„Zehntausend Doppelzimmer mit Meersicht“

Die ele­gi­schen Doku­men­te der Muri­el Pic. Von Paul-Hen­ri Camp­bell
Muriel Pic – Elegische Dokumente

Fak­si­mi­les, Wan­der­kar­ten und astro­nomische Auf­nah­men: Muri­el Pics Gedicht­band arbei­tet mit durch­wegs unüb­li­chen Mate­ria­li­en.

Wir ersti­cken in Ver­gan­gen­heit. Zugleich zählt zur Signa­tur der Moder­ne, der Ver­such, den Blick aufs Ver­gan­ge­ne aus dem Mythi­schen, aus dem Anek­do­ti­schen, aus dem Pro­pa­gan­dis­ti­schen her­aus­zu­he­ben, zu über­füh­ren in die Evi­denz der Doku­men­te, die Ana­ly­se von Urkun­den, die Kon­tex­tua­li­sie­rung von Arte­fak­ten oder die Struk­tu­ren der Dis­kur­se. Mäch­ti­ge Schu­len der His­to­rio­gra­phie üben ihre sanf­te Herr­schaft aus übers Ver­gan­ge­ne als eine Dia­lek­tik aus Prä­ter­itum und Plus­quam­per­fekt.

So ver­wan­del­te sich der Staub zum Sinn­bild der nüch­ter­nen Arbeit von His­to­ri­kern, an deren Ende grau­bär­ti­ge olym­pi­sche Erzäh­lun­gen der unver­klär­ten Rück­schau ste­hen, Bücher: mehr Pilas­ter als Schluss­stei­ne der Archi­ve. Doch in die­se Nüch­tern­heit stür­zen plötz­lich die Bli­cke einer Dich­te­rin: der 1974 in Niz­za gebo­re­nen Muri­el Pic. Bereits bei einer Mono­gra­fie über W.G. Sebald, die die Rezep­ti­on des Schrift­stel­lers maß­geb­lich in Frank­reich beein­flusst hat, beschäf­tigt sie sich mit dem Ver­hält­nis von Bild und Text.

Der von Muri­el Pics „Lebens- und Arbeits­part­ner“ Lukas Bär­fuss ins Deut­sche über­setz­te Gedicht­band Ele­gi­sche Doku­men­te / Élé­gies docu­men­tai­res ist in der Tat eigen­ar­tig, da die Dich­te­rin ein Kon­vo­lut an Foto­gra­fien, Fak­si­mi­les, Wan­der­kar­ten und Grund­ris­sen von zum Teil unbe­kann­ten Foto­gra­fen vor­legt, um aus die­sen hei­me­lig mono­chro­men Doku­men­ten die Ideo­lo­gien, Ver­bre­chen, Wider­sprü­che, Sehn­süch­te und Uto­pien des 20. Jahr­hun­derts ins Sicht­feld ihrer Poe­sie zu rücken.

Kolos­sa­le, boden­lo­se Ent­span­nung

Zunächst zeigt sie Doku­men­te im Umfeld des von den Natio­nal­so­zia­lis­ten erbau­ten „Kraft durch Freu­de“ See­bads Pro­ra auf der Insel Rügen. Ver­floch­ten mit die­sen his­to­ri­schen Doku­men­ten sind Ele­gi­en, wie sie einem etwa von frei­rhyth­mi­schen Gedich­ten aus Paul Cel­ans Mohn und Gedächt­nis oder Von Schwel­le zu Schwel­le ver­traut sind. In der fünf­ten Ele­gie Pics heißt es über die­se monu­men­ta­le Frei­zeit­ar­chi­tek­tur: „Die kolos­sa­le, boden­lo­se Ent­span­nung.“ Und ohne die per­ver­se Logik der KdF-Bau­her­ren aus dem Blick zu ver­lie­ren, hält die Dich­te­rin Rück­schau im Prä­sens: „Der Tou­ris­mus ist immer das Glei­che / immer die glei­che Insel / das glei­che Salz, die glei­che Son­ne / die glei­chen Ges­ten. […] Der Tou­ris­mus, das ist die Indus­trie des Glei­chen.“

Inter­es­siert am Ver­hält­nis von Bild und Text, spielt die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Muri­el Pic in ihren Ele­gi­en unge­niert mit den Tem­pi und Modi, als sei die Geschich­te kei­ne ein­fa­che Gespie­lin der Gram­ma­tik, als sei­en Sehen und Bild (Aug und Augen­wei­de) alle Zei­ten und alle Sprech­wei­sen gleich­zei­tig: kon­junk­ti­vi­sche Hypo­the­sen in der drit­ten Per­son „Wenn Pro­ra statt­ge­fun­den hät­te […] / [ihre] blau­wan­di­gen Ver­spre­chen gehal­ten hät­te / es wäre ein Feri­en­la­ger / des Drit­ten Reichs gewe­sen“ flie­ßen über in Pas­sa­gen, in denen ein Ich sein Ent­set­zen bekennt: „Ich habe von einer Insel geträumt / mit einem uner­mess­li­chen Auge dar­über / wie eine ver­faul­te Son­ne. / Sein Lid schlug nicht mehr. / Ich woll­te, dass es auf­hö­re mich zu betrach­ten / denn selbst beim Schei­ßen, Pis­sen, Wei­nen betrach­te­te es mich.“

Schnitt. Muri­el Pic öff­net nun über­ra­schen­der­wei­se Archiv­be­stän­de der Kib­bu­zim und Franz Kaf­kas. Und so sehr die tota­li­tä­re KdF-Uto­pie von „Kei­ne Arbeit ohne Urlaub“ bedroh­lich wie die Epi­gram­me über den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern wirkt („Arbeit macht frei und Kraft durch Freu­de. / In mei­nen Träu­men gerät es über Kreuz“), so sehr scheint auf den uto­pi­schen, basis­de­mo­kra­ti­schen und kol­lek­ti­vis­ti­schen Gemein­schaf­ten, die sich die Grün­der der Kib­bu­zim ersehn­ten, ein Schat­ten zu lie­gen. Foto­gra­fien unbe­kann­ter Autor­schaft und genau­er Datie­rung: „Kib­buz Ein Harod: Bie­nen­züch­ter mit Rah­men in der Hand“ oder „Honig­duf­ten­der Rau­ten­strauch – Kib­buz Kfar Blum [um 1950]“, dazwi­schen ein Fak­si­mi­le von „Kaf­kas Wör­ter­buch deutsch/hebräisch“ und eine mehr­tei­li­ge Foto­se­quenz des israe­li­schen Umwelt­schüt­zers Aza­ria Alon mit bei­spiels­wei­se „Der Imker Juli­us Cohen.“

Aus die­sen Bestän­den ent­wi­ckelt Muri­el Pic eine Serie von Ele­gi­en, deren Schön­heit und Dich­te ihres­glei­chen suchen. Die Dich­te­rin arbei­tet wie­der nach der Metho­de eines wahr­neh­mungs­öko­no­mi­schen Palim­psests – mit unglaub­li­cher Wucht über­la­gert sie sozia­lis­ti­sche Uto­pie mit der Natur­ge­schich­te von Bie­nen­völ­kern, der bio­gra­fi­schen Sehn­sucht des Lite­ra­ten Franz Kaf­ka mit einer blu­ti­gen Inven­tur der Pogro­me und Ver­fol­gung der Juden in Euro­pa und Russ­land.

Kib­bu­zim und KdF

Doch gleich­zei­tig ver­ket­tet die Dich­te­rin auch die­ses Archiv der Kib­bu­zim mit dem Archiv von KdF in der Vor­stel­lung der Arbeit. Nach und nach ent­wi­ckeln die Ele­gi­en den Ein­druck, dass auch das Bie­nen­volk hier­ar­chisch und durch Zwang orga­ni­siert ist, dass auch die­se Uto­pie der Arbeit nicht ohne Makel ist. Muri­el Pic ver­ar­bei­tet Zita­te des zio­nis­ti­schen Den­kers Aha­ron David Gor­don: „Die Arbeit? Unse­re Reli­gi­on! / […] / Und kann man Honig ohne Bie­nen her­stel­len? Unser vor­nehm­li­ches Ide­al / muss die Arbeit sein. / Wir müs­sen uns alle an die Arbeit machen.“ Doch wie eine Ant­wort einer um die levi­ti­sche Recht­gläu­big­keit besorg­ten Rab­bi­ne­rin auf die revo­lu­tio­nä­re Ver­ein­nah­mung der Reli­gi­on heißt es dann in jener Ele­gie: „In den Papie­ren der Kib­buz­niks emi­grie­ren / Mar­xis­mus und Absa­ge ans Opi­um des Vol­kes / ins Hei­li­ge Land. / Das Para­dox bringt manch einen durch­ein­an­der.“

Muri­el Pic beherrscht die Kunst, sich den Doku­men­ten nicht aus kri­ti­scher Sicht zu nähern, son­dern aus ele­gi­scher Sor­ge. Dabei geht es der Dich­te­rin immer um die exis­ten­zi­el­le Dimen­sio­nen der Wahr­neh­mung. Wenn sie bei­spiels­wei­se die Archi­ve der Astro­no­mie öff­net, ver­knüpft sie nicht ein­fach den Schre­cken der Welt­raum­ra­ke­ten und des Ato­mic Age, son­dern macht zugleich auch die ursprüng­li­che Fas­zi­na­ti­on für den Ster­nen­him­mel über uns fass­bar. So ist viel­leicht das Sinn­bild die­ser Dich­te­rin der Ori­on „der Stern des For­schers / der Stern des Jägers“ des­sen Betrach­tung einen „Épisto(stel)laire“ her­vor­bringt: „Auf sei­nem Umkreis hin­ter­lässt der Stern / einen Geruch / eine Geruchs­spur / sicht­bar gemacht dan­ke einer Meu­te / […] / Er macht die Hin­wei­se sei­ner Ankunft / sichtbar/ wie das Pul­ver des Kri­mi­na­lis­ten / den Fin­ger­ab­druck des Mör­ders.

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Paul-Hen­ri Camp­bell, gebo­ren 1982 in Bos­ton, lebt als Lyri­ker, Essay­ist und Theo­loge in Mon­ta­baur. Zuletzt erschien sein Gedicht­band nach den nar­ko­sen (Ver­lag Das Wun­der­horn). 2018 wur­de er mit dem För­der­preis zum Her­mann-Hes­se-Lite­ra­tur­preis aus­ge­zeich­net.

Muri­el Pic: Ele­gi­sche Doku­men­te / Éle­gies docu­men­tai­res. Gedich­te / Poè­mes
Fran­­zö­sisch-Deutsch. Über­setzt von Lukas Bär­fuss
Wall­stein, Göt­tin­gen 2018. 144 Sei­ten, € 20 (D) / € 20,60 (A)

 

Quel­le: VOLLTEXT 4/2018 – 10. Dezem­ber 2018

Online seit: 5. April 2019

Online seit: 5. April 2019

Zuletzt geän­dert: 9. Apr. 2019