Etwas liegt in der Luft

Von Wolfgang Hermann. „Hier und Heute – 100 Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur“ – Teil 86

Online seit: 7. Oktober 2022
Wolfgang Hermann © Andrea Peller
Wolfgang Hermann. Foto: Andrea Peller

Etwas liegt in der Luft, ein Stocken, als glaubte keiner mehr an kommende gute Zeiten. Als würde jeder Gedanke an einer dunklen Wand verdorren. Als würde jedes Leben in erodierter Erde verlöschen.

Wir tragen solche Bilder in uns, jeder, der die Bilder der Krise konsumiert, die in Echtzeit um die Erde jagen. Wir sehen diese Bilder, diese Bilder sehen uns, während wir mit Freunden in schön beleuchteten Gastgärten sitzen, in klimatisierten Hochgeschwindigkeitszügen durch die Landschaft jagen, während wir digital überall zugleich sind, und doch erfahrungsarm.

Krise war immer. Tod und Grausamkeit, Krieg und Elend waren immer. Doch so wenig Hoffnung, so wenig Morgen, so wenig Aufbruch wie jetzt in diesem unserem müden Westeuropa waren lange nicht mehr. Oder ist ein solcher Satz nur eine weitere von vielen Mutmaßungen, haltlos wie alles in unserer Zeit?
Haltlos, wo und für wen? Der Westen, unser Westen ist müde, sagte ich. Müdigkeit trübt den Blick. Denn draußen, weitab von unseren müden Augen, von den müden Augen derer, die das Privileg haben, nicht so nah an der Gewalt der Verhältnisse zu sein, daß sie deren Grausamkeit an ihrer eigenen Haut zu spüren bekämen (denn dann wären sie nicht müde, sondern in Alarmbereitschaft) – denn draußen, wo Menschen von der ganzen Wucht der Zeitenwende, die sich gerade vollzieht, getroffen werden, da bleibt keine Zeit für Müdigkeit.

Für unser digitales Auge scheinen viele Weltuntergänge gleichzeitig stattzufinden. Doch in der realen Welt, an den Rändern, wo verlorene Schatten über in der Hitze flimmernde Ödzonen wanken, dort geschieht Wirklichkeit? Ja, aber auch diese schwankenden Schatten verfolgen über ihr Smartphone live die schwankenden Schritte anderer Schatten am anderen Ende der Welt. Währenddessen sprechen irgendwo in der Ersten Welt gegen ein kleines feines Honorar ein paar kluge Köpfe vor Mikrofonen über die Kunst des Scheiterns, als wäre es der letzte Schrei, die coolste Sache überhaupt, zu scheitern.

Schreiben: im eigenen Kosmos Ordnung herstellen, notierte ich. Doch könnte es nicht auch sein, daß Schreiben ein Weg ist, von sich selbst abzusehen und sich der Welt da draußen hinzugeben, oder zumindest dem, was sich auf unserer Netzhaut als Welt abbildet, als Aneignung von Welt.

Wenn Hegel die Wahrheit der Sinnlichen Gewißheit („Das Jetzt ist die Nacht“) im Jahre 1806 noch in der Spirale des aufsteigenden Geistes aufheben konnte, bis zum „absoluten Wissen“ in der „Schädelstätte des absoluten Geistes“ – so bleibt uns Heutigen kaum noch das Stückwerk, die Trümmer dessen, was von der „Schädelstätte“ übrigblieb; nicht einmal mehr das, da doch das begriffliche Denken selbst in Mißkredit und Schieflage geraten ist. Bleibt uns also das wortlose Glotzen auf die schönen Schnappschüsse aus einer besseren Instagram-Welt, sonst nichts?

Neulich, spät nachts an einer Wiener Tankstelle, erzählte mir der griechische Tankwart von seinem Leben hier: „Ich bin seit vier Jahren hier. Ich muß sagen, alles funktioniert hervorragend, die Straßenbahnen fahren, die Autos bleiben bei Rot an der Ampel stehen. Aber sonst? In Deutschland, in Österreich kann man nicht leben, man wird schwermütig! Bei mir zu Hause in Thessaloniki ruft der Nachbar schon von weitem „Wie geht es Dir?“. Man nimmt Anteil aneinander, man kümmert sich umeinander! Hier kannst Du nur sterben. Zwei junge Mädchen kommen nachts um drei betrunken in meine Tankstelle. Ich frage: Wo sind die Eltern dieser Mädchen? Kümmert sich niemand? Meine Kinder waren für zwei Monate in Wien, das hat ihnen gereicht. Sie haben gesagt: „Papa, hier kann man nicht leben, wir gehen zurück nach Griechenland.“ Und ich gehe jetzt auch zurück, mir reicht es.“

In einiger Zeit, wenn sich der Staub des Jetzt gelegt haben wird, werden wir diese Jahre klarer sehen können. Freilich nützt uns das im Augenblick der Krise nichts, und es ist uns auch wenig Trost zu wissen, daß jede Epoche ihre Krisen hatte und Generationen vor uns durch weit härtere Zeiten gegangen sind. Doch waren diese Zeiten damals auch von solcher Unschärfe, von soviel aufgewirbeltem Staub gekennzeichnet? Ganz gewiß, nur die Art des Staubs hat sich verändert. Verändert hat sich vor allem die multiperspektivische Präsenz von Signalen aller Art, die auf jeden, der Zugang zum Internet hat einstürmen. Jeder hat Zugriff auf Zeugnisse, Postings und fake news aller Art. Es ist eine Kakophonie der Aufgeregtheit, eine permanente Übersteuerung, die davon ablenkt, daß hinter dieser Lärmkulisse tatsächlich Kräfte am Werk sind, die man in alten Zeiten vielleicht dämonisch genannt hätte. Hinter all dem Lärm um Gendergerechtigkeit, Diversität und die Rettung des Weltklimas drehen starke Kräfte (mit Unterstützung von Netzwerken, die auch die sozialen Medien unterwandern) am Rad der Geschichte.
Etwas liegt in der Luft. Kann das alles noch gut gehen? Das haben sich wahrscheinlich Menschen jeder Generation gefragt, und während sie nach einer Antwort suchten, setzten andere die Marksteine, die dann die Welt aller bestimmten.

Als Schreiber gehöre ich zu denen, die, um diese Welt auszuhalten, unter der Schranke des Sichtbaren durchschlüpfen, mit einem Augenschließen eintauchen in die andere Welt, in die Welt der inneren Bilder.

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Wolfgang Hermann, geboren in Bregenz, studierte Philosophie in Wien, anschließend lange Aufenthalte in verschiedenen Ländern. Zahlreiche Bücher, von Das schöne Leben (Hanser 1988) über u.a. Herr Faustini verreist, Abschied ohne Ende, Fliehende Landschaft, Das japanische Fährtenbuch bis zuletzt Walter oder die ganze Welt, Der Lichtgeher, Herr Faustini bekommt Besuch, Insel im Sommer. Im Frühjahr 2023 erscheint Bildnis meiner Mutter. Übersetzungen in zahlreiche Sprachen.

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Hier und Heute. 100 Positionen österreichischer Gegenwartsliteratur ist ein Kooperationsprojekt der IG Autorinnen Autoren mit der Stadt Wien und der Zeitschrift VOLLTEXT. 100 Wochen lang, jeden Freitag, bis zum 21. April 2023, erscheint eine neue literarische Erstveröffentlichung eines österreichischen Autors oder einer österreichischen Autorin. Initiiert wurde die Reihe 2021 von Claus Philipp, Gerhard Ruiss und Thomas Keul als Benefizaktion zur Bewältigung der Corona-Krise, seit Frühjahr 2022 wird sie als Beitrag der IG Autorinnen Autoren und der Stadt Wien in der Zeitschrift Volltext für den Gastlandauftritt Österreichs auf der Leipziger Buchmesse 2023 fortgesetzt. Die komplette Reihe kann unter https://volltext.net/hier-und-heute/ abgerufen werden.