Immer noch schreiben wir

Von Rena­te Welsh. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XXXIV
Renate Welsh. Foto © Christopher Mavric

Rena­te Welsh. Foto: Chris­to­pher Mavric

War­um?

Ich glau­be behaup­ten zu kön­nen, dass Hoff­nungs­lo­sig­keit bei­na­he immer auch Sprach­lo­sig­keit bedeu­tet – wobei Sprach­lo­sig­keit nicht nur stumm, son­dern genau so oft geschwät­zig daher­kom­men kann. Fast immer ist Sprach­lo­sig­keit gleich­zu­set­zen mit Ein­zel­haft, in der aber nicht ein­mal der klir­ren­de Schlüs­sel­bund eines Gefäng­nis­wär­ters damit rech­nen lässt, irgend­je­mand könn­te kom­men und zuhö­ren.

Sprach­lo­sig­keit ist ein Gefäng­nis mit wenig Aus­sicht auf Ent­las­sung, die meis­ten blei­ben lebens­läng­lich dar­in ein­ge­sperrt. Ich bin über­zeugt, dass es brand­ge­fähr­lich ist zu unter­schät­zen, wie gefähr­lich die Aus­wir­kun­gen der Sprach­lo­sig­keit in jeder Hin­sicht sind, gesell­schafts- und demo­kra­tie­po­li­tisch vor allem, aber auch im Hin­blick auf ver­geu­de­te Mög­lich­kei­ten. Natür­lich ist Sprach­lo­sig­keit eine Her­aus­for­de­rung für das Bil­dungs­sys­tem im all­ge­mei­nen, aber auch ganz beson­ders für die Lite­ra­tur.

Lite­ra­tur kann nichts.
Lite­ra­tur kann alles.
Bei­des wird immer wie­der behaup­tet. Bei­des lässt sich bewei­sen.

Ich glau­be immer noch, dass Lite­ra­tur eine Funk­ti­on hat, und dass die­se Funk­ti­on mit Hoff­nung zu tun hat. Und zwar gera­de weil die Lite­ra­tur Schwä­chen hat, weil sie im Grun­de gar nicht exis­tiert: Denn solan­ge sie nicht gele­sen wird, ist sie bloß beschrie­be­nes, bedruck­tes Papier. Weil sie ange­wie­sen ist auf den lesen­den Men­schen, der sich auf den Text ein­lässt, der dem Klang der Spra­che nach­horcht, der Wör­ter und Sät­ze füllt mit eige­nen Gedan­ken, mit Erin­ne­run­gen an Gerü­che, Emp­fin­dun­gen, Erfah­run­gen. In die­sem Erin­nern und Emp­fin­den ent­steht ein Raum, in dem sich vie­le ein­ge­la­den füh­len dür­fen, in dem Hoff­nung mög­lich wird, in dem Schei­tern nicht das Ende, son­dern viel­leicht einen neu­en Anfang bedeu­ten kann. Dar­um ist es so wich­tig, das wei­te Feld der Kunst im All­ge­mei­nen und der Lite­ra­tur im Beson­de­ren für mög­lichst vie­le zugäng­lich zu machen. Wäh­rend die Kon­sum­ge­sell­schaft immer neue Scha­blo­nen und Zwän­ge erzeugt, denen Men­schen genü­gen soll­ten, bie­tet die Lite­ra­tur Frei­räu­me an, sie fei­ert gera­de­zu die Ver­schie­den­heit, Stär­ken und Schwä­chen mit glei­cher Zuwen­dung in ihren Men­schen­bil­dern und bie­tet dadurch immer wie­der neue Mög­lich­kei­ten, viel­leicht doch den Blick in den Spie­gel zu wagen.

Vor kur­zem hör­te ich in der U‑Bahn einen Jugend­li­chen sagen: „Die haben sich doch schon aus­ge­rech­net, wen ich gewählt hab, bevor ich noch wäh­len war. Also wozu wäh­len? Ohne mich.“
Ohne mich? Mit wem dann? Wie will er aus­bre­chen aus der Bere­chen­bar­keit? „Ist doch sowie­so alles egal.“

In Schreib­werk­stät­ten ver­su­che ich das Wort „egal“ zu ver­bie­ten, nicht immer mit Erfolg. Es deu­tet ja so erschre­ckend oft dar­auf hin, dass eine oder einer sich selbst auf­ge­ge­ben hat. Manch­mal greift einer mich direkt an. „Zuerst tust du freund­lich, und dann ver­bie­test du ein ganz nor­ma­les Wort, ist ja nicht ein­mal ordi­när, oder was?“ Dar­aus kann ein Gespräch ent­ste­hen, das Sinn hat.
Kann Hoff­nung auch schüt­zen gegen die Angst aller Ängs­te, die Angst vor dem end­gül­ti­gen Tod, vor dem Nichts? Immer wie­der kommt mir Hei­nes Fluch in den Sinn, „Nicht gedacht soll sei­ner wer­den!“

In unse­rem Dorf stell­te mich eine Bäue­rin zur Rede, die gewiss seit ihrer Schul­zeit in den frü­hen Drei­ßi­ger­jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts außer dem Gesang­buch kein Buch in der Hand gehabt hat­te. Sie zeig­te auf das Nach­bar­haus. „Über die haben Sie ein Buch geschrie­ben, und ich muss mir sel­ber einen teu­ren Grab­stein kau­fen! Das ist nicht gerecht!“ Zunächst war ich nur sehr ange­tan von der Vor­stel­lung, ein Buch könn­te so viel wert sein wie ein anstän­di­ger Grab­stein aus Gra­nit mit gol­de­ner Inschrift. Inzwi­schen glau­be ich zu ahnen, wel­ches Geschenk mir die alte Frau mit ihrer Beschwer­de gemacht hat.

In irgend­ei­ner Form einen neu­en Ein­trag zu schaf­fen in das unge­heu­re „Buch des Leben­di­gen“ –viel­leicht ist es das, was die Lite­ra­tur immer wie­der ver­sucht, immer wie­der neu ver­su­chen muss, weil nichts so blei­ben kann, wie es ist, ohne stän­dig neu erschaf­fen zu wer­den.

Lesend und schrei­bend kön­nen eige­ne Mög­lich­kei­ten und Gren­zen eben­so aus­ge­lo­tet wer­den wie die des ganz und gar Ande­ren, was wie­der­um einen kla­re­ren Blick auf das Eige­ne erlaubt. Es geht in den Schreib­werk­stät­ten dar­um, einen Raum zu schaf­fen, in dem es mög­lich ist, auf­ein­an­der zuzu­ge­hen. Der Blei­stift in der Hand hat dabei die Funk­ti­on eines Wan­der­stabs, auf den man sich auch stüt­zen darf, wenn man Gefahr läuft, all­zu gefähr­li­ches Gelän­de zu betre­ten.

Man­ches, wor­über man nicht spre­chen kann, kann man schrei­ben, jeden­falls in einem geschütz­ten Raum, und wenn man dar­auf ver­trau­en darf, dass Men­schen zuhö­ren. Es geht auch dar­um, eige­ne Erfah­run­gen in Besitz zu neh­men, die bis dahin nur Last im Nacken waren.

Hoff­nung kennt kein Weil. Hoff­nung lebt vom Trotz­dem.

Ich lie­be das Wort „trotz­dem“, manch­mal scheint es mir, dass es ein wenig müde wird, dass es pfleg­lich behan­delt wer­den muss. Dann hole ich den abge­grif­fe­nen Zet­tel aus der Schreib­tisch­la­de, auf dem in sehr krea­ti­ver Ortho­gra­phie steht: Lie­be Frau Welsh, ich habe nicht gewusst, dass es Spaß macht, über etwas nach­zu­den­ken. Ich wer­de die­ses jetzt öfters tun.

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Rena­te Welsh, 1937 in Wien gebo­ren, in Wien und Bad Aus­see auf­ge­wach­sen. Stu­dier­te Eng­lisch, Spa­nisch und Staats­wis­sen­schaf­ten, arbei­te­te als freie Über­set­ze­rin und beim Bri­tish Coun­cil in Wien. Autorin diver­ser Kin­der- und Jugendbücher, am bekann­tes­ten: Das Vam­perl, Dieda oder Das Frem­de Kind, Johan­na, und Roma­ne, u. a. Lie­be Schwes­ter und Groß­mutters Schu­he. Zahl­rei­che Prei­se und Aus­zeich­nun­gen, u. a. Öster­rei­chi­scher Würdigungspreis, Würdigungspreis des Lan­des NÖ für Lite­ra­tur, Deut­scher Jugend­li­te­ra­tur­preis, Öster­rei­chi­scher Staats­preis für Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur, Theo­dor-Kra­mer-Preis und Preis der Stadt Wien für Lite­ra­tur.

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„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 8. Okto­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 8. Okt. 2021