rezen­sio­nen aus acht über­re­gio­na­len Tages- und Wochen­zei­tun­gen. Zu ein­zel­nen Neu­erschei­nun­gen wird von Ver­lags­sei­te zusätz­lich eine Lese­pro­be ange­bo­ten.

Sechs­mal wöchent­lich legt perlentaucher.de mit­hin ein buch­kri­ti­sches Mul­ti­pack vor, das die rasche und sum­ma­ri­sche Kennt­nis­nah­me der fort­lau­fen­den Ver­lags­pro­duk­ti­on unter diver­sen Gesichts­punk­ten ermög­licht. Der redak­tio­nel­le Vor­spruch lie­fert dazu gleich­sam den Kam­mer­ton. Hier wer­den vor­ab die Zei­tun­gen genannt, die mit beson­ders lesens­wer­ten Bespre­chun­gen zur „Bücher­schau des Tages“ bei­tra­gen: Die Zeit „jubelt“, die taz „ist begeis­tert“, die FAZ „ist beein­druckt“, die SZ „lässt sich ver­zau­bern“, die FR „amü­siert sich“ usf. – so als bestün­de die Buch­kri­tik aus lau­ter Belo­bi­gun­gen, wäre per­ma­nent enthu­si­as­miert  und wür­de kol­lek­tiv von den Redak­tio­nen abge­fasst. Die kri­ti­sche Tätig­keit der Rezen­sen­ten wird sol­cher­art gleich schon mal auf die Schwund­stu­fe blo­ßer Akkla­ma­ti­on her­ab­ge­dimmt.

Die eben­falls vor­an­ge­stell­ten Wer­be­tex­te geben durch markt­kon­for­me Prä­sen­ta­ti­on des Autors und sei­ner Neu­erschei­nung eine will­kür­lich von Ver­lags­sei­te bewerk­stel­lig­te Lek­tü­re­per­spek­ti­ve vor, und sie lie­fern damit auch, für Rezen­sen­ten wie für Buch­händ­le­rin­nen und Leser, einen ers­ten Zugang zum jeweils vor­lie­gen­den Werk. Der Autor als Per­son bekommt dabei deut­lich mehr Beach­tung als sein Werk. Was in ers­ter Linie zählt, sind die „zahl­rei­chen“ Prei­se, Sti­pen­di­en, Ehren­ga­ben oder Stadt­schrei­ber­pos­ten, die er vor­zu­wei­sen hat. Gern wer­den auch die „zahl­rei­chen“ Rei­sen ange­führt, die ihm angeb­lich den Stoff für sei­ne Schreib­ar­beit lie­fern. Dass der Autor längst nicht mehr – wie noch zur Zeit des Nou­veau Roman und der Kon­kre­ten Poe­sie – hin­ter das Werk zurück­tritt, es viel­mehr hin­ter sich selbst als Per­son und als Image zurück­tre­ten lässt, ist aus der Ver­lags­wer­bung weit­hin bekannt. Das künst­lich geschön­te Autoren­por­trait (inzwi­schen eine eigen­stän­di­ge Spar­te der Pho­to­gra­phie) hat stär­ke­ren Appell­cha­rak­ter als der Werk­ti­tel und der Buch­um­schlag: Gekauft wird der „neue Hou­el­le­becq“, der „neue McE­wan“, die „neue Zeh“, der „neue Kracht“ − der jewei­li­ge Text kommt (gewis­ser­ma­ßen) hin­ter­her und bleibt (bekann­ter­ma­ßen) oft­mals unge­le­sen, und dies gera­de auch dann, wenn es sich um einen Best­sel­ler han­delt.

In den nach­fol­gen­den Abs­tracts wer­den die Bespre­chun­gen des Tages stark ver­kürzt – auf rund einem Dut­zend Zei­len – in zumeist neu­tra­ler Dik­ti­on wie­der­ge­ge­ben. In jedem Fall wird dabei der Ver­fas­ser der Rezen­si­on nament­lich genannt und des­sen Schluss­fol­ge­rung – das kri­ti­sche „Urteil“ – her­aus­ge­stellt. Die Zusam­men­fas­sun­gen beschrän­ken sich in aller Regel auf die Nen­nung von sub­jek­ti­ven Beob­ach­tun­gen, Behaup­tun­gen und Bewer­tun­gen der Buch­kri­ti­ker, der­weil argu­men­ta­ti­ve Annä­he­run­gen an die bespro­che­nen Tex­te unbe­rück­sich­tigt blei­ben.
Inwie­weit die Abs­tracts den Vor­la­gen gerecht wer­den, mag von Fall zu Fall unter­schied­lich sein. Ins­ge­samt sind sie neu­tral gehal­ten. Argu­men­te, Behaup­tun­gen, Mei­nungs­äu­ße­run­gen der Rezen­sen­ten wer­den in aller Regel eben­so objek­tiv rap­por­tiert wie deren posi­ti­ve oder nega­ti­ve Schluss­fol­ge­run­gen – in jedem Fall erfährt man, ob sich der Kri­ti­ker, die Kri­ti­ke­rin über das bespro­che­ne Buch „gefreut“, „geär­gert“, „beklagt“ hat, ob es bei ihm „Jubel“, „Ent­zü­cken“, „Betrof­fen­heit“ oder nur ein­fach „Gäh­nen“ aus­ge­löst hat – als gin­ge es beim Rezen­sie­ren um momen­ta­ne Impres­sio­nen und pri­va­te Befind­lich­kei­ten. Doch dem Inter­es­se derer, die auf die „Bücher­schau des Tages“ zugrei­fen, scheint dies durch­aus zu genü­gen – nur ein­fach zu wis­sen, ob der rezen­sen­ti­sche Dau­men nach oben oder nach unten zeigt.

Die gekürz­ten Bespre­chun­gen mögen als gene­rel­le Ori­en­tie­rungs­hil­fe von Nut­zen sein, kön­nen aber weder den bespro­che­nen Wer­ken noch deren Rezen­sen­ten gerecht wer­den. Wenn sie den­noch von hohem Inter­es­se sind, so des­halb, weil sie wie im Ver­grö­ße­rungs- bezie­hungs­wei­se im Ver­grö­be­rungs­glas die domi­nan­ten lite­ra­ri­schen Ansprü­che erken­nen las­sen, die sowohl bei der Ver­lags­wer­bung wie auch im Bespre­chungs­we­sen gel­tend gemacht wer­den. Dass Wer­bung und Kri­tik in die­ser Hin­sicht fast durch­weg über­ein­stim­men, ist eine tri­via­le, gleich­wohl auf­schluss­rei­che Fest­stel­lung, die sich bei perlentaucher.de ange­sichts der Par­al­le­li­sie­rung von Klap­pen­tex­ten und Rezen­si­ons­abs­tracts in stän­di­gem Ver­gleich erhär­ten lässt, nicht zuletzt dahin­ge­hend, dass Bespre­chun­gen in man­chen Fäl­len merk­lich von den Vor­ga­ben der Wer­bung geprägt sind und es dabei bewen­den las­sen, deren Prio­ri­tä­ten – wie auch deren Dik­ti­on – zu über­neh­men.

II

Bei den resü­mier­ten Buch­kri­ti­ken han­delt es sich mehr­heit­lich (selbst bei Lyrik) um Inhalts­an­ga­ben, die in stän­di­gem Ver­gleich mit der jeweils dar­ge­stell­ten „Wirk­lich­keit“ prä­sen­tiert und kom­men­tiert wer­den. Die dar­ge­stell­te Wirk­lich­keit wird dabei oft­mals so bespro­chen, als wäre sie mit der außer­li­te­ra­ri­schen Welt iden­tisch und unter­ste­he deren Gesetz­mä­ßig­kei­ten. Dem­zu­fol­ge ope­rie­ren die Rezen­sen­ten denn auch pri­mär mit psy­cho­lo­gi­schen, ethi­schen oder poli­ti­schen Kri­te­ri­en, wo es dar­um geht, einen Plot und des­sen Prot­ago­nis­ten zu begut­ach­ten. For­ma­le Qua­li­tä­ten der vor­lie­gen­den Tex­te (Kom­po­si­ti­on, Stil) blei­ben indes fast durch­weg unbe­rück­sich­tigt und wer­den bes­ten­falls pau­schal als „gekonnt“, „bril­lant“, „meis­ter­lich“ cha­rak­te­ri­siert. „Das ist rasan­te Span­nung auf höchs­tem Niveau“ so lau­tet dann etwa ein dies­be­züg­li­cher Dut­zend­satz: „− reich an uner­war­te­ten Wen­dun­gen und erzählt in einem Ton, der einen sofort in die­se archai­sche Berg­welt ver­setzt, ein­fach groß­ar­tig!“ Dass sich „Span­nung“ in einem „Ton“ erzäh­len lässt, der die Lese­rin oder auch den Leser unmit­tel­bar in eine fer­ne, aber rea­le Welt ver­set­zen kann, ist rei­ner Non­sen­se, darf heu­te jedoch durch­aus von einem nam­haf­ten Kri­ti­ker im Qua­li­täts­feuil­le­ton kol­por­tiert wer­den – abge­se­hen davon, dass der Satz eben­so gut der Ver­lags­wer­bung ent­stam­men könn­te.

Das gilt eben­so für die nach­fol­gen­den For­mu­lie­run­gen, mit denen ein füh­ren­des Lite­ra­tur­haus zu einer Lese­rei­he ein­lädt wirbt: „Die Autorin nimmt uns mit nach Trans­syl­va­ni­en, Ber­lin, Peking und Nago­ya“, und sou­ve­rän „ver­wan­delt“ sie dabei „Leben in Lite­ra­tur und Lite­ra­tur in Leben“; eine ande­re Autorin „erzählt mit gro­ßer Klar­heit die von ihrer eige­nen Bio­gra­fie inspi­rier­te Geschich­te“; und „ihre wun­der­bar erzähl­ten per­sön­li­chen Erleb­nis­se“ machen deut­lich, „wie poli­tisch das Pri­va­te noch immer ist“. Das Poli­ti­sche und das Pri­va­te erbrin­gen offen­bar eine the­ma­ti­sche Mischung, die von der Kri­tik beson­ders geschätzt wird. In sol­chem Ver­ständ­nis heißt es in einer neu­lich erschie­ne­nen, durch­weg posi­ti­ven Roman­be­spre­chung: „Der Lesen­de taucht in den ver­meint­li­chen Beginn einer Lie­bes­ge­schich­te ein: Er ver­bringt mit dem Paar eine Nacht, hört die lei­sen Wel­len der Ost­see, lauscht alba­ni­schen Geschich­ten – hier liegt ein Roman vor, der uns vor allen alten und neu­en tota­li­tä­ren Strö­mun­gen warnt und des­halb auch und gera­de heu­te hoch­ak­tu­ell ist.“ Dem­zu­fol­ge geht in heu­ti­ger Bel­le­tris­tik die Wirk­lich­keit, geht das Leben, geht das wirk­lich Erleb­te, geht auch Zeit­ge­schicht­li­ches grund­sätz­lich vor, und die Lite­ra­tur, die Kunst kommt eben­so grund­sätz­lich (falls denn über­haupt) hin­ter­her. Nur wer über die Wirk­lich­keit, über „unse­re Welt“, „unse­re Ängs­te“, „unse­re Hoff­nun­gen“ – auch die ver­lo­re­nen – aus eige­ner Erfah­rung „etwas zu sagen hat“; wer die Leser ins Roman­ge­sche­hen „ein­tau­chen“, ihn am „Leben“ der Prot­ago­nis­ten teil­ha­ben und auch noch eine vor­zugs­wei­se „poli­ti­sche“ Lek­ti­on dar­aus zie­hen lässt, kann im Lite­ra­tur­be­trieb mit Zuspruch rech­nen.

Lebens­nä­he wird somit zum Kri­te­ri­um, wenn nicht zur Prio­ri­tät „schö­ner“ Lite­ra­tur. Als deren Haupt­auf­ga­be gilt auch bei perlentaucher.de die „Kar­to­gra­fie­rung der Wirk­lich­keit“. Das pral­le (egal, ob pre­kä­re oder mon­dä­ne), jeden­falls das „wah­re“ Leben wird gemein­hin als Folie heu­ti­ger Lite­ra­tur­pro­duk­ti­on vor­aus­ge­setzt. Nicht zuletzt die Juro­ren des Kla­gen­fur­ter Wett­le­sens zum Inge­borg-Bach­mann-Preis bekräf­ti­gen – und hono­rie­ren – die­se Auf­fas­sung, indem sie fremd­spra­chi­ge Autoren für Tex­te aus­zeich­nen, die zuvor lek­to­riert und in ein gän­gi­ges Deutsch gebracht wor­den sind, neu­er­dings gar sol­che, die bewusst feh­ler­haft  belas­sen wur­den, um als zwei­fels­frei authen­tisch gel­ten zu kön­nen. Sprach­li­che Unbe­darft­heit und sti­lis­ti­sches Unver­mö­gen sind mit­hin kein Hin­de­rungs­grund mehr für die erfolg­rei­che Teil­nah­me an den „Tagen der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur“, immer vor­aus­ge­setzt, dass die ent­spre­chen­den Tex­te  „ein­fühl­sam“ und „ein­dring­lich“ das wah­re Leben „ein­fan­gen“ – eine zusätz­li­che Bestä­ti­gung dafür, dass die Kri­tik (nicht anders als vie­le Autoren und auch die Mehr­heit des Lese­pu­bli­kums) am dar­ge­stell­ten Leben offen­kun­dig weit mehr inter­es­siert ist als dar­an, ob und wie sol­che Wirk­lich­keits­er­fas­sung lite­ra­risch bewerk­stel­ligt wird. Jede Wider­spie­ge­lung der Wirk­lich­keit, gera­de die lite­ra­ri­sche, ist ein mehr oder min­der raf­fi­nier­tes Täu­schungs­ge­schäft, wird aber in den meis­ten Fäl­len für bare Mün­ze genom­men, nament­lich dann, wenn die Erzäh­le­rin, der Erzäh­ler (oder auch der Lyri­ker) in der ers­ten Per­son Ein­zahl auf­tritt und die Ich-Per­spek­ti­ve die Sicht auf den dar­ge­bo­te­nen Stoff bestimmt.

Die Hoch­schät­zung – und Über­schät­zung – rea­lis­tisch bezie­hungs­wei­se doku­men­ta­risch fun­dier­ter Bel­le­tris­tik fin­det ihre Ent­spre­chung im weit ver­brei­te­ten Fas­zi­no­sum medi­al auf­be­rei­te­ter Wirk­lich­keit, wie sie in Reality‑, Quiz- oder Talk­shows unter­schied­lichs­ter Art und The­ma­tik vor­ge­führt wird. Da tre­ten vor Mil­lio­nen­pu­bli­kum „Men­schen wie du und ich“ auf, um aus ihrem „wah­ren“ Leben zu erzäh­len, ihren „wah­ren“ Cha­rak­ter zu ent­hül­len, ihre „wah­ren“ Talen­te oder auch bloß ihr „wah­res“ Poten­zi­al zu zei­gen. Dass das sol­cher­art ver­mit­tel­te „wah­re“ Leben – zu deutsch: Real life – weit­hin Inter­es­se fin­det, erhöht natur­ge­mäß den Druck auf Künst­ler und Lite­ra­ten, es ver­mehrt in ihre fik­tio­na­len Wer­ke ein­zu­be­zie­hen. Gleich­zei­tig wird die äuße­re Welt zuneh­mend durch Simu­la­tio­nen über­zo­gen und die Wahr­heit durch bewusst ver­brei­te­te „post­fak­ti­sche“ Lügen ver­drängt. Dazu gehört als Epi­phä­no­men die Hoch­kon­junk­tur von Fäl­schun­gen, Täu­schun­gen, Pla­gia­ten und Doping. Das all­ge­mei­ne Bedürf­nis nach lite­ra­ri­scher Rea­lis­tik dürf­te auch von daher zu erklä­ren sein – es ist ein ambi­va­len­tes Bedürf­nis inso­fern, als eben auch „rea­lis­ti­sche“ Wirk­lich­keits­dar­stel­lung in Wer­ken der Kunst­li­te­ra­tur ohne fik­tio­na­le Antei­le nicht aus­kommt.

Doch man ver­kennt noch immer, dass alle Kunst, wie „rea­lis­tisch“ sie sein mag, der Täu­schung stets viel näher ist als der Wahr­haf­tig­keit, ja, dass selbst Tage­bü­cher oder Brie­fe ohne Fik­tio­na­li­sie­rung nicht aus­kom­men. „Se non è vero, è ben tro­va­to“ – das alte Dik­tum, wonach die Fik­ti­on (als „gute Fin­dung“) der soge­nann­ten Wahr­heit vor­ge­ord­net oder gar über­ge­ord­net sein kann, bleibt bei der zeit­ge­nös­si­schen Buch­kri­tik all­zu oft unbe­rück­sich­tigt. Auch viel­fach preis­ge­krön­te, offen­kun­dig roman­ti­sie­ren­de oder his­to­ri­sie­ren­de Roma­ne wie die eines Bodo Kirch­hoff, einer Nora Bossong, eines Mar­tin Mose­bach, einer Juli Zeh (und belie­big vie­ler ande­rer Autoren) sind nicht davor gefeit, als Zeit- bezie­hungs­wei­se als Geschichts­do­ku­men­te gele­sen und „ver­stan­den“ zu wer­den –   falls sie denn nicht über­haupt als sol­che kon­zi­piert und erst bei der Aus­ar­bei­tung lite­ra­risch bemän­telt wor­den sind.

Dass die weit­hin belo­big­te, häu­fig auch gefor­der­te Rea­li­täts­nä­he oder Authen­ti­zi­tät in ers­ter Instanz als Kunst  und nicht bloß als lite­ra­risch dar­ge­bo­te­ne Wirk­lich­keit muss bestehen kön­nen, scheint schon lan­ge nicht mehr selbst­ver­ständ­lich zu sein. Die bei Kri­tik und Publi­kum glei­cher­ma­ßen gefrag­te Wider­spie­ge­lung rea­ler Lebens- und Geschichts­zu­sam­men­hän­ge geht ein­her mit einem aus­ge­präg­ten Inter­es­se an „bild­haf­ter“ Dar­stel­lung, sodass oft­mals der Ein­druck ent­steht, Lite­ra­tur wer­de eher als Bild- denn als Sprach­werk begrif­fen: „Bild­star­ke“, „bil­der­rei­che“, „bun­te“, „male­ri­sche“, am bes­ten gleich schon „film­rei­fe“ (d.h. pro­blem­los ver­film­ba­re) Tex­te wer­den von der Kri­tik beson­ders geschätzt und von vie­len Autoren auch gern gelie­fert nach der gän­gi­gen Devi­se: „Show, don’t tell.“ – Von einer Roman­fi­gur heißt es in einer Bespre­chung, sie sei so „leb­haft und inter­es­sant, dass man als Leser kaum die Augen von ihr neh­men“ wol­le – als hät­te der Leser nicht einen Text, son­dern eine rea­le Per­son vor sich, nicht ein Buch, son­dern eine Kino­lein­wand oder schlicht die All­tags­welt.

III

„Erschüt­tern­de“, „tur­bu­len­te“ oder ein­fach nur „span­nen­de Roma­ne nach wah­ren Bege­ben­hei­ten“  beherr­schen gegen­wär­tig die Bes­ten- wie auch die Best­sel­ler­lis­ten. Als eine „Pas­si­ons­ge­schich­te, die ans Leben­di­ge geht“ wird in der NZZ der inge­ni­ös gebau­te Roman Mary (2016) von Aris Fio­re­tos refe­riert, und mehr noch – als eine Geschich­te, „die unter die Haut geht“ und die „gleich­zei­tig eine Ver­nei­gung vor dem Leben“ ist: Bis unter die Haut ans Leben­di­ge gehen, sich vor dem Leben ver­nei­gen – das soll der Impe­ra­tiv heu­ti­ger Erzähl­kunst sein? In sol­chem Ver­ständ­nis belo­bigt jeden­falls auch Fer­idun Zai­mo­g­lu das Buch einer Schrift­stel­ler­kol­le­gin mit den Wor­ten: „Eines der wahr­haf­tigs­ten Bücher. Ein Wahn­sinn von einem Roman.“ Wahn­sinn und Wahr­haf­tig­keit fal­len hier unver­se­hens in eins. Aus­ru­fe­zei­chen erüb­ri­gen sich.

Bele­ge für die­ses ein­di­men­sio­na­le Rea­lis­mus­kon­zept wie auch für das unge­bro­che­ne Bedürf­nis nach dem bel­le­tris­ti­schen Human touch lie­fert die aktu­el­le Buch­kri­tik in belie­bi­ger Anzahl und mit zuneh­men­der Insis­tenz. Durch die ver­kür­zen­de und in der Ver­kür­zung zuspit­zen­de Dar­bie­tung von perlentaucher.de  tritt dies umso deut­li­cher her­vor. Dazu ein paar Bei­spie­le aus Rezen­si­ons­no­ti­zen vom Herbst 2016, die alle­samt von nam­haf­ten Kri­ti­kern zu ver­ant­wor­ten sind und im über­re­gio­na­len Feuil­le­ton Platz gefun­den haben: „Im Grun­de gibt er [der Kri­ti­ker] sich dem Flir­rend-Flim­mern­den die­ser Pro­sa hin, die den Irr­witz der Gegen­wart in aus­ge­spro­chen rhyth­mi­scher Pro­sa ein­fan­ge.“ (Erzäh­len als „Ein­fan­gen“ der Wirk­lich­keit.) – „Für die Rezen­sen­tin aber ist vor allem der aktu­el­le Bezug die­ser Flucht­ge­schich­te aus dem ‚War­te­saal Euro­pa‘ inter­es­sant.“ (Lite­ra­tur als Gegen­warts­be­wäl­ti­gung.) – Der Autor „taucht laut Rezen­sent tief ein in die Kloa­ke jün­ge­rer deut­scher Geschich­te, lässt Nazio­pas, kor­rup­te Ver­fas­sungs­schüt­zer und eine rech­te Mör­der­ban­de auf­tre­ten und durch­wühlt den Düs­sel­dor­fer Dro­gen­ring.“ (Ein­tau­chen in die Geschich­te und Durch­wüh­len der Wirk­lich­keit als erzäh­le­ri­sches Ver­fah­ren.) – „Für die Rezen­sen­tin hat der Autor ein wirk­lich groß­ar­ti­ges Buch über eine per­sön­li­che Kri­se geschrie­ben, die aus zu lan­gem Still­stand in den Start­lö­chern resul­tiert.“ (Lite­ra­tur als Rap­port per­sön­li­cher Kri­sen.) – „Jawohl, das ist durch­aus eine Fami­li­en­sa­ga, aber die Autorin arbei­tet ‚mit Feder und Mes­ser zugleich‘, denn sie ist durch die Mole­ku­lar­kü­che der moder­nen Lite­ra­tur gegan­gen …“ (Rea­lis­ti­sche Fami­li­en­ge­schich­te, im Labor der Moder­ne auf­be­rei­tet.) – „Gele­gent­lich mag das Ver­hält­nis zwi­schen den Roman­hel­den und dem his­to­ri­schen Mate­ri­al ein wenig äch­zen, eini­ge Figu­ren blei­ben bis­wei­len auch auf der Stre­cke.“ (Die Qua­li­tät des Romans ist dadurch bestimmt, inwie­weit er der Wirk­lich­keit bezie­hungs­wei­se der His­to­rie zu ent­spre­chen ver­mag.) – „Der Rezen­sent kann den Autor nur beglück­wün­schen für die authen­ti­sche Dar­stel­lung des Bio­tops mit Zeit­ver­dödeln und Selbst­fin­dung und ‚Hehehe‘-Dialogen.“ (Authen­tisch­sein geht über Erzäh­len­kön­nen.) Usw.

„Die Autorin erzählt davon, wie wir leben, allein und mit­ein­an­der, und wie wir uns dabei zuschau­en.“ Das ist nun kei­ne Kri­ti­ker­mei­nung, son­dern eine exem­pla­ri­sche Fest­stel­lung aus dem Klap­pen­text zu einem der erfolg­rei­chen Roma­ne aus dem Herbst 2016, der sicher­lich zur weit­hin gewünsch­ten „Kar­to­gra­fie­rung der Wirk­lich­keit“ – unse­rer Wirk­lich­keit – bei­getra­gen haben wird. Man kann dar­aus erse­hen, dass es bei markt­gän­gi­ger Lite­ra­tur längst nicht mehr um die Kunst des Schrei­bens geht, viel­mehr dar­um, „uns“ – wer eigent­lich soll das sein: „wir“? – zu bestä­ti­gen, was man ohne­hin weiß, näm­lich eben dies: „wie wir leben“.

Das alt­her­ge­brach­te, durch Über­stra­pa­zie­rung abge­nutz­te Wider­spie­ge­lungs­pos­tu­lat wird sol­cher­art von Ver­lags­sei­te reak­ti­viert, von den meis­ten Autoren auch bereit­wil­lig bedient, von Lite­ra­tur­in­sti­tu­ten, Rezen­sen­ten und dem mehr­heit­li­chen Lese­pu­bli­kum bereit­wil­lig hoch­ge­hal­ten. Dass auch Lite­ra­tur­prei­se in den meis­ten Fäl­len nach die­sem Kri­te­ri­um ver­ge­ben wer­den, ist nicht allein durch die popu­lä­ren und dem­entspre­chend hoch­do­tier­ten natio­na­len „Buch­prei­se“ belegt, es bestä­tigt sich selbst dort, wo Autoren eigens für inno­va­ti­ves dich­te­ri­sches Schaf­fen prä­miert wer­den. Da wird dann eine avan­cier­te Preis­trä­ge­rin dafür gewür­digt, dass sie „mit einem spe­zi­fisch weib­li­chen Blick auf die Rede- und Sprech­for­men unse­rer Gesell­schaft die Fra­ge, wie zeit­ge­nös­si­sche Lyrik auf gesell­schaft­lich-öko­no­mi­sche Ver­hält­nis­se reagie­ren kann“, beant­wor­te. Dass Sprach­for­men  mit dem „Blick“ ein­zu­ho­len sei­en und als Reak­ti­on auf lebens­welt­li­che Ver­hält­nis­se zu gel­ten hät­ten, ist ein eher tri­via­les Dik­tum – ein Dik­tum frei­lich, das mit den For­de­run­gen der Buch­kri­tik genau über­ein­stimmt. Auch der Öster­rei­chi­sche Kunst­preis für Lite­ra­tur wur­de vor Jah­res­frist, um hier ein wei­te­res Exem­pel anzu­füh­ren, nicht pri­mär für sprach­künst­le­ri­sche Ver­diens­te aus­ge­lobt, viel­mehr für die mili­tan­te „Aus­ein­an­der­set­zung“ einer enga­gier­ten Autorin mit dem „Ver­hält­nis der Geschlech­ter zuein­an­der, dem Umgang mit dem Kör­per sowie Krank­heits­er­fah­run­gen“. Was jedoch den „Umgang“, die „Aus­ein­an­der­set­zung“ der Lau­rea­tin mit sprach­li­cher Form- und Stil­bil­dung angeht, bleibt gegen­über dem Rea­li­täts­be­zug ihrer Tex­te offen­bar sekun­där.

Sel­bi­ges gilt für den letzt­jäh­ri­gen Emp­fän­ger des „Out­stan­ding Artist Award“, dem von der Jury beschei­nigt wird, er berich­te ein­dring­lich „von Men­schen, die viel zu ver­lie­ren haben“, und er tue dies „mit hoher sprach­li­cher Genau­ig­keit“. Sol­ches hät­te man noch vor kur­zem viel eher von einem Jour­na­lis­ten oder einem Repor­ter erwar­tet als von einem lite­ra­ri­schen Autor, aber die Schrift­stel­le­rei mutiert nun eben zuse­hends zu einer Art von bel­le­tris­ti­scher Fak­to­gra­fie, die man lie­ber nach Inhal­ten als nach künst­le­ri­schen Qua­li­tä­ten abfragt. Dass aber selbst beim Heim­rad-Bäcker-Preis – einer der weni­gen lite­ra­ri­schen Aus­zeich­nun­gen, die expli­zit für inno­va­ti­ve Sprach­kunst ver­ge­ben wer­den – mit nebu­lö­sen For­mu­lie­run­gen statt mit kla­ren State­ments auf­ge­war­tet wird, zeigt die jüngs­te Jury­be­grün­dung, in der es u.a. heißt: „In ihrem jüngs­ten Gedicht­band führt die Autorin das dich­te­ri­sche Spre­chen in einen Zwi­schen­be­reich von Leich­tig­keit und Kon­stru­iert­heit. Ihre Kohä­renz bezie­hen die­se Gedich­te aus einem Asso­zi­ie­ren ent­lang gestalt­haf­ter Ähn­lich­kei­ten.“ Wer so ver­quält und ver­quast eine Preis­ver­ga­be recht­fer­ti­gen muss, doku­men­tiert damit nicht nur den Ver­lust kla­rer lite­ra­ri­scher Kri­te­ri­en, son­dern auch einer kla­ren lite­ra­tur­kri­ti­schen Begriff­lich­keit – eine sol­che müss­te für die objek­ti­ve Wür­di­gung von Moni­ka Rincks Honig­pro­to­kol­len und André Hel­lers Buch vom Süden glei­cher­ma­ßen taug­lich sein.

IV

Als zeit­ge­mäß und lobens­wert gilt nun gemein­hin jede Schreib­wei­se, die ihren Stoff aus dem Leben (vor­zugs­wei­se dem eige­nen) bezieht und ihn authen­tisch, für jeder­mann nach­voll­zieh­bar auf­be­rei­tet, sodass der Leser, die Lese­rin – nicht anders als der Rezen­sent, die Rezen­sen­tin − sich „ange­rührt“, „ange­ekelt“, „beein­druckt“, wenn nicht „über­wäl­tigt“ füh­len kann. Dabei wird durch­weg vor­aus­ge­setzt, dass der Text „span­nend“, „über­ra­schend“, „unter­halt­sam“ sei. Wo der­ar­ti­ge Kri­te­ri­en nicht erfüllt wer­den, kommt jeweils rasch das Ver­dikt der Lan­ge­wei­le auf und nicht sel­ten, an die Autoren gerich­tet, der Vor­wurf, sie mach­ten es den Lesern „nicht leicht“ oder, schlim­mer noch, sie mach­ten es ihnen „schwer“ und miss­ach­te­ten damit den ver­pflich­ten­den U‑Faktor heu­ti­ger Bel­le­tris­tik. Wenn Kun­den von amazon.de ihre Bücher­käu­fe unter die­sem Gesichts­punkt und auf die­sem Niveau in Rezen­si­ons­form kom­men­tie­ren, ist das durch­aus in Ord­nung, da es hier ja tat­säch­lich um das Gefal­len, das Ange­rührt- und Begeis­tert­sein geht. Tat­sa­che ist aber auch, dass sich das Qua­li­täts­feuil­le­ton im Fach der Buch­kri­tik von der­ar­ti­gen Mei­nungs­äu­ße­run­gen kaum noch unter­schei­det.

Mehr oder min­der pro­blem­lo­se Kon­su­mier­bar­keit ist selbst in der Poe­sie, die sich vor­nehm­lich als Plau­der­ly­rik arti­ku­liert, zur unbe­ding­ten Prä­mis­se gewor­den. „Gedich­te schrei­ben – das ist“, wie ein Kri­ti­ker der NZZ es an einem Fall­bei­spiel dar­tut, „der Ver­such, auf poe­ti­sche Wei­se die Welt auf den Punkt zu brin­gen.“ Wo es doch viel­mehr dar­um gin­ge, die Spra­che so „auf den Punkt zu brin­gen“, dass sie die äuße­re Welt nicht bloß dar­stellt (ob kri­tisch oder affir­ma­tiv), dass sie viel­mehr selbst eine Welt ent­ste­hen lässt, die als mög­li­che Welt und fik­ti­ver Text eine Wirk­lich­keit eige­ner Ord­nung bil­det. Dem­gen­über gilt „schwer­ver­dau­li­che“  lite­ra­ri­sche Kost, deren Ver­ständ­nis bei der Lek­tü­re über­haupt erst erar­bei­tet wer­den müss­te, weit­hin als obso­let. „Schwie­ri­ge“ Autoren wie Brod­sky, Szym­borska oder Clau­de Simon kämen heu­te als Nobel­preis­trä­ger kaum noch in Betracht. Einst waren sol­che Autoren stil­bil­dend, wenn nicht gar schul­bil­dend, sie präg­ten die lite­ra­ri­sche Epo­che wie auch die sprach­li­che Kul­tur. Heu­te stel­len sie eine ver­schwin­den­de Min­der­heit dar, und nur ganz weni­ge von ihnen kön­nen sich – als Ali­bi- bezie­hungs­wei­se Aus­nah­me­au­to­ren für „expe­ri­men­tel­les“, „for­ma­lis­ti­sches“, „avant­gar­dis­ti­sches“ Schrei­ben – im aktu­el­len Lite­ra­tur­be­trieb behaup­ten.

Das dies­be­züg­li­che Inter­es­se des Feuil­le­tons kon­zen­triert (oder beschränkt) sich aller­dings fast aus­schließ­lich auf Frie­de­ri­ke May­rö­cker, die seit dem Tod Jandls, Pas­ti­ors und Wührs so gut wie im Allein­gang das Erbe der nun schon „his­to­risch“ gewor­de­nen Avant­gar­de hoch­hält und es, unent­wegt publi­zie­rend, nach Kräf­ten zu meh­ren ver­sucht. Die einst radi­kal inno­va­ti­ve Dich­te­rin besetzt inzwi­schen als Gran­de Dame eine unge­mein pri­vi­le­gier­te Posi­ti­on. Sie prak­ti­ziert eine pro­gres­si­ve, wenn auch nicht mehr son­der­lich strin­gen­te Poe­tik, die jeg­li­chem Rea­lis­mus und damit auch den aktu­el­len For­de­run­gen der Tages­kri­tik dezi­diert ent­ge­gen­steht. Gleich­wohl fin­det ihre lau­fen­de dich­te­ri­sche Pro­duk­ti­on nach wie vor gro­ße Beach­tung – ihre Bücher erschei­nen bei einem füh­ren­den Publi­kums­ver­lag und wer­den durch­weg posi­tiv bespro­chen; sie selbst emp­fängt noch immer zahl­rei­che Prei­se und ande­re Ehrun­gen, obwohl sie als angeb­lich „schwie­ri­ge“ Autorin auf Best­sel­ler­lis­ten kaum je figu­riert. Doch sie belie­fert und unter­hält einen eli­tä­ren (des­halb auch ziem­lich kon­stan­ten) Leser­kreis, der sich noch im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert als „Gemein­de“ kon­sti­tu­iert und bis in die jüngs­te Zeit sich erhal­ten hat. Der all­ge­mei­ne Zuspruch, den die Dich­te­rin genießt, bleibt sons­ti­gen Prak­ti­kan­ten expe­ri­men­tel­ler Schreib­ar­beit eben­so vor­ent­hal­ten wie ihrem gro­ßen Weg- und Gene­ra­ti­ons­ge­nos­sen Ger­hard Rühm, der ihr in nichts nach­steht und der, wie sie, wei­ter­hin rast­los tätig ist, vom Feuil­le­ton und von lite­ra­ri­schen Jurys jedoch seit vie­len Jah­ren kon­se­quent igno­riert wird.

Frie­de­ri­ke May­rö­ckers ekla­tan­te Vor­rang­stel­lung beruht weni­ger auf ihrem Werk als viel­mehr dar­auf, dass es ihr gelun­gen ist, als öffent­li­che Per­son zur „Legen­de“ zu wer­den. Noch als Neun­zig­jäh­ri­ge wird sie häu­fi­ger inter­viewt und mit­samt ihrer pri­va­ten Umge­bung im Bild gezeigt als jedes sai­so­na­le „Fräu­lein­wun­der“, und die Vag­heit ihres werk­über­grei­fen­den Fließ­texts macht es den Rezen­sen­ten rela­tiv leicht, des­sen angeb­lich „blü­hen­de“, ja „hin­rei­ßen­de“ Dyna­mik beson­ders her­vor­zu­he­ben. Die offen­kun­di­gen Schwie­rig­kei­ten der Lek­tü­re und des Ver­ste­hens wer­den dadurch über­spielt, dass man die Tex­te dem Bereich des Magi­schen, des Wun­der­sa­men oder Mär­chen­haf­ten zuord­net. Zu May­rö­ckers Pro­sa­buch cahier (2014) rap­por­tiert perlentaucher.de die fol­gen­de Ein­schät­zung: „Hier wird die Autorin für den Rezen­sen­ten gera­de­zu zum Medi­um, durch das Zei­ten und Stim­men gehen, Mär­chen und Lie­der und ein gan­zes wil­des, ver­wil­der­tes Leben.“ Und zu fleurs (2016) heißt es: „Die Gedan­ke­n­ara­bes­ken, Stim­mungs­bil­der und Ver­balträu­me in Frie­de­ri­ke May­rö­ckers Band sind nicht zum Ver­ste­hen gedacht, son­dern zum Ver­lie­ben, Betrach­ten und Sich Ver­lie­ren …“

Die Lek­tü­re wird damit vom Ver­ste­hen­wol­len – also vom Nach­den­ken – abge­kop­pelt und darf sich, so wie auch der Rezen­sent es tut, am Leit­fa­den einer Autorin „hin­rei­ßen“ las­sen, die ihr Schreib­pro­gramm gleich selbst auf den täg­li­chen Schreib­drang redu­ziert: „Ein­fach so hin­set­zen an die Maschi­ne am Mor­gen bei wöl­fi­schem Heu­len, nicht wahr.“ Und wei­ter­schrei­ben. Avant­gar­dis­ti­sche Inno­va­tions- und Form­kraft ist auf die­sem Niveau natur­ge­mäß nicht mehr zu erbrin­gen. Dadurch übri­gens, dass Frie­de­ri­ke May­rö­cker ihre jüngs­ten Tex­te, streng kalen­da­risch ange­ord­net und datiert, als Tage­buch­blät­ter zu lesen gibt, ver­leiht sie ihnen – bei all ihrer Abge­ho­ben­heit – just jene Authen­ti­zi­tät, die von der Kri­tik mit größ­ter Selbst­ver­ständ­lich­keit als Qua­li­täts­merk­mal ver­bucht wird. Die ver­meint­li­che Ver­söh­nung von Phan­tas­te­rei und All­tags­welt ist wohl ein gewoll­tes Miss­ver­ständ­nis (behaup­tet von der Dich­te­rin, gern über­nom­men von ihren Sym­pa­thi­san­ten), das  inzwi­schen auch tat­säch­lich als sin­gu­lä­res Erfolgs­re­zept pro­duk­tiv gewor­den ist.

V

Der Fall May­rö­cker ist ein auf­schluss­rei­ches Bei­spiel dafür, wie im der­zei­ti­gen Lite­ra­tur­be­trieb unter­schied­li­che Inter­es­sen und Stan­dards ein­ge­eb­net und auf einen aller­seits akzep­ta­blen gemein­sa­men Nen­ner gebracht wer­den. Statt sich um Dif­fe­ren­zie­rung zu bemü­hen und das ambi­tio­nier­te Pro­jekt der Autorin ernst­zu­neh­men, es einer rezen­sen­ti­schen Qua­li­täts­prü­fung zu unter­zie­hen, beschränkt man sich uni­so­no dar­auf, es mit den immer glei­chen, durch­weg wohl­mei­nen­den  Apo­stro­phen abzu­seg­nen. Doch all­ge­mei­ne Cha­rak­te­ri­sie­run­gen wie „wun­der­bar“, „hoch­poe­tisch“, „feder­leicht“, „fein gezeich­net“, „zau­ber­haft“ u.ä.m. kön­nen lite­ra­tur­kri­ti­sche Begriff­lich­keit nicht erset­zen – sie blen­den sie aus, und Rezen­sen­tin­nen, Rezen­sen­ten dis­pen­sie­ren sich damit von der Kärr­ner­ar­beit des Ver­ste­hens und Ver­ständ­lich­ma­chens „schwie­ri­ger“ Text­vor­la­gen.

Gera­de sol­che Tex­te sind aber dar­auf ange­wie­sen (und von den Ver­fas­sern oft auch dar­auf ange­legt), dass man sie, anders als leich­ter kon­su­mier­ba­re Trend­li­te­ra­tur, nicht bloß über­fliegt und ein vor­ge­fass­tes Gefal­len dazu kund­tut, son­dern sie gegen­liest, hin­ter­fragt, wei­ter­denkt. All­zu oft kapi­tu­liert die Buch­kri­tik vor die­ser Auf­ga­be (die auch eine Ver­ant­wor­tung ist), indem sie ihre Bespre­chungs­stü­cke leicht­fer­tig mit kli­schee­haf­ten Schlag­wor­ten und Super­la­ti­ven abhakt. So kommt es, dass manch eine sai­so­na­le Neu­erschei­nung unver­se­hens als „das bes­te“ Erzähl- oder Dicht­werk „der letz­ten Jah­re“, „des ver­gan­ge­nen Jahr­zehnts“, „seit der Jahr­tau­send­wen­de“ gefei­ert wird, bevor man es jeweils kur­ze Zeit spä­ter im Orkus des Ver­ges­sens ent­sorgt. Dass vor sol­chem Ver­ges­sen auch der Ulla-Hahn- oder der Georg-Büch­ner-Preis und die jähr­lich mit sehr viel Pomp ver­ge­be­nen natio­na­len Buch­prei­se nicht gefeit sind, kann jeder­mann sofort für sich selbst fest­stel­len beim Ver­such, die all­zu vie­len Preis­trä­ger (geschwei­ge denn deren Bücher) kor­rekt zu benen­nen.

Von daher klingt das cho­ri­sche Kri­ti­ker­lob, das eine viel­be­spro­che­ne Pro­sa­au­to­rin für ihren jüngs­ten Roman auf sich ver­ei­ni­gen kann und das ihr Ver­lag mit wer­be­tech­ni­scher Beflis­sen­heit  noch ver­stärkt, eini­ger­ma­ßen ambi­va­lent. Das Buch wird dem aktu­el­len Lite­ra­tur­ver­ständ­nis ent­spre­chend als „umstands­los rea­lis­tisch“ rubri­ziert und gleich auch für „einen gro­ßen Preis“ emp­foh­len, der­weil eine ande­re Pres­se­stim­me dem vor­lie­gen­den Meis­ter­werk zusätz­lich beschei­nigt, es sei „ohne den mora­li­schen Zei­ge­fin­ger zu heben auch poli­tisch“. Ob ein Roman, selbst ein gro­ßer, über­haupt in der Lage wäre, einen „Zei­ge­fin­ger zu heben“, blei­be dahin­ge­stellt – dahin­ge­stellt auch, ob (und in wel­chem Aus­maß, in wel­chem Ver­ständ­nis) ein lite­ra­ri­scher Text „poli­tisch“ oder, umge­kehrt, „pri­vat“ sein muss, um als preis­wür­dig gel­ten zu kön­nen. Dass aber (wie in die­sem lei­der exem­pla­ri­schen Fall) ein ver­dien­ter Kri­ti­ker bei einem ange­se­he­nen Medi­um mit solch schie­fen Schein­ar­gu­men­ten ope­riert und dass die dann auch noch von der Wer­bung ver­ein­nahmt wer­den, muss im Hin­blick auf das gegen­wär­ti­ge Rezen­si­ons­ge­schäft doch nach­denk­lich stim­men. Wenn der hoch­ge­lob­te Roman nicht nur als „umstands­los rea­lis­tisch“, son­dern – gleich­zei­tig! – auch als ein „sach­lich-moder­nes (?) Arbei­ter­mär­chen (!)“ aus­ge­wie­sen wird, fragt man sich, nach wel­chen lite­ra­ri­schen Kri­te­ri­en Bücher heu­te begut­ach­tet  (für „gut“ erach­tet) und deren Autoren mit Prei­sen bedacht wer­den.

Die Fra­ge stellt sich umso dring­li­cher, als die hier ange­führ­ten Kri­ti­ker­vo­ten nicht als Aus­nah­me­fäl­le zu gel­ten haben – sie ent­spre­chen viel­mehr dem heu­te übli­chen rezen­sen­ti­schen Umgang mit zeit­ge­nös­si­scher Lite­ra­tur, einem Unver­mö­gen, viel­leicht auch bloß einer Untu­gend, die Paul Wühr in Das fal­sche Buch von 1983 bei­spiel­haft auf­ge­zeigt und ad absur­dum geführt hat. Aus die­sem dick­lei­bi­gen bel­le­tris­ti­schen Trak­tat hät­te man schon damals ler­nen kön­nen, was es mit „rea­lis­tisch“ insze­nier­ter und – im Gegen­satz dazu – mit „real“ prak­ti­zier­ter Lite­ra­tur auf sich hat: Jeder künst­le­ri­sche Text, der die äuße­re Welt rea­lis­tisch ins Werk zu set­zen meint, wird sich not­wen­di­ger­wei­se als „falsch“ (als eine Fäl­schung) in Bezug auf eben die­se äus­se­re Welt her­aus­stel­len, und ein­zig dort, wo der Text selbst als ein eigen­wer­ti­ges Rea­les sich behaup­tet, gewinnt Lite­ra­tur ihre Rich­tig­keit, die iden­tisch ist mit ihrer eige­nen Wirk­lich­keit. Wühr bringt die­se schlich­te, offen­bar jedoch schwer zu begrei­fen­de Ein­sicht im Fal­schen Buch wie folgt auf den Punkt: „Und ver­miss­ten Sie eine schein­ba­re Span­nung nach schein­ba­ren Bedin­gun­gen der Wirk­lich­keit, so bie­te ich Ihnen dafür die wirk­li­che Span­nung des Buches zur Wirk­lich­keit und gebe Ihnen Ihr Den­ken zu beden­ken.“ Ein freund­li­ches, zudem güns­ti­ges Ange­bot des Autors an Lese­rin­nen und Kri­ti­ker, viel­leicht aber doch zu inge­ni­ös, um all­ge­mein ver­ständ­lich zu sein?

 

* * *

Felix Phil­ipp Ingold arbei­tet als Schrift­stel­ler, Publi­zist und Über­set­zer im fran­zö­sisch­spra­chi­gen Jura. Zu sei­nen jüngs­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen gehö­ren der Pro­sa­band Direk­te Rede und die Neu­über­set­zung von F. M. Dos­to­jew­skijs Auf­zeich­nun­gen aus dem Abseits; dem­nächst erscheint von ihm das Gedicht­buch Nie­mals kei­ne Nacht­mu­sik (mit CD).

Quel­le: VOLLTEXT 1/2017

Online seit: 17. Mai 2017

Online seit: 17. Mai 2017

Zuletzt geän­dert: 17. Mai 2017