„Augen auf beim Planetenkauf“

Lek­tü­re­no­ti­zen von Vere­na Roß­ba­cher zu James Wat­ter­sons Cal­vin und Hob­bes, Jan Fak­tor, Dirk Ster­mann und Bernd Ste­ge­mann

Bill Wat­ter­son: 
Cal­vin und Hob­bes. Von Feri­en, Fischen und fie­sen Mäd­chen

Im Zuge der lite­ra­ri­schen Früh­erzie­hung vor eini­gen Wochen ange­fan­gen, dem Kind (sie­ben) Cal­vin und Hob­bes vor­zu­le­sen, man­ches ver­steht sie noch nicht (egal), beim Rest wirft sie sich weg vor Lachen: sehr gut! Sie kann damit bücher­tech­nisch nicht mehr auf die ganz fal­sche Bahn gera­ten. Viel­leicht auch ins­ge­samt, lebens­tech­nisch.

Neu­lich zitier­te sie Cal­vin das ers­te Mal im frei­en Feld („Augen auf beim Pla­ne­ten­kauf!“) und ich dach­te wohl­ge­fäl­lig, aus der wird mal noch was. Soll­te es auf der Welt lus­ti­ge­re, geschei­te­re und ganz ins­ge­samt bes­se­re Comics geben, so ken­ne ich sie jeden­falls nicht. Cal­vin, so ver­schla­gen, so voll­ge­stopft mit Ideen und Plä­nen, ins­ge­samt so nerdig und ner­vig, sei­ne gebeu­tel­ten Eltern – zwangs­läu­fig schon sehr abge­brüht und den­noch immer wie­der am Ran­de des Ner­ven­zu­sam­men­bruchs –, Hob­bes (das Fus­sel­hirn), wei­se und unbe­re­chen­bar, ich weiß wirk­lich nicht, ob irgend­je­mand auf weni­gen Sei­ten mehr Witz und Esprit unter­bringt als Wat­ter­son. (Dabei erin­ne­re ich mich mit Erschüt­te­rung an ein Erleb­nis mit mei­nem Vater vor eini­gen Jah­ren. Er war damals schon sehr krank und ver­lang­te nach auf­mun­tern­der Lek­tü­re. Nach­dem ich fas­sungs­los fest­stel­len muss­te, dass er Cal­vin und Hob­bes nicht kennt, habe ich ihm sämt­li­che Bän­de vor­bei­ge­bracht und konn­te dann mit wach­sen­dem Ent­set­zen dabei zuse­hen, wie er Sei­te um Sei­te mit unge­rühr­ter Mie­ne umblät­ter­te. Er kön­ne, teil­te er mir mit, nicht nach­voll­zie­hen, was dar­an wit­zig sein sol­le, ihm sage das ein­fach gar nichts, ob ich das lus­tig fän­de, echt? Mir war, als wür­de ich mei­nen Vater nicht mehr erken­nen, als hät­te ich mich in ihm getäuscht. Heu­te den­ke ich, viel­leicht war das, weil er im Grun­de damals schon im Ster­ben lag. Er lag im Ster­ben und ich woll­te es nicht wahr­ha­ben.)

Wie auch immer. Viel­leicht ist mein Vater der ein­zi­ge Mensch auf der Welt, der Cal­vin und Hob­bes nichts abge­win­nen konn­te. Aber viel­leicht soll­te man sie auch ein­fach lesen, bevor der Tod im Zim­mer steht. Wir jeden­falls fah­ren mit der Wei­ter­bil­dung fort, und jeder, wirk­lich jeder, der zufäl­lig vor­bei­kommt und ein biss­chen mit­hört, sagt anschlie­ßend: Ich muss drin­gend mal wie­der Cal­vin und Hob­bes lesen. Das muss man wirk­lich. Wer weiß, was mor­gen ist.

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Dirk Ster­mann:
Mak­sym 

Immer, wenn ich wem wo sage: Mak­sym von Dirk Ster­mann ist ein gutes Buch, win­ken alle ab. Den Ster­mann, sagen alle, hab ich so im Ohr, von Will­kom­men Öster­reich und und und, von dem kann ich nichts mehr lesen, er geht mir schon auf die Ner­ven, wenn ich nur an ihn denk. Über­haupt, sagen alle, hat der Ster­mann sei­nen Zenit über­schrit­ten. Da ich seit Jahr und Tag kein Will­kom­men Öster­reich mehr geschaut habe, bin ich frei von sol­chen Sor­gen und das ist schön, denn Mak­sym ist ein gutes Buch und viel­leicht umso mehr, wenn man nicht den Ster­mann im Ohr hat. Viel­leicht hat er abseits vom Bücher­schrei­ben sei­nen Zenit über­schrit­ten, ich kann das nicht beur­tei­len, im Bücher­schrei­ben jeden­falls hat sich aller­hand getan bei ihm, ob es schon der bücher­schrei­ben­de Zenit ist, kann ich aber auch nicht beur­tei­len. Weil ich Mak­sym ein gutes Buch fand, habe ich mir diver­se ande­re, frü­he­re Bücher von ihm ange­schaut, die ich alle­samt nicht beson­ders fin­de, wie­wohl sein Sechs Öster­rei­cher unter den ers­ten fünf ein enor­mer Erfolg war. Es ist schon auch sehr lus­tig, und das ist ja nicht nichts, aber es wirkt ein biss­chen, als wür­de er noch üben. Da er, wie gesagt, sehr lus­tig ist, schaut man ihm auch beim Üben ganz ger­ne zu, aber mit dem Blick zurück kann man das zumin­dest mit Sicher­heit sagen: Vom Zenit war er damals noch ewig weit ent­fernt.

Die his­to­ri­schen Sachen von ihm fin­de ich fad, die Humo­ris­ti­schen über­zo­gen mit einer star­ken Ten­denz zum Blö­del­tum, das funk­tio­niert auf lan­ge Stre­cke nicht. Mak­sym ist eine Art Fort­set­zung von den Sechs Öster­rei­chern, immer wie­der greift er Prot­ago­nis­ten von damals auf oder erzählt eine Epi­so­de wei­ter. Auch Mak­sym han­delt von Ster­mann selbst und Ster­mann ist im Buch wahn­sin­nig beschäf­tigt, mit Will­kom­men Öster­reich, er sorgt kurz­um dafür, dass ganz Öster­reich ihn im Ohr hat und dar­um sei­ne Bücher nim­mer lesen mag. Sei­ne Frau teilt ihm dann mit, dass sie übri­gens nach New York geht, sie hat da ein Job­an­ge­bot – ich weiß nicht mehr, für ein Jahr oder zumin­dest ein hal­bes. Sohn Her­mann (ja okay, Her­mann Ster­mann ist sehr geblö­delt), ein Kin­der­gar­ten­kind von vier Jah­ren, soll bei sei­nem wahn­sin­nig beschäf­tig­ten Vater blei­ben. Kein Pro­blem, denkt der sich mun­ter, nehm ich halt einen Baby­sit­ter. Der Weg dort­hin ist dann – ange­sichts der über vier­zig (aus­schließ­lich weib­li­chen) Bewer­bun­gen – bemer­kens­wert holp­rig. Sie sind zu vier­schrö­tig („… sah aus, als kön­ne sie eine Kuh hoch­he­ben“), zu schmoll­mun­dig oder über­haupt ver­däch­tig jung, oder womög­lich gar Bril­len­trä­ge­rin („Was ist dei­ne Sor­ge, dass sie zu seh­be­hin­dert ist, um Her­mann auf dem Spiel­platz zu fin­den?“ – „Ich weiß nicht, aber ich hät­te lie­ber eine ohne Bril­le. Ist nur so ein Gefühl.“ Man ahnt, dass der Weg zur erfolg­rei­chen Kinds­be­treu­ung ein stei­ni­ger sein wird), Ster­mann ver­tagt das Gan­ze und tourt wei­ter durch die Gegend, schwätzt mit die­sem und jenem und hüpft geschmei­dig da in ein erin­ner­tes Gespräch und dort in eine Anek­do­te, und wie er das hin­kriegt, also: das Geschmei­di­ge dar­an, das hat mir ehr­lich zu den­ken gege­ben. Wie macht er das? Wo nimmt er jeweils die Abzwei­gung? Wie­so habe ich schon wie­der nicht mit­ge­kriegt, wo er plötz­lich vom Weg abkommt? Wie ver­bin­det er die­ses irgend­wie erschöpft wir­ken­de Komikerle­ben (hat er womög­lich wirk­lich sei­nen Zenit über­schrit­ten?) mit den Gesprä­chen über sei­ne spä­te Vater­schaft und aller­lei ande­ren Kram und schafft es den­noch, eine süf­fi­ge, kohä­ren­te Geschich­te zu erzäh­len? Sehr geschickt macht er das (da hat sich das Üben gelohnt, den­ke ich allent­hal­ben).

Wie auch immer, Frau Nina stellt – die Zeit drängt immer­hin – irgend­wann jeman­den ein, und zwar einen Mann namens Mak­sym („Suche Arbeit. Mache alles.“), einen Ukrai­ner, der aus­sieht wie die Kari­ka­tur eines Tür­ste­hers, und wirk­lich übt er sodann mit Sohn Her­mann boxen und Bären­kämp­fe im Käfig und was man halt sonst noch so kön­nen soll­te im Leben. Fort­an wohnt er in Ster­manns Arbeits­zim­mer, küm­mert sich hin­ge­bungs­voll um den Sohn und irgend­wann dann auch hin­ge­bungs­voll um den Vater, und der hat es dann auch nötig, weil ihm näm­lich sein Leben um die Ohren fliegt. Man könn­te die­ser Geschich­te vor­wer­fen, dass sie vor­her­seh­bar ist, aber ich wer­fe ihr das nicht vor. Man könn­te ihr alles Mög­li­che vor­wer­fen, aber wie­so soll­te man. Sie ist an vie­len Stel­len umwer­fend komisch, irgend­wie auch sehr anrüh­rend, mit­un­ter geblö­delt, aber auch ein­fach ver­dammt gut erzählt.

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Jan Fak­tor:
Trot­tel

Schon lan­ge wur­de ich von einem Autor in sei­nem Buch nicht mehr mit „Lie­be Kin­der“ ange­spro­chen, ach, was sage ich, noch nie!, aber ich muss sagen, mir gefällt das. Fak­tor macht das immer dann, wenn er uns irgend­ein klein­tei­li­ges DDR-Detail erklä­ren muss, nicht, dass er es immer täte, er hat dazu all­zu häu­fig auch gar kei­ne Lust. „Mei­ne lie­ben Kin­der“, sagt er dann ger­ne väter­lich, und dann erklärt er uns was oder halt auch nicht. Und dabei ist das abso­lut Merk­wür­di­ge und wirk­lich Bezau­bern­de an die­sem Buch, dass es, mir fällt kein bes­se­rer Begriff ein, so jung wirkt. Es ist das Buch eines jun­gen Man­nes, und das ist ange­sichts sei­nes Jahr­gangs (1951) immer­hin zum Auf­hor­chen. Es ist es in der über­bor­den­den Spra­che, im Kaprio­len­schla­gen, in der Spiel­wü­tig­keit und der Albern­heit, in sei­ner Unbe­küm­mert­heit und Gna­den­lo­sig­keit, in sei­ner Lei­den­schaft und sei­ner hin­rei­ßen­den Komik, der nichts, aber auch gar nichts hei­lig ist, in sei­ner Här­te. (Von­we­gen jung: Zuletzt erging mir das so, als ich das ers­te Mal Jane Gar­dam las – was macht die da eigent­lich, dach­te ich betört, was ist das für ein guter, unge­wöhn­li­cher Sound, ist es, wie sie die Sachen baut, ist es eine leich­te Ver­schie­bung, ist es eine Prompt­heit, die ihr, weiß der Teu­fel wie, gelingt, oder ganz was ande­res? Bei Gar­dam und Fak­tor jeden­falls kann man wun­der­bar erken­nen, dass man mit zwan­zig durch­aus klin­gen kann wie ein Opa und mit sieb­zig wie ein Jung­spund.)

Weh­mut ist ja inter­es­san­ter­wei­se nicht dar­an gebun­den, dass etwas gut war. Sie kommt, wenn etwas vor­bei ist.

Das Buch ist natür­lich eine Zumu­tung, in allem, in den tau­sen­der­lei Ab- und Umwe­gen, die er geht, in der Frech­heit und Rüd­heit (legen­där, wenn er über sei­ne Frau spricht, man ahnt, wie gran­di­os er ihr auf die Ner­ven gehen muss, und wie wahn­sin­nig gut er sie dane­ben aber eben auch unter­hält, unterm Strich kei­ne all­zu üble Rech­nung), in den hun­dert­tau­send Fuß­no­ten, in der Scham­lo­sig­keit, in der Ver­wei­ge­rung jeg­li­cher Sen­ti­men­ta­li­tät. Ein Wust an Erin­ne­run­gen, an die frü­he Kind­heit und Jugend in Prag, den spä­te­ren Umzug nach Ost­ber­lin, die Dis­si­den­ten-Krei­se im Prenz­lau­er Berg, ein Nach­den­ken über Spra­che und über Bücher und über Gewin­de aller Art, ein Auf­neh­men von aktu­el­len Fra­gen (die Gen­der­the­ma­tik löst er aggres­siv-pro­gres­siv, indem er wahl­los sei­ne wie auch immer gear­te­ten Anhäng­sel in der Gegend ver­teilt, lie­be Stu­den­tis­sin­nen und Stu­ten­ta­te, Lese­ran­din und Dok­to­rand, Omni­bus­tan­ten und Bar­kas­pa­ten, lie­be See­gur­ken und Unter­gür­tel­spä­her usw.), und wie neben­bei erzählt er viel Zeit­ge­schich­te und spricht von einem Ort und einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Und wie­wohl er kein biss­chen ver­klärt dabei (er hat bei Gott kei­nen Grund dazu), ver­steht man plötz­lich die Weh­mut, die immer auch mit­schwingt. Weh­mut ist ja inter­es­san­ter­wei­se nicht dar­an gebun­den, dass etwas gut war. Sie kommt, wenn etwas vor­bei ist. Dies­be­züg­lich gehört Trot­tel für mich wie auch Sei­lers Stern 111 zu den Büchern, die uns die­se Zeit und die­sen Ort erzäh­len, wie etwas sehr Archai­sches und Gewal­ti­ges, das einen für immer prägt – etwas sehr Frem­des auch, sie kom­men aus einem sehr frem­den Land, das es nicht mehr gibt, und sie berich­ten uns davon, auch mit Weh­mut.

Abge­se­hen von all dem erzählt Fak­tor vom Frei­tod sei­nes Soh­nes. Und das tut er ruhig, prä­zi­se, klar, ohne Spie­le­rei. Er ist dort plötz­lich ein ganz ande­rer Erzäh­ler, als wür­de er sich aus­to­ben müs­sen in den aller­ko­mischs­ten Vol­ten, um die­se Ruhe dann aus­zu­hal­ten, und um das erzäh­len zu kön­nen, was nicht erzähl­bar ist. Man ist fast ver­blüfft, wie viel man schluss­end­lich erfah­ren hat, wo man über­all war, was alles ver­han­delt wur­de, aber alles wie neben­bei; ver­blüfft auch, wie sich das Sys­tem die­ses Buches erst nach und nach erschließt. Bei all dem Gequat­sche hat er einen mäch­ti­gen Bogen geschla­gen, er trug die lie­ben Kin­der mit leich­ter Hand durch unweg­sa­mes Gelän­de und setzt sie her­nach sanft nie­der, deut­lich zer­zaust und voll­kom­men durch­ge­nu­delt ob des Gebo­te­nen. Ziem­lich gut.

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Bernd Ste­ge­mann:
Die Moral­fal­le

Ich hat­te ja anfangs das Gefühl, man kön­ne das ein­fach aus­sit­zen und es wür­de sich die all­ge­mei­ne Hys­te­rie schon wie­der legen, nie­mand, dach­te ich mir, wür­de in einer libe­ra­len Gesell­schaft wie der unse­ren leben wol­len, in der es immer mehr Ver­bo­te und Gebo­te und Regu­lie­run­gen gibt, sei­en sie ver­bal oder ander­wei­tig. Das war ein Irr­tum, mit­nich­ten hat es sich gelegt, es nimmt viel­mehr For­men an, die mich wirk­lich ban­ge machen – und ein Ende