Der Doppelzüngige

Von Doron Rabi­no­vici. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur“ – Teil XXX
Doron Rabinovici © Lukas Beck

Doron Rabi­no­vici. Foto: © Lukas Beck

Ein fer­nes Land war Raul in die Wie­ge gelegt wor­den. Sein Vater lehr­te des­sen Spra­che. Sei­ne Mut­ter über­setz­te Bücher, die dort – auf einem ande­ren Kon­ti­nent – erschie­nen. Die Eltern schwärm­ten von den Men­schen und deren Sit­ten an jenem ent­le­ge­nen Ort.

Das Frem­de wur­de Rauls Mut­ter­spra­che. Der Bub lern­te die Wör­ter bei­der Völ­ker und wuss­te sich bald dop­pelt so gut aus­zu­drü­cken wie die meis­ten Ein­hei­mi­schen von da oder von dort.

Der Vater führ­te sei­nen Sohn ger­ne vor. Er, der Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Lite­ra­tur jenes nörd­li­chen Staa­tes, wur­de in des­sen Bot­schaft ein­ge­la­den und nahm zum Emp­fang den jun­gen Raul mit. Alle waren begeis­tert von dem Wun­der­kna­ben. Das Kind war die Sen­sa­ti­on des Abends.

Von die­sem Tag an wur­de der Pro­fes­sor zu jedem Unab­hän­gig­keits­tag jenes weit ent­le­ge­nen Lan­des ein­ge­la­den und gebe­ten, er möge doch unbe­dingt sei­nen talen­tier­ten Spröss­ling mit­brin­gen. Raul muss­te auf­tre­ten und Vor­trä­ge hal­ten. Alle lach­ten und klatsch­ten, wenn sie ihn hör­ten.

Die Kin­der in der Schu­le moch­ten ihn indes nicht. Er war ihnen aus­ge­spro­chen ver­däch­tig. Betrat er ein Zim­mer, senk­ten sie ihre Stim­men. Sie tuschel­ten hin­ter ihm her. Sie war­fen ihm, dem Zwei­spra­chi­gen, Dop­pel­zün­gig­keit vor.

Raul sah, dass er unter den Sei­nen nie hei­misch wer­den soll­te. Er woll­te sich nicht – wie sei­ne Eltern – nur nach einem frem­den Land seh­nen, son­dern dort leben. Kann­te er es denn nicht viel bes­ser als die meis­ten sei­ner Bür­ger?

Kaum acht­zehn gewor­den wan­der­te er aus, um dort zu stu­die­ren. Er brach­te sei­ne Zeug­nis­se mit. Ein Sekre­tär der Uni­ver­si­tät beug­te sich über die Papie­re, stol­per­te über sei­nen Namen, blick­te auf den Exo­ten, der er hier war, sah in sein Gesicht, schau­te den offen­kun­di­gen Aus­län­der, der vor ihm stand, an und frag­te ihn in jenem Kau­der­welsch, mit dem Frem­de gemein­hin ange­spro­chen wur­den: „Kön­nen du über­haupt unse­re Spra­che?“ Raul ant­wor­te­te ihm mit kla­ren Wor­ten, doch der Beam­te schüt­telt nur den Kopf: „Was du sagen?“ Raul wie­der­hol­te, was er schon erklärt hat­te – erst ein­fach, dann umschwei­fi­ger, dann schrie er. Aber nichts half. Der Mann sag­te immer nur: „Ich nix ver­ste­hen.“ Da sah Raul, dass der Ein­hei­mi­sche eben gar nicht begrei­fen woll­te, dass er, ein Daher­ge­lau­fe­ner aus jener geheim­nis­vol­len Welt, reden konn­te wie einer der Ein­ge­ses­se­nen. Er nahm sei­ne Doku­men­te wie­der an sich und stürm­te aus dem Büro, ohne einen wei­te­ren Ton von sich zu geben.

Raul irr­te durch die Metro­po­le, die er aus Büchern viel bes­ser kann­te als sei­ne eige­ne Geburts­stadt. Er sprach Men­schen an, doch alle zuck­ten bloß mit den Schul­tern, wenn sie ihn hör­ten. Es war, als käme er für sie vom Mars. Ein Ver­dacht stieg in ihm auf. Viel­leicht hat­te er tat­säch­lich nie gelernt, die­se Spra­che kor­rekt zu into­nie­ren. Womög­lich klang es bei ihm immer falsch. Wahr­schein­lich war er bei den jähr­li­chen Unab­hän­gig­keits­fei­ern in der Bot­schaft zuhau­se nichts als ein Freak gewe­sen, eine Zir­kus­num­mer, als wäre er ein Äff­chen, dem bei­gebracht wor­den war, Opern­ari­en zu sin­gen.

Er irr­te ein­sam durch die Stra­ßen, da bat ihn eine jun­ge Stu­den­tin mit Ziga­ret­te in der Hand um Feu­er. Er zün­de­te ein Streich­holz an und dann – ganz anders als sonst – frag­te er sie mit unbe­hol­fe­nen Sät­zen und im aus­ge­präg­ten Ton­fall der Men­schen aus sei­nem Land, ob sie ihm ein gutes Café emp­feh­len kön­ne. Sie zeig­te ihm den Weg, ging ihm vor­an, setz­te sich gar gemein­sam mit ihm an einen Tisch und sag­te, sie lie­be den Akzent sei­ner Hei­mat. Da wer­de ihr immer ganz eigen zumu­te.

Als sie ihn Tage spä­ter küss­te, hat­te sich Dop­pel­zün­gig­keit für ihn zum ers­ten Mal aus­ge­zahlt.

* * *

In einem fort

Er wol­le nur fort von hier. Das waren die ers­ten Wor­te gewe­sen, die Heid­run je von ihm gehört hat­te, doch die­ser Satz reich­te, um ihr Inter­es­se zu wecken an die­sem Frem­den, der unein­ge­la­den in ihr Haus gekom­men war. Eine Freun­din hat­te die­sen Typen auf Heid­runs all­jähr­li­che Som­mer­par­ty mit­ge­bracht.

Er stand in der Küche und spül­te ein paar Glä­ser, als er sag­te, er wol­le nur fort von hier. Ob sie etwas für ihn tun kön­ne, frag­te Heid­run? Aber er schüt­tel­te bloß den Kopf. Sein Ent­schluss, die­ses Land zu ver­las­sen, habe mit ihr nichts zu tun, mein­te er und, nach­dem er kurz zu ihr auf­ge­schaut hat­te, mur­mel­te er noch lei­se und bei­nah nur zu sich, ganz sicher nicht mit ihr, im Gegen­teil.

Sei­ne Eltern sei­en einst mit ihm, damals noch ein Klein­kind in die­se Stadt gekom­men, der Arbeit wegen, um nach drei Jah­ren wie­der heim­zu­keh­ren, doch dann hat­ten sie hier so gut ver­dient, dass die Rück­fahrt immer­zu ver­scho­ben wer­den soll­te. Er wur­de zu ihrer Aus­re­de. Sie könn­ten doch den Buben, so hat­ten sie gesagt, nicht aus dem Kin­der­gar­ten her­aus­rei­ßen. Es sei bes­ser, ihn die Schu­le abschlie­ßen zu las­sen. Nun sei er immer noch da, um an der hie­si­gen Uni­ver­si­tät Jus zu stu­die­ren, obgleich sei­ne Eltern längst wie­der in ihrer Hei­mat leb­ten. Aber er habe den Wunsch, ihnen nach­zu­fol­gen, nie ver­ges­sen. Er war hier zuhau­se, doch eben nicht daheim und kön­ne es – dafür sorg­te schon allein sein Nach­na­me – auch nie sein.

Die Ande­ren, auch jene Freun­din, die ihn mit­ge­nom­men hat­te, waren alle längst gegan­gen, als Heid­run noch mit Jo in ihrer Küche saß. Sie tran­ken ein Glas nach dem ande­ren und immer wie­der erklär­te sie ihm, wie gut er doch in die­ses Land pas­se. Er gehö­re genau­so dazu wie sie, die hier gebo­ren wur­de.

Aber er schüt­tel­te nur den Kopf. In den Augen der ande­ren sei er immer nur ein Außen­sei­ter und eben die Tat­sa­che, dass nicht ein­mal sie, die doch – wie ihm durch­aus bekannt war – immer­hin eine Assis­ten­tin am Insti­tut für Kul­tur­anthro­po­lo­gie war, dass also nicht ein­mal sie das begrei­fe, bewei­se nur, wie fern sie ein­an­der waren, doch da hat­te sie ihn bereits umklam­mert und mein­te, so schnell las­se sie ihn nicht mehr weg.

Zusam­men schmie­de­ten sie Plä­ne, wie sie ihr Leben ver­brin­gen woll­ten und Heid­runs Augen leuch­te­ten, wenn Jo ihr von sei­ner Geburts­stadt erzähl­te. Aber als sie ihn ein­und­ein­halb Jah­re spä­ter, als er sein Stu­di­um abge­schlos­sen hat­te, frag­te, ob er nun sei­ne Träu­me erfül­len wer­de, zuck­te er mit den Ach­seln und sag­te, er habe ein ein­zig­ar­ti­ges Ange­bot; ein Prak­ti­kum bei einer renom­mier­ten Kanz­lei.

Sie, die nicht von ihm hat­te las­sen kön­nen, solan­ge er vor­ge­habt hat­te, fort­zu­ge­hen, wuss­te von einem Tag zum ande­ren nicht mehr, war­um sie ihm je so lei­den­schaft­lich ver­fal­len war.

Jah­re spä­ter tra­fen sie ein­an­der wie­der bei einem Fest. Heid­run war mitt­ler­wei­le zur Direk­to­rin eines Muse­ums in einer fer­nen Welt­me­tro­po­le auf­ge­stie­gen. Sie sei ange­kom­men, sag­te sie, als er frag­te, wie es ihr gehe. Er war Anwalt gewor­den, ein aner­kann­ter Spe­zia­list des inlän­di­schen Asyl­rechts. Ob er immer noch fort­ge­hen wol­le, frag­te sie ihn, nicht ohne Spott. Nein, ant­wor­te­te er, sein Ort sei bei jenen, die kei­ne Hei­mat mehr suchen, son­dern nur noch ein Zuhau­se.

* * *

Ande­re auch

Lara brauch­te auch ande­re Män­ner. Sie spiel­ten kei­ne Rol­le. Sie hat­ten kei­ne Bedeu­tung. Sie waren Platz­hal­ter wie die Null in der Mathe­ma­tik, denn für sie zähl­te nur Paul, und je mehr Bett­ge­schich­ten sie hat­te, um so grö­ßer wur­de sein Wert für sie. Sie ging ihnen nach, wenn sie, die Kul­tur­anthro­po­lo­gin, ihre lan­gen Stu­di­en­rei­sen unter­nahm, und ver­riet ihm, einem renom­mier­ten Archi­tek­ten, nichts von ihren Eska­pa­den. Mehr noch. Sie hät­te alles selbst dann abge­strit­ten, wenn er mutig genug gewe­sen wäre, sie zu fra­gen.

Aber er ließ es blei­ben, um sie nicht ver­las­sen zu müs­sen. Er wuss­te, was er von ihr zu erwar­ten hat­te und er ahn­te immer, wenn sie ihn betrog. Er nahm die­se Sei­ten­sprün­ge hin, um sei­ne Lie­be nicht auf­zu­ge­ben, wäh­rend sie die Ker­le für eine Nacht nicht auf­gab, um ihre Lie­be leich­ter hin­neh­men zu kön­nen. Im Grun­de war er für sie der Ein­zi­ge. Die ande­ren waren der Aus­gleich für ihn; ein Frei­raum, wenn es ihr mit ihm zu innig wur­de. Sie fürch­te­te, ihm sonst all­zu sehr zu ver­fal­len. Ganz allein mit ihm zu blei­ben, wäre wie ein zwei­sa­mer Tra­pe­z­akt ohne Netz gewe­sen.

Er lei­de wie ein Hund, sag­te Paul zu Rita. Er ver­ste­he nicht, wes­halb er Lara nicht genü­ge. Er ver­nach­läs­si­ge sie nicht. Sie wer­fe ihm nie vor, irgend etwas falsch zu machen. Im Gegen­teil. Sie sag­te ihm, er sei ein guter Lieb­ha­ber, ein wah­rer Freund, ein auf­merk­sa­mer Part­ner und der Mann ihrer Träu­me. Aber, so Paul zu Rita, wenn sie wach sei, seh­ne sie sich auch nach ande­ren.

Rita lach­te ihn aus. Er wis­se doch gar nicht, ob sein Ver­dacht stim­me. Sie hät­te nie ver­mu­tet, wie eifer­süch­tig er sein kön­ne. Wo denn sein Selbst­ver­trau­en geblie­ben sei? Er sei ein Tau­send­sas­sa auf sei­nem Gebiet. Wie kön­ne er sich von einer Frau wie Lara ver­un­si­chern las­sen?

Er mer­ke es an ihrer Stim­me, sag­te Paul, mehr noch an ihrem Schwei­gen, wenn ihr Blick in der Fer­ne ver­klin­ge, aber eben­so an der Art, wie sie zuwei­len – nur zu bestimm­ten Momen­ten – an ihrer Haar­lo­cke kaue. Er lie­ge nachts wach und den­ke an Lara.

Drei Wochen spä­ter – Lara war wie­der auf einer ihrer Expe­di­tio­nen – kam Rita zu ihm. Sie habe sich umge­hört. Er sei im Recht. Lara trei­be es mit ande­ren, wenn sie unter­wegs oder er fort sei. Der Freun­des­kreis wis­se nicht Bescheid, doch in man­chen Loka­len sei Lara für ihre Aus­schwei­fun­gen bereits bekannt. Rita umarm­te ihn und er flüch­te­te zu ihr.

Als er Schluss mach­te, nann­te Lara ihn einen Betrü­ger, wor­auf er ent­geg­ne­te, sie habe am aller­we­nigs­ten ein Recht dazu, so einen Vor­wurf zu erhe­ben. Er wis­se von ihren Aben­teu­ern. Dut­zen­de Gelieb­te. Eine namen­lo­se Zahl.

Rita war ganz anders. Sie schlief mit kei­nem – und bald auch nicht mehr mit Paul. Sie bela­ger­ten ein­an­der, ohne sich je erobern zu las­sen. Zwölf Mona­te spä­ter war nicht ganz klar, ob er sie oder sie ihn ver­las­sen hat­te.

Die Bezie­hung zu einer Neu­en wer­de auch nicht lan­ge dau­ern, trös­te­te Lara ihre neu­ge­won­ne­ne Freun­din Rita. Paul sei eben nicht treu, sag­te Lara. Sie hät­te ihn nie ver­ra­ten. Sie wäre nie von ihm abge­rückt, solan­ge er der Ein­zi­ge unter den namen­los Vie­len gewe­sen war. Aber mitt­ler­wei­le konn­te Paul ihr gestoh­len blei­ben – und jene ande­ren Män­ner auch.

* * *

* * *

Doron Rabi­no­vici – 1961 in Tel Aviv gebo­ren, seit 1964 in Wien – ist Schrift­stel­ler und His­to­ri­ker. Sei­ne wis­sen­schaft­li­che Stu­die Instan­zen der Ohn­macht wur­de 2000 publi­ziert. Sei­ne Tex­te umfas­sen Pro­sa, Essays und dra­ma­ti­sche Wer­ke. Sei­ne Kurz­ge­schich­ten und Roma­ne sind bei Suhr­kamp erschie­nen; zuletzt – 2017 – Die Außer­ir­di­schen. 2013 zeich­ne­te er – mit Mat­thi­as Hart­mann – für die Pro­duk­ti­on Die letz­ten Zeu­gen ver­ant­wort­lich. 2018 schuf er nach einer Idee von Flo­ri­an Klenk die Thea­ter­col­la­ge Alles kann pas­sie­ren. Ein Polit­thea­ter. Rabi­no­vici wur­de mehr­fach aus­ge­zeich­net, u.a. mit dem Cle­mens-Bren­ta­no-Preis (2002), dem Anton-Wild­gans-Preis (2010) und dem Ehren­preis des öster­rei­chi­schen Buch­han­dels für Tole­ranz im Den­ken und Han­deln (2015).

* * *

„Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” ist ein Gemein­schafts­pro­jekt von Ger­hard Ruiss, Tho­mas Keul und Claus Phil­ipp und den bei­tra­gen­den Autorin­nen und Autoren. Die Tex­te der Serie erschei­nen wöchent­lich, jeweils am Frei­tag, und kön­nen auch als News­let­ter abon­niert wer­den. „Hier und Heu­te – Posi­tio­nen öster­rei­chi­scher Gegen­warts­li­te­ra­tur” wur­de auf Initia­ti­ve von Claus Phil­ipp durch Spen­den für den Lese­ma­ra­thon Die Pest von Albert Camus des Wie­ner Raben­hof Thea­ters und des ORF-Hör­funk­sen­ders FM4 im Früh­jahr 2020 ermög­licht. Die Rei­he wird von der Stadt Wien aus Mit­teln der Lite­ra­tur­för­de­rung unter­stützt.

Online seit: 10. Sep­tem­ber 2021

Zuletzt geän­dert: 10. Sep. 2021